- Reisen
Warum (noch) reisen?
Flucht, Konsum, Selbsterkenntnis, Sehnsucht nach dem Authentischen …?
Das Leben ist wie eine lange Reise. Nach einem wohligen Schweben im Mutterleib, gleich einem seligen Nirwana-Zustand, werden wir in die Welt geworfen. Einige Monate später machen wir uns auf den Weg, es wird gerobbt, gekrochen, gegangen und gelaufen. Während langen Jahren lassen wir unsere Bezugspersonen nicht aus den Augen und kehren immer wieder nach Hause zurück. Getrieben von unserer Neugierde und einem stetigen Drang, unsere Umgebung zu entdecken und kennen zu lernen. Ein sehr spannendes und begieriges Verlangen, eine nie endende Entdeckungsreise.
Die Eltern begleiteten uns zuerst in die Ferne, auch wenn die Welt der Erwachsenen Kindern nicht immer zugänglich war. Der Wissensdurst und Explorationsdrang entwickelten sich dann während der Jugendzeit explosionsartig.
Reisen bildet
Für mich persönlich waren Sprachferien meine ersten selbständigen Auslandsreisen, ein Eintauchen in neue Gewohnheiten und zugleich erlebte ich dort die mühelosesten und schnellsten Sprachverbesserungen meiner anstrengenden Studienjahre. Gleichzeitig waren sie ein Initiationsritus im Jugendalter: Die längere Abwesenheit von meinen Angehörigen, das neue Alltagsleben in der Ferne, zu Zeiten, wo es noch kein Handy und kein Internet gab.
Der kulturelle Schock war enorm und ich habe niemals in meinem Leben so viel Verschiedenes erlebt.
Meine prägendste Auslandsreise bleibt ein freiwilliges Praktikum in meiner Studienzeit in einem arabischen Land, während eines heißen Sommers im Ramadan. Der kulturelle Schock war enorm und ich habe niemals in meinem Leben so viel Verschiedenes erlebt. Es war die totale Immersion in ein anderes Land, eine andere Kultur und Religion, umgeben von einer lieben Gastfreundschaft. Ich habe niemals wieder eine solche Authentizität auf Reisen erlebt.
Vakanz doheem
Durch meinen Beruf unternahm ich jährlich Reisen zur Weiterbildung, in meinem Familienleben stellten sie sowohl Erholung, Abenteuerlust als auch ein wesentliches Element des Familienzusammenhalts dar. Mit der Selbstständigkeit der Kinder durften wir Eltern sportliche Entdeckungs- und Studienreisen unternehmen. Das Flugzeug kam dann häufiger ins Spiel. Die COVID-Pandemie verursachte eine einschneidende Zäsur in unserem Reiseverhalten, ganz unerwartet waren wir plötzlich in unserem Ländchen eingesperrt. Vakanz Doheem ließ uns die „entferntesten“ Landesecken auskundschaften, wir praktizierten Mikrotourismus im Globalisierungszeitalter, und bei jeder kleinsten Grenzöffnung waren wir auch schon gleich im nahen Ausland. Im Gegensatz zu meinen Durchschnitts-LandesmitbewohnerInnen, die 5,5-mal pro Jahr verreisen, ist meine Reiselust seither dramatisch geschrumpft: Seit sechs Jahren war ich in keinem Flugzeug mehr. Leide ich unter Weltschmerz? Die aktuelle Polykrise hat bestimmt einen entscheidenden Einfluss auf meine Reiseunlust. Wie kann man sich erfreuen zu reisen, wenn in Europa und im Nahen Osten das Zuhause von Millionen Menschen in Schutt und Asche zerbombt wird, wenn sehr viele Menschen unter Zukunftsängsten leiden in Zeiten eskalierender Verlusterfahrungen, wenn der Demokratiehorizont sich verdunkelt, wenn die Klimakrise nicht mehr zu stoppen ist? Zukunft als Katastrophe!1 Kann es sein, dass viele Menschen das Gleiche verspüren und deshalb noch schnell von allem profitieren wollen und viel verreisen, bevor es zu spät ist? Nach uns die Sintflut.
„What is life but a form of motion and a journey through a foreign world?“
(George Santayana)
Dabei war das Reisen seit jeher ein Grundbedürfnis des Menschen. Die Sammler und Jäger mussten sich bewegen, die Nomaden wanderten das ganze Jahr hindurch. Früher waren viele auf der Flucht vor Naturkatastrophen und Kriegen, heute sind es die Klima-, Bürgerkriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge. Die Landflucht, die noch heute eine große Zahl von Migranten aus ländlichen Gebieten in die Städte treibt, kann auch als eine Reise angesehen werden.

Wir Menschen in den westlichen Ländern sind (noch) nicht gezwungen zu flüchten, wir reisen freiwillig. Wenn wir den Alltag im Auto-Pilot erleben und jeden Tag nur das Gleiche sehen, hören, riechen und fühlen, stumpfen wir ab. Das andere Licht, die anderen Gerüche und Farben in fernen Ländern öffnen unsere Sinne wieder. Wir verlassen unsere Komfortzone, wir begehren den Tapetenwechsel und die Horizonterweiterung. Reisen dienen längst nicht mehr nur der Erholung; sie bringen uns äußerlich und innerlich in Bewegung.
Der Weg ist das Ziel
Die Reisepsychologin Martina Zschocke2 behauptet, dass Reisen antidepressiv wirkt, weil man nicht mehr um sich selber kreist und nicht mehr ständig über seine Probleme grübelt. Auf Reisen ist man gezwungen, sich nach außen zu orientieren. Wenn wir uns dann noch bewegen – zum Beispiel mit dem Zug oder dem Fahrrad – dann kommt es zu einem Flow-Erleben, einem Zustand, wo alles reibungslos funktioniert, wo der Mensch selbstvergessen in eine Tätigkeit versunken ist und alles um sich herum vergisst. Zeit spielt keine Rolle mehr und andere Gefühle wie Hunger, Durst, Müdigkeit geraten in Vergessenheit.
Sokrates sagte, Philosophie sei eine Vorbereitung auf den Tod. Für alle anderen gibt es Reisen.3
Stabile, zufriedene Menschen reisen eher, sind voller Neugier und offen für Erfahrung, erwarten Lebensintensivierung, Wahrnehmungsstimulierung und hoffen auf kleine oder große Abenteuer außerhalb der touristischen Ghettos. Beim Reisen kann noch viel mehr erwartet werden:
Die direkten Begegnungen mit den Einheimischen und das Erleben vor Ort bleiben unersetzbar, um Verständnis zu entwickeln für das Fremde in der Welt und in uns selbst.
„Wir sehen unsere Aufgabe darin, im Sinne der Völkerverständigung Brücken zu schlagen über innere und äußere Grenzen hinweg. […] Ihnen möchten wir die kulturelle Vielfalt in ihrer ständigen Veränderung und die natürliche Schönheit unserer Erde als für alle Menschen und deren Nachkommen erhaltenswerte Güter verständlich machen. Mit unseren Reisen wollen wir Vorbehalte, Vorurteile und Ablehnung gegenüber allem Fremden abbauen, das Miteinander der Menschen fördern und damit als Botschafter von Toleranz und Offenheit einen Beitrag zum Abbau von Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung auch im eigenen Land leisten.“4
So schön kann ein Reiseunternehmen seine Philosophie vermarkten. Viele von diesen Werten können sich realisieren lassen und ich muss ehrlich zugeben, dass einige von meinen Vorurteilen, größtenteils bedingt durch die Leitmedien, auf solchen Studienreisen aufgegeben wurden. Die direkten Begegnungen mit den Einheimischen und das Erleben vor Ort bleiben unersetzbar, um Verständnis zu entwickeln für das Fremde in der Welt und in uns selbst. Der Philosoph Christian Schüle ruft sogar dazu auf, dass wir in die Ferne ziehen sollen, denn „Reisen rettet die Welt“.5
Reisen kann auch ein Suchen nach Sinn sein, sei es beim Pilgern, beim Rückzug in ein Kloster, in die Wüste oder beim Aufenthalt in einem Schamanenseminar. Für viele interessierte Menschen erweist sich das Reisen als eine kontinuierliche Weiterbildung, ein Katalysator für persönliche und intellektuelle Entwicklung, vielleicht sogar als Gegenmittel gegen Ego- und Ethnozentrismus.
Die touristische Reise bleibt trotz alledem Konsum ‒ Konsum von Raum, Erlebnissen und Symbolen.
Travel sickness
Während der Monate des Lockdowns litten viele Mitmenschen unter Fernweh, dieser menschlichen Sehnsucht, vertraute Verhältnisse zu verlassen und sich die weite Welt zu erschließen. Wenn man sich nie lange zuhause aufhalten kann, wenn man die Sorgen des Alltags schnell hinter sich lassen will, bevor man ins Grübeln übers eigene Leben und das eigene Verhalten gerät, dann ist Fernweh eher eine Flucht vor sich selbst, Eskapismus. Auf Reisen kann man dem Stress des Alltags entfliehen, um Erholung zu finden und die Arbeitskraft für den Rest des Jahres wiederherzustellen. Vielleicht empfinden andere die jährlichen Reisen als eine Form von Entschädigung für den Bullshit-Job, den sie jahrein, jahraus erledigen müssen.
Das ständige Ausleben von Fernweh führt leider bei einigen zur regelrechten Depression. Nach ihrem Urlaub kehren sie zurück an denselben Bürotisch, mit denselben Kollegen, derselben täglichen Routine, denselben Problemen, vor denen sie glaubten, flüchten zu können. Andere werden durch das Reisen krank und leiden an tropischen Krankheiten, dem Travel Burnout, dem Stendhal- oder Jerusalem-Syndrom …6
Wollen wir Teil des Problems sein
oder Teil der Lösung?
Das Reisen wird immer beschwerlicher in den letzten Jahren. Nicht nur leiden einige Destinationen wie Barcelona, Venedig und Dubrovnik unter Übertourismus, – Touristen sind die neuen unbeliebten Migranten – auch der Klimawandel macht dem Tourismus zu schaffen. Wenn wir früher das Mittelmeer aufgesucht haben, um Sonne zu tanken, so meiden wir jetzt diese überhitzten und ausgetrockneten Urlaubsorte und fliehen in die kühleren Gegenden Nordeuropas, wo es noch weniger Waldbrände gibt.
Die Klimakrise ist zu einem nicht unerheblichen Teil auch dem Tourismus geschuldet, der jährlich 1 Milliarde Tonnen klimaschädliche Emissionen verursacht. Das entspricht rund 5 % der gesamten weltweiten Treibhausgas-Emissionen. Davon wiederum werden 40 % durch Flugreisen, 32 % durch Autoverkehr und 21 % durch die Unterkünfte verursacht.7
Ein hohes Problembewusstsein im Bereich Klimaschutz verursacht bei manchen Reisenden eine kognitive Dissonanz, eine Diskrepanz zwischen Einstellung und Verhalten, und kann z. B. Flugscham verursachen, „dieses neue Unwohlsein, das Menschen empfinden, die sich der klimaschädlichen Tragweite ihrer Reise bewusst sind, aber dennoch fliegen“8. Nur sehr wenige unterlassen das Fliegen definitiv.
Wenn wir die Klimakrise ernsthaft bewältigen wollen, dann müssen wir weltweit unser Reiseverhalten nachhaltig ändern: lieber weniger, dafür aber länger, langsamer und intensiver reisen, besser vorbereitet sein auf ein Land und seine Kultur, umweltfreundliche Verkehrsmittel nutzen, massentouristische Infrastrukturen meiden ‒ die fast überall gleich aussehen ‒
lokale Wertschöpfungsketten unterstützen, Ressourcen vor Ort schonen, sich in Hotels oder in Häusern mit verbindlichen Ökosiegeln einbuchen. Fliegen ist derzeit leider zu billig.
Vielleicht bleibt uns irgendwann nur noch das Reisen über Simulation und mit Virtual-Reality-Brille, Google war schon überall und die Welt kann zu uns kommen. Kann die Sehnsucht nach dem Authentischen noch gestillt werden, wenn das Internet uns schon im Voraus schönere Bilder liefert?
One-Way-Ticket
Das Leben ist wie eine lange Reise und zum Schluss unseres Lebens treten wir alle die letzte Reise an. Die einen flüchten früh und ganz entschlossen, andere haben alles bis ins kleinste Detail geplant, die meisten versuchen, diesen Trip definitiv auszublenden, die Transhumanisten experimentieren an einem Reisen in alle Ewigkeit. Ziel ungewiss!
1 Eva Horn, Zukunft als Katastrophe, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2014.
2 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/344459/warum-reisen/ (alle Internetseiten, auf die in diesem Beitrag verwiesen wird, wurden zuletzt am 15. April 2025 aufgerufen.)
3 https://taz.de/Reisen-ist-ueberbewertet/!6017666/
4 https://www.studiosus.com/ueber-studiosus
6 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/344459/warum-reisen/
8 https://www.adac.de/reise-freizeit/ratgeber/reisetipps/nachhaltig-fliegen/
Jean-Paul Nicolay, Allgemeinmediziner und Mitglied der forum-Redaktion
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