- Gesellschaft
Feministische Bildungsarbeit: Widerstand, Analyse und kollektive Praxis
Angesichts des Erstarkens eines rechten politischen Klimas, in dem soziale Errungenschaften insgesamt, und feministische Errungenschaften insbesondere, wieder verstärkt verteidigt werden müssen, stellt sich die Frage nach der Rolle feministischer Kämpfe mit neuer Dringlichkeit. Was bedeutet es heute, feministisch zu handeln, zu lehren, zu organisieren, in einer Gesellschaft, in der Gleichstellung nicht als gesellschaftlicher Grundkonsens gilt? Und welche Hoffnung darf man dabei in feministische Bildungsarbeit setzen?
Die Beantwortung dieser Fragen beginnt mit einer politischen Standortbestimmung. Feministische Kämpfe sind keine identitätspolitische Nische, sondern Grundbedingung jeder Bewegung, die Gerechtigkeit ernst meint. Wer feministische Bildung als Spezialinteresse behandelt, verkennt, dass ohne sie keine emanzipatorische Gesellschaft aufgebaut werden kann. Die sozialen Kämpfe unserer Zeit für bezahlbaren Wohnraum, gegen Prekarisierung, für mehr Zeit und Gesundheit sind immer auch feministische Kämpfe. Geschlecht ist dabei kein Nebenschauplatz, sondern strukturierendes Moment sozialer Ordnung. Es geht um die Organisation von Arbeit, von Körpern und Subjektivität. Gesellschaftliche Verhältnisse zu erkennen und zu verändern, setzt voraus, dass wir verstehen, wie Geschlecht in diese Kämpfe eingeschrieben ist: ökonomisch, sozial und kulturell.
Wer die gegenwärtigen Verhältnisse verändern will, muss auch dort ansetzen, wo sie alltäglich vermittelt und legitimiert werden, etwa in Bildungszusammenhängen. Denn Bildungsinstitutionen sind Teil gesellschaftlicher Reproduktionsverhältnisse: Hier wird Wissen vermittelt und soziale Ordnung eingeübt. In Luxemburg lebt ein Viertel der Kinder unterhalb der Armutsgrenze. Diese Realität ungleicher Verteilung von Einkommen, Wohnraum und Zeit bleibt nicht ohne Einfluss auf Einstellungen, Bildungsbiografien und politische Deutungen, auch in Bezug auf Geschlecht. Selbstverständlich wäre es naiv zu glauben, dass wir nur durch Bildungsarbeit gesellschaftliche Umwälzungen erzwingen können. Es wäre jedoch ebenso naiv, sie als irrelevant abzutun. Gerade in Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche über Algorithmen in kürzester Zeit mit antifeministischen Inhalten der Manosphere1konfrontiert werden, braucht es konkrete, kritische Gegenangebote.
Feministische Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen macht diese Realitäten zum Ausgangspunkt ihres Vorgehens: Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Fragen gestellt und Machtverhältnisse sichtbar gemacht werden. Es geht auch darum, Kinder und Jugendliche nicht mit ihrer Erfahrung allein zu lassen, dass etwas an dieser Ordnung nicht stimmt und sie darin zu bestärken, Widerspruch zu formulieren und gesellschaftliche Ungerechtigkeit nicht zu individualisieren, sondern als kollektives Problem begreifbar zu machen. Feministische Bildungsarbeit fördert damit den demokratischen Dialog, weil sie Widerspruch, Kritik und kollektive Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen ermöglicht, zentrale Bedingungen einer solidarischen Gesellschaft.
Feministische Bildungsarbeit des CID | Fraen an Gender
Feministische Bildungsarbeit ist kein pä-dagogischer Zusatzservice, den wir leisten, sondern zentraler Bestandteil gesellschaftlicher Intervention. Sie versteht Bildung nicht als Vermittlung von Werten und Normen, sondern als politischen Bildungsprozess, in dem Kinder und Jugendliche lernen, soziale (Un-)Ordnung selbstständig zu erkennen, zu hinterfragen und sich in Beziehung zueinander zu setzen. Es geht also grundlegend darum, Kinder und Jugendliche in ihrer Rolle innerhalb der Gesellschaftsordnung ernst zu nehmen und anzuerkennen, dass soziale Ungerechtigkeit sie aufgrund ihrer strukturellen Abhängigkeiten und eingeschränkten Einflussmöglichkeiten immer in besonderer Weise betreffen.
Das CID | Fraen an Gender ist seit über drei Jahrzehnten ein feministischer Ort der Bildung, des Archivierens, des politischen Austauschs und der Organisation in Luxemburg. Entstanden aus dem Mouvement de libération des femmes, vereint es heute feministische Bibliothek, Bildungsarbeit, Kulturprojekte und politische Arbeit. Zu unserem Auftrag gehört es, Machtverhältnisse kollektiv verhandelbar zu halten. Feministische Bildung bedeutet die Aneignung von Wissen, welches zur Kritik befähigt. Im Kontext feministischer Bildungsarbeit oder politischer Bildung allgemein fallen öfters Schlagwörter wie „Resilienz“ und „Empowerment“. Wir erachten es jedoch als nachhaltiger, nicht jeweils die individuelle Resilienz gegenüber bestehender Schieflagen zu stärken, sondern kollektive Widerständigkeit zu fördern, indem wir strukturelle Ursachen benennen, nicht Symptome bekämpfen. So ist das langfristige Ziel, gemeinsam zu lernen, uns gegen die Zumutungen einer Ordnung zu wehren, die auf Ausbeutung, Konkurrenz und Hierarchie basiert.
Im Zentrum steht also nicht das Ideal des „richtigen Handelns“, sondern das gemeinsame Ringen um Gerechtigkeit als Ergebnis gesellschaftlicher Analyse.
James Baldwins oft zitierte Aussage, dass „die Kinder immer uns gehören, jedes einzelne von ihnen“2, bringt das Verantwortungsbewusstsein auf den Punkt, die feministische Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen hervorbringt. Bildung ist, wie oben beschrieben, kein neutraler Raum. Kinder bringen oft bereits eine ausgeprägte Sensibilität für Gerechtigkeit mit. Sie stellen Fragen (oft unbequeme) aus ihrer eigenen Lebenswelt: Warum werden Menschen unterschiedlich behandelt? Warum tauchen bestimmte Rollenbilder immer wieder auf? Diese Fragen sind politisch, auch, oder gerade, weil sie von Kindern kommen. Sie sollen nicht moralisch beantwortet, sondern analytisch eingeordnet werden. Kinder können verstehen, dass Gerechtigkeitsfragen struktureller Natur sind. Erfahrungen im Kontext von Geschlecht und Körper sind keine Einzelgeschichten, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse. Im Zentrum steht also nicht das Ideal des „richtigen Handelns“, sondern das gemeinsame Ringen um Gerechtigkeit als Ergebnis gesellschaftlicher Analyse.
Mit unserer Kinder- und Jugendbibliothek sowie unseren Angeboten wollen wir Räume schaffen, in denen diese Fragen nicht ins Leere laufen. Politische Bildung bedeutet dabei nicht Selbstoptimierung, sondern kollektive Selbstverortung. Feministische Bildungsarbeit zielt auf die gleichzeitige Anerkennung individueller Lebensrealitäten und die kollektive Analyse der sie verbindenden Machtverhältnisse ab. In unseren Workshops schaffen wir deshalb kindgerecht diese Bezüge, die es ermöglichen, das Eigene im Anderen zu erkennen. Denn das, was uns wirklich politisch stark macht, ist kein individuelles Wohlgefühl, sondern kollektive Kritik.
Workshops als konkrete Praxis feministischer Bildungsarbeit
Ein zentrales und konkretes Beispiel für das Anwendungsfeld der pädagogischen Arbeit des CID | Fraen an Gender ist der Workshop „Schönheitsdruck und Soziale Medien“, den wir seit 2024 in den Grundschulen der Hauptstadt mit finanzieller Unterstützung der Stadt Luxemburg umsetzen. Er richtet sich an Zyklen 3 und 4 und umfasst zwei Schulstunden, angebunden an das Fach Vie et société. In Vor- und Nachbereitung wird das Lehrpersonal eingebunden. Ziel ist es, gesellschaftliche Strukturen sichtbar zu machen, die Schönheitsnormen und Körperbilder produzieren und gleichzeitig die Rolle der sozialen Medien hierbei zu erkunden. Kinder lernen, dass Aussehen und Schönheit keine neutrale oder banale Kategorie sind. Schönheitsnormen sind ökonomisch verwertbare und vergeschlechtlichte Kontrollinstrumente, die je nach Ort, Zeit und gesellschaftlichem Kontext variieren, aber immer Ausdruck patriarchaler und kapitalistischer Strukturen sind. Sie wirken nicht zufällig, sondern entlang sozialer Linien. Vermittelt werden die Inhalte über dialogische, interaktive Methoden, mit Bildmaterial, Medienbeispielen und Reflexion. Die Kinder bringen eigene Erfahrungen ein. Gemeinsam wird gefragt: Wer legt fest, was schön ist? Wer profitiert davon? Was können wir gemeinsam tun?
Es geht nicht darum, Kinder und ihr Verhalten rund um ihr Aussehen zu „korrigieren“, sondern sie zu ermächtigen, Widersprüche zu benennen, altersgerechte Gegenstrategien zu entwickeln und Räume zu schaffen, in denen Selbstzweifel politisiert, statt individualisiert werden. Hingegen eines toxisch-positiven Zwanges, Kinder dazu zu bringen, sich immer schön fühlen zu müssen, vermitteln wir, dass es normal ist, sich schön fühlen zu wollen und gleichzeitig zu verstehen, warum dieses Bedürfnis sozial erzeugt ist, in einem Kontext, der darauf ausgerichtet ist, dass Menschen unzufrieden mit sich sind. Denn es ist belegbar, dass die Anpassung an Schönheitsnormen soziale Vorteile bringt, insbesondere für Frauen, während man durch deren Ablehnung reale soziale Nachteile riskiert. Wir machen deshalb deutlich: Scham ist kein individuelles Versagen, sondern Symptom eines Systems, das Körper bewertet und diszipliniert. Entscheidungen rund um das Aussehen, ob sie sich den Normen anpassen oder diese ablehnen, sind nicht per se „falsch“, aber sie finden nicht in einem luftleeren Raum statt.
Damit streben wir eine politische Deutung des Themas statt moralischer Belehrung oder der Vermittlung „choice-feministischer“ Ansätze an. Choice-Feminismus beruht auf der Annahme, dass jede individuelle Entscheidung, ob bei Make-up, Schönheitsoperationen oder Enthaarung, feministisch sei, wenn sie „freiwillig“ getroffen wurde, verkennt strukturelle Zwänge. Wahlfreiheit ist keine neutrale Größe. Sie hängt von Ressourcen, Disposition und sozialem Status ab. In unseren Workshops geht es gerade darum, die Bedingungen dieser Entscheidungen und Widersprüche zu verstehen. Der Workshop vermittelt: Du bist nicht allein und du bist nicht schuld, aber: Du bist auch nicht machtlos. Gemeinsame Kritik und Intervention ist möglich und notwendig.
Wo das Leben ist: feministische Bildung als kollektive Ermächtigung
Feministische Bildungsarbeit ist demnach Analyse, Praxis und Emotionsarbeit und betrifft die Bedingungen, unter denen wir uns bilden, arbeiten, leben sowie uns und andere lieben. Sie fordert nicht, dass Kinder resilient werden, sondern dass sie sich gemeinsam gegen Zumutungen zu wehren wissen. Feministische Bildungsarbeit bedeutet in diesem Sinne Widersprüche auszuhalten, sie produktiv zu machen, statt sie zu glätten. Auch kindgerecht lässt sich am Beispiel des Schönheitsdrucks vermitteln: Entscheidungen über den eigenen Körper dürfen ambivalent sein. Solidarität ist dabei zentral, denn die Erfahrung, mit der Kritik nicht allein zu sein, ist eine wirksame politische Ermächtigung. Kollektive Praxis entsteht aus geteilter Analyse. Veränderung beginnt, wenn Machtverhältnisse gemeinsam benannt und infrage gestellt werden. Auch wenn solche Bildungsangebote das System nicht verändern, können sie ein zentrales Werkzeug der Organisierung sein. Feministische Pädagogik muss in eine Praxis eingebettet sein, die sich mit den Ursachen von Ausbeutung, Gewalt und Ausschluss auseinandersetzt und sie überwinden will. Damit kann eine Haltung aufgenommen werden, wie sie Clara Zetkin zugeschrieben wird: Dass politische Kämpfe dort geführt werden müssen, wo das Leben ist. Und das Leben ist vor allem dort, wo es erst beginnt, bei den Kindern und Jugendlichen.
Esin Göksoy studierte Soziologie, Philosophie und Interkulturelle Kommunikation an den Universitäten Trier und Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2024 ist sie beim CID | Fraen an Gender für die feministische Bildungsarbeit verantwortlich.
1 Die Manosphere bezeichnet ein digitales (meist loses) Netzwerk von Online-Gruppen, die konservative bis offen frauenfeindliche und radikal-antifeministische Männlichkeitsbilder verbreiten. Influencer-Figuren wie Andrew Tate inszenieren durch Dominanz und Abwertung von Frauen patriarchale Geschlechterhierarchien als „natürlich“ und erstrebenswert.
2 „The children are always ours, every single one of them, all over the globe; and I am beginning to suspect that whoever is incapable of recognizing this may be incapable of morality.“, James Baldwin, „Notes on the House of Bondage“, in: The Nation, 1. November 1980.
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