29 Kirchenaustritte erfolgten nach dem Papstbesuch am 26. September 2024, teilte die Bistumsverwaltung dem Luxemburger Wort (LW) mit. Das sind sicher keine Massen, aber doch ein Signal. Keine Massen gab es auch entlang der Straßen, um dem Papamobil zuzuwinken.

Eine weltfremde Kirche

Im LW vom 17. Oktober 2024 nennt die ehemalige Grünen-Abgeordnete Jessie Thill ihre Gründe, warum sie aus der Kirche austrat. Die Aussage von Kardinal Hollerich in einem LW-Interview am
24. September gab den Ausschlag: 

LW: Der Papst hat zu den US-Wahlen gemeint, Menschen sollten das kleinere Übel wählen. Was ist böse an Kamala Harris? 

J.-C. Hollerich: Für mich ist es die Abtreibungsfrage. Ich sage nicht, dass Frauen bestraft werden sollen. Ich kann verstehen, wenn jemand die falsche Entscheidung trifft, aber es bleibt die falsche. Die Entscheidung ist immer für das Leben und ich finde es barbarisch, wie wir mit dem ungeborenen Leben umgehen. 

LW: Akzeptieren Sie Ausnahmen im Falle von Vergewaltigung und Inzest? 

J.-C. Hollerich: Nein. Ich bin immer für das Leben. Auch wenn ich verstehe, dass der Staat einer Frau nicht vorschreiben kann, was sie zu tun hat. 

Abgesehen davon, dass es unklar bleibt, wer von beiden US-Präsidentschaftskandidaten für den Bischof das kleinere Übel ist, Donald Trump, der ein faschistisches Regime errichten will, oder Kamala Harris, die für die Wiederherstellung des Rechts auf Abtreibung eintritt, beharrt er auf der unmenschlichen Zumutung, eine vergewaltigte Frau müsse das Embryo austragen. Natürlich wird kein gläubiger Christ Abtreibungen befürworten, aber das heißt nicht, dass er diese verurteilen oder dass die Kirche auch Verhütungsmaßnahmen ablehnen muss. Weil sie aber überzeugt ist, ihre Weisungen seien auf göttlichen Rat zurückzuführen, tut sie sich schwer damit, Fehlentscheidungen der Vergangenheit – wie z. B. das Pillenverbot Pauls VI. – zurückzunehmen, auch wenn Kardinal Hollerich in seinem 2022 bei Herder erschienenen Buch meinte, selbst „heilsnotwendige Regeln“ müssten immer wieder überprüft werden1.

Schon vor den Landeswahlen von 2023 hatte eine nicht unterzeichnete Wahlempfehlung „der“ katholischen Kirche, die nur auf www.cathol.lu zu lesen und von keinem Presseorgan aufgegriffen worden war, die Abtreibungsfrage zur Entscheidungsfrage für katholische Wähler erhoben. Von Klimakrise und Verlust der Biodiversität, die Papst Franziskus immer wieder auch für Christen zu Gewissensfragen erhoben hat, war in dem Wahlaufruf keine Rede. Sind die dadurch geforderten Menschenleben weniger wert als die ungeborenen? 2022 meinte der Kardinal noch: 

Den Kampf um den Schwangerschaftsabbruch haben wir schon lange verloren. Wir sollten in der Politik aufhören, die Kämpfe der Vergangenheit zu führen […].2 

So verliert die Kirche immer häufiger ihren Bezug zur Weltgeschichte.

© Carlo Schmitz

Eine sprachlose Kirche

In einem Revue-Interview (18.9.2024) meinte Kardinal Hollerich:

Viele Menschen glauben, es könne ihnen nichts passieren. Dann aber werden sie trotzdem krank, Ehen gehen in die Brüche, und es sterben geliebte Menschen. Das sind große, menschliche Dramen, bei denen man Hilfe benötigt. Religion hilft uns dabei, mit solchen Herausforderungen umzugehen. Ich habe irgendwo gelesen, dass religiöse Menschen grundsätzlich glücklicher sind als Menschen, die an nichts glauben.

Der Kardinal reduziert hier Religion zum individuellen Glücksbringer, zum Opium für das Volk, wie Karl Marx formulierte. Auch in Sachen Caritas-Betrug sah er die kirchliche Dimension nicht. Für die Kloertext-Sendung vom 26. September 2024 auf RTL-Télé sprach Caroline Mart ihn darauf an.3 Seine Antwort lautete:

Et huet kee vun der Caritas sech bei mir gemellt fir ze soe wat geschitt ass. Weder den Direkter nach de President vun der Fondatioun si bei mech komm fir z’erklären. Ech krut just en Email vun e puer Zeile geschéckt. Dat war alles. […] Wann d’Caritas sech esou kierchlech versteet, firwat ass da kee bei de Bëschof komm fir driwwer ze schwätzen oder ze soe wat geschitt ass?

Abgesehen davon, dass laut Presseberichten die Bistumsvertreterin im CA der Caritas ihm regelmäßig Bericht erstattete, hat der Bischof offensichtlich die jesuanische Geschichte vom Samariter (Lk 1033-37) nicht verstanden. Den ehemaligen Bistumssprecher Theo Péporté hielt es nicht mehr auf dem Stuhl: 

Ech si rosen an ech sinn et nach. D’Caritas ass e Stéck vun der Kierch, ob de Bëschof dat wëllt oder net. A wann eent vu menge Kanner am Dreck läit, da waarden ech net, bis dat opsteet a bei mech gelaf kënnt, mä ech ginn dohin an zéien et aus dem Dreck eraus. […] Ech weess och, dass net an engem Bistumstirang 61 Millioune leien. Mä dorëms geet et awer net. […] Mä: wéi kënne mer hëllefen, dass et weidergeet? […] Ech sinn nach ëmmer opbruecht. Do ass eppes geschitt, wat ech fir falsch halen.4

Doch Bernard Thomas hat wohl recht, wenn er im Land (20.9.2024) die distanzierte Haltung der luxemburgischen Diözesanhierarchie zur Caritas mit der Haltung des Papstes zur Diakonie begründet:

[…] Il y a de fortes chances que le pape partage le point de vue de son cardinal. En mai 2023, François avait appelé Caritas Internationalis à ‚remonter à la source‘ de la charité : ‚Il serait facile de se laisser aller à des logiques mondaines qui conduisent à s’égarer dans un activisme pragmatique‘. Les Caritas devraient retrouver ‚ce qui les distingue des autres agences qui travaillent dans le domaine social‘, à savoir leur ‚vocation ecclésiale‘.

Im zitierten Revue-Interview führt J.-C. Hollerich aus:

Die Caritas war eine äußerst professionelle Organisation, die sehr viel Gutes getan hat. Allerdings war ihr Schaffen nicht direkt mit der Glaubensgemeinschaft verbunden. Das ist zum Beispiel in Bonneweg der Fall, wo man sich um Obdachlose kümmert, wo die Sakristei mit Lebensmitteln gefüllt ist und wo sich viele Mitglieder der Kirchengemeinde mit einbringen. Diese Art der Diakonie müssen wir ausbauen. Andernfalls wäre das Christentum nur eine Theorie.

Das ist ein Rückschritt ins 19. und frühe 20. Jahrhundert. Damals hat nicht nur die Kirche Nächstenliebe paternalistisch interpretiert.5 Unter ihrem ehemaligen Präsidenten Erny Gillen haben die Caritas Luxembourg und Caritas Europaverstanden, dass es nicht genügt, ein Stück Brot oder eine Schale Reis zu verteilen, sondern dass christliche Solidarität mit den Ärmsten verlangt, dass man die Ursachen der Armut mit Namen nennt und sie bekämpft. Der aktuelle Papst setzt sich ja nicht nur zugunsten der sozialen Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung ein, sondern geißelt zugleich den materialistischen Egoismus, der etwa die internationale (und auch luxemburgische) Finanzwelt beherrscht.6 Man kann in der Tat den Verlust der Biodiversität und die Klimakrise nicht beklagen, ohne das kapitalistische Weltwirtschaftssystem in Frage zu stellen. Wohlgemerkt ist das kein Plädoyer gegen den Ausbau des karitativen Engagements auf Pfarrebene. Aber neben der Diakonie gehört die Prophetie zu den Aufgaben der Glaubensgemeinschaft. Und das bedeutet, dass die Kirche soziale Skandale mit Namen nennen muss und die politisch Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht. Folgerichtig stellte Caroline Mart im Gespräch mit dem Kardinal die Frage:

Awéiwäit ass et awer d’Roll vun der Kierch, fir sech als Affekot vun deenen Äermsten a gesellschaftspolitesch Diskussiounen anzebréngen oder gesi Dir Är Roll do net? Wann de Plaidoyer politique vun der Caritas verschwënnt an d’Kierch et net mécht, wee kënnt dann déi Roll iwwerhuelen? 

Umso entlarvender die Antwort des Erzbischofs:

Dat wier schéin, mä mir gi méi kleng a ween ass do, deen dat maache kinnt? Et ass net eng Fro vum Net-Wëllen, mä vum Net-Kënnen. De Bistum kann dat net iwwerhuelen. Dat kënnt e Grupp vu Chrëschte maachen. Et géif mech freeë, wa Chrëschte sech zesummefanne giffen, fir dat ze man.

Man wird den Eindruck nicht los, dass die Kirche in Rom wie in Luxemburg den Rückweg angetreten hat.

Wenn „die Christen“ dazu aufgefordert sind und der Papst seine Stimme erhebt, warum sollen der Erzbischof oder seine Räte sie nicht erheben können? Jessie Thill erzählt im LW, bei der Firmung habe der Bischof eine flammende Predigt über Klima- und Umweltschutz gehalten, die von einem „radikalen Grünen“ hätte stammen können. Warum schiebt er heute diese Verantwortung auf selbstverantwortliche Laien ab? Genau auf ein solches „soziales Sprachrohr“ verzichtet die Kirche mit der Caritas.


Eine sterbende Kirche

Man wird den Eindruck nicht los, dass die Kirche in Rom wie in Luxemburg den Rückweg angetreten hat. Jean-Marie Weber sprach in Kloertext von einer Müdigkeit, die sich in Bistumskreisen breit mache:

keen Désir méi, eppes ze bauen, och keng Visioun

Der Erzbischof bezeichnet in letzter Zeit die Trennung von Kirche und Staat als Chance für die luxemburgische Kirche (Die Reform hat uns gutgetan, meinte er in der Revue), benutzt sie aber genauso regelmäßig als Vorwand für ihr Desengagement. 

Christen können nicht allein leben, sondern müssen in Gemeinschaften eingebunden werden. Leider gibt es außer den Kirchengängern aktuell nicht viele Gemeinschaften.

Das sei eine aus der Reform zu ziehende Folgerung, meinte Kardinal Hollerich im Revue-Interview. Die IV. Diözesansynode hatte die unter Federführung von Pfarrer Jupp Wagner erarbeitete Vorlage über christliche Gemeinschaften, welche die Kirche auf eine Zeit ohne Territorialpfarreien vorbereiten wollte, als einzigen Text verworfen!

In seinem 2022 erschienenen Buch meinte der Kardinal7:

Die Pfarrer sagen: Wenn wir verlangen, dass die Kinder vor der Erstkommunion die Messe besuchen sollen, regen sich die Eltern auf. […] Eine Erstkommunion hat keinen Sinn, wenn das so ist. […] Die Messe am Sonntag ist für viele zu einem leeren Ritual verkommen.

Als Jupp Wagner deswegen die Kindererstkommunionfeier in der Pfarrei Niederanven abschaffen wollte, wurde er von Erzbischof Franck abgesetzt. Will dessen Nachfolger ihn endlich (postum) rehabilitieren?

Im LW-Interview meinte der Kardinal:

Wir müssen eine andere Sprache sprechen. Denn die Sprache, die wir normalerweise verwenden, ist zu weit von ihrer Realität entfernt.

Aber der Papst verschenkte weiterhin Rosenkränze an Menschen, die deren Zweck wohl nicht mehr kennen, geschweige denn sie benutzen.

In der katholischen (!) Universität Louvain-la-Neuve hat die Rektorin nicht gezögert, sich von den Aussagen des Papstes, der Frau komme eine passive Rolle zu (La femme est accueil fécond, soin, dévouement vital.), klar zu distanzieren.8 Das sei nicht ihr Verständnis des christlichen Glaubens. Sie sprach im Einklang mit dem Jesus-Wort: „Wenn Dein Bruder nicht hören will, dann bring die Angelegenheit vor die Gemeinde.“ (Mt. 1817) Für Kardinal Hollerich 

kann man doch nicht verlangen, dass alle Menschen im Glauben uniform sind. Es gibt Platz für Diversität in der Kirche.9

In der Revue versprach er: 

Die Spitze der Diözese darf nicht mit vorgefassten Meinungen kommen, sondern muss den Menschen wirklich zuhören. […] Ich kann nicht wirklich an Gott glauben, wenn ich mich nicht selbst immer wieder bekehre. Das gilt auch für einen Bischof.

Leider werden viele Leser sagen: Ich hör’s, allein mir fehlt der Glaube … 


1 Kardinal Jean-Claude Hollerich, „Was auf dem Spiel steht“. Die Zukunft des Christentums in einer säkularen Welt, Freiburg/Basel/Wien, Herder, 2022, S. 107.

2 Ebd., S. 86.

3 https://play.rtl.lu/shows/lb/kloertext/episodes/r/3387243 

4 Ebd.

5 Vgl. Michel Pauly, „Wat ass eng Kierch ouni Caritas?“ Fräie Micro op Radio 100,7 vum 19.9.2024.

6 Michel Pauly, „Papst Franziskus verurteilt die Finanzwirtschaft“, in: forum 387 (Sept. 2018), S. 14-17.

7 Hollerich, „Was auf dem Spiel steht“, S. 115f.

8 Zum Frauenbild des Papstes lese man das Interview mit Christine Bußhardt in: Télécran 42/2024.

9 Hollerich, „Was auf dem Spiel steht“, S. 80f.

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