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‚Im Ausland glaubt niemand, was die Regierungen sagen. Hingegen wird die Möglichkeit 35 000 Touristen zu empfangen und von anderthalb Milliarden Fernsehzuschauern gesehen zu werden, unser Image unbedingt verbessern.‘ So meint General Antonio Luis Merlo, zuständiger Mann der argentinischen Militärjunta für die Organisation der Spiele. Auffallend an dieser Aussage ist, dass Argentinien nur 35 000 Gäste empfangen will. Allein aus Brasilien könnten doppelt soviel kommen. Frankreich erhielt in der Tat z.B. nur 500 Platzkarten. Hat die organisierende Regierung etwas zu verstecken?

Argentinien ist zuerst mal ein Land mit einer himmelschreienden sozialen Ungerechtigkeit, obschon genügend Bodenschätze für eine allseitige Reichtumsverteilung vorhanden sind. 1% der Einwohner – die Grossgrundbesitzer – besitzt 37% der Nutzfläche, 43% – die Landbevölkerung – teilen sich 4% der Nutzfläche. 15% der Bevölkerung sind arbeitslos. Die Kaufkraft der Lohnempfänger fiel seit 1976 um 85%. Die Kindersterblichkeit lag 1971 bei 54%.

Diese Zahlen sind (leider) nicht aussergewöhnlich in der Dritten Welt. Aber Argentinien gibt 1978 700 Millionen Dollar aus für die Organisation der Weltmeisterschaft, das ist die Hälfte des Handelsbilanzüberschusses, 20% der jährlichen Exporte, 40% mehr als der staatliche Haushalt für Erziehung.

‚Die Gelegenheit, die sich der argentinischen Regierung bieten wird, bei den ausländischen Mannschaften Propaganda zu machen, wird ihr erlauben, sich in einem extrem günstigen und positiven Licht darzustellen. Die Weltmeisterschaft wird als Beispiel dienen für die Haltung Argentiniens.‘ So meint die mit den Public-Relations der Militärjunta beauftragte US-Firma Burson-Marsteller. (1,1 Millionen Dollar erhält sie.)

‚Amnesty International‘ nennt andere Beispiele für diese Haltung: 15 000 Menschen sind ‚verschwunden‘, 8 000 – 10 000 ermordet worden, 8 000 eingekerkert. Selbst Cyrus Vance bat bei einem Besuch im vorigen Dezember um die Aufklärung von 7 500 Fällen. Folter wird auf breiter Ebene praktiziert: Vergewaltigung, Verstümmelung der Sexualorgane mittels Rasierklingen oder Ratten, Amputierung von Gliedmassen ohne Narkose, Elektroschocks, Ausreissen von Fingernägeln, minutenlanges Unterwassertauchen usw. gehören zu den gängigen Methoden. Die Elite-Einheit für solche Praktiken war bis vor kurzem in der ‚Escuela Mecanica de la Armada‘ stationiert, 800 Meter weit weg vom Stadion, in dem das Weltmeisterschaftsfinale ausgetragen werden wird. Für

die Fussballspiele gibt es nur namentliche, nicht übertragbare Eintrittskarten: ein Computer kann somit alle Zuschauer überwachen und mögliche Manifestanten namhaft machen.

Als Beispiel für das politische Alltagsklima mag folgender Vorfall dienen: Zwei ‚forum‘-Leser, die 1976 Südamerika besuchten, hatten sich in der Hauptgeschäftsstrasse von Buenos-Aires mit einem argentinischen Bekannten verabredet. Sie hatten keine zehn Minuten gewartet als sie plötzlich von Polizei umringt waren und bis auf die Haut durchsucht wurden: obschon sie sich, der Gefahr bewusst, nie stehen geblieben waren, sondern auf beiden Strassenseiten auf- und abgewandert waren, hatten Polizeispitzel erkannt, dass sie auf jemanden warteten und wollten nun eine Liste ihrer Kontakte haben.

Die Gründe sind einsichtig genug. Die ‚forum‘-Redaktion hat deshalb beschlossen dem ‚Comité contre la tenue de la coupe du monde en Argentine‘ beizutreten, zu dem mehrere luxemburgische Linksorganisationen aufgerufen haben. Wohl geben wir uns nicht der Illusion hin, jetzt noch die Fussballspiele verhindern zu können. Uns scheint die Strategie der Montoneros (argentinischer Widerstand) in der jetzigen Phase der Dinge realistischer: vom Sport profitieren und aus der Fussballweltmeisterschaft eine riesige Weltpressekonferenz über die wirtschaftliche, soziale und politische Situation in Argentinien machen. Allerdings hat die argentinische Regierung eine 24-stündige Begleitung der Journalisten vorgesehen. (‚Inklusiv nächtlicher Ausgänge mit jungen Mädchen, die die gesunde und anziehende Jugend vertreten‘, wie Burson-Marsteller geplant hat.) Doch es gibt sicher auch direkte Kontaktmöglichkeiten für informationsbereite Reporter, das Argentinien hinter der Fussballfassade kennenzulernen. Die Weltmeisterschaft ist eine einzigartige Gelegenheit für die Weltpresse, statt Argentiniens Image aufzupolieren, wie die Junta das erhofft, über die dramatische Wirklichkeit aufzuklären. Und dazu können die Sportler und ihre Begleiter auch

selbst beitragen. Statt so zu tun, als hätten Sport und Politik nichts miteinander zu tun, sollten sie immer wieder die Freilassung aller politischen Gefangenen und die Wiederherstellung der politischen und gewerkschaftlichen Freiheiten in Argentinien fordern. Die Veröffentlichung der integralen Liste aller ‚Verschwundenen‘ wäre ein erster Schritt auf diesem Weg.

Nach der Fussballweltmeisterschaft darf nicht geschehen was 1936 nach Hitlers Olympischen Spielen in Berlin geschah. Obschon ein Jahr zuvor die antijüdischen Gesetze in Kraft gesetzt worden waren, meinte ein Mitglied des damaligen Nat.Olymp. Komitee der USA nach einem Empfang bei Hitler: ‚In den Ausscheidungskämpfen haben die Deutschen die Juden nicht diskriminiert. Die Juden schieden aus weil sie nicht gut genug sind, weil keine zehn Juden in der Welt olympische Klasse besitzen.‘

(P.S. Es gilt jetzt schon die Olympischen Spiele von 1980 in Moskau propagandistisch vorzubereiten: auch hier wird Aufklärung über die Zustände und über die Zusammenhänge von Sport und Politik nottun. Dort nehmen womöglich auch Luxemburger teil! Ein neues Komitee ist also zu gründen.)

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