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Die Jeunesse Démocratique von Kayl-Tetingen hatte zu einer Diskussion über Mai 68 fünf damals Beteiligte eingeladen. Die kommunistische Zeitung war von vornherein skeptisch und schrieb im Feierkrop: "Die selbsternannten Salonrevoluzzer von damals und das, was von ihnen übriggeblieben ist (…), sind in dieser Gesellschaft (die sie damals in Frage stellten) aufgegangen wie Hefe, und mit ihrem Beitrag zu ihrer Umwälzung ist es Pustekuchen." (6.5.1988) Und in der Tat konnte man einen in Nostalgie schwelgenden Alt-Herren-Abend erleben. Auch im Journal konnte man Kritisches lesen: "Eine gewisse männliche Über-

Überheblichkeit gegenüber Frauen zeigte sich (…) nicht nur durch die Abwesenheit weiblicher Augenzeugen am runden Tisch, sondern auch in einigen wenig respektierlichen Bemerkungen des einen oder anderen Teilnehmers" (Journal 10.9.1988).

Trotz der Nostalgiestimmung gab es einige interessante Témoinages, die man als Ergänzung und in Zusammenhang mit der etwas trockenen Chronologie lesen kann. Sie wurden von "forum"-Mitarbeiter Fernand Fehlen zusammengefaßt, der zusammen mit Pierre Mores und Georges Gudemburg die Diskussion moderierte.

Die Abschaffung der Collation des Grades

Die Collation des Grades war ein System, nach dem die Luxemburger ihre Studien zwar im Ausland absolvierten, aber in Luxemburg von einheimischen Jurys geprüft wurden. Dies brachte eine große Freiheit für Luxemburger Studenten mit sich, die sich als freie Studenten an den Unis einschreiben konnten und bedenkenlos die Unis, ja sogar das Land wechseln konnten. Die Prüfung beschränkte sich auf reines Abfragen eines auswendiggelernten Wissenskanons und führte zu einer intellektuellen Inzucht, dadurch daß lokale Luxemburger "Größen", die meistens keinen Kontakt mit dem Forschungsbetrieb hatten, munter ihre Doktortitel vergaben.

Die Collation des Grades war eine paradoxe Geschichte: Luxemburg war nicht im Stande, eine Universität auf die Beine zu stellen, was aber genau jene Leute, die dies nicht fertiggebracht haben,

nicht daran hinderte, andere zu prüfen, die ein Unistudium hinter sich hatten. Mario Hirsch, hat das Ende dieses Systems miterlebt.

Ich gehöre zu der Generation, die von der Abschaffung der Collation des Grades besonders betroffen war. Ich habe mein Abitur 1968 gemacht, und damals stellte sich die Frage, was soll man im September machen? Das Gesetz zur Abschaffung der Collation des Grades war auf dem Amtsweg; der Erziehungsminister hat versucht, das Gesetz vor den Ferien durchzuboxen; es war übers Knie gebrochen und enthielt einige sehr verschrobene Gedanken, wie z. B. die Beibehaltung eines luxemburgischen Staatsdoktorats, so daß es etliche Probleme gab und niemand wußte was geschehen würde.

Ich habe also mein Abitur Anfang Juli gemacht und ich mit meinen Eltern diskutiert, ob ich zur

Uni gehen sollte. Meine Generation hatte das alte System satt und hat in dem neuen Gesetzesprojekt die Möglichkeit gesehen, weg zu kommen, aber die Situation war unklar. Das Parlament hatte zwar die Gesetzesvorlage verabschiedet, da aber der Staatsrat einige Einwände hatte, wurde das Ganze blockiert, und wir wußten nicht was tun. Unsere Eltern gaben in dieser Situation die Parole aus, erstmal abwarten und auf den Cours Universitaire gehen. Aber komischerweise, und dies ist eine Hommage, die ich Jean Dupong machen muß, wartete dieser nicht auf die definitive Verabschiedung des Gesetzes, sondern er paßte den Cours

Place d’Armes 22.5.1986

Supérieur auf dem Verordnungswege an die neue zu erwartende Situation an, und machte daraus ein regelrechtes erstes Uni-Jahr. Zuvor war dieser Cours etwas recht komisches, eine Art Prima mit etwas höherem Niveau, auf dem man etwas Philosophie nachholen konnte. Propädeutik nannte man das. Dies zeigt wie schlau unsere Regierung damals gehandelt hat, sie hat Ballast abgeworfen, um an der Macht zu bleiben. In dieser Perspektive sehe ich auch die Abschaffung des Militärdienstes 1967 und die Einführung der Laienmoral und der dritten Möglichkeit zur gleichen Zeit als in Paris die Maiunruhen waren. Auch wenn es nicht bewußt geschah, so kann man es retrospektiv doch als Anstrengung der konservativen Machthaber verstehen, "pour lâcher du leste". Und zumindest Pierre Dupong darf man unterstellen, daß er wußte, was er tat.

Die Collation des Grades war etwas Groteskes. Ich habe – wie eben berichtet – das erste Jahr noch teilweise erlebt. Ich habe Jura studiert und hatte es mit einer Jury von ergrauten Herren zu tun, die sich das reaktionärste unter den französischen Rechtskompendien ausgewählt hatten. Diese Herren saßen also da und verfolgten mit dem Finger die Texte, die man auswendig aufsagen mußte. Das waren Wälzer von zweitausend Seiten und wenn ein Komma fehlte, wurde man unterbrochen, und wenn mehrere Kommas fehlten, war man durchgefallen. Dieses System war eine Demütigung und eine Zumutung und es warf die Frage auf, ob ein kleines Land wie Luxemburg überhaupt universitäre Examen abhalten kann.

Der einzige, der sich bei der ersten Lesung in der Kammer gegen eine Abschaffung ausgesprochen hat, war Georges Margue. Sein Argument: "Nous savons ce que nous abolissons, nous ignorons ce que sera mis en place". Und dann nimmt er direkt Bezug auf die Mai-Ereignisse, und dies bereits im Juni 68: "Est-ce vraiment bien le moment à l’heure actuelle d’extrader une bonne partie de nos étudiants entre les mains de l’université française qui se trouve dans un désarroi jamais encore vu. On a reproché à notre système de tenir ses examens en automne, au moins sait-on quand les examens auraient lieu…" (…)

Am 22. Mai 68 war die Collation des Grades Anlaß für die erste große Schüler- und Studentendemonstration in Luxemburg. Das LW schrieb am 24.5.68: "Die Nachmittags Kundgebung stand unter anrüchigem Vorzeichen, da das vormittägliche Meeting tatsächlich an Folklore erinnerte, gar zu übelster Geschmacklosigkeit ausartete. Simple Verse mit Bezug auf Regierung, Parlament und Staatsrat – sind diese tatsächlich von Studenten der Oberkurse verfaßt worden? – sind nach der Melodie von ‚O Mamm, léif Mamm‘ gegrölt worden." Ob es wirklich so war, wie dieses Luxemburger Wort-Zitat glauben machen will, weiß Jean-Paul Wictor, einer der Mitinitiatoren der

Photo aus Républicain Lorrain, 28.4.1971
contremanifestants

Hauptkritik am Gesetz, das dann 1969 verabschiedet wurde, ist das Problem der Homologation, das heißt, die gleichen Leute, die vorher in der Jury der Collation des Grades saßen, maßen sich jetzt an, zu entscheiden, ob ein Diplom von Cambridge, von der Sorbonne oder vom MIT den hohen intellektuellen luxemburgischen Maßstäben gerecht wurde. Dies hat die UNEL schon damals gesehen, als sie in einem Avis schrieb: "La nouvelle loi constitue une Super-Collation des Grades, car le barrage se situe après les études alors que le barrage actuel est situé au cours des études". Und mit dem Homologierungssystem haben wir in der Tat noch heute Schwierigkeiten und die damalige Forderung ist immer noch aktuell: "L’UNEL aimerait que le gouvernement luxembourgeois reconnaisse une fois pour toute le niveau actuel des universités des grands pays comme acceptable même pour nos besoins particuliers." Gibt es eine Luxemburger Mathematik, eine Luxemburger Pharmazie? Gegen die Abschaffung stemmten sich vor allem die Juristen, die auf die Besonderheit unseres Rechts pochten, da das Luxemburger Rechtssystem einmalig auf der Welt sei. Und das hat auch dazu beigetragen, das Gesetz um ein Jahr zu verschleppen, was ungewohnt in unserer parlamentarischen Geschichte ist, besonders, da der Minister ja auch Druck gemacht hat.

So kam der Mai nach Luxemburg

Demonstration:

Wir waren damals auf dem Cours Supérieur. Im Februar oder März wurde eine Gesetzesvorlage zur Abschaffung der Collation des Grades vorgelegt. Wir wollten ganz einfach wissen, ob das Gesetz durchkommen würde oder nicht, und dies bevor wir uns in einer Uni im Herbst einschreiben mußten. Wir bekamen keine Antwort, dies war umso unbefriedigender, da wir beschlossen hatten, das System der Collation des Grades nicht mitzumachen. Unter dem Druck unserer Eltern waren wir auf den Cours gegangen, aber unsere Studien wollten wir doch richtig im Ausland machen.

Wir haben die Form übernommen, wir wollten auf die Straße gehen, um zu sagen, was uns am Herzen lag. Von den Inhalten des Pariser Mai hatten wir keine Ahnung.

Und dann kam Mai 68 und wir dachten, weshalb sollten nicht auch wir eine Demo machen. Das heißt, wir haben die Form übernommen, wir wollten auf die Straße gehen, um zu sagen, was uns am Herzen lag. Von den Inhalten des Pariser Mai hatten wir keine Ahnung. Wir hatten abgemacht, daß die Demo absolut apolitisch sein sollte und sich auf das einzige Ziel der Abschaffung der Collation des Grades beschränken sollte. Wir wußten wenig vom eigentlichen Gesetzestext, erst Alice Harf, die damalige Präsidentin der UNEL hat uns in aller Eile aufgeklärt, um was es eigentlich ging, um so zu vermeiden, daß wir dem Unterrichtsminister beim Durchpeitschen seines Entwurfes behilflich seien. So war darin z.B. ein luxemburgisches Staatsdoktorat vorgesehen, mit dem die Linke nicht einverstanden war. Wir haben uns trotzdem nicht von unserer Demonstration abbringen lassen.

Das mit den Liedern war eine rein organisatorische Idee. Wir gingen davon aus, daß viele kommen würden – und das hatte auch mit Mai 68 zu tun -, die Schülerparlamente hatten ihre Teilnahme angesagt. Wir machten also Lieder, in denen unser Anliegen formuliert wurde, um zu verhindern, daß andere Lieder in der Preislage von "Los se lafen…" gesungen wurden.

"Schlof gudd Conseil…" hieß ein Text, der auf den Staatsrat anspielte, der in unseren Augen nicht schnell genug arbeitete. "Frot dir no alle Säiten hin, dat könne keng Diplomer sinn." Oder "Eng Reform zu Lëtzebuerg ass eng schwéier Sach, ass se gudd

könnt se nét duerch, könnt se duerch ass se eng Blamage". Wir mußten natürlich auf Melodien zurückgreifen, die jeder kannte, und so kamen wir zu Hänschen-Klein und natürlich auch zu O-Mam-léw-Mam, ohne uns etwas Böses zu denken.

Die Form unseres Protestes war die, die wir im Fernsehen gesehen hatten, aber der Inhalt war ziemlich vage, er hat sich eigentlich erst in der Diskussion in der UNEL im Dezember 1968 herauskristallisiert. Dort wurde die Frage aufgeworfen, sollen wir die UNEL als Studentengewerkschaft mit rein ständischen Forderungen verstehen oder sollen wir unsere Forderungen in den Rahmen der Gesamtgesellschaft stellen, da man die Lage des Studenten nicht losgelöst von der Lage der Arbeiter sehen konnte. Die Inhalte des Mai hatten uns also erreicht. Sollte die UNEL also korporatistisch oder kontestatär bzw. revolutionär werden?

Bei der revolutionären Ausrichtung der UNEL spielte das schöne Wetter eine wesentliche Rolle. Zur Vollversammlung waren nur 40 Studenten gekommen, es mußten noch schnell einige zusammengetrommelt werden, um das Quorum von 45 zu erreichen, und die entscheidende Motion, daß die Luxemburger Studenten ihre Interessen im Zusammenhang der Gesamtgesellschaft und in der Solidarität mit der Arbeiterschaft zu sehen hätten, wurde mit ich glaube 23 gegen 22 Stimmen angenommen, der prärevolutionäre Zustand wurde proklamiert, und damit war der Mai auch in Luxemburg ausgebrochen.

Die Wühlmäuse kommen

Während die Initiatoren der Kundgebung apolitisch waren und mit der organisierten Linken, der ASSOSS, keine Verbindung hatten, waren die Escher Schüler, die auch an der Demonstration am 22. Mai 1968 teilnahmen, radikaler. Charel Doerner, der damals zu der Aktivistengruppe am Lycée de Garçons gehörte, aus der später die berüchtigte Schülerzeitung "Roud Wullmaus" hervorging, berichtet:

Am Lycée in Esch gab es 1968 eine Zelle des Clan des Jeunes: Frank Feitler, Paul Koch und ich, sowie ein weiteres halbes dutzend Schüler von Troisième. Wir wurden agitiert von zwei, drei älteren Schülern von Première, die direkten Kontakt mit den Leuten von der ASSOSS hatten. Wir haben viele deutsche Publikationen gelesen, z.B. Konkret. Wir hatten den Streik bewußt in einem kleinen Gremium vorbereitet, als es dann aber ernst wurde, waren die Älteren plötzlich nicht mehr da, weil sie sich – so sagten sie – auf ihr Abitur vorbereiten mußten. Dadurch wurden wir einfach gezwungen, selber initiativ zu werden. Wir hatten natürlich große Angst. Für uns war das wirklich ein Bruch, und am Tag vor dem Streik sagte Frank: "Wenn der Streik in die Hose geht, dann müssen wir weg." Wir haben es als Bruch mit der Autorität, mit der Schule, mit dem Elternhaus, ja mit der ganzen Gesellschaft empfunden. Wir haben das Ganze als schlimmer empfunden, als es wirklich

war.

Der Streik war erfolgreich: wir hatten eine große Versammlung im Festsaal der Schule einberufen, und wir haben die Diskussion geleitet auf der Basis eines Dokumentes, das wir vorher ausgearbeitet hatten. Es konzentrierte sich auf das neue Disziplin-Reglement. Wir hatten uns mit den Einzelheiten auseinandergesetzt: da stand zum Beispiel drin, daß der Schüler am Sonntag in die Messe muß, er muß auch in seiner Freizeit ein seiner Schule würdiges Verhalten an den Tag legen, er muß die Schulleitung respektieren – in einem Wort: Autorität, Autorität und nochmals Autorität. Auf dieser Ebene haben wir das Reglement angegriffen und wir forderten die Abschaffung dieses Reglements und ein neues mit Drittel-Parität, ein Begriff, den wir aus der deutschen Bewegung übernommen hatten: drei gleichberechtigte Gruppen: das Ministerium mit der Schulverwaltung, die Lehrerschaft und die Schüler sollten sich gleichberechtigt gegenüberstehen. Diese Forderung wurde praktisch einstimmig gutgeheißen, und die Leute aus Esch, die zur Demo gingen, waren dank unserer Agitation stärker politisiert als die meisten Demonstranten. Wir fühlten uns zwar solidarisch mit den Studenten vom Cours, aber für uns war das nur ein Aufhänger.

Die Bewegung ging dann in Esch weiter, auf der

Wir hatten natürlich große Angst. … vor dem Streik … Wir haben es als Bruch mit der Autorität, mit der Schule, mit dem Elternhaus, ja mit der ganzen Gesellschaft

Versammlung war schon ein Gremium gewählt worden, das Wahlen für ein Schülerparlament vorbereiten sollte, es kam zu scharfen Auseinandersetzungen mit dem Schulleiter, der richtig in Panik geriet. Ich muß aber sagen, daß viele Lehrer auf unserer Seite waren und uns unterstützt haben, so daß es dann doch noch mit der Erlaubnis der Direktion zu den Wahlen kommen konnte. (…)

Neben der Schule kam es zu einer politischen Polemik: es gab eigentlich nur zwei Gruppen: der Clan des Jeunes, den man als links bis linksradikal bezeichnen konnte, und dann eine liberale Gruppierung. Der CLAN gewann die Wahlen, und es gab dann weiter eine Auseinandersetzung unter den Schülern, die sich immer weiter zuspitzte, der linksradikale Teil hatte damals den Wind in den Segeln, und aus dieser Gruppe heraus ist dann die ‚Roud Wullmaus‘ entstanden.

Die ersten Sporen verdienten wir uns aber noch als Clan des Jeunes mit einer Broschüre, welche die Frage nach der Autorität und dem Lebensstil, sprich die sexuelle Frage, aufwarf. "Pillen statt Milchautomaten" war eine der Forderungen. Wir wurden zum Direktor zitiert, der herausfinden

wollte, wo diese Broschüre gedruckt worden sei. Wir hatten das Papier vom Vater des Useldinger Ady bekommen, weil die KP versuchte, einen Einfluß auf die Schülerbewegung zu bekommen. Gedruckt haben die Kommunisten die Broschüre allerdings nicht, weil sie ihnen zu radikal war. Und kurz darauf distanzierte sich die "Zeitung" auch von uns "Sexrevolutionsjüngern". Die Broschüre wurde im ganzen Land vor den Schulen verkauft, und in Diekirch hat die Schulleitung auf Druck des Aumoniers hin uns dann den Prozeß gemacht. Doch das Verfahren wurde eingestellt. (…)

Der Kern der Escher Bewegung hatte 68 große Sympathien für die Kommunistische Partei, doch das änderte sich mit der Intervention der Sowjetunion in der Tschechoslowakei. Danach wurde er immer stärker von der chinesischen Kulturrevolution angezogen, und die Sowjetunion wurde dann später auch von der Wullmaus als sozialimperialistische Großmacht angegriffen, die eigentlich noch schlimmer als die US-Imperialisten sei.

Als die erste Wullmaus dann herauskam, war ich schon im Ausland auf der Uni. Die erste Nummer hatte eine Auflage von zwei- bis dreihundert. Sie

IN LETZTER MINUTE :

Am 26. Tage des Wonnomenats Mai wurde das Urteil in Sachen "RWH" gesprochen: die weltlichen Richter der Wullmaus griffen dem himmlischen Herr über Gut und Bös‘ vor und ver- donnerten die verantwortlichen Herausgeber besagten Schmutz- blattes zu je einem Monat Ge- fängnis (mit Bewährung) und je einer Geldbusse von Fränkli 7000.- ausserdem soll dem in seiner Ehre geschädigten Pater P. Holtz, einem geschworenem Feind des Al- kohols, einem grossen Wissenschaft- ler (besondere Verdienste hat er sich auf dem Gebiete der Sexual- forschung erworben, wo er die glei- chen revolutionären Thesen vertritt wie der Pater Pereira S.J. und das "Schweizer Lexikon"!), anstatt der verlangten 30 000.- Fr. deren 5 000.- ausgezahlt werden, ausserdem dürfen die Wühlmaus-Sündenböcke während 5 (fünf) Jahren keine Schankwirtschaft betreiben, was ja eine argo Strafe dar- stellt, da sie solcherweise auf einen sympathischen Stammkunden verzichten müssen (es war nämlich geplant in der rue Notre-Dame das Haus Schintgen zu übernehmen, allwo ein philoseffierender Pater öfters am runden Tisch sich mit grosser Inbrunst den Pättchen widmet!). Schlussendlich müssen die verantwortlichen Herausgeber die Gerichtskosten tragen

HE’ERT DER? ELÖ PLANGEN SE OCH NACH ENG PROZESS- SONDERNUMMER! WÄT HUNTER EN DANN NÜHME GEDÖ?!

LÖSS DE‘ GROß SEE AM KELLER KÄTT, HEI GÉT DE‘ KLENG SCHONS DVER!

Wullmaus- Prozess

war auch relativ trocken, aber im Laufe der Zeit hat das sich schnell geändert. Von den Schülern kamen Zuschriften über einzelne Lehrer und verschiedene Mißstände. Diese wurden in der Rubrik "Drecksschleider, frech a gemeng" veröffentlicht. Dort wurden die Lehrer unter Nennung ihres Namens und ihres Spitznamens auseinander genommen. Daneben wurde auch das Herrscherhaus angegriffen, unter dem Stichwort "Neues aus Kolmarshausen", wurde in der Nummer Sieben – die Auflage war inzwischen auf zwei- bis dreitausend gestiegen -, das Herrscherpaar als Donald und Daisy Duck dargestellt, hinter einer Hecke war auch Lupo zu sehen, der Daisy unter den Rock griff, versehen mit dem Kommentar "der böse Gärtner". Wir waren also wirklich frech und gemein bzw. anti-autoritär.

Großes Aufsehen erregt hatte auch in der Nummer 5 ein Artikel über das Onanieren unter dem Titel: "Vögeln muß man jeden Tag … (frisches Wasser geben), alte Volksweisheit". Es gab auch eine Karikatur, die zeigte einen Mann und eine Frau unter einem Bettlaken in einer eindeutigen Position. Daneben stand ein älterer Herr, mit langem Bart

und einem Dreieck über dem Kopf. Unter seinem Nachthemd, sah man an entsprechender Stelle eine Ausbeulung, er hob das Bettuch an und über dem ganzen konnte man ein Katechismuszitat lesen: "Gott ist im heiligen Bunde der Ehe der Dritte." Für damals und für Luxemburg ging das ziemlich weit, und da trat Pater Holtz, ein Religionslehrer, der schon drei, viermal in der Drecksschleuder angegriffen worden war, auf den Plan und erstattete Anzeige. (…)

Verantwortlicher Herausgeber war laut Impressum Jean Heisbourg, ein gewisser Jängi Schmitz, der nie gefunden wurde und dessen Wohnsitz mit Havanna angegeben wurde, sowie Jean-Paul Sartre. Das Ganze war ziemlich lächerlich. Der Prozeß und die Sondernummer in der die ganze Problematik der Klassenjustiz aufgearbeitet wurde, trieb die Auflage weiter in die Höhe.

Im Laufe der Jahre bekamen dann die weniger humorvollen Leute immer mehr Einfluß. Die Artikel wurden braver, weniger konkret aber dafür ideologischer. Die Wullmaus verknöcherte, und die Auflage sank.

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