Nachhaltigkeit feiern?

Musikfestivals zwischen Ressourcenverbrauch und gesellschaftlichem Mehrwert

In Zeiten von Klimakrise, Ressourcenknappheit und wachsender sozialer Verantwortung steht auch die Festivalbranche unter Druck, nachhaltiger zu werden. Aber wie viel darf Kultur verbrauchen – und ab wann kann ein Musikfestival seinen ökologischen Fußabdruck durch gesellschaftlichen Nutzen rechtfertigen?

Nachhaltigkeit als Anspruch und Kriterium

Die Idee, Kulturveranstaltungen nachhaltiger zu gestalten, hat in den letzten Jahren stark an Relevanz gewonnen. Festivals sind in diesem Zusammenhang ein besonders sichtbares Beispiel: Sie bringen tausende Menschen zusammen, erzeugen kollektive Erlebnisse und gesellschaftliche Aufmerksamkeit – aber sie verbrauchen auch erhebliche Ressourcen und können zur Belastungsprobe für Natur und Biodiversität werden. Die Bilder von verlassenen Zeltlandschaften, weggeworfenen Schlafsäcken und überfüllten Müllcontainern am Ende eines Festivals sind zu einem Symbol dieser Ambivalenz geworden.

In Luxemburg bietet das vom Umweltministerium, der SuperDrecksKëscht und dem Oekozenter Pafendall gemeinsam entwickelte Logo Green Events Veranstalter*innen eine wertvolle Orientierung. Es definiert konkrete ökologische Mindeststandards: von der Vermeidung und Trennung von Abfällen über Mehrwegsysteme und nachhaltige Mobilitätskonzepte bis hin zu biologischer, lokaler, fair gehandelter und vegetarischer oder veganer Verpflegung. Auch Sensibilisierungsarbeit und energieeffiziente Infrastrukturen gehören zu den empfohlenen Maßnahmen.

Viele Kulturveranstaltungen in Luxemburg orientieren sich heute an diesen Kriterien – ein wichtiger Schritt in Richtung mehr ökologischer Verantwortung. In den letzten fünf Jahren haben mehr als 570 Veranstaltungen in Luxemburg das Logo Green Events erhalten.1

Koll an Aktioun im Schiefermuseum, Haut-Martelange © Lea Giordano

Der folgende Artikel geht der Frage nach, welchen kulturellen und organisatorischen Rahmen es braucht, damit die Erfüllung solcher Standards auch tatsächlich mit einem tiefergehenden strukturellen Wandel in der Festivalbranche einhergeht, in dem Kultur nicht nur „grüner“, sondern auch gemeinschaftlicher, gerechter und reflektierter organisiert wird.

Nachhaltigkeit zwischen Struktur und Philosophie

Die Theoriedebatte unterscheidet seit Langem zwischen schwacher und starker Nachhaltigkeit. Während die schwache Form darauf abzielt, natürlichen Ressourcenverbrauch durch Technik und Effizienz auszugleichen, geht die starke Nachhaltigkeit davon aus, dass bestimmte ökologische Grundlagen nicht ersetzbar sind – und also erhalten bleiben müssen, unabhängig von wirtschaftlichem oder kulturellem Nutzen.

Übertragen auf Kulturveranstaltungen bedeutet das, dass Nachhaltigkeit in der Praxis oft bei konkreten, intuitiven Maßnahmen wie Mülltrennung oder der Umstellung auf biologische und regionale Produkte beginnt – dort aber nicht enden darf. Das geht einher mit Pierre Bourdieus Theorie des „kulturellen Kapitals“, laut der Kultur mehr als „nur“ Unterhaltung ist. Sie kann Identität stiften, soziale Bindung erzeugen, Bildungsprozesse in Gang setzen. Ein nachhaltiges Festival müsste demnach nicht nur umweltgerecht, sondern auch sozialwirksam sein.

Die Realität größerer Festivals

Festivals im mittleren Segment – um die 20 000 Besucher*innen – produzieren mehrere Tonnen Abfall, benötigen hohe Mengen an Strom und Wasser, ziehen oft internationale Acts samt aufwändiger Technik an und verursachen immense Verkehrsbewegungen. Der CO₂-Fußabdruck einer einzigen Großveranstaltung übersteigt nicht selten den jährlichen Pro-Kopf-Ausstoß einzelner Länder des Globalen Südens.2 Die Auswirkungen auf die natürliche Umgebung geraten dabei oft erst dann in den Fokus, wenn irreversible Schäden sichtbar werden: So etwa 2023 in Linz, wo ein Festival für eine bessere Bühnensicht einen 30 Jahre alten Baum illegal fällen ließ – eine Handlung, die zwar juristische Konsequenzen nach sich zog, deren ökologischer Schaden aber dauerhaft bleibt.

Selbst Festival-Formate, die sich aus­drücklich einer umweltfreundlichen Aus­rich­tung verschreiben, stoßen an orga­nisatorische und strukturelle Grenzen. So auch bei einem Festival in Portugal, welches alle zwei Jahre rund 30 000 Besucher*innen zählt. Um dem selbst gesetzten „Eco Paradigm“3 gerecht zu werden (wofür das Festival auch schon mehrere Auszeichnungen erhalten hat), werden auf dem Gelände Solar­panels, Komposttoiletten und Recycling­strukturen installiert. Gleichzeitig findet es in einer von Dürre betroffenen Region statt, hat einen enormen Wasserverbrauch und zieht jedes Mal Menschen aus aller Welt an – inklusive Flugreisen. 

Die kritische Frage bleibt: Wann rechtfertigt der gesellschaftliche Nutzen eines Festivals seinen ökologischen Fuß­abdruck?

Hier lohnt sich ein Blick auf die kulturelle Tiefenstruktur, die solchen Veranstaltungen zugrunde liegt. Denn wie Pascal Gielen und Thijs Lijster in ihrer Analyse No Culture, No Europe4 feststellen, ist die gegenwärtige Festival- und Eventkultur eingebettet in ein neoliberales Umfeld, das Effizienz, Standardisierung und Messbarkeit zum Maß aller Dinge macht – und damit Gemeinschaftsformen, Solidarität und Partizipation zunehmend untergräbt. Kultur, so ihre These, kann diese Werte über kurze Zeit generieren – ohne jedoch die strukturellen Ursachen der gesellschaftlichen Schieflage zu beseitigen: „Community art then functions as an opiate to the grief caused by neoliberalism.“5

Gleichzeitig betonen die Autoren, dass gerade Kultur eine entscheidende Rolle spielen kann, wenn es um tiefgreifende gesellschaftliche und ökologische Transformationen geht. „Ecological problems and imbalances can only be addressed structurally if a large-scale change of mentality takes place in people, governments and the business world, which means first and foremost a profound change in their culture.“6

In dieser Spannung bewegen sich zeitgenössische Festivals: zwischen Eventlogik und Transformationspotenzial, zwischen Umweltbelastung und kultureller Verantwortung. Festivals sind damit nicht nur Emissionsquellen, sondern potenziell auch kulturelle Hebel, um alternative Vorstellungen von Zusammenleben zu schaffen. 

Zwischen Anspruch und Alltag: Koll an Aktioun

Das Koll an Aktioun-Festival findet jährlich am Pfingstwochenende im Musée de l’ardoise in Haut-Martelange statt. Mit rund 2 000 bis 3 000 Besucher*innen zählt es zur Kategorie der kleineren bis mittleren Veranstaltungen. Hinter dem Festival steht die Kollibri ASBL, die sich mit ihren Werten und ihrer Gemeinschaft von Freiwilligen nicht nur die Frage der technischen Umsetzung ökologischer Standards stellt, sondern auch die bewusste Entscheidung für eine organisationsinterne Kultur trifft, die Nachhaltigkeit nicht nur als Ziel, sondern als Prozess versteht. Die Struktur des Festivals – getragen von Freiwilligen, die in zehn unterschiedlichen Arbeitsgruppen aktiv sind, und einem ehrenamtlichen Vorstand – beruht auf einem kollaborativen Prinzip, das Selbstorganisation, flache Hierarchien und Beteiligung betont. 

So entstehen Infrastruktur, Dekoration und selbst Teile der Festivalarchitektur aus upgecycelten Materialien – gebaut in monatlichen Treffen der sogenannten DinK-Arbeitsgruppe. Die Festivalgestaltung wird nicht zentral kuratiert, sondern partizipativ und gemeinschaftlich entwickelt. Damit versteht sich Koll an Aktioun nicht in erster Linie als Konsum­angebot, sondern als sozialen Raum, der auf Interaktion, Begegnung und gemeinsame Verantwortungsübernahme abzielt.

© Lea Giordano

Auch das inhaltliche Programm folgt dieser Haltung: Durch überwiegend lokale und regionale Künstler*innen, das Bestreben nach einem geschlechtergerechten Line-up, Kooperationen mit lokalen Kulturkollektiven sowie die Organisation rund um das Gelände der ehemaligen Schiefergrube soll eine kulturelle Produktion als Beitrag zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Herausforderungen gedacht werden.

Natürlich bleibt oft immer noch ein ökologischer Fußabdruck – Technik, Anfahrt, Ressourcenverbrauch lassen sich nicht vollständig vermeiden. Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen führt nicht zwangsläufig zu perfekten Lösungen – aber sie verändert die Art, wie Kultur organisiert, vermittelt und erlebt wird. 

Mehr zurückgeben als man verbraucht

Festivals werden immer eine Form von Ressourcenverbrauch darstellen – sie sind zeitlich begrenzte Verdichtungen von In­fra­struktur, Energie, Mobilität und Konsum. Doch sie können auch gesellschaftliche Orte sein: für Austausch, Bildung, Empathie und Empowerment.

Ob ein Festival nachhaltig ist, lässt sich daher nicht allein technisch messen, sondern hängt auch von seiner sozialen Einbettung, seiner Wirkung und seiner transformativen Kraft ab. So kann ein Festival nämlich den Anspruch erheben, mehr zurückzugeben, als es verbraucht – zumindest im gesellschaftlichen Sinne. Und vielleicht ist das in einer Zeit ökologischer Kipppunkte der entscheidendere Maßstab.


1 https://www.greenevents.lu/green-events-fete-ses-5-ans/ (alle Internetseiten, auf die in diesem Beitrag verwiesen wird, wurden zuletzt am 3. Juni 2025 aufgerufen.)
2 https://www.newyorker.com/culture/culture-desk/the-day-the-music-became-carbon-neutral
3 https://www.boomfestival.org/environment/boom-eco-paradigm
4 Thijs Lijster & Pascal Gielen, „Culture: The substructure for a European common“, in: Pascal Gielen (Hg.), No Culture, No Europe: On the Foundation of Politics, Amsterdam, Valiz, 2015, S. 19-66.
5 Ebd., S. 51.
6 Ebd., S. 59.


Tanja Duprez hat einen Masterabschluss in Politikwissenschaft und ist ehrenamtlich in der Kommunikationsgruppe der Kollibri ASBL aktiv.

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