Demokratiebildung in Krisenzeiten
Man wird nicht als Demokratin oder Demokrat geboren. Demokratiebildung ist ein permanenter Prozess. Die Stiftung Zentrum fir politesch Bildung (ZpB), gegründet 2016, unterstützt diesen Prozess.
„Demokraten fallen nicht vom Himmel.“ Die Feststellung des deutschen Politikwissenschaftlers Theodor Eschenburg ist so einleuchtend wie herausfordernd für Gesellschaft, Politik und Bildungsakteure: Wie werden Menschen zu Demokratinnen und Demokraten und vor allem: Wie bleiben sie es? Dies scheint heute die Herausforderung in der Demokratiebildung als Teil der politischen Bildung zu sein. Als elementarer Teil der politischen Bildung (siehe Kasten) hat Demokratiebildung weniger zum Ziel, das Funktionieren der Institutionen eines demokratischen Gemeinwesens zu erklären, sondern in Zeiten multipler Krisen als zentrale Aufgabe, die Demokratie als Lebens-, Gesellschafts- und Herrschaftsform zu stärken. Demokratiebildung will die Demokratie als Regierungsweise und Gesellschaftsmodell unterstützen sowie ein demokratisches Zusammenleben im Alltag fördern.
Dass Schule und Unterricht in der demokratischen Bildung von Kindern und Jugendlichen eine besondere Verantwortung tragen, wird niemand bestreiten. Doch was heißt das in der konkreten Umsetzung?
Schule als demokratischer Lernort
Demokratiebildung ist keine Verantwortung, die man an einzelne Fachlehrende abgeben kann. Ausgebildete Lehrende für Politik gibt es in Luxemburg gerade einmal ein gutes Dutzend. Demokratiebildung lässt sich auch nicht auf ein Fach begrenzen (etwa Education à la citoyenneté), das in den Sekundarschulen nur wenige Stunden zur Verfügung hat oder sich darüber hinaus mehr in berufsbildenden Schulen findet. Es ist Aufgabe des gesamten Schulpersonals, wobei es nicht so sehr um die Vermittlung von Sachwissen gehen dürfte, sondern um Werte, Handlungsweisen, Normen und Konzepte, die Unterricht und Schulleben prägen und gleichzeitig der Gesellschaft zugrunde liegen. Sie sind der eigentliche, entscheidende Lehrplan in der Bildungslaufbahn von Kindern und Jugendlichen.
Im pädagogischen Schonraum der Schule können Kinder und Jugendliche einen demokratischen Habitus entwickeln und jene demokratischen Handlungsfähigkeiten im Kleinen erproben, die sie in den gesellschaftlichen Handlungsfeldern benötigen. Hierzu gehören beispielsweise die Anerkennung demokratischer Prinzipien, die Bereitschaft zu Teilhabe und Verantwortungsübernahme, politisch-gesellschaftliche Sachkenntnis, Urteils- und Konfliktfähigkeit, Dialogbereitschaft und die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme. In den schulischen Gremien und Partizipationsstrukturen können Kinder und Jugendliche Einsichten in grundlegende demokratische Entscheidungsprozesse und die Bedeutung von Kategorien wie Pluralismus, Repräsentation oder Rechtstaatlichkeit gewinnen, die in der „großen Politik“ oft abstrakt und lebensfern bleiben. Dabei geht es nicht darum, den Anschein zu erwecken, durch demokratische Beteiligung würden alle Konflikte dauerhaft und harmonisch gelöst. Vielmehr muss Schülerpartizipation auch konfrontativ ausgetragen, müssen reflexive Einsichten in die Komplexität moderner repräsentativer Demokratien ermöglicht werden. Entscheidend dabei ist, dass die Schule als einzige Institution die Chance besitzt, alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von familiären und soziokulturellen Kontexten zu erreichen.1
Die Schulen und andere non-formale Bildungsorte sind Repräsentationsräume für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse und Kontroversen. Hier finden Perspektivwechsel statt und wird eine heterogene Gesellschaft im Alltag gelebt. Schulen öffnen sich also idealerweise auch für den Außenraum und zeigen den Weg zu realer Partizipation in Gemeinde und Zivilgesellschaft. In der politischen Bildung ist das beileibe keine Frage des Alters. Auch Kleinkinder haben ein gutes Gefühl für Fragen rund um Fairness, Gleichwertigkeit und Solidarität. Im Sinne der Demokratiebildung werden Kinder und Jugendliche von Anfang an (in diesem Sinne vom 1. Lebensjahr an) als Bürgerinnen und Bürger wahrgenommen. Deshalb sollten sie auch von Anfang an lernen, kritisch zu reflektieren, sich eine Meinung zu bilden, diese aber auch zu artikulieren.
Zur Demokratiebildung gehört auch konkrete Mitbestimmung (Partizipation). Ziel sollte dabei immer sein, dass Kinder und Jugendliche befähigt werden, ihre Interessen zu erkennen und zu artikulieren. Natürlich spielt die Vermittlung von Wissen über das demokratische Gemeinwesen in diesen Prozessen eine Rolle, nicht weniger wichtig ist aber auch, dass Lernende in der politischen Bildung eine gesamtgesellschaftliche Perspektive einnehmen können. Es geht darum, die Fragen zu stellen: Wie komme ich zu dem, was ich will? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die anderen?
Politische Bildung ist nicht neutral …
Ist der pädagogische „Schonraum“, die Schule als Lernort der Demokratie, ein „neutraler“ Ort? Ist es ein Raum, in dem alles gesagt werden darf? Oder ein pädagogisches Setting, in dem politische Prozesse stattfinden und simuliert werden, in dem aber nichts „Politisches“ gesagt werden darf? Nehmen wir das Beispiel der freien Meinungsäußerung. Dies ist nicht nur ein Grundrecht, sondern auch ein wichtiger Teil der Demokratiebildung. Es geht nicht darum, Meinungen zu zensieren, sondern kontroverse Einstellungen zu reflektieren und zu diskutieren. Aber ist jede Meinung zulässig? Diese Frage lässt sich leicht mit einem Nein beantworten: Rassismus ist keine Meinung, sondern strafrechtlich relevant. Meinungen, die auf gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit oder Ideologien der Ungleichwertigkeit zurückgehen, sind zwar eine Realität, aber fordern zum (pädagogischen) Handeln auf.

Antidiskriminierung ist ein explizites Ziel der Demokratiebildung. So ist Demokratiepädagogik – wie die politische Bildung auch – nicht neutral, sondern der Demokratie und den Menschenrechten verpflichtet. Menschenfeindliche Äußerungen sind nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt. Allerdings ist es Aufgabe politischer Bildnerinnen oder Demokratiepädagoginnen, den Dialog zu suchen und die Kontroverse auszuhalten: Echte Begegnung und Auseinandersetzung ist einer imaginären „Brandmauer“ vorzuziehen. Das ist ohne Frage anstrengend, häufig frustrierend. Aber zuhören, diskutieren und (demokratische) Haltung zeigen, das muss man einüben und trainieren – wie bei jedem Muskelaufbau, denn sonst schwinden die Kräfte.
… Demokratiebildung ist kein Feuerlöscher
Rechtes Gedankengut, Homophobie, Frauenfeindlichkeit, Autoritarismus, Populismus, Verschwörungsideologien, Politikverdrossenheit, digitale Desinformation, schwindendes Vertrauen in die Presse, Parteien und demokratische Institutionen, Spaltung der Gesellschaft … In Zeiten multipler Krisen werden die Rufe nach politischer Bildung bzw. Demokratiebildung lauter. (Politische) Bildung ist keine Feuerwehr, aber sie ist Teil der Lösung, indem sie präventiv arbeitet. Darum geht es in der Demokratiebildung: Sie will ein grundlegendes Verständnis für demokratische Prinzipien und ein Gespür für demokratische Aushandlungsprozesse fördern. Dabei geht es nicht um eine romantische Verbrämung eines Systems. Jede Demokratie braucht Veränderung und Menschen, die Missstände und Fehlverhalten aufzeigen und auch das kann man und sollte man trainieren.
Resilienz in der politischen Bildung
Gerne bemüht man in aktuellen Diskussionen zu politischen Krisen, gesellschaftlichen Veränderungsprozessen oder Zukunftsangst das Modewort „Resilienz“. Spätestens seit Corona, mit dem wachsenden Einfluss sozialer Medien auf Meinungsbildungsprozesse und noch aktueller mit der Wirkungsmacht populistischer Politikerinnen kommt der politischen Bildung „die Aufgabe zu, Kompetenzen zu vermitteln, mit denen Bürgerinnen die aktuellen Herausforderungen nicht nur bewältigen, sondern auch wieder als gestaltbar wahrnehmen können.“ Demokratiebildung umfasst deshalb über Informationsvermittlung hinaus die Themenbereiche Ambiguitätstoleranz, Konfliktfähigkeit und Utopiefähigkeit.2
Das Zentrum fir politesch Bildung – Demokratie lernen und leben
Als die Stiftung ZpB vom Bildungsministerium 2016 gegründet wurde, lag ihr Hauptaugenmerk auf Bildungsangeboten für Sekundarschulen. Dazu zählen heute verschiedene Publikationsreihen, Ausstellungen und Workshops zu Grundfragen von Politik und Demokratie. Das Angebot wurde kontinuierlich ausgebaut. Eine wichtige Veränderung ist die systematische Erweiterung der Zielgruppen. Es gibt Material und Fortbildungen für die Professionellen, die in Grundschule, Betreuungsstrukturen für Kinder und Jugendliche tätig sind. Angebote gibt es auch für Multiplikator*innen sowie Verantwortliche in Gemeinden und Vereinen.
Außerschulische Aktivitäten bietet das ZpB in Zusammenarbeit u. a. mit Parlament und Justiz an. Die Stiftung befasst sich auch mit Themen der historisch-politischen Bildung, etwa im Erinnerungs- und Bildungszentrum Fünfbrunnen. Der Slogan „Demokratie léieren a liewen“ fasst prägnant den pädagogischen Ansatz des ZpB im Bereich der politischen Bildung zusammen: „Wissen um die Demokratie“ vermitteln (Demokratie lernen) und andererseits Demokratie und ihre Prozesse kontrovers erfahrbar machen, wobei ein Fokus auf der Förderung von Partizipation und demokratischer Kultur liegt (Demokratie leben). Dabei geht man heute davon aus, dass das Erleben demokratischer Wirksamkeit das Vertrauen in die Demokratie stärkt.
Demokratie ist kein Selbstläufer. Um die Demokratie müssen wir uns alle kümmern.
Politische Bildung
Demokratie braucht politische Bildung. Politische Bildung bezeichnet dabei alle bewusst geplanten und organisierten, zielgerichteten Maßnahmen von Bildungseinrichtungen, um Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit den zur Teilnahme am politischen und gesellschaftlichen Leben notwendigen Kenntnissen und Kompetenzen auszustatten. Politische Bildung passiert im formalen (z. B. Schulen) und im non-formalen Bereich (z. B. Jugendhäuser), aber auch in Familien, Vereinen und anderen alltäglichen Situationen.
Michèle Schilt (*1980) ist Co-Direktorin des Zentrum fir politesch Bildung (ZpB). Sie beschäftigt sich vor allem mit der demokratischen Kultur von Strukturen der formalen und non-formalen Bildung, von Vereinen und Kommunen, sowie der Workshopentwicklung.
Marc Schoentgen (*1967) ist Co-Direktor des ZpB. Er befasst sich u. a. mit Aspekten der historisch-politischen Bildung und ist an der Konzeption von Publikationen und Ausstellungen beteiligt.
1 Der Abschnitt zur Schule als demokratischen Lernort geht zurück auf: Matthias Busch, „Auf dem Weg zu einer demokratischen Schulkultur“, in: mateneen – Praxisheft Demokratische Schulkultur, 1 (2018) , S. 5-8. https://doi.org/10.25353/ubtr-made-4296-9ba0 (letzter Aufruf: 10. Juli 2025)
2 Vgl. Felix Nolte, „Resilienz der politischen Bildung: Einblicke in ein Projekt des baps”, in: Journal für politische Bildung. https://www.journal-pb.de/blog/resilienz-der-politischen-bildung-einblicke-in-ein-projekt-des-baps (letzter Aufruf: 10. Juli 2025)
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