Uns wird die Rechnung präsentiert

aus: Publik-Forum, 2.7.1976

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Kein Zweifel: Wir haben zu lange über unsere Verhältnisse und auf Kosten anderer gelebt. Über seine Verhältnisse leben ist gefährlich. Es führt zwangsläufig zur Pleite. — Auf Kosten anderer leben ist inhuman und rücksichtslos. Es provoziert letztendlich den Aufstand der Betroffenen.

Alles dies kann unsere Existenz gefährden. Wir haben beides gleichzeitig getan. Und für beides wird uns jetzt die erste Rechnung präsentiert. Dennoch glauben allzuviele es könnte weitergehen wie bisher.

Man soll nicht mehr verbrauchen als man hat. Das Gegenteil aber war jahrzehntelang unser Motto. Immer mehr und immer schneller. Bedenkenlos angeheizt von allen die daran verdienten. Ohne Rücksicht auf Umwelt und Natur.

Man soll andere nicht ausbeuten und übervorteilen. Das aber haben wir jahrhundertelang getan. Durch Unterdrückung und Gewalt. Durch Erpressung und Preisdiktat. Ohne Rücksicht auf die Folgen und die Betroffenen.

Gäbe es auf der Erde nur die Industrienationen — wir alle wären ungleich ärmer. Wir müßten härter arbeiten und könnten uns dennoch viel weniger erlauben. Denn unser Wohlstand resultiert nur zum Teil aus unserer Leistung.

Unser Wohlstand resultiert vor allem aus unserem Egoismus, mit dem wir Völker und Vorräte weltweit ausgebeutet haben. Auf Kosten von Vernunft und Menschlichkeit. Sogar auf Kosten unserer eigenen Kinder.

Man kann eine Pleite eine Weile vor sich beschrieben. Durch leere Versprechungen und Investitionsgetue. Durch Bluff und Schuldenmachen. Durch Wechselreiterei und ungedeckte Schecks. — Der endgültige Zusammenbruch wird um so schlimmer.

Man kann den Aufstand der Unterdrückten lange hinauszögern. Durch Zusagen und kleine Zugeständnisse. Durch Drohung oder noch größere Gewalt. Die endgültige Revolte wird aber um so folgenschwerer.

Ein Reicher kann eine bestimmte zeitlang mit Armen in einem Hause leben. Er kann ihnen die Schmutzarbeit zuteilen und sich selbst die angenehmen Tätigkeiten. Er kann ihnen den gerechten Lohn verweigern und sich selbst unnützen Luxus kaufen. Er kann ihren Besitz für ein Spottgeld nehmen und die eigenen Produktionspreise immer höher schrauben. Er kann sie hungern und verbungers lassen und selbst ein Mehrfaches der notwendigen Nahrungsmittel verschwenden. — Eines Tages werden sich

die Armen im Hause zusammentun und ihren Anteil fordern.

Die derzeitige Krise ist eine erste Warnung. Ein ernstzunehmender Hinweis auf sich abzeichnende Katastrophen. Nur durch Umdenken und schnelles Reagieren können wir ihnen entgehen. Aber die Phantasie- und Hilflosigkeit der Verantwortlichen in den Wohlstandsländern ist erschütternd. Man versucht weiter die Probleme von heute mit den Mitteln von vorgestern zu lösen. Aber die alten Rezepte tun es nicht mehr. Können es nicht mehr tun. Sie waren schon gestern falsch und sind die Ursachen der heutigen Krise.

Die Krise könnte Lehre und Chance zugleich sein. Vielleicht die letzte Chance, Egoismus und Kurzsichtigkeit zu überwinden, Rückwärtsgewandtheit durch Nach-vorne-denken zu ersetzen. Vielleicht die letzte Chance, uns endlich als vernunftbegabte Lebewesen zu erweisen: als Menschen. Wir Bürger der westlichen Wohlstandsländer sollten neu anfangen.

Nicht diejenigen, die heute nach Umdenken und Kursänderung rufen, sind die Utopisten und Illusionisten. Die den alten Kurs beibehalten wollen, sind es.

Helmut Creutz

in: P.-F. 2. 7. 1976

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