Demokratie bedeutet, gehört zu werden – doch viele junge Menschen fühlen sich überhört
In vielen Ländern des Westens gerät die Demokratie zunehmend unter Druck. Immer mehr junge Menschen verlieren das Vertrauen, dass demokratische Prozesse ihre Interessen vertreten. In Luxemburg glauben laut der Polindex-Studie nur noch etwa 35 % der 18- bis 24-Jährigen, dass die Demokratie die beste Regierungsform sei. Zum Vergleich lag dieser Wert vor einigen Jahren noch deutlich höher.1 Dieses schwindende Vertrauen spiegelt sich auch zunehmend im Wahlverhalten wider: Bei der Bundestagswahl 2025 in Deutschland etwa wählten 21 % der 18- bis 24-Jährigen die AfD – 14 Prozentpunkte mehr als noch 2021.2 Gleichzeitig entschieden sich 25 % der jungen WählerInnen für die Linke, ein Plus von 17 % gegenüber 2021. Ähnliche sogenannte Suchbewegungen zeigen sich auch in anderen Kernländern der EU.
Was auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt – die gleichzeitige Wahl von progressiven und radikalen Parteien –, verweist auf ein tiefer liegendes Problem: das wachsende Gefühl, von der politischen Mitte nicht mehr gehört und nicht mehr ernst genommen zu werden. In einem Klima, das von Abstiegsängsten sowie wachsender sozialer Ungleichheit und Spaltung geprägt ist, erscheinen radikalere Alternativangebote vielen jungen Menschen als attraktive Möglichkeiten, um politisch wirksam zu werden. Das Bild einer engagierten, progressiven Jugend – aktiv im Klima-, Gender- oder Antirassismus-Bereich – steht scheinbar im Widerspruch zu einer wachsenden Offenheit gegenüber populistischen Parteien und extremen Positionen am Rande des Wahlspektrums. Beide haben aber etwas gemeinsam: das Streben nach Sichtbarkeit, Einfluss und Anerkennung. Kurz: Sie wollen ernst genommen werden. Wird dieses Bedürfnis übersehen, kann es sich in ganz unterschiedliche politische Richtungen entladen. Das Gefühl, übergangen zu werden, zieht sich dabei wie ein roter Faden durch viele Biografien – ganz gleich, welche Ideale oder Überzeugungen junge Menschen vertreten.
Wenn Unsichtbarkeit in Ohnmacht kippt
Wer in einem Land aufwächst, in dem erschwinglicher Wohnraum Mangelware ist, Bildungswege stark von der sozialen Herkunft abhängen und Kinderarmut seit Jahren steigt, spürt früh: Er spielt keine Rolle bei den Entscheidungen, die getroffen werden. Politik erscheint fern, unverständlich – gemacht von Menschen, die ganz andere Lebensrealitäten haben. Dieses Gefühl von Unsichtbarkeit und fehlender Wirksamkeit ist gefährlich. Wer sich dauerhaft nicht gesehen oder gehört fühlt, zieht sich häufig zurück – oder sucht nach Wegen, doch noch Gehör zu finden. Manche Jugendliche werden apolitisch, andere suchen Halt in Gruppen – oft online, die Orientierung geben und ihnen das Gefühl von Bedeutung und Einfluss vermitteln.
Radikalisierung geschieht selten von heute auf morgen – sie beginnt meist leise, getragen von Wut, Frust oder dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Oft genügt schon das subjektive Erleben von Ungerechtigkeit oder Ohnmacht, um das Vertrauen in gesellschaftliche Prozesse zu erschüttern. Gerade in persönlichen Krisen oder Phasen andauernder Belastung entsteht ein starkes Bedürfnis nach Sinn, Zugehörigkeit und Anerkennung. In solchen Momenten suchen viele junge Menschen Orientierung – und sind besonders empfänglich für Narrative, die Schuldige benennen und scheinbar einfache Lösungen versprechen.
Diese Dynamik wird durch gesellschaftliche Entwicklungen zusätzlich verstärkt. Luxemburg erlebt derzeit rapide Veränderungen – und das bleibt für viele Jugendliche nicht folgenlos. Die Bevölkerung ist in den vergangenen zehn Jahren um über 25 % gewachsen – das entspricht dem 15-Fachen des Durchschnitts in der Europäischen Union. Dieser rasante Wandel hat das gesellschaftliche Gefüge spürbar verändert. Doch gerade viele junge Menschen finden in diesem neuen Luxemburg nur schwer ihren Platz. Sie erleben einen Alltag, in dem steigende Lebenshaltungskosten, zunehmende soziale Spaltung und wachsende Unsicherheiten ihre Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben einschränken. Gleichzeitig beobachten sie, wie das Land wirtschaftlich boomt.
Besonders sichtbar wird dies am Wohnungsmarkt: Mit einem Einstiegsgehalt oder Mindestlohn ist es für alleinstehende junge Erwachsene nahezu unmöglich, eine Wohnung eigenständig zu finanzieren. Wer als Handwerker oder Berufseinsteiger spürt, dass der eigene Lohn nicht reicht, um ein selbstständiges Leben aufzubauen, fühlt sich schnell abgehängt. Wer mit einem Einstiegsgehalt keine Wohnung findet und zugleich erlebt, dass seine Sorgen politisch ungehört bleiben, verliert nicht nur finanziellen Halt, sondern auch gesellschaftlichen Anschluss. Die Botschaft scheint deutlich: Du bist dabei, aber du zählst nicht. Es geht dabei nicht immer um Hass, sondern häufig um das Bedürfnis, diffuse Ängste greifbar zu machen. Genau deshalb gilt es, diese Sorgen ernst zu nehmen – ohne vorschnelle Bestätigung.

Demokratie braucht Räume, in denen solche Sorgen offen angesprochen werden dürfen – ohne sofortige Stigmatisierung. Tabus spielen Extremisten in die Hände, die mit simplen Feindbildern auf solche Emotionen antworten. Offenheit dagegen schafft Vertrauen. Es ist ein reales Problem ‒ nicht nur ein gefühltes ‒, wenn der Einsteigerlohn nach der Ausbildung nicht zum Leben reicht. Genau solche strukturellen Erfahrungen von Ohnmacht und Unsicherheit schaffen ein Klima, in dem Polarisierung und Radikalisierung leichter Fuß fassen können. Umso wichtiger ist es, hier frühzeitig anzusetzen – und Jugendlichen reale Perspektiven und Anerkennung zu bieten.
Die digitale Falle – wie Algorithmen Polarisierung verstärken
Gerade im digitalen Raum treffen die bestehenden Unsicherheiten vieler Jugendlicher auf eine Mechanik, die Polarisierung gezielt verstärkt. Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube schaffen algorithmisch gesteuerte Realitäten: Wer einmal ein kontroverses Video ansieht oder likt, bekommt rasch weitere – oft radikalere – Inhalte vorgeschlagen. Noch besorgniserregender ist, dass es laut einer Studie der NGO Reset im Schnitt nur rund 30 Minuten braucht, bis zum Beispiel TikTok-Algorithmen einem neuen Nutzer radikalen oder verschwörungsideologischen Content anzeigen. Und das, ohne dass aktiv danach gesucht wurde.3 Gerade diese sogenannten Rabbit Holes ziehen Nutzer*innen unmerklich immer tiefer in einseitige Denkwelten. Denn durch die Logik der Plattformen werden Inhalte, die polarisieren, vereinfachen und emotional aufgeladen sind, bevorzugt angezeigt – sie erzeugen Klicks, Aufmerksamkeit, Interaktion – und damit direkte Gewinne für die Plattformbetreiber. Für Jugendliche, die nach Orientierung suchen, wirken solche Inhalte wie ein Sog: Die Welt scheint plötzlich klar strukturiert, es gibt Schuldige und es gibt eine klare Einordnung der Realität.
Radikalisierungsprävention ist Demokratieförderung
Wer junge Menschen ernst nimmt, stärkt nicht nur ihre Resilienz gegenüber extremistischen Einflüssen, sondern auch ihr Vertrauen in die Demokratie. Wie die drei vorherigen Artikel dieser Serie gezeigt haben, wirken sich Kinderarmut und soziale Benachteiligung in all ihren Dimensionen tief auf die Entwicklung und das Zugehörigkeitsgefühl junger Menschen aus. Diese strukturellen Herausforderungen zu bekämpfen, bleibt eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe. Gleichzeitig braucht es politische Maßnahmen, die jungen Menschen ermöglichen, sich als gestaltender Teil dieser Gesellschaft zu erleben – mit Einfluss, Sichtbarkeit und realen Zukunftsperspektiven.
Diese Verantwortung darf nicht bei Eltern und Schulen enden – sie ist eine politische Pflicht. Es braucht gut ausgestattete Bildungseinrichtungen, die individuelle Förderung ermöglichen und soziale Benachteiligung ausgleichen. Lehrpläne müssen gesellschaftlich relevante Themen stärker einbeziehen – etwa soziale Gerechtigkeit, psychische Gesundheit, Medien- und Demokratiebildung usw. Auch bezahlbarer Wohnraum und der Zugang zu stabilen Ausbildungs- und Arbeitsplätzen sind zentrale Voraussetzungen, damit junge Menschen ein selbstständiges Leben aufbauen können.
Darüber hinaus braucht es:
- Räume für offene Auseinandersetzung: Jugendliche brauchen Orte, an denen auch Zweifel und Kritik Platz haben – ohne sofort abgestempelt zu werden. Diskussionen auf Augenhöhe und das ernsthafte Zuhören schaffen Vertrauen. Wer sich mitteilen darf, ohne Angst vor moralischer Abwertung, fühlt sich eher zugehörig – und weniger anfällig für extremistische Angebote.
- Digitale Bildung, die über Technik hinausgeht: Medienkompetenz muss jungen Menschen helfen, Manipulation, gezielte Desinformation und gefährliche Dynamiken in sozialen Netzwerken zu erkennen. Dabei geht es nicht nur um technische Fähigkeiten, sondern auch um emotionale Selbstwahrnehmung: Was macht dieses Video mit mir? Warum reizt es mich? Wem nützt es, wenn ich es teile? Was sind die Konsequenzen, wenn ich es teile? Gleichzeitig sollten Jugendliche verstehen, wie demokratische Prozesse funktionieren – und wie Machtverhältnisse online wie offline beeinflusst werden.
- Eine klare Regulierung digitaler Plattformen: Soziale Netzwerke dürfen kein rechtsfreier Raum bleiben. Inhalte, die Hass und Polarisierung fördern, dürfen nicht länger algorithmisch verstärkt werden. Plattformbetreiber müssen in die Verantwortung genommen werden, um gegen gefährliche Verstärkungsmechanismen und extremistische Inhalte konsequent vorzugehen. Zugleich braucht es wirksame Altersverifikationssysteme und schärfere Regeln für Zugang, Inhalte und Algorithmen – zum Schutz besonders junger Nutzerinnen und Nutzer.
- Damit Demokratie für junge Menschen relevant bleibt, muss sie nicht nur erklärt, sondern erlebt werden – im Alltag, in der Schule, im digitalen Raum. Nicht jeder junge Mensch, der sich zurückzieht, wird extremistisch. Aber jeder junge Mensch verdient es, ernst genommen zu werden – lange bevor andere diesen Vertrauensverlust für ihre Zwecke instrumentalisieren.
Radikalisierung lässt sich nicht durch Repression aufhalten. Entscheidend ist, dass junge Menschen Räume vorfinden, in denen sie gesehen, gehört und einbezogen werden – offline wie online. Nur wenn Demokratie auch für sie spürbar etwas verändert, bleibt sie lebendig.
Carole Reckinger war bis Mitte 2024 bei Caritas Luxembourg für die politische Lobbyarbeit im Bereich Armutsbekämpfung verantwortlich. Sie hat neben ihren Studien im Bereich Conflict Studies und Development Studies einen MSc in Internationaler Politik sowie einen LLM in Internationalem Recht erworben. Sie ist unter anderem Mitglied der Menschenrechtskommission (CCDH).
1 https://www.reporter.lu/luxemburg-polindex-studie-vertrauen-in-die-politik-nimmt-weiter-ab/ (alle Internetseiten, auf die in diesem Beitrag verwiesen wird, wurden zuletzt am 2. Juli 2025 aufgerufen)
2 https://www.tagesschau.de/wahl/archiv/2025-02-23-BT-DE/umfrage-alter.shtml
3 https://reset.tech/reports/tiktoks-invisible-censorship/
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