Das politische Engagement der Jugend
... uns geht's doch blendend!
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… uns geht’s doch blendend!
Das politische Engagement der Jugend
Vergangen – genau 30 Jahre – sind die Zeiten, in denen «die Jugend»¹ für mehr als eine «Jumbo»-Karte auf die Straße ging, sich für Streitkultur, Partizipation, Veränderung, sozialen Fortschritt, Überdenken von Machtstrukturen – kurz, für die Politisierung des Alltags engagierte.
Vergangen sind auch die Zeiten, in denen wenige Großorganisationen und Verbände «der Jugend» eine soziale Heimat gaben. Kleine, übersichtliche Vereine mit den unterschiedlichsten Zielsetzungen entstanden in der Folge der Umwälzungen Anfang der 70er Jahre auch in Luxemburg.
Doch wo bleibt der Elan der «Jugend» von damals? Etwa kanalisiert in der parteipolitisch institutionalisierten Form der «Grünen»? Oder ist die Gesellschaft im allgemeinen und die Väter der 68ger im besonderen dem Trugschluß verfallen, daß der Elan des Phänomens «68» sich über ihre Generation hinaus tragen ließe?
Wo bleibt «die Jugend» heute?
Weshalb geht «sie» nicht mehr mit?
Etwa so stellt sich die Frage für Vereine, Gewerkschaften und politische Parteien, wenn es um den Nachwuchs in ihren Reihen geht, wobei es weniger um die eigentliche Mitgliedschaft als viel eher um die Übernahme von Verantwortung geht. Nur wenige Nachwuchskräfte sind bereit, sich der Ochsentour vom einfachen Mitglied bis zum Vorstandsmitglied zu unterziehen.
Auf der einen Seite der Vorwurf der «Jugend», daß die «Alten» kein Verständnis aufbringen, nicht interessiert sind an den Problemen der «Jugend» – auf der anderen Seite die Klage der «Alten», daß «die Jugend» desinteressiert sei an der Arbeit und Teilnahme in den verschiedenen Organisationen. Es hat sich scheinbar eine Patt-Situation ergeben, die wir im Folgenden etwas überprüfen möchten.
Anstatt der Frage nachzugehen «Wieso interessiert sich die Jugend nicht mehr für uns?» schlägt die Shell Studie (1997) einen Perspektivenwechsel vor. Die Frage wird nicht mehr aus der Sicht des Establishments gestellt, sondern aus der Perspektive der «Jugend» selbst. Denn was bedeutet Engagement, politisches Interesse, Politik an sich eigentlich aus der Sicht der Jugendlichen?
Jugend in Luxemburg
Neben nostalgischen Erinnerungen an die frühen Jahre bedeutet «Jugend» ein doppeltes: Es ist ein Lebensabschnitt, in dessen Verlauf biologische und psychosoziale Veränderungen (Pubertät, Identitätsfindung, Reifung) von großer Tragweite für den Einzelnen stattfinden. Dann ist es auch eine von gesellschaftli-
chen Zwängen und Erwartungen bestimmte Lebensphase. Die Gesellschaft erklärt diesen Lebensabschnitt als Zeit der Ausbildung. Die Grundlagen für das spätere Erwerbsleben, für sozialen Status und Partizipation an der Gesellschaft über den demokratischen Prozeß sollen gelegt werden.
Den ersten Punkt werde ich nicht weiter erläutern, da ich davon ausgehe, daß diese Veränderungen in Luxemburg nicht anders verlaufen als in anderen
Mein Lebenstraum ist: eine Familie gründen, eine gutbezahlte Arbeit, einen schnellen Sportflitzer, Profigolfer werden.
Ländern, also ähnlich verlaufende
Abnabelungsprozesse mit Höhen und
Tiefen von statten gehen.
Anders beim zweiten Punkt. Betrachtet
man etwas eingehender die Ausbildungs-
zeit, also vor allem die Schulzeit in
Luxemburg, kommt man nicht an der
ernüchternden Tatsache vorbei, daß
Luxemburg in Europa einen Spitzen-
platz in Sachen «échec scolaire» ein-
nimmt², auch wenn präzise Zahlen feh-
len, um das exakte Ausmaß zu bestim-
men.
Schon bei der Schaffung der Vorausset-
zungen für eine möglichst erfolgreiche
Integration junger Menschen in den
Arbeitsmarkt versagt die luxemburgische
Gesellschaft kläglich. Anspruch und
Wirklichkeit klaffen weit auseinander.
Das nach außen vermittelte Bild eines
wohlhabenden Landes mit einem ent-
sprechenden sozialen Status seiner
Bewohner scheint der inneren Situation
de facto nicht zu entsprechen.
Stellt man die alarmierenden Zahlen im
Bereich der schulischen Ausbildung
denen des Arbeitsmarktes gegenüber,
bei denen Luxemburg einen (diesmal
positiven) Spitzenplatz einnimmt,
möchte man meinen, daß sich die erheb-
lichen Mängel des Schulsystems nicht
negativ auf das spätere Erwerbsleben
auswirken. Dennoch wage ich die
Annahme, daß sich diese Situation in
Mein Lebenstraum ist, eine Woche
Bill Gates zu sein, und dann in
den Ruhestand zu gehen.
D’Schoul ze packen.
erster Linie aus der derzeit noch günsti-
gen ökonomischen Situation erklärt, die
durch eine relative Verschiedenheit der
Wirtschaftspolitik zu den Nachbarlän-
dern herrührt. Die europäische Integra-
tion und die Globalisierung mit ihren
legislativen Anpassungen werden kom-
men. Spätestens dann wird «die
Jugend» die Auswirkungen der mangel-
haften Ausbildungsstrukturen in voller
Wucht zu spüren bekommen.
Ähnlich ratlos steht man auch vor der
Zurückhaltung der «Jugendlichen»
gegenüber gesellschaftlichem Engage-
ment bzw. Partizipation am demokrati-
schen Prozeß. Der aufsehenerregende
Vorstoß, das Wahlalter auf 16 Jahre
herunterzusetzen, soll dieser Misere
nun ein Ende setzen, auch wenn er am
eigentlichen Problem – einem gesamt-
gesellschaftlichen – vorbeigeht. Es
scheint, daß hier ein Problem der
gesamten Gesellschaft von der
«Jugend» ausgebadet werden soll.
Interessant ist es nun, diese Problematik
etwas näher zu betrachten.
Partizipation
Ehe ich die politische Partizipation der
«Jugendlichen» bespreche, möchte ich
andere Beteiligungsformen der
«Jugend» an der Gesellschaft eingehen-
der beleuchten.
Eine aktuelle Indikation gibt die im
Frühjahr 1997 durchgeführte Studie
«Baleine»³.
Bei der Frage, in welchen Vereinen/
Organisationen die Befragten Mitglied
sind, spielte in der Altersgruppe der 18-
24jährigen der Sportverein eine heraus-
ragende Rolle. Über 53% der Befrag-
ten⁴ gaben an, in einem solchen Verein
Mitglied zu sein. Festgestellt wurde
zudem, daß die Mitgliedschaft mit dem
Alter abnimmt. Jugendclubs nehmen
zahlenmäßig den zweiten Platz ein mit
fast 35% der Befragten dieser Alters-
gruppe.
Diese Zahlen sind nicht überraschend,
da die Teilnahme der Jugendlichen von
ihnen überwiegend davon abhängig
gemacht wird, ob Aspekte wie Spaß,
Zerstreuung, Unterhaltung, ohne län-
gerfristige Verpflichtung, gemeinsam
mit Freunden zur Geltung kommen.
Andere Zahlen werden auch nicht son-
derlich erstaunen. So bezeichnen sich nur
etwa 14% der Befragten 18-24jährigen
als Mitglieder einer gewerkschaftlichen
Organisation (gegenüber 21,6% aller
Befragten). Eine deutliche Sprache spre-
chen auch die Angaben dieser Alters-
gruppe über die Mitgliedschaft in einer
politischen Organisation. Nur 1,6%
(gegenüber 6,1% aller Befragten)
bezeichnen sich als Mitglieder einer sol-
chen Organisation, wobei dieser Prozent-
satz mit zunehmendem Alter ansteigt.
Die Frage nach der politischen Zugehö-
rigkeit konnte die Altersgruppe der 18-
Datt méng Kanner e Liewen ouni
Problemer kréien.
24jährigen am wenigsten klar beantworten (24,6% wußten nicht, wo sie sich politisch ansiedeln sollten).
Diese Zahlen geben zu denken, sie geben jedoch keinen direkten Hinweis auf ein mangelndes politisches Engagement der Jugendlichen. Es sind noch andere Faktoren zu berücksichtigen. So interessieren sich Jugendliche eher für Dinge, die einen direkten und unmittelbaren Einfluß auf ihr tägliches Leben haben. Politik ist jedoch ein Geschäft, das langen Atem erfordert, wo strategisches Vorgehen und Interessenabwägung verlangt sind.
Jugendliche sind eher gewillt sich in einer Struktur der kurzen Wege, der konkreten Ziele und Resultate und der kurzfristigen Wirkung einzusetzen. Dies haben nicht nur politische Organisationen erkannt, und so arbeiten seit geraumer Zeit auch andere Jugendorganisationen nach dem «Projekt»-Modell.
Kleine, überschaubare Organisationsstrukturen arbeiten an der kurz- bis mittelfristigen Lösung einer Aufgabe. Im Verlauf der Arbeit kann jeder sich nach seinen Kräften einsetzen und behält einen globalen Blick über die Entwicklung⁵.
Insgesamt kann man feststellen, daß zwar der Grad der Organisation der Jugendlichen in den letzten 30 Jahren – nach einem Boom in den 50er und 60er Jahren – abgenommen hat, daß man daraus aber nicht schließen kann, daß diese Altersgruppe heute weniger sozial- oder gesamtgesellschaftlich engagiert ist.
Fazit (?)
Die Diskussion um die Partizipationsmüdigkeit der nachwachsenden Generation führt letztlich zur Reflektion über politische Partizipation überhaupt.
Sicher leben wir in einer parlamentarischen Demokratie. Sicher haben wir die Möglichkeit – hierzulande gar die Pflicht -, uns in regelmäßigen Abständen an demokratischen Wahlen zu beteiligen. Aber bedeutet dies, daß wir an Demokratie «partizipieren»?
In Anlehnung an das Buch «Prophetische Kraft der Jugend»⁶ wage ich zu behaupten, daß das an der Jugend festgemachte Problem nicht ein Problem der Jugend ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches, das durch das Verhalten «der Jugend» besonders deutlich wird: Was brauchen wir Politiker? Uns gehts doch blendend!
So, wie Kirche sich immer schwerer tut, deutlich zu machen, daß es ihr eigentlich um den Menschen und seine positive Wertigkeit als Geschöpf Gottes geht, so hat es auch die Politik versäumt, den Menschen als Subjekt, als verantwortlichen Macher von Demokratie darzustellen.
Wenn man zu jenen gehört, die sich über mangelndes Interesse an Engagement und Partizipation beklagen, sollte man m. E. folgende Anhaltspunkte berücksichtigen:
-
die Arbeit am Inhalt: wie mache ich deutlich, daß Engagement und Partizipation zu den Grundpfeilern eines demokratischen Gesellschaftssystems gehören, daß politische Parteien nur eine Form der politischen Partizipation sind,…
-
die Arbeit am potentiell Interessierten: was investiere ich (nicht nur materiell) in Bildung, wie stelle ich mich als Vorbild dar, …
-
die Arbeit an Strukturen: in wie weit fördere ich Streitkultur und Auseinandersetzung auch mit Menschen, die nicht über das gleiche Bildungsniveau verfügen wie ich?
Gérard Kieffer
SeSoPI-Centre Intercommunautaire
Mëng Liewensdreem sinn, bei Greenpeace Aktivistin gin, an och eppes arechen kennen; en Oskar fir déi bescht weiblech Haaptroll an engem Film ze kréien, an de Weltraum fléien, eng Weltrees ze machen.
¹ Der Begriff «Jugend» wird im folgenden Artikel jeweils in Anführungszeichen erscheinen um darauf hinzuweisen, daß «die Jugend» an sich nicht existiert, sondern aus vielen einzelnen Jugendlichen besteht, die in ihrer individuellen Meinung von der der «Jugend» abweichen.
² 53% der Schüler, in der Mehrzahl ausländische Schüler, verlassen das «lycée» ohne Abschluß. (Diese Zahl bezieht sich ausschließlich auf das luxemburgische Schulwesen, also ohne Berücksichtigung der Zahlen aus der Europaschule, der französischen, japanischen, englischen, É Schule). Im siebten Schuljahr (technisches Gymnasium) haben bereits 45% der Schüler 1 Jahr Rückstand auf eine normale Schülerkarriere!
Eine weiterführende detaillierte Analyse liegt in dem 64 Seiten starken «Rapport du Luxembourg sur les migrations des ressortissants d’Etats tiers au Grand-Duché de Luxembourg – année de référence 1996» vor, den das SeSoPI-Centre Intercommunautaire im Januar 1997 vorgelegt hat.
³ CRP-CU/Cellule Stade und ASTI, CLAE, SeSoPI-Centre Intercommunautaire: Sondage Baleine.
Der vollständige Bericht erscheint im Juni 1998 in der Reihe RED des SeSoPI-Centre Intercommunautaire. Vgl. auch forum Nr.177, Juli 1987, S.15-45.
⁴ 18-24jährigen
⁵ In der Shell Studie wird betont, daß Engagement Spaß machen muß, daß Zerstreuung und Unterhaltung in einem hierarchieramen Rahmen von großer Wichtigkeit sind. in: Jugendwerk der Deutschen Shell: Jugend ’97, Opladen 1997, S. 20f
⁶ FUCHS Ottmar: Prophetische Kraft der Jugend?, Freiburg/Breisgau 1986
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