Die Explosion im Béinchen
Robert Conrad, ehemaliger Leiter des Service logement der Stadt Luxemburg,über den 30. Mai 1976
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Robert Conrad, ehemaliger Leiter des Service logement der Stadt Luxemburg, über den 30. Mai 1976
Herr Conrad, Sie waren über 30 Jahre Verantwortlicher der städtischen Sozialwohnungen. Wie kam es zu einer solch großen Konzentration an Sozialwohnungen im Pfaffenthal?
Robert Conrad: Die Wohnungssituation im Pfaffenthal war seit jeher die Schlechteste in der ganzen Stadt. Als ich 1975 beim Service logement angefangen habe, lebten die Einwohner der Vororte fast noch so wie im Mittelalter. Die Gemeinde hat die Häuser, die sich in einem sehr schlechten Zustand befanden, aufgekauft und abgerissen. Im Pfaffenthal wie auch im Stadtgrund gab es hiervon einige.
Können Sie uns das alte, unsanierte Pfaffenthal kurz beschreiben?
R. C.: Das Pfaffenthal, das war schon etwas Spezielles! Auf der einen Seite gab es die Gemeindearbeiter, die sich recht schnell hochgearbeitet haben und oft Besitzer ihrer Häuser waren – sie lebten vor allem in der Vauban-Straße während diesseits der Brücke vor allem arme Menschen wohnten. Es gab Einfamilienhäuser, in denen 3, 4, 5 Familien wohnten, und damals hatten die Menschen noch viele Kinder. Diese Häuser waren in einem sehr schlechten Zustand. Die Toiletten befanden sich draußen, oft gab es keinen Flur, sondern nur Durchgangszimmer mit hölzernen Abtrennungen, keine Heizungen. Es gab häufig Brände in den ärmeren Vierteln. Die Wohnsituation war wirklich nicht dem 20. Jahrhundert angepasst. Die Wände waren feucht, da die
Häuser mit den Füßen im Wasser standen. Es gab keine Feuchtigkeitssperren, keine Isolierung, wie wir sie heute kennen. Meist wurde nur ein Zimmer geheizt, die Schlafzimmer in der Regel nicht. Deswegen hat die Gemeinde diese Häuser nach und nach aufgekauft und abgerissen.
Bis endlich die Ursache für das Unglück gefunden worden war, war viel Zeit vergangen und die Menschen mussten lange in der Jugendherberge ausharren.
Wann haben diese Sanierungsmaßnahmen begonnen?
R. C.: Das war kurz nach 1945 mit der Schaffung einer Kommission „de lutte contre les taudis“. Die hat die ungesunden feuchten Wohnungen inspiziert und Berichte verfasst. Damals wurde Armut ja auch anders definiert als heute. Heute ist eigentlich keiner mehr so richtig arm, weil jeder ein Recht auf ein Mindesteinkommen hat. Das war damals nicht der Fall. Wohl gab es das „Armenbüro“, heute Office social, das diese Menschen unterstützt hat, meistens aber nur mit Lebensmittelgutscheinen und Mietzuschüssen. Es gab also Menschen, die praktisch nichts zum Leben hatten. Andererseits haben sich die Menschen stärker gegenseitig geholfen, vor allem im Pfaffenthal.
Am 30. Mai 1976 dann die Katastrophe: Im Pfaffenthal kommt es zu einer Explosion,
bei der drei Menschen sterben. Wie haben Sie das erlebt?
R. C.: Ich habe morgens aus dem Radio erfahren, dass sich in der Nacht eine schwere Explosion ereignet hätte und das halbe Pfaffenthal evakuiert worden sei. Für 9 Uhr wurden wir vom Bürgermeister vor Ort bestellt. Es war unheimlich schwer eine Übersicht zu bekommen, über das, was eigentlich genau passiert war. Es hatte einen Knall gegeben, ein Haus war eingestürzt und niemand wusste warum. Damals kam es öfters vor, dass Gasflaschen hochgingen. Laut Feuerwehr war das hier nicht der Fall, aber etwas Schreckliches war passiert und solange die Ursache nicht gefunden war, konnte es zu einer neuen Explosion kommen. Die Einwohner des ganzen Viertels waren also in die Jugendherberge evakuiert worden, insgesamt 120 Personen. Durch Lautsprecher hat die Polizei alle Einwohner aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen und es wurde eine Sicherheitsabsperrung eingerichtet. Manche versuchten trotzdem in ihre Wohnung einzudringen, um Geld und Papiere zu holen, andere waren total verzweifelt, weil sie nicht wussten, was mit ihren Angehörigen oder Freunden passiert war. Es war das totale Chaos! Zwanzig Personen waren verletzt, drei davon schwer, und wurden im Krankenhaus versorgt, drei Tote waren zu beklagen.
Wie wurde dann weiter vorgegangen?
R. C.: Wir haben versucht, uns erst einmal einen Überblick zu verschaffen. Das war
nicht einfach, da uns nicht dieselben Mittel wie heute zur Verfügung standen. Uns wurde eine Baubude geliehen gestellt, in der wir ein provisorisches Büro einrichten konnten. Wir hatten ein Telefon, Computer gab es noch nicht, alles musste manuell vor Ort aufgeschrieben werden. Es war unglaublich schwierig herauszufinden, wie viele Familien tatsächlich betroffen waren, wer wo gewohnt hatte.
Was hatte die Explosion dann ausgelöst?
R. C.: In Cessingen wollte jemand Benzin in ein Reservoir einfüllen. Allerdings hatte diese Person zwei Einfüllstutzen verwechselt. Das Benzin ist in die Kanalisation gelaufen statt in ein Reservoir und im Pfaffenthal, dem niedrigsten Punkt der Stadt, haben sich Gase gebildet. Irgendwann war dann die richtige Mischung zwischen Gas und Sauerstoff erreicht und es hat geknallt! Aber bis endlich die Ursache für das Unglück gefunden worden war, war viel Zeit vergangen und die Menschen mussten lange in der Jugendherberge ausharren. Als die ersten zurückkehren konnten, haben wir uns gefragt, was mit den anderen, deren Häuser zerstört waren, passieren sollte. Wir hatten nicht genügend leer stehende Wohnungen zur Verfügung. Es wurden also Solidaritätsappelle über das Radio gemacht. Tatsächlich haben sich spontan viele Menschen gemeldet und Kleider gespendet. Wir bekamen auch Häuser angeboten, etwa von einem Bauunternehmer, der ein recht großes Haus in Hollerich besaß, das aber erst ein paar Jahre später abgerissen werden sollte und dann als Notunterkunft benutzt wurde. Mehr als 20 Häuser waren arg in Mitleidenschaft gezogen worden, 17 davon hatten so schwere Risse, dass an eine Konsolidierung nicht zu denken war, zwei Hausruinen mussten wegen Einsturzgefahr sofort abgerissen werden.
Bei den Wohnungen, die bei der Explosion von 1976 zerstört wurden, handelte es sich demnach noch nicht um Sozialwohnungen.
R. C.: Das stimmt, den Begriff „Sozialwohnung“, so wie wir ihn heute kennen und verwenden, gab es damals noch nicht. Erst seit dem Gesetz zur Gründung des Fonds de logement von 1979 wird von Sozialwohnungen gesprochen. Seitdem
werden alle Gemeindewohnungen als Sozialwohnungen vermietet, d. h., die Mieten werden an das Einkommensniveau der Mieter angepasst.
Dann aber haben die Arbeiten 10 Jahre gedauert…
R. C.: Genau, die betroffenen Menschen wohnten längst woanders und wollten eigentlich gar nicht mehr ins Pfaffenthal zurückkehren, weil sie dort nicht mehr verwurzelt waren. Die Meisten haben bei der Gemeinde gearbeitet, hatten also bereits ihre Situation verbessert und brauchten die Hilfe, die ihnen angeboten wurde, nicht.
Warum hat der Wiederaufbau des Beinchen so lange gedauert?
R. C.: Das liegt zum Teil daran, dass es damals noch sehr viele Privathäuser im Beinchen gab. Nach der Katastrophe waren auch diese unbewohnbar, also hat die Gemeinde sie nach und nach aufgekauft. Es
hat ziemlich lange gedauert, bis das komplette Areal in den Besitz der Gemeinde übergegangen war. Danach erst wurde ein Bebauungsplan aufgestellt, die Straßenführung geändert usw. Der Gemeinderat hat über die Pläne abgestimmt, dann folgten die Ausschreibungen. Selbst heute dauern solche Prozesse lange, vielleicht sogar noch länger.
Das heutige Beinchen ist ja eigentlich als Kreis konzipiert, alle Fenster schauen auf denselben Hof hinaus … fast schon ein utopischer Nachbarschaftsgedanke.
R. C.: Wir waren uns damals einige Projekte anschauen. Das Projekt, das schließlich hier umgesetzt wurde, kam ursprünglich aus den Niederlanden. Damals wurde dort viel auf diese Weise gebaut. Allerdings funktioniert dieses Konzept nicht sehr gut mit Sozialwohnungen.
Vielen Dank für das Gespräch. ♦
(Das Interview fand am 21.9.2011 statt. LH/BT)
Bergungsarbeiten nach der Explosion (Fotograf: Jean Weyrich, © Archiv Luxemburg Wort)
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