Offener Brief der „Arbeitsgemeinschaft der Theologen“ an den Hochschulen der Bundesrepublik

aus: Publik-Forum 24, 1977

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In einem Offenen Brief nahm die „Arbeitsgemeinschaft der Theologen an den Hochschulen der Bundesrepublik (AGT)“ zur „Erklärung zum Terrorismus“ der Deutschen Bischofskonferenz vom 21. September Stellung. Ziel des Offenen Briefes der katholischen Theologen ist es, eine öffentliche Auseinandersetzung mit der betreffenden Position der katholischen Bischöfe zu betreiben. Über die geäußerten Zweifel hinweg wird in dem Offenen Brief versucht, weiterreichende Erklärungen für den Terrorismus zu finden. Publik-Forum veröffentlicht hiermit Auszüge aus dem Offenen Brief.

In Ihrer „Erklärung zum Terrorismus“ nennen Sie als einen ersten Grund für die Entstehung des Terrorismus „die Ansicht, alles auf dieser Welt sei machbar und erreichbar“. Offenbar wenden Sie sich nur gegen optimistische Utopien einer gerechten Gesellschaft. Wir glauben dagegen, daß eine ganz andere Machbarkeit Mitursache

Mangel an Utopie

ist für die verzweifelte menschenverachtende Gewalt des Terrorismus, so z. B. die Vorstellung von Technokraten, menschliche Hoffnungen allein durch die Befriedigung materieller Bedürfnisse abdecken zu können und zu diesem Zwecke Menschen instrumentalisieren zu müssen. . . . Sie meinen: „Die Begrenztheit des Menschen und die Wirklichkeit des Bösen wurden nicht mehr gesehen.“ Aber ist es nicht so, daß „die Wirklichkeit des Bösen“ übermächtig vor Augen steht, ratlos macht und oft auch blind-wütig?!

Wir vermuten, daß der Terrorismus die eine Seite der Medaille ist, auf deren anderer Seite Alkoholismus, Selbsttötung, Drogenabhängigkeit, Kinderbanden und Kinderverbrechen, Rockertum stehen. Wir leiden nicht an einem Überschuß an Utopie, der uns die „Wirklichkeit des Bösen“ nicht mehr sehen läßt, sondern am Mangel an Utopie und Hoffnung. . . . Als einen weiteren Grund für den Terrorismus nennen Sie zu Recht eine „vielfach geradezu zynische Herabsetzung der Grundwerte und Grundhaltungen eines menschenwürdigen Lebens“. Doch wenn Sie darauf als Beispiel die Angriffe auf Ehe und Familie und das Lebensrecht der Ungeborenen anführen, scheint uns das zu kurz gegriffen:

Infragestellung von Grundwerten, wie sie z. B. den genannten Gesetzen vorgeworfen werden, geschieht u. E. nicht erst durch die Gesetze oder die damit in Zusammenhang stehenden öffentlichen Kampagnen, sondern durch die gesellschaftliche Situation. . . . In der Tat werden „Ehe und Familie, das Lebensrecht der Ungeborenen und andere ethische Normen“ angegriffen, gar ignoriert, durch die Art und Weise unseres Wirt-

schaftens; unser Reichtum basiert auf der rigorosesten Auspressung der Völker der Dritten und Vierten Welt. Wer fragt sich ernsthaft, wie viele Menschen an Hunger krepieren müssen, damit wir billiges Kupfer kaufen können?

Die Menschenwürde wird ebenso verletzt, wenn Menschen, wenn ihre Arbeitskraft, zu unprofitabel geworden oder der Markt gesättigt ist, ins gesellschaftliche Nichts abgeschoben werden, worüber auch die Sozialgesetzgebung nicht hinwegtäuschen kann. Ehen und Familien werden nicht so sehr durch Gesetze zerstört, als vielmehr z. B. dann, wenn beide Partner arbeiten müssen, nach aufreibender Arbeit weder Kraft noch Zeit füreinander und die Kinder haben. Nicht neue Ehe- und Abtreibungsparagrafen setzen ursprünglich die Grundwerte herab und lassen sie als nichtig erscheinen, sondern die gesellschaftliche Ordnung, weil in ihr nicht personale, sondern materielle Werte wie Produktions-, Konsum- und Profitsteigerung den Ausschlag geben. Gesetze tragen diesem traurigen Tatbestand nur noch juristisch Rechnung. Und Terrorismus ist die hoffnungsloseste Veränderungsstrategie, indem sie deren Mißachtung personaler Werte nur noch einmal blutig wiederholt. . . .

Drittens weisen Sie darauf hin, daß „von manchen Kathedern unserer Hochschulen und Universitäten . . . seit Jahren Theorien der Verweigerung und der Gewalt gegen die fortgeschrittenen Industriegesellschaften gelehrt und empfohlen (werden)“. Einer realistischen Gewichtung wegen möchten wir dem hinzufügen, daß seit Jahren diejenige Mißachtung der Menschenwürde verharmlost wird, die in unserer Gesellschaft angelegt ist und sich z. B. in der reinen Funktionalisierung des Arbeiters voll-

zieht. Oder es wird die Gewalt von Institutionen über einzelne und kritische Gruppen legitimiert, indem gesagt wird, ein krankes Glied müsse eben vom Organismus abgeschnitten werden, damit dieser gesund bleibt.

Zu der von Ihnen angesprochenen Kritik an der Verweigerung müssen wir sagen, daß es die Pflicht eines jeden Christen ist, gegen alle Arten von Götzendienst, sei es an Kaiser Nero oder Diokletian, sei es an Profit und Wachstum, anzugehen und sich ihnen zu verweigern. Verweigerung ist u. E. unabdingbar notwendiger Bestandteil des christlichen wie auch bürgerlichen Verhaltenskataloges. Fällt sie weg, haben wir kein Mittel mehr, um uns gegen die Unterjochung durch jeweils herrschende Umstände zur Wehr zu setzen oder gar nur ihre Gefährlichkeit zu erkennen.

Mit Ihnen sind wir der Meinung, daß „bestimmte Konflikt-Theorien, die in den Bildungsbereich Eingang gefunden haben“, eine nicht unbedeutende Rolle im Ursachenfeld des Terrorismus spielen. Allzu häufig wurde und wird die Entstehung von Konflikten rein personalistisch erklärt und werden Konfliktlösungen vom guten Willen und der Kompromißbereitschaft der am Konflikt Beteiligten abhängig gemacht. Die

Rede vom bösen Unternehmer z. B., der aus Geldgier oder anderen niederen Beweg-

Wider die Verschleierung

gründen rationalisiert und Arbeiter entläßt, will so (den) Konflikt zwischen Arbeit und Kapital erklären… (Solche) Erklärungen machen allein positive oder negative Eigenschaften von Menschen für Konflikte verantwortlich, suchen Schuldige, Sündenbökke, um über deren Bestrafung oder gar Beseitigung Konflikte zu lösen. Der Terrorismus richtet sich ebenfalls auch gegen Personen, die für die Zustände in diesem Staat verantwortlich gemacht werden. Damit aber bewegt sich der Terrorismus gänzlich im Fahrwasser weitverbreiteter, oben skizzierter Konfliktlösungsmodelle. In ihren Konsequenzen liegen offensichtlich inhumane Handlungsweisen.

Wir brauchen dagegen Konflikttheorien und Lösungsvorschläge, die nicht in verschleiernder Weise allein Personen verantwortlich machen, sondern in realistischer Sicht auch die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Verhältnisse einbeziehen.

Ihre ‚Erklärung zum Terrorismus‘ zeichnet

sich u. a. dadurch aus, daß sie es sich nicht so einfach macht und alles mit dem Wort Sympathisanten erledigt. Sie gehen vielmehr einen Schritt weiter und versuchen, gesellschaftliche Ursachen aufzuzeigen. Da-

Herabsetzung der Menschenwürde

mit wehren Sie der gegenwärtigen Entwicklung, daß eine ganze Reihe von Politikern und die sie unterstützende Presse die Geschehnisse der letzten Zeit dazu benutzen, durch falsche Ursachenangabe ihnen mißliebige Personen ins gesellschaftliche Abseits zu drängen. Hier zeigt sich eine mindestens ebenso große Gefahr für die Freiheit, wie sie der Terrorismus darstellt, denn sie betrifft die Freiheit großer sich als kritisch verstehender oder auf die Verwirklichung der Verfassung drängender Bevölkerungsteile…

Die Herabsetzung der Menschenwürde durch den Terrorismus ist in der Herabsetzung der Menschenwürde in der Gesellschaft verwurzelt…

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