Autorität macht dumm! Autorität tötet!

aus: Graswurzelrevolution, Juni 1976

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‚ICH SAGTE MIR : ‚LIEBER GOTT, JETZT IST ER TOT; ALSO SCHÖN, BRINGEN WIR IHN GANZ UM.‘ UND ICH MACHTE SO WEITER BIS ZU 450 VOLT.‘

Nette Leute sind es gewesen, Menschen wie du und ich, die sich freiwillig gemeldet hatten, um an einem wissenschaftlichen Experiment teilzunehmen, das Stanley Milgram 1960 begonnen hatte.

Ein Versuchsleiter im grauen Kittel empfing sie und erklärte den Zweck des Experiments : Es gehe um die wissenschaftliche Erforschung von Gedächtnisleistung und Lernvermögen, und zwar unter Anwendung von Strafe. Darüber gäbe es zwar bislang kaum wissenschaftliche (!) Untersuchungen. Das Verhältnis Lehrer-Schüler steht also im Mittelpunkt der Versuche. Ein Apparat schiebt sich dazwischen, das kann nicht folgenlos bleiben : Die freiwilligen Versuchspersonen sollen einen ‚Lehrer‘ spielen, der seinen Schüler Wortpaare kombinieren lässt. Der Schüler sitzt im Nebenraum auf einer Art elektrischem Stuhl, und jedesmal wenn er eine Frage falsch beantwortet, wird er mit einem Elektroschock gestraft.

Der Lehrer setzt sich nun an den Schockgenerator.(…) Die Beschriftung des Kastens zeigt von 15 bis 450 Volt, in 15-Volt-Schritten. Daneben steht : leichter, mässiger mittlerer, kräftiger, schwerer, sehr schwerer Schock, dann ‚Gefahr: bedrohlicher Schock‘. Die beiden letzten Schalter zeigen nur noch ‚XXX‘.

Aufgabe des Lehrers ist es, dem Schüler bei jeder falschen Antwort einen stärkeren Schock zu verabreichen, wobei er dem Schüler vor jedem Schock die Voltzahl mitteilt.

Das Ergebnis überstieg alle Erwartungen. Offenbar sind viele zu dieser Art Pädagogik berufen. Die grosse Mehrheit der Versuchsteilnehmer, wie gesagt keineswegs erlesene Sadisten, sondern ganz normale Bürger, schweigende Mehrheit, neue Mitte, Otto Normalverbraucher ging bis zum bitteren Ende. Einer fragte, als er 450 Volt gegeben hatte, ratlos geworden, was jetzt zu tun sei.

Beim ersten Versuch Milgrams war der Schüler unsichtbar. Bei 300 Volt hämmerte das Opfer an die Wände, dann wurde es still. 65% aller Versuchsteilnehmer gaben dreimal den maximalen Schock.

‚DU KANNST DICH JETZT EICHMANN NENNEN‘

Auch wenn sie ihr Opfer sehen konnten und sogar wenn der Schüler schrie, wimmerte, die Antwort verweigerte oder endgültig verstummte- die Hälfte der Versuchspersonen ging bis zu 450 Volt. Selbst wenn das Opfer einen Herzfehler hatte, wenn der Täter Krankenschwester oder Sozialhelfer war : es bedurfte nur der legitimierten Autorität des Versuchsleiter, der eindringlich sagte : ‚Bitte fahren sie fort‘ oder ‚Ob es dem Schüler passt oder nicht, sie müssen weitermachen bis er alle Wortpaare ex-

akt gelernt hat‘, dann waren die Mehrheiten, schweigend und mit zusammengebissenen Zähnen oder auch fragend, bittend, protestierend bereit, dem Opfer Schmerzen zuzufügen. Das ging soweit, dass sogar die Hand des Schülers auf eine Platte gedrückt wurde, die die Schocks gab.

Menschen, die in ein Autoritätsverhältnis gestellt sind (in diesem Fall ist es unter anderem der graue Kittel, die Uniform des Wissenschaftlers oder Technikers, die Autorität symbolisiert) erwarten, dass man ihnen sagt, was zu tun ist. Es ist einer

da, der weiss wie’s weitergeht. Die Inzenierung des Laboratoriums, der gute Zweck des Ganzen (Wissenschaft und Forschung, einer der wichtigsten Mythen, wirksam bis nach Auschwitz), schliesslich die Annahme, man dürfe etwas, wozu man sich ‚freiwillig‘ verpflichtet hat, nicht verweigern und natürlich die gesammelten Vorerfahrungen mit Gehorsam, Pflichterfüllung und den Gefahren, die Widerstand mit sich bringt – das alles führt dazu, dass der Angepasste zu jeder Barbarei fähig ist. Und wer könnte ausschliessen, so ein Lehrer zu sein?

‚ICH BIN JA NICHT OHNE GRUND HIER, ALSO MUSSTE ICH ES TUN.‘

Die Lehrer/Opfer leiden oft in ihrer ohnmächtigen Macht über das Schüler/Opfer. Sie wissen keinen Ausweg aus ihren widersprüchlichen Impulsen: Mitleid mit dem Opfer, innere Hemmung, jemandem wehzutun, Gewissen contra Bemühen, eine Aufgabe ordnungsgemäss zu erfüllen, Wunsch, dem Versuchsleiter zu gefallen, Angst, seine Erwartungen zu enttäuschen und dann als Versager betrachtet zu werden… Hysterisches Lachen, Schwitzen, und Zittern eigt die Spannung unter der auch die stehen, die andere mit Elektroschocks prüfen. Aber sie bringen nicht den Mut auf, ‚NEIN‘ zu sagen.

Dass die Autorität der entscheidende Faktor bei dieser erzieherischen Gewalt ist, zeigen einige Variationen des Experiments: Wenn der Schüler weitere Schocks verlangt, um das Experiment zu bestehen, der Versuchsleiter jedoch ablehnt, so lehnen auch alle Lehrer weitere Schocks ab. Wenn der Versuchsleiter das Opfer spielt und ein ‚gewöhnlicher Mensch‘ Befehle erteilt, so brechen alle Lehrer das Experiment auf die erste Bitte des Versuchsleiter/Opfers hin ab. Wenn die Versuchspersonen

neben zwei ihr gleichberechtigten Lehrern sass, die sich weigerten, weitere Schocks zu verteilen, gingen nur noch (immer noch!) 10% der Teilnehmer bis 450 Volt. Das Beispiel der Verweigerung kann also Widerstand ermutigen!

Besonders erschreckend aber ist ein anderes Experiment : Wenn die Versuchsperson nur Hilfsarbeiten ausführt, während ein anderer die Schocks abgibt, so nehmen über 90% ohne Weigerung teil. Wer also selbst nicht direkt destruktiven Beschäftigungen nachgeht, bei dem werden Fleiss, Pflichterfüllung, Erfolg im Beruf und die Verantwortung für die heranwachsende Generation allemal über ein schlechtes Gewissen siegen.

"ABER ES HÄTTE MICH NICHT BEUNRUHIGT, WENN ER TOT GEWESEN WÄRE, ICH ERFÜLLTE MEINE AUFAGABE."

Die Fähigkeit, moralisch zu handeln, findet ihre Grenze an einer Arbeitsteilung, die das Individuum zum nichtigen, auswechselbaren Rädchen einer Maschine macht, deren Produkte, Besitzer und Funktionsweise weithin unbekannt ist. Scheinbar gibt es hier nur ein Versagen und nur eine Schuld : nicht dem zu entsprechen, was fremde und feindliche, aber scheinbar unangreifliche Mächte von uns verlangen. Widerstand wird solchem Bewusstsein sofort zum Verbrechen, zum Versagen, das nach der Vernichtung derer schreit, die unangepasst genug sind, sich ein eigenes Urteil und unter Umständen gar ein NEIN zu erlauben. Das Gefühl der Hilflosigkeit, von dem alle besessen sind, denen Herrschaft ein eigenes Urteil verbietet, legt es den Unterdrückten nahe, Schutz in der Anpassung an die Autorität zu suchen. (…) Jede Strafe zeichnet die aus, die nicht bestraft werden. Auch bei den Milgram-Experimenten, wie in jeder Schule, lässt sich das beobachten. Die Täter geben den Opfern die Schuld : hätten sie sich doch nicht so widerspenstig und dumm angestellt. Dass die Opfer die Dummen sind, ist ja ganz offensichtlich. So fördert der verbreitete Stolz, nicht zu den Versagern, den Geschlagenen, den Dummen eben zu gehören, die Verbrechen, die an denen begangen werden, die angeblich selber schuld sind.

Zugleich verschleiert das Strafsystem mit seinen scheinbar moralischen Verteilungen von Tugend und Laster die zugrundeliegende soziale und ökonomische Trennung : Nicht in Gute und Böse, sondern in Besitzende und Beherrschte teilt sich die Gesellschaft. Es sieht nur so aus, dass die Guten und Fleissigen Erfolg haben, die eigentliche Lehre dahinter ist die : was Erfolg hat ist gut. Wer bestraft wird gut schlecht und und wer arm ist, der muss ja wohl faul sein. Das ist die Moral dieser Gesellschaft! Das steht dem Widerstand entgegen!

Hier tut auch die Pädagogik, was ihres Amtes ist : sie teilt Gewinner und Verlierer. Selbst dort, wo die Strafen, die oft Erbitterung und Trotz bei den Opfern produzieren, durch manipulative Mittel ersetzt werden, also durch Anreize und Belohnungen, bleibt alles beim alten, nur ist die Strafe jetzt verschleiert und der Widerstand unter Umständen weiter erschwert, denn jetzt ist das Ausbleiben von Belohnung eben die Strafe, die die Spreu vom Weizen trennt. (…)

LITERATUR:

in : Graswurzelrevolution, Juni 1976

R.D. Laing : Undurchschaubarkeit und Evidenz in modernen Sozialsystemen in:
Dialektik der Befreiung,
Reinbek b. Hamburg 1969

R. Müller : Verhalten gegenüber Autorität. Zu Stanley Milgrams Experimenten
über die Gehorsamsbereitschaft.
NZZ v. 11.12.74

S. Milgram: Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber
Autorität, Reinbek b. Hamburg 1974

S. Bernfeld: Über die allgemeinste Wirkung der Strafe in :
Erziehung und Psychoanalyse, Band 1, Frankfurt 1969

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