Unbemerkt und wie versteckt hinter Mauern gibt es in der Hauptstadt einen verwunschenen Ort der Kunst und Kreativität: die Graffitiwände im ehemaligen Schlachthof, dem „Schluechthaus“ in Hollerich. Der Ort wirkt auf mich wie ein zeitgenössischer hortus conclusus. In unzählbarer und unzähmbarer Vielfalt entführen mich die gesprühten Bilder als Besucher des Terrains in eine Traumkulisse, die allerdings in ständigem Wandel begriffen ist, sagt Nico Schlesser, Verantwortlicher des Skatepark Hollerich. Er erzählt, dass alle paar Wochen eine der vielen Wände wie von Zauberhand ein neues Sprühbild trägt. Dabei arbeiten die „unsichtbaren“ Akteure in lang eingeübtem Handwerk auf hohem grafischem und malerischem Niveau.
Nachdem der Service Sports der Stadt Luxemburg das Terrain verlassen hat, bleibt der Skatepark Hollerich das einzige öffentliche Gebäude auf dem Gelände des ehemaligen Schlachthofes der Stadt. Zuweilen werden einige Hallen für kurze Zeit von Gruppen genutzt. Manche der Gebäude dienen als Lagerhallen. Seit 1997 – seit bald 30 Jahren! – ist dieses 2,5 ha große Gelände praktisch verwaist. Und ähnlich wie in den 1960er Jahren in New York – dort wurden Flächen von verlassenen Gebäuden, Baulücken oder stillgelegten Fabriken mit einfachen Signaturen oder mit komplexen Wandmalereien (unerlaubt) bemalt und besprüht – wird dem stillgelegten Gelände Leben eingehaucht. Dies mit ausdrücklicher Genehmigung der Besitzerin, der Stadt Luxemburg.

Die meist unbekannten Künstler teilen sich die Wände, die keinem gehören und doch ungeschriebenen Regeln der Graffiti-Kunst unterworfen sind.1 So werden die Arbeiten der anderen Sprayer respektiert und dürfen doch nach einer gewissen Zeit übermalt werden. Die Zeitfristen zwischen den Übermalungen sind nicht festgeschrieben. Ich stehe nun vor einem kleinen Innenhof. Das Wandbild an seiner Front zeigt oben Reste eines Totenkopfes mit Fensteraugen. Darunter, wie ein über die Nase des Kopfes gezogenes Tuch, eine erste Übermalung in rosafarbenen Schriftzeichen. Weiter unten wird das Bisherige übersprüht von einer chinesischen Parklandschaft mit Turm und Tor. In diese wiederum hineingemalt: eine Formenblüte in Blau- und Grüntönen. Übermalungen im Gespräch miteinander, an der Wand und im Kopf des Betrachters.
Winfried Heidrich ist Theologe, Klinikseelsorger und Kunsttherapeut
1 Viele interessante Hinweise und Abbildungen in: Ethel Seno (Hg.): Trespass, Die Geschichte der urbanen Kunst, Taschen, Köln, 2015.
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