Anmerkungen zu „Iddien fir eng nei Gesellschaft“

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‚Iddiën fir eng nei Gesellschaft‘

Die Broschüre des luxemburgischen Mouvement Ecologique ist ohne Zweifel ein gesellschaftspolitisches Ereignis. Kaum eine andere, politische, gewerkschaftliche oder kulturelle Bewegung, ausser vielleicht der Kirche mit einigen ihrer Vorlagen, wie z.B. ‚Glaube und Politik‘ und ‚Der soziale Auftrag der Kirche und der Katholiken Luxemburgs‘, hat ein dieser Broschüre gleichwertiges Programm vorzuweisen. Und zwar gilt dies sowohl in Bezug auf die Vollständigkeit der behandelten Probleme wie auch auf die Originalität, welche die Grundbehauptungen und -forderungen auszeichnet, und schliesslich auf den beherzten Mut mit dem sie vorgetragen werden. Aus dem Kernstück dieser Broschüre, dem fast unerschöpflichen Ideenreservoir mit dem Titel ‚Allgemeine gesellschaftspolitische Vorstellungen der oekologischen Bewegung‘ seien hier einige besonders interessante Punkte herausgegriffen.

Im ersten Kapitel ‚Bürgerrechte, Demokratie, Selbstverwaltung‘ geht es vor allem um eine weiter gehende Mitbeteiligung der Bürger am politischen Leben. Verlangt wird deshalb eine grössere Transparenz der Entscheidungsprozesse. Zur Erreichung eines direkteren Mitspracherechtes der Bürger wird die Einführung der Möglichkeit eines Referendums mit Initiativrecht der Bürger gefordert, und zwar auf lokaler und auf nationaler Basis. Den Bürgerinitiativen soll neben den Parteien der Rang einer Ausdrucksform unserer Demokratie zuerkannt werden und sie sollen dementsprechend öffentlich gefördert werden. Gemeindefusionen, Raumplanung, und im allgemeinen alle Verwaltungen sollen überschaubar und bürgernah gestaltet werden.

Im selben Geiste treten die Autoren der Broschüre ein, auf der Ebene der Wirtschaft, für eine effektivere Mitbestimmung aller in einem Betrieb arbeitenden Menschen. Ein besonderes Anliegen ist ihnen auch der Tourismus, welcher in unser Wirtschaft bekanntlich eine beträchtliche Rolle spielt. Oberstes Gebot muss hier die Erhaltung der natürlichen Umwelt und des architektonischen Patrimoniums sein. Interessant sind hier u.a. der Vorschlag von ‚Ferien auf dem Bauernhof‘ und die Förderung von Handwerksbetrieben und Kunstateliers in Burgen und typischen Dörfern.

Es versteht sich von selbst, dass der Energiepolitik, dem Natur-, Denkmal und Umweltschutz, sowie der Landwirtschaft eigne substantielle Kapitel gewidmet sind, die nur so wimmeln von konkreten Vorschlägen.

Ueberraschender und umso verdienstvoller sind die Kapitel über Kultur und Bildung, Familien- und Jugendpolitik und schliesslich über die Integrierung aller benachteiligter Gruppen in unserer Gesellschaft. Interessant ist z.B. der Vorschlag, Schulen nicht nur als Bildungsstätten für Kinder und Jugendliche anzusehen, sondern zu Bildungszentren der einzelnen Wohngebiete auszubauen, so dass sie z.B. auch der Weiterbildung der Erwachsenen sowie, durch ihre Infrastruktur (u.a. Sport- und Schwimmhallen) der Freizeitgestaltung dienen können. Bedauerlich ist, dass keine, wenigstens keine klare, Stellung genommen wird zum Problem ‚Gesamtschule‘. Leider sind zum Thema Kulturpolitik, ausser zwei Seiten theoretischer Betrachtungen, keine weiteren konkreten Vorschläge zu finden.

Anregend sind dagegen die Ausführungen über die Rolle und die Wichtigkeit der Familie. Allerdings, und das ist absolut zu begrüssen, schwebt den Autoren der Broschüre dabei nicht die moderne Kernfamilie als Idealbild vor, sondern eher die Grossfamilie, in der auch z.B. die Grosseltern noch einen Platz und eine mögliche Existenzverfüllung finden können. Mutig werden einige heilige Kühe angegriffen: ‚Wir sind der Meinung, dass es zwar Kinderkrippen und Altersheime als Ausweichmöglichkeiten geben soll, dass aber diese Einrichtungen sicherlich nicht dem menschlichen Empfinden entsprechen.‘

Schliesslich werden noch eine Unmenge Ideen vorgestellt, wie man alte Menschen, Behinderte, Gefängnisinsassen und Gastarbeiter auf menschenwürdige Weise in unsere Gesellschaft integrieren kann. Der Grundtenor ist dabei die Vermeidung bzw. die Aufhebung jedweder Marginalisierung von seiten der Gesellschaft selbst (auch wenn sie guten Glaubens geschieht, z.b. wie im Fall der Altersheime.)

Es müssen nun aber auch ein paar kritische Fragen an die oekologische Bewegung gestellt werden, ohne dass von dem vorher Gesagten etwas dadurch zurückgenommen würde:

  1. Wie vorhin schon bemerkt, umfasst das oekologische Programm alle wesentlichen Punkte einer Gesellschaftspolitik. Ist damit aber der oekologische Ansatz nicht überfordert? Kann man aus ihm eine gesamte Gesellschaftspolitik folgern? Ist dazu die oekologische Basis nicht zu schmal? Wiederholt sich nicht hier, was jedesmal der Fall war, wenn eine neue Wissenschaft sich herausbildete, weil eine neue Dimension im Menschen entdeckt und erforscht wurde, nämlich dass der Mensch dabei einseitig von diesem Aspekt her interpretiert wurde? So wie die Wirtschaftswissenschaft den homo oeconomicus, die Soziologie den homo sociologicus bildet, bildet so die Oekologie nicht einen homo oecologicus heraus, eine Abstraktion, die eine, gewiss wichtige, Seite des Menschen völlig überzieht und übrigens der Oekologie selbst nicht unbedingt förderlich ist? Die Folge ist einerseits, dass der oekologische Ansatz selbst verwaschen wird und an Prägnanz verliert, andererseits, dass Forderungen und Ansichten aufgestellt werden, die aus diesem Ansatz nicht ableitbar sind, auch wenn sie, für sich genommen, nicht unberechtigt sind. Dies scheint mir der Fall für die Kapitel Kultur und Bildung, Familien- und Jugendpolitik und Integrierung aller

benachteiligten Gruppen, sowie auch manche Punkte aus dem Kapitel ‚Grundsätze der oekologischen Bewegung‘, wie z.B. das Prinzip der Selbstverwaltung, die Frage nach dem Lebenssinn, usw. Die Ideen und Vorschläge in diesen Kapiteln sind durchwegs begrüssenswert, das wurde oben ja gesagt, aber ergeben sie sich eindeutig und zwingend aus der oekologischen Wissenschaft? Wo liegt, und wieweit reicht hier, die Kompetenz der Oekologie?

  1. Die oekologische Bewegung versteht sich von der Oekologie her, welche eine Wissenschaft genannt wird. So gewiss es nun ist, dass jede Gesellschaftspolitik nicht im Widerspruch stehen darf zu den Erkenntnissen der sie betreffenden Wissenschaften, so sicher ist aber auch, dass sie selbst keine Wissenschaft ist und auch aus keiner Wissenschaft abgeleitet werden kann, sondern aus Vorstellungen, Forderungen, Bestimmungen besteht, welche letztlich aus vorgängigen, eben politischen Entscheidungen stammt. Die Gefahr besteht nun, dass die Ansichten und Vorschläge des oekologischen Programms sich des wissenschaftlichen Nimbus der Oekologie bedienen, um sich selbst als wissenschaftlich auszugeben. So entsteht der Anschein der Evidenz und Notwendigkeit, wo in Wirklichkeit Entscheidungen vorliegen (die allerdings und das sei zugegeben, in diesem Falle an wissenschaftliche Erkenntnisse angelehnt sind.) So ist z.B. der Programmpunkt der Selbstverwaltung in Politik und Wissenschaft nicht eine notwendige Folgerung aus oekologischen Gesetzen, sondern eine Forderung, die herstammt aus einer mit diesen Gesetzen sicherlich vereinbaren Entscheidung. Das gleiche gilt von allen Vorschlägen zu Kultur, Bildung, Familie und Jugend, Arbeitswelt, Benachteiligte, Lebenssinn und Tod. Die Gefahr besteht, dass sich bei ungenügender Bewusstheit dieser vorgängigen Optionen eine neue, diesmal eine oekologische Technokratie herausbildet, was umso bedauerlicher wäre, als die oekologische Bewegung selbst ja die bestehende Technokratie scharf bekämpft. Es wäre demnach wichtig für die oekologische Bewegung, das Verhältnis Oekologie-Gesellschaftspolitik, oder noch grundlegender, das Problem Wissenschaft-Politik zu überdenken, und ihre Position dazu in ihren ‚Grundsätzen der oekologischen Bewegung‘ klarzustellen.

  2. Einer der Grundsätze der oekologischen Bewegung ist folgender: ‚Der Mensch ist nach seiner Geschichte und seiner Entwicklung ein Glied der Natur.‘ So weit, so gut. Aber dann fährt der Text folgendermassen weiter: ‚Natur und Landschaft sind die Lebensgrundlagen des Menschen.‘ (von mir hervorgehoben.) Hier wird sichtbar, dass im Oekologismus, bewusst oder unbewusst, ein bestimmtes Menschenbild, ja eine ganze Weltanschauung stecken, die zum Teil bedenkliche Züge tragen. So kann man sich z.B. des Eindrucks nicht erwehren, dass tendenziell zumindest, die oekologische Bewegung eine harmonistische Auffassung des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur hat, d.h. ein Konzept, demzufolge Mensch und Natur einander gegenseitig angepasst sind, aufeinander abgestimmt sind und auch bleiben müssen; dieses Verhältnis drückt sich aus in ‚oekologischen Gesetzen‘, denen das Leben auf Erden unterworfen ist und nur unter Gefahr des Untergangs verletzen darf. Damit kommt in das Ganze zusätzlich noch ein konservativer Zug hinein.

Nun lässt sich aber das gleiche Verhältnis, auf Grund der gleichen naturwissenschaftlichen Daten, auch anders interpretieren: der Mensch steht mit der Natur nicht in einem von jeher und auf ewig hin harmonischen Verhältnis, sondern er kann

nur überleben und sich zu sich selbst entwickeln, wenn er sich gegen die Natur wehrt und durchsetzt, sie umgestaltet und mitunter auch regelrecht bekämpft. Dass damit dem Menschen kein Freibrief gegeben ist zur sinnlosen Zerstörung der Natur, versteht sich von selbst. Auch ist nicht gesagt die oekologische Bewegung sei von sich her konservativ; es wurde nur vor einem möglichen Trend gewarnt, der zwischen den Zeilen sich bemerkbar macht.

  1. Schliesslich noch eine Anfrage: Der Forderungskatalog der Broschüre ist beachtlich. Es ist anzunehmen, dass diese Forderungen ausgeführt werden sollen. Aber von wem? Adressat der Broschüre sind ‚alle Bürger und gesellschaftlich relevante Kräfte‘. Wichtig wären hier strategische und taktische Ueberlegungen, wie der Mehrheit unserer Bürger die oekologischen Vorschläge verständlich und schmackhaft gemacht werden können. Denn diesbezüglich darf man sich keine Illusionen machen: das Gros unserer Bevölkerung steht, von punktuellen Ereignissen abgesehen, der oekologischen Problematik nicht besonders aufgeschlossen gegenüber.

Schliesslich sollen diese Forderungen nicht nur ausgeführt, sondern diese Ausführung auch noch kontrolliert werden. Damit aber beginnt der Teufelskreis der Bürokratie. Jede Kontrolle bringt ein Heer von Bürokraten hervor. Wie gedenkt die oekologische Bewegung aus diesem Kreis auszubrechen, bzw. ihn erst gar nicht erst aufkommen zu lassen, ohne dabei auf ihre berechtigten Forderungen zu verzichten?

Hubert Hausemer

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