Der Glaube, der die Erde liebt
Von dem innersten Geheimnis der Osterbotschaft (aus: Publik-Forum 7, 1976)
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Karl Rahner
Der Glaube,
der die Erde liebt
Von dem innersten Geheimnis der Osterbotschaft
Was Karl Rahner im Jahre 1967 zur österlichen Botschaft sagte, ist so aktuell wie damals. Der Glaube, der die Erde liebt, ist ein Programm, das nach wie vor als ein Parteiprogramm der Links-Christen verdächtigt wird. Es ist aber der gleiche Glaube, der die Erde und den Himmel liebt. Bei dem folgenden Beitrag handelt es sich um einen Auszug aus Karl Rahners „Glaube, der die Erde liebt“, Herder 1967, Band 266. Dabei hat die Redaktion versucht, bei den Kürzungen den Hauptgedanken des Beitrages durchzuhalten.
Die Osterbotschaft ist die menschlichste Kunde des Christentums. Darum verstehen wir sie am schwersten. Wir Menschen von heute leben nämlich aus dem unausgesprochenen und darum uns um so selbstverständlicheren Vorurteil, das Religiöse sei bloß eine Sache des inwendigsten Herzens. Ostern aber sagt: Gott hat etwas getan. Er selbst. Und seine Tat hat nicht bloß da und dort das Herz eines Menschen leicht berührt, auf daß es leise erzittere. Gott hat seinen Sohn auferweckt. Gott hat das Fleisch lebendig gemacht. Er hat den Tod besiegt, wo es gar nicht auf die bloße Innigkeit des Gemütes ankommt, dort, wo wir ja doch — trotz allen Preisens des Geistes — am wirklichsten wir selber sind, in der Wirklichkeit der Erde, weit weg von allem bloß Gedanklichen und bloß Gesinnungshaften, dort, wo wir erfahren, was wir sind: Kinder der Erde, die sterben. Geburt und Tod, Leib und Erde, Brot und Wein ist unser Leben; die Erde ist unsere Heimat. Gewiß muß in all dem wie eine geheime Essenz der Geist beigemischt sein, der feine, zarte, der sehende Geist, der ins Unendliche schaut, und die Seele, die alles lebendig macht und leicht. Aber der Geist und die Seele müssen da sein. Da, wo wir sind, auf der Erde und im Leib, als der ewige Glanz des Irdischen, nicht wie ein Pilger, der, unverstanden und selber fremd, einmal in einer kurzen Episode, wie ein Gespenst, über die Bühne der Welt wandert. Wir sind zu sehr Kinder dieser Erde, als daß wir aus ihr einmal endgültig auswandern wollten.
Wir sind von hier. Aber wenn wir der Erde nicht treulos werden können, dann sind wir
in einem damit krank an einem geheimen Schmerz, der tödlich im Innersten unseres
Abgestiegen in das Herz aller Dinge
irdischen Wesens sitzt. Die Erde, unsere große Mutter, ist selbst bekümmert. Sie stöhnt unter der Vergänglichkeit. Ihre fröhlichsten Feste sind plötzlich wie der Beginn einer Totenfeier, und wenn man ihr Lachen hört, zittert man, ob sie nicht im nächsten Augenblick unter einem Gelächter weint. Sie gebiert Kinder, die sterben, die zu schwach sind, um immer zu leben, und zu viel Geist haben, um anspruchslos auf die ewige Freude verzichten zu können, weil sie, anders als die Tiere der Erde, schon das Ende sehen, bevor es da ist.
Ist Christus der Herr von den Toten auferstanden oder nicht? Wir glauben an seine Auferstehung, und also bekennen wir: er ist gestorben, abgestiegen ins Totenreich und auferstanden am dritten Tag! Aber was heißt das?
Gestorben heißt nicht (wie wir eigentlich sehr unchristliche Spiritualisten kurzsichtig meinen): sein Geist und seine Seele, das Gefäß seiner ewigen Gottheit, habe sich der Welt und Erde entrungen, sei gewissermaßen in die weite Herrlichkeit Gottes jenseits aller Welt geflüchtet, weil die mörderische Erde gezeigt habe, daß das Kind des ewigen Lichtes keine Heimat in ihrem Dunkel habe finden können. Gestorben sagen wir, und fügen gleich hinzu: abgestiegen ins Totenreich und auferstanden, und damit bekommt das „Gestorbene“ einen ganz andern als jenen weltflüchtigen Sinn, den wir dem Tod beizulegen versucht sind. Jesus hat selbst gesagt, daß er hinuntersteigen werde ins Herz der Erde (Mt 12, 40), dorthin, eben in das Herz aller irdischen Dinge, wo alles verknüpft und eins ist und wo inmitten dieser Einheit der Tod und die Vergeblichkeit sitzt. Er ließ sich besiegen vom Tod, daß dieser ihn ins Innerste der Welt hineinverschlinge, damit er, abgestiegen zu den Müttern und der wurzelhaften Einheit der Welt, ihr sein göttliches Leben für immer einstifte. Weil er gestorben ist, gehört er erst recht dieser Erde.
Wenn der Leib eines Menschen in das Grab der Erde gebettet wird, geht der Mensch —
die Seele, wie wir sagen —, obwohl er im Tod gottunmittelbar wird, erst recht die endgültige Einheit ein mit jenem geheimnisvollen Grund, in den alle raum-zeitlichen Dinge zusammengeknotet sind und wie aus einer Wurzel leben. In dieses Unterste und Tiefste aller Sichtbarkeit ist der Herr im Tod hinabgestiegen. Dort ist jetzt er und nicht mehr die Vergeblichkeit und der Tod. Im Tod ist er das Herz der irdischen Welt geworden, göttliches Herz in der Herzmitte der Welt, wo diese noch hinter ihrer Entfaltung in Raum und Zeit ihre Wurzel in die Allmacht Gottes senkt. Aus diesem Herzen aller irdischen Dinge ist er auferstanden. Auferstanden, nicht um schließlich doch von dannen zu gehen.
Er ist ja auferstanden in seinem Leibe. Er hat schon begonnen, sich diese Welt anzuwandeln, er hat die Welt für ewig angenommen, er ist aufs neue geboren als Kind der Erde, aber jetzt der verklärten, der befreiten, der entschränkten.
Er ist auferstanden, nicht, um zu zeigen, daß er das Grab der Erde endgültig verlasse, sondern um zu erweisen, daß eben dieses Grab der Toten — der Leib und die Erde — sich endgültig verwandelt hat in das herrliche, unermeßliche Haus des lebendigen Gottes und der gotterfüllten Seele des Sohnes. Er ist nicht auferstehend ausgezogen aus der Hütte der Erde. Denn er hat ja noch, sogar endgültig und verklärt, den Leib, der ein Stück der Erde ist.
Was wir seine Auferstehung nennen und unbedacht als sein privates Schicksal betrachten, ist nur auf der Oberfläche der
ganzen Wirklichkeit das erste Symptom dafür, daß alles schon anders geworden ist in der wahren und entscheidenden Tiefe aller Dinge. Seine Auferstehung ist wie das erste Ausbrechen eines Vulkans, das zeigt, daß im Innern der Welt schon das Feuer Gottes brennt, das alles zum seligen Glühen in seinem Licht bringen wird. Er ist auferstanden, um zu zeigen: es hat schon begonnen. Schon schaffen von der Herzmitte der Welt aus, in die er sterbend hinabdrang, die neuen Kräfte einer verklärten Erde, schon ist im Innersten aller Wirklichkeit die Vergeblichkeit, die Sünde und der Tod besiegt, und es braucht nur noch die kleine Weile, die wir die Geschichte nach Christi Geburt nennen, bis überall und nicht nur im Leibe Jesu in Erscheinung tritt, was eigentlich schon geschehen ist. Weil er nicht an den Symptomen der Oberfläche begann, die Welt zu heilen, zu retten und zu verklären, sondern an der innersten Wurzel anfing, meinen wir Wesen der Oberfläche, es sei nichts geschehen. Weil die Wasser des Leidens und der Schuld dort noch fließen, wo wir stehen, wähnen wir, ihre Quellkammern in der Tiefe seien noch nicht versiegt. Weil die Bosheit noch immer neue Runen in das Angesicht der Erde zeichnet, schließen wir, im tiefsten Herzen der Wirklichkeit sei die Liebe gestorben. Aber es ist alles nur jener Schein, den wir für die Realität des Lebens halten.
Wenn wir ihn bekennen als aufgefahren zu den Himmeln Gottes, so ist das nur ein anderes Wort dafür, daß er uns die Greifbarkeit seiner verklärten Menschlichkeit eine
Weile entzieht, und vor allem dafür, daß kein Abgrund mehr ist zwischen Gott und der Welt.
Christus ist schon inmitten all der armen Dinge dieser Erde, die wir nicht lassen können, weil sie unsere Mutter ist. Er ist im namenlosen Harren aller Kreatur, die, ohne es zu wissen, harrt auf die Teilnahme an der Verklärung seines Leibes. Er ist in der Geschichte der Erde, deren blinder Gang in allen Siegen und allen Abstürzen mit unheimlicher Präzision auf seinen Tag zusteuert, auf den Tag, an dem seine Herrlichkeit, alles verwandeln, aus ihren eigenen Tiefen brechen wird. Er ist in allen Tränen und in allem Tod als der verborgene Jubel. Er ist in den armseligen Niederlagen seiner Knechte. Er ist in unserer Ohnmacht als die Macht, die schwach zu scheinen sich erlauben darf, weil sie unbesiegbar ist. Er ist selbst noch mitten in der Sünde als das bis zum Ende geduldig bereite Erbarmen der ewigen Liebe. Er ist da als das geheimste Gesetz und die innerste Essenz aller Dinge, die noch triumphiert und sich durchsetzt, wenn alle Ordnungen sich aufzulösen scheinen. Er ist bei uns wie das Licht des Tages und die Luft, die wir nicht beachten, wie das geheime Gesetz einer Bewegung, das wir nicht fassen, weil das Stück dieser Bewegung, das wir selbst erleben, zu kurz ist, um daraus die Bewegungsformel abzulesen.
Darum dürfen wir diese Erde lieben, müssen sie lieben. Ihr Jammer ist zur bloßen Vorläufigkeit und zur bloßen Prüfung unseres Glaubens an ihr innerstes Geheimnis ge-
worden, das der Auferstandene ist. Daß sie der „Leib“ des Auferstandenen ist oder Erde, wie sie ist und wie sie werden soll, dies der geheime Sinn ihrer Not ist, das ist wird. Das Leben Gottes wohnt in ihr. Wenn um unsere ewig freie Heimat zu sein: es ist nicht unsere Erfahrung, aber unser Glaube. wir den Gott der Unendlichkeit suchen (wie ein Weg zu beiden. Der Glaube, der die Erde lieben kann, weil könnten wir es lassen?) und die vertraute in: Publik-Forum Nr. 7/76
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