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Wir leben alle in einer unerhörten Schizophrenie
Etwa 60 Millionen Menschen
— soviel Einwohner, wie die
Bundesrepublik hat — sind
heute in den Armeen beschäftigt.
Über ein Drittel aller Wissen-
schaftler arbeiten für die
Rüstung.
Ein großer Teil von ihnen
sind getaufte Christen,
sicher auch gläubige Christen
darunter.
Zu Hause und am Sonntag leben
sie vielleicht das, was sie aus
dem Evangelium hören,
die Aufgabe, ein Friedensmensch
in dieser Welt voll Haß und
Streit zu sein. Und wenn sie
in den Beruf gehen, ins Labor,
in die Fabrik, dann arbeiten
sie mit an der Vorbereitung
der greulichsten Menschen-
ausrottung, die es je in der
Geschichte gegeben hat; und
nicht nur an der Vorbereitung,
sondern schon an der Anwen-
dung dieser Waffen, die sie pro-
duzieren. Denn seit dem 2. Welt-
krieg hat es schon wieder
100 Kriege gegeben mit über
10 Millionen Todesopfern.
Wir alle leben in dieser Schizo-
phrenie; die ganze Bevölkerung,
die schlaflose Nächte bekommt
über die verwerflichen Taten
von ein paar Terroristen und
ruhig schläft über den großen,
umfasenden Terror der gegen-
seitigen Rüstungen und
Menschenvernichtung, der
über uns allen hängt.
Unsere Arbeiter werden in diese
Schizophrenie gedrängt durch
die schamlose Erpressung in
unserem System, das sie vor die
Wahl stellt, entweder Gifte,
Kernstrahlung, Todeswaffen,
lauter Todesursachen für sich
und ihre Kinder zu produzieren
oder den Arbeitsplatz zu
verlieren.
Helmut Gollwitzer
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