Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Man gewöhnt sich an alles.

Acht Monate nach Tschernobyl, drei Wochen nach Cattenoms erster Stromlieferung haben wir uns wieder beruhigt, weil wir beruhigt worden sind. Wenn Eltern ihre kleinen Kinder beruhigen, ihnen die Angst vor dem Teufel und andern Gespenstern nehmen, dann ist das eine gute Sache. Wenn jedoch ausgewachsene Frauen und Männer sich die Angst vor der tatsächlich bestehenden Gefahr, welche von jedem Atomkraftwerk ausgeht, wegreden lassen durch den Hinweis, unsere Ururgoseltern hätten schon dieselben Ängste ausgestanden, als die ersten Eisenbahngeleise verlegt wurden, dann müßten sämtliche zur Verfügung stehende Warnleuchten blinken und sämtliche Sirenen anfangen zu heulen, damit wir uns nicht von Beruhigungswörtern einlullen lassen. Wachbleiben müssen wir. Eines der Einlullwörter heißt

Restrisiko.

Ein Wort, mit dem Schindluder getrieben wird. Ich kann die Straße mit aller Vorsicht überqueren, das Risiko eines Unfalls ist immer gegeben. Von Montag bis Freitag zwischen drei und sieben Uhr morgens ist das Risiko praktisch null. Samstags und sonn-

tags zur selben Zeit ist es erheblich größer, dann sind nämlich die Weekend-Rowdies auf der Straße. Geradezu lebensgefährlich ist das Überqueren der Straße an den Werktagen abends zwischen halb fünf und halb sieben. Dann fahren die Beamten in langen Kolonnen nach Hause und der Gegenverkehr ist auch nicht ohne. Sogar an den Zebrastreifen ist das Risiko nicht unerheblich, wie vor etlichen Wochen in Grevenmacher wieder bewiesen wurde. Da wollte ein Zehnjähriges den Zebrastreifen benützen. Der erste Fahrer hielt an, doch dem nächsten leuchtete dieses Anhalten nicht ein, er rollte an seinem stehenden Vorfahrer vorbei, erwischte dabei das Kind und verletzte es schwer. Trotz aller Vorsicht blieb das Restrisiko eines rücksichtslosen Gaspedaldurchtreters.

"T’ass kee méi sênges liëwes sêcher, zënter der doüd erfonnt ass", pflegte meine Mutter die absolute Gewißheit zu kommentieren, mit der das Restrisiko verbleibt. In anderen Worten, absolute Sicherheit gibt es gar nicht. Und wenn wir Kinder mal zögerten, weil ein Unternehmen uns doch zu gefährlich erschien, dann hatte selbige Mutter ein anderes Sprichwort parat: "T’kann ên sêch de fanger och an der jhillistäsch briëchen." Die Sache mit dem Restrisiko war also auch schon früher bekannt, man nannte es nur nicht so. Das Ziel, das

mit dem Hinweis auf die Möglichkeit des Fingerbrechens in der Westentasche erreicht werden sollte, hieß: ‚Nur Mut! So gefährlich ist die Sache nun auch wieder nicht. Pass auf, dann wird schon nichts passieren!‘ Und wenn nun doch was passiert? Genau das ist das Restrisiko, das keiner aus dem Weg räumen kann.

Solange das Restrisiko nur die in einer Gefahrenszene Verstrickten betrifft, kann es zwar einen oder mehrere der Betroffenen das Leben kosten. Sehr bedauerlich, doch praktisch nicht auszuschließen. Flugzeuge fallen vom Himmel, Züge entgleisen, Autos stoßen zusammen. Sowas hört man immer wieder. Auch bei Beobachtung aller möglichen Sicherheitsmaßnahmen kann ein Unfall nicht ausgeschlossen werden. Doch die Betroffenen wissen um das Restrisiko und nehmen es in Kauf, was man vernünftigerweise ja auch tut. Es sei denn, man zieht es vor, die Hände in den Schoß zu legen oder keinen Schritt vor die Haustür zu machen, wobei einem dann vermutlich irgendwann die Decke auf den Kopf fällt.

Absolute Sicherheit

ist also nicht herstellbar. Das sagen uns unsere Politikerherren und -damen, wenn es um Catenom und Wackersdorf geht. Bei der friedlichen Nutzung der Atomenergie (um eine zur Zeit in Übung gekommene Sprachregelung zu gebrauchen) bleibe immer ein Restrisiko, sagen die gleichen Politiker(innen), welche mit Abschreckungsraketen uns Sicherheit versprechen. ‚Difficile est satiram non scribere.‘ Satiriker müßte man sein! In Kernkraftwerken gibt es ein Restrisiko, und wir werden ermuntert, es tapfer auf uns zu nehmen. Doch gegen die Kommunisten, die abscheulichen Roten, bleibt mit der militärischen Nutzung derselben Kernkraft kein Restrisiko! Oder bleibt vielleicht doch eins? Dies ist die eine Seite des Schindludertreibens mit dem Wort Restrisiko.

Ungefragt mit Risiko beladen

Es gibt noch eine andere Seite des Schindludertreibens: Im normalen Fall des Restrisikos sind nur jene davon betroffen, die es bewußt, und wie gesagt auch vernünftigerweise für sich selber eingehen. Deshalb dürfte niemand bei Atomkraftwerken das Wort Restrisiko in den Mund nehmen. Denn es sind ja nicht nur die Kernkraftbetreiber, die bei einem GAU ihr Leben lassen, sondern in einem Umkreis von zehn bis dreißig Kilometern werden viele, viele tausend Unbeteiligte an Leben und Gesundheit geschädigt, und, wie Tschernobyl offenbarte, machen radioaktive Wolken vor keiner Grenze

halt. Zu Beginn der kalten Jahreszeit treiben die Lappen ihre Rentierherden zusammen, um die schlachtreifen Tiere auszusondern. Heuer blieb ihnen nichts anderes übrig, als diese Tiere zu töten und zu vergraben, weil Fleisch mit über zehntausend Becquerel pro Kilogramm ungenießbar ist. Kommentar des Fernsehreporters: ‚Die nun getöteten und verscharrten Rentiere sind besser dran als die überlebenden, denen mit all dem radioaktiven Zeug, das sie im Bauch haben, wahrscheinlich ein später und dazu qualvoller Strahlentod bevorsteht.‘

Restrisiko ist nicht gleich Restrisiko.

Niemand ist es gestattet, für einen andern ein Risiko einzugehen. Wenn Leib und Leben gefährdet werden, schon gar nicht. Wenn nun aber ohne Atomstrom die Lampen verlöschen? Oder wenn die Atomindustrie das Gespenst der Arbeitslosigkeit und das der Wettbewerbsunfähigkeit an die Wand malt, oder uns weismachen will, Atomstrom sei der billigste? Ist das nicht echte Einlulltaktik? Die darauf setzt, daß keiner nachrechnet, welch große Stromschwemme jetzt bereits ins Haus steht? Daß keiner nachfragt, warum (fast) keine Gelder zur Erforschung der Alternativenergien von Wind und Sonne locker gemacht werden? Warum lassen wir uns einreden, Windmühlen seien unrentabel und würden obendrein die Landschaft verschandeln? Wer liest schon Tabellen, die deutlich machen, daß die Atomindustrie in der Berechnung des Kilowattpreises immer noch ‚vergift‘, die riesigen Kosten der Endlagerung und der Wiederaufarbeitung von Atommüll einzubeziehen, genau wie sie uns den Preis der Verschrottung von abbruchreifen Atomkraftwerken verschweigt, wobei auch noch einmal gefährlich strahlender, endzulagernder Dreck anfällt? Wer gibt sich schon die Mühe, nachzuprüfen, ob nicht weitum ins Land verstreute kleine und ’sanfte‘ Kraftwerke, viel mehr Arbeitsplätze schaffen als die kolossalen Atomfabriken deren anbieten? Wie viele Leute übersehen, daß Atomkraftwerke eine Menge Überwachungsdienste erfordern, damit ja nur keine radioaktiven Stoffe solchen Terroristen in die Hände fallen, von denen einstweilen erst die Science-fiction träumt. Ein einzige Gruppe von Atomterroristen wäre imstande alle Regierungen der Welt zu erpressen und die ganze Erde in Panik zu versetzen. Noch ist es nicht in die breite Öffentlichkeit gedrungen, doch der Schwarzmarkt mit Uran und Plutonium ist schon gewinnträchtig. Komplette Atombomben werden bereits angeboten.

Es ist unehrlich im atomaren Umfeld von Restrisiko zu reden.

Ich möchte nicht unterstellen, daß unsere Politiker(innen) das Wort vom Restrisiko mit Absicht falsch gebrauchen. Andernfalls wären sie von der Sünde der Menschenverachtung nicht loszusprechen. Ich möchte dennoch nicht unterlassen haben, davor zu warnen, wie leicht man mit so einem einleuchtenden Wort wie ‚Restrisiko‘ eingewickelt werden kann. Das Wort ist verführerisch einleuchtend, weil es eine Winzigkeit suggeriert, wo es doch in Wirklichkeit um Tod und Leben von Millionen Menschen, Tieren und Pflanzen geht, die den Atomtod nicht sterben wollen, die nicht bereit sind, das Restrisiko einzugehen.

Christen gegen Atomstrom?

Mir scheint, eine der Aufgaben, die eine aktuelle und lebendige Kirchengemeinde zu erfüllen hat, ist die Bewußtseinsbildung der Öffentlichkeit. Weder Bürgermeister noch Großherzöge, weder Königinnen noch Präsidenten können im Namen der Vielen, die

sie regieren, ein Risiko, nicht einmal ein "Restrisiko" verantworten, bei uns um Kopf und Kragen der "Untertanen" geht. Denn nicht einmal jener Gott, den wir Christen nicht mehr so nennen sollten, der Gott, den der große Bruder Jesus uns "Vater" anreden lehrte, entläßt uns in ein Risiko. Auch in kein Restrisiko. Gerade das ist ja christlicher Glaube, daß der Vater selbst das Risiko eingeht, daß er es nicht auf seine Geschöpfe abschiebt, daß er selbst im Falle eines Fiaskos den Schaden davonträgt, daß er selber der Blamierte ist. Oder was sonst soll heißen, er habe unsretwegen seinen Besten nicht geschont. Was anders, als daß dieser Beste einverstanden ist mit dem "vorgeschlagenen" Risiko, wenn es darum geht, die Welt zu retten. Noch immer muß die Welt gerettet werden. Was dann wiederum heißt, daß Christen, die sich definieren als Leute, welche mit dem Christus solidarisch sein wollen, sich genau demselben Ri-

siko stellen, dem er sich stellte. Sie gehen das Risiko ein, damit ihre Schwestern und Brüder es nicht einzugehen brauchen. Muß es immer noch wiederholt werden: ganz exakt im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind Taufe und Firmung, sind Eucharistie und Bußsakrament keine Mittel, sich in Sicherheit zu wiegen, sondern Zeichen, daß wir Christen dasselbe Risiko übernehmen wollen, an dem unser großer Bruder gestorben ist. Weil es seinem Glauben nach, seinem Vertrauen in den Vater nach, sich lohnte, auch wenn er selber dabei zu Tode kam. So sollte es Glaube der Kirchen sein, daß es sich immer noch lohnt, auch wenn sie selbst dabei zu Tode kommen sollten. Diese Situation gab es schon mal in den Kirchen. Das war ihre fruchtbare Zeit. Damals war die Frage "Kirche … wozu?" noch zu beantworten.

Jupp Wagner
November 1986

Lesenswert

Lëtzebuerger Almanach ’87

Nun schon zum dritten Mal und wieder um 100 Seiten dicker (genau 544) erschien zum Jahresende der Lëtzebuerger Almanach im Binsfeld-Verlag. Auch dieses Jahr bußte er nichts von seiner Vielseitigkeit ein, sondern im Gegenteil gab noch mehr Schriftstellern, Künstlern und Journalisten die Möglichkeit, ihre Meinungen und Impressionen in Wort und Bild festzuhalten. Auffallend ist, daß diesmal besonders den Künstlern viel Raum gelassen wurde, was den Almanach ’87 zu einer wahren Kunstsammlung werden läßt. Nach der Jugend im Jahre 1986 ist 1987 der alternde Mensch Schwerpunktthema des Jahrbuches. Daneben werden wieder viele kritische Stimmen laut, die zu Fragen der aktuellen Gesellschaftssituation und der Zeitgeschichte

Stellung nehmen. Simone Baldauff-Beck schreibt über das Bild der Frau als Braut, Jupp Wagner analysiert die Lage der kritischen Christen, Leon Steffen setzt sich mit dem Niedergang der Stahlindustrie auseinander, Gaston Schaber studiert die Armut in Luxemburg usw. Letztgenannter Beitrag ist übrigens der einzige ohne Bilder, was sich wohltuend vom Rest des Almanachs abhebt, wo in dieser Hinsicht des Guten ein bißchen zuviel getan wurde. Eins wäre jedoch noch an dem 1360 Gramm schwerem Almanach auszusetzen: wächst seine Seitenzahl in diesem Rhythmus weiter an, so wird der Leser in der Tat einen echten Jahreskalender haben, den er Tag für Tag aufschlagen muß, wenn er ihn auch nur halbwegs ganz durchlesen will.

Tim

LISTE EINGEGANGENER BUECHER

Léopold Hoffmann, MEINETWEGEN sowas wie LIEBE, Erzählungen, Satiren und Texte.
Editions Phi 1986
Jaap Tuk, Steine des Anstosses. Ein Arbeiter entdeckt die Bibel.
Aus dem Holländischen von Franz Marcus
edition liberación 1986
Frank Hoffmann, Trilogie der Wut. Stücke
Edition Phi 1985
Guy Helminger, Die Gegenwartsspringer verlag am schluechthaus o.J.
Tübinger Theologische Fachschaftsinitiative (Hg.), Bibel und Befreiung. Beiträge zu einer nicht-idealistischen Bibellektüre. Mit Texten von G. Casalis, K. Füssel, G. Girardet, L. Schottroff, T. Veerkamp, R. Zuurmond
edition liberación 1985
les nouvelles pages de la S.E.L.F. 12/13 o.J.
Gudrun Born, Knüpfe ein Netz. Wir leben in menschlichen Beziehungen.
Grünewald-Verlag 1986

„Darf’s für’n Groschen mehr sein?"
Zeichnung: Mester

in: Publik-Forum

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code