Von der Frohbotschaft zur Drohbotschaft

Dogmatismus

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Ein griffiger Titel. Ein einziger Buchstabe geändert, und schon ist der Begriff in sein Gegenteil verkehrt. Allerdings spricht man heute lieber von der „guten Nachricht“ als von der frohen Botschaft und ist damit dem griechischen „Evangelium“, sehr nahe. In den Ohren der meisten unserer Zeitgenossen ist Evangelium ein „frommes“ Wort. Vor 1950 Jahren war es ein profanes, gar ein politisches Wort. Es wurde gebraucht etwa um einen Sieg anzusagen, die Geburt eines Thronfolgers oder die Thronbesteigung des Herrschers.

Gute Nachricht

Dass die ersten Christengemeinden die gute Nachricht von der Ankunft des Messias mit dem Wort „Evangelium“ bezeichneten, dafür steht ein unverdächtiger Zeuge: Saul von Tarsus, der die Christen, noch bevor sie so genannt wurden, verfolgte; der vor Damaskus aufhörte hinter „dem Jesus herzujaagen“ (Apg 9,4) und sich taufen ließ. Er hatte das, was ihm in der Christengemeinde von Damaskus über jenen Jesus gesagt worden war, als eine „gute Nachricht“ erfahren, ein „Evangelium“. Diese gute Erfahrung „verkündete“ Paulus in Wort und Schrift. Sieben Briefe sind überliefert, die von den heutigen Bibelkennern als echt „paulinisch“ angesehen werden. Einunddreißigmal steht in diesen sieben Briefen, das Wort „Evangelium“ ohne die abgeleiteten Zeitwörter wie: das Evangelium verkünden (evangelizein).

Etwa zwei Jahrzehnte nach Paulus – wie inzwischen von den allermeisten Bibelwissenschaftlern angenommen – schrieb Markus seine gesammelten Jesuserzählungen. Titel seines Buches: „Anfang der guten Nachricht von Jesus, dem

Messias, dem Sohn Gottes.“ Das Hauptwort „Evangelium – gute Nachricht“ steht im Titel dieses ersten Buches, das der ganzen Gattung der Jesuserzählungen ihren Namen gab.

Wie konnte es nach einem solchen begeisterten Anfang von der Guten Nachricht zur Angst erzeugenden bösen Überraschung kommen: von der Frohbotschaft zur Drohbotschaft? Es ist zu vermuten, dass es für diese Entwicklung eine Menge Ursachen gab, die sich mehr und mehr zu einem unentwirrbaren Knäuel verzwirbelten. Versuchen wir ein paar Stränge bloßzulegen.

Beginn der Drohbotschaft

Der Verfasser der Apostelgeschichte schreibt im vierten Kapitel: „Die Menge der Glaubendgewordenen war in Herz und Leben eins“ (Apg 4,32). Doch schon im nächsten Kapitel verbessert er dieses Urteil und erzählt, was man in der „Menge der Glaubendgewordenen“ von einem gewissen Hananias und seiner Frau Saphira wusste: sie hatten versucht, die Gemeinde aufs Auge zu drücken. Sie wollten sich als Wohltäter feiern lassen,

so als hätten sie ihren gesamten Besitz „den Aposteln zu Füßen gelegt“. Sie hatten jedoch einen Teil für sich zurückbehalten. Von der Gemeinde wollten sie wohl profitieren, doch abhängig von ihr wollten sie nicht werden. Das heißt, dass es bereits in den Anfängen der Christenheit Leute gab, die in Herz und Leben gar nicht eins mit ihrer Gemeinde waren. Die Eheleute Hananias und Saphira wurden von Petrus mit dem Tode bestraft. „Und es geschah: gewaltige Furcht legte sich auf die ganze Gemeinde und alle die davon hörten“ (Apg 5,11). Erstes Anzeichen dafür, dass die „gute Nachricht“ zur angstmachenden Drohung verkommt?

Sind etwa die in den Evangelien als Jesusworte überlieferten „Höllenreden“ (Mk 9,43-47; Mt 5,22+29; 10,28; 18,9; 23,15; 23,33; 25,41; Lk 8,31; 12,5;) weitere Anzeichen für das wachsende Missverständnis dessen, was der Jesus gelehrt und gelebt hatte? Diese und eine Menge anderer Missverständnisse in den Schriften des Neuen Testaments wurden ja später zu Argumenten für die Scheiterhaufen gebraucht; besonders pervers: mit den lodernden Scheiterhaufen wollte man Hexen und Ketzer „das ewige Höllenfeuer ersparen“!

Die „Klerikalisierung“ der Kirche

ist ein weiterer Strang im feuerfesten Strick, der Christenleuten Angst machte. Unter „Klerikalisierung“ ist jene Bewegung zu verstehen, die den Begriff „Kirche“ immer mehr auf jenen minoritären Teil der Christgläubigen, den der sogenannten „Heiligen Hirten“ einengte. Dieser verschwindend kleine Teil der Kirchen eignete sich immer mehr Macht an, im Gegensatz zu den vielen in den vier Evangelien überlieferten unmissverständlichen Jesusworten: „So soll es bei euch nicht sein.“ Die wurden einfach nicht mehr zur Kenntnis genommen und werden es bis heute nicht.

Ein weiteres Vordringen des Klerikalisirons können wir beobachten bei den Streitereien in der Kirche Korinths. Bereits Paulus hatte unter ihnen zu leiden. Mit dessen Tod hörten sie nicht auf, so dass die römische Kirche etwa dreißig Jahre später glaubte eingreifen zu müssen. Sie

tat es mit einem Brief, der unter dem Namen ihres damaligen Bischofs Clemens Theologiegeschichte machte, allerdings nicht die allerbeste. Den Korinthern wurde nämlich empfohlen in der Bibel – natürlich der hebräischen, denn ein „neues Testament“ gab es damals noch

Das Neue Testament wurde zwar durch kein Konzil außer Kraft gesetzt, doch durch viele außer Acht gelassen.

nicht – nachzulesen, wie man Streitfälle löst: durch Gehorsam gegen die kirchliche Obrigkeit. Die jüdischen Leviten, Priester und Hohepriester wurden zu Vorbildern für Diakone, Presbyter und Episkopen. Die Klerikalisierung der Kirche hat im „Clemensbrief“ ihr „theologisches Fundament“ gefunden, auf das sich auch noch das Kirchenrechtsbuch Johannes Paul II. im Kirchengesetz Nummer 207 beruft mit der Behauptung, nach Gottes Wille sei die Kirche zweigeteilt in Laien und Kleriker. Wobei Kleriker jene sind, die, je nach ihrem hierarchischen Rang, das Sagen haben, während Laien nur zu folgen brauchen: „Je pense, donc tu suis“ sei das sarkastisch abgewandelte Prinzip von René Descartes („Je pense, donc je suis“), nach dem Johannes Paul II regiert, haben boshafte Leute herausgefunden. Heute können immer mehr Laien mit einem Doktortitel in Theologie aufwarten; werden sie den Klerikern zugerechnet?

Auf dem Weg zur Staatskirche

Die Klerikalisierung führte geradewegs zur Ehe von Staat und Kirche. Noch bevor Theodosius I. (379-395) die „christliche Religion“ zur Staatsreligion erklärt hatte, fand in unserer Nachbarstadt Trier die erste Ketzerhinrichtung statt: Priscillian, ein spanischer Bischof, wurde von Mitbischöfen der Irrlehre und der Zauberei angeklagt und durch den getauften Soldatenkaiser Maximus im Jahr 385 zum Tode verurteilt und dem Henker überantwortet. Martin von Tours – der Heilige des geteilten Soldatenmantels – war

eigens nach Trier gekommen, um Priscillian als Advokat beizustehen, war jedoch gescheitert. Auf dem Heimweg trauerte er seinem Versagen nach. Der Legende nach saß er dazu auf dem sogenannten „Hellegesteen“ zwischen Niederanven und Hostert. Ambrosius von Mailand bedauerte das von Maximus gefällte Todesurteil. Im Gegensatz zu Ambrosius und Martin bedachte Leo I. im Jahr 447 den Kaiser Maximus dafür mit Beifall.

Die Staatskirche

Die Kirchen waren auf jenem Weg, der anfänglich noch zögerlich, dann aber immer öfter geradlinig in die Inquisition führte. Hatte Konstantin den Kirchen mit dem Status der „religio licita“ – der erlaubten Religion – manche Privilegien verschafft, so brachte sein fünfter Nachfolger Theodosius I. das Angefangene konsequent zu Ende, indem er alle „heidnischen“ Kulte verbot, im Jahr 380 das „Christentum“ in den Rang der Staatsreligion erhob, in der die Beschlüsse der Reichskonzilien als Teil des staatlichen Rechts gelten sollten. Dabei sah er sich selber als Kirchen-„Oberhaupt“, was ihm allerdings einen Haufen Ärger einbrachte. Sehr energisch nämlich wies der Mailänder Bischof Ambrosius (339-397) ihn mehrmals in seine Schranken. Es sieht ganz aus nach einem ersten Wetterleuchten der Investiturstreitereien, die mit Papst Gregor VII. (1073-1085) und König Heinrich IV. (1056-1106; Kaiser seit 1084) ihren Höhepunkt erreichten.

Irrlehrer leugnen Dogmen

Der erste „Irrlehrer“ hieß Markion (85-160). Er ist zwar nicht verbrannt worden, doch sein eigener Vater, Bischof von Sinope, hat ihn aus der Kirchengemeinde ausgeschlossen. Markion vertrug manche Stellen der hebräischen Bibel nicht – wie ja auch viele unserer Zeitgenossen – und erstellte deshalb ein „Evangelion“ aus einem „gereinigten“ Lukasevangelium und ein „Apostolikon“ aus ebenfalls „gereinigten“ zehn Paulusbriefen.

Der Begriff „Dogma“ leitet sich nach dem „Lexikon für Theologie und Kirche“ (LThK: Freiburg 1959, Bd.3, Sp.438)

vom griechischen Zeitwort „dokeo“ ab. Dessen Grundbedeutung „was als richtig erschienen ist“ begegnet uns im Griechischen … als a) philosophische Meinung, b) als veröffentlichter Beschluss (so bei Lukas 2,1: „eine Verfügung ging vom Kaiser Augustus aus“; desgleichen in der Apostelgeschichte), c) als religiöse Lehre oder als göttliche Satzung. Im Neuen Testament erscheint das Zeitwort „dokeo“ insgesamt dreiundsechzigmal.

Es ist klar, dass jede Gemeinschaft so etwas wie eine Verfassung oder ein Grundgesetz benötigt, das von jedem Mitglied akzeptiert ist. Das Grundgesetz jeder Kirche müsste eigentlich das „Neue Testament“ sein. Das Neue Testament wurde zwar durch kein Konzil außer Kraft gesetzt, doch durch viele außer Acht gelassen. Als Steinbruch für Dogmen und sonstige kirchenrechtliche Verfügungen eignet es sich ganz und gar nicht, wurde aber jahrhundertelang als solcher missbraucht. Sobald dann der Katalog der „Dogmen“ ins unermessliche steigt wie zur Zeit in der katholischen Kirche, dann ist des Guten unweigerlich zuviel getan. Nicht nur, dass die meisten Mitglieder schlicht und ergreifend überfordert sind. Schlimmer: gerade diese Überforderung gibt den „Gesetzeslehrern“ genau jene Macht, die im Lukasevangelium gegeißelt wird: „… euch den Gesetzeslehrern ein Wehe! Ihr beladet die Menschen mit Lasten, schwer zu tragen, doch selber tippt ihr mit keinem Finger daran!“ (Lk 11,46) Genau das, vor dem der Jesus des Lukasevangeliums hier warnt, ist der Dogmatismus.

Dogmatismus

„Allgemein: ungeprüfte Bejahung von Denkinhalten, die auf Autorität oder bloßen Anschein hin überkommen sind“, meint das LThK (1959, Bd 3 Sp. 457) und fährt fort: „Für vorphilosophische Erkenntnis und als Unterrichtsmethode ist Dogmatismus unvermeidlich.“ Kirchlicher Dogmatismus ist das Machtinstrument schlechthin in den Händen derjenigen, die behaupten im Namen Gottes „Anathemata“ aussprechen zu dürfen, um Abweichler aus der Kirchengemeinschaft auszuschließen, oder … auf den Scheiterhaufen zu bringen. Dogmatismus ist eindeutig Ideologie. Deshalb

wollte Johannes XXIII. keine Dogmatisierung durch das 2. Vatikanische Konzil. Im Gegensatz zu andern Konzilien. Sie hatten ihre Lehren in Kanones (Richtlinien) zusammengefasst, von denen jeder uniform in die Formel mündet: „So jemand das Gegenteil (unserer Lehre)

Unter „Klerikalisierung“ ist jene Bewegung zu verstehen, die den Begriff „Kirche“ immer mehr auf jenen minoritären Teil der Christgläubigen, den der sogenannten „Heiligen Hirten“ einengte.

behauptet: „Anathema sit – der sei ausgeschlossen.“ Mit einer solchen Androhung des Kirchenausschlusses konnten die Kirchenherren dem einfachen Volk Angst machen, aber auch Theologen bei der Stange halten. Aus diesem Grunde musste das „Lehramt“ der Bischöfe unweigerlich einmal mit den Theologen zusammenstoßen. In unseren Tagen, hauptsächlich wegen der Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit durch das erste Vatikanische Konzil (1870-71), das Johannes Paul II. immer enger auslegt. So sehr, dass es sogar verboten ist, theologische Meinungen zu diskutieren (siehe: Frauenordination), so sie mit der Wojtyla’schen nicht übereinstimmen. Die Überbetonung des in der Heiligen Schrift der christlichen Kirchen nicht begründeten Lehramtes ist wohl die schlimmste Giftblüte der Klerikalisierung.

Wie konnte es soweit kommen?

Das „Volk Gottes“ war nicht bloß den Heiligen Hirten und den mit ihnen im Bund stehenden Staatsherren in Vergessenheit geraten. Das Volk hatte unterdessen seine Rolle als Untertan der Heiligen Hirten verinnerlicht. Über Jesu Wort, „so soll es bei euch nicht sein!“ (Mk 10,42; Mt 20,26; Lk 22,26), war ihnen nie gepredigt worden. Sicher sind die Stränge der Klerikalisierung und des Staatskirchentums die stärksten all der

verzwirbelten Ursachen, die aus der Frohbotschaft eine Drohbotschaft werden ließen. Genau diese beiden, Klerikalisierung der Kirche und Staatskirchentum, konnten zu Ende des ersten „christlichen Jahrtausends“ so etwas Teuflisches wie die Inquisition zur Welt bringen (vgl. Die Beiträge von Victor Conzemius und Herbert Eiden). Die Frage „Wie konnte es dazu kommen, dass eine Kirche, die anfangs verfolgt wurde, schließlich selber zur Verfolgerin wurde?“ lässt mit dem vorliegenden Antwortversuch vieles offen. Wer bezweifelt, die beiden aufgezeigten Hauptstränge seien wirklich solche, den mag vielleicht die Gegenprobe überzeugen: Seit es den Kirchenhierarchen nicht mehr gelingt, Angst zu machen, können sie, um nur ein Beispiel anzuführen, gegen die Empfängnis verhütende Pille predigen soviel sie wollen. Christenfrauen hören die Worte, hören aber nicht mehr auf sie. Und ein weiteres: Trotz päpstlichen Verbots geht die Diskussion über die Frauenordination weiter. Das heißt, die Glaubwürdigkeit des Unfehlbaren ist erschüttert und wird nicht mehr ernst genommen.

Was nützt also ein Schuldbekenntnis?

Wo doch nach ganz offizieller Kirchenlehre keine Sünde vergeben wird, solange kein Vorsatz besteht. Jeder römisch-katholische Bischof muss am ersten Fastensonntag 2000 vor allem Volk – nicht bloß dem „christlichen“ – ein Schuldbekenntnis ablegen. Das müsste also die längst fällige Entklerikalisierung der Kirche in die Wege leiten und Kirchengesetz Nummer 207 auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen. Was natürlich auch die Entkoppelung von Staat und Kirchen zur Folge haben müsste, sowie die Entflechtung aller in der Geschichte eingerosteten unchristlichen Einrichtungen (wie Priesterzölibat, päpstliche Unfehlbarkeit und weltweite Jurisdiktion), nicht zu vergessen das Eingeständnis, dass manche Dogmen heute nur noch als Unsinn zu verstehen sind, von denen weder der Mann aus Nazareth noch seine ersten Schüler die geringste Ahnung hatten.

Am Siegeronn, den 31. Januar 2000
Jupp WAGNER

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