Sag mir wie du denkst

Wie man in der Ökumene vorwärtskommt (aus: Publik-Forum 25/26, 1978)

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Wie man in der Ökumene vorwärtskommt

Wenn diese Nummer erscheint, betet man wieder in der ganzen Welt für die Einheit der Christen. Doch das Gebet droht immer mehr zum Alibi zu werden. Der folgende Beitrag (aus Publik-Forum, Nr. 25/26 vom 15.12.78) zeigt, wieweit die Theologen evangelischer und katholischer Konfession schon übereinstimmen: in keinem wesentlichen Punkt gibt es noch Glaubensunterschiede. Allein… anscheinend wollen die Autoritäten nicht so recht die sich aufdrängenden praktischen Schlussfolgerungen ziehen.

Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann (Tübingen) hat es klipp und klar formuliert: „Nach fünfzig Jahren gemeinsamer theologischer Arbeit muß der Christenheit und den Kirchenleitungen heute öffentlich gesagt werden, daß es keine Lehrdifferenzen mehr gibt, die Kirchenspaltungen rechtfertigen.“ Und er fordert: „Die theologischen Ergebnisse verlangen nach der kirchlichen Realisierung der konziliaren Gemeinschaft.“

Dasselbe fordert auch Moltmanns katholischer Kollege, Heinrich Fries (München). Auch er teilt die Ansicht, daß das Aufeinanderzugehen „theologisch nicht mehr unmöglich“ ist.

Die Kirchenleitungen können dieser Ansicht allerdings, so wird aus ihren Verlautbarungen deutlich, noch nicht zustimmen. Für sie sind die kontroversen Fragen, etwa über die gegenseitige Anerkennung der Ämter, das rechte Verständnis des Abendmahls oder des Papsttums, noch zu kontrovers, um eine konziliare Gemeinschaft zuzulassen.

Die Frage, die ihnen gestellt ist, lautet: handelt es sich hier denn tatsächlich um Gegensätze im Glauben oder nicht eher um unterschiedliche Akzentuierungen innerhalb dieses Glaubens, die jedenfalls nicht als kirchentrennend angesehen werden müssen? Daß es, will man diese Frage beantworten, vor allem auch auf die theologische Methode ankommt, die man zur Beurteilung dieser Frage anwendet, machen Fries und Moltmann deutlich. Moltmann: „Man kann die Glaubens- und Lebenszeugnisse der Christenheit auf ihre Partikularität hin betrachten. Dann gibt es orthodoxe, katholische und protestantische und noch andere Zeugnisse, und das Verstehen endet mit der Erkenntnis: das ist orthodox, das ist katholisch, das anglikanisch und das lutherisch. Man kann diese Zeugnisse aber auch auf ihre Universalität hin betrachten. Dann versteht man sie als Äußerungen der einen und ganzen Kirche. Dann prüft man sie in diesem Horizont und antwortet in diesem Horizont.

Das theologische Denken wird dadurch nicht leichter, sondern schwerer, weil man die Probleme und Kontroversen dann nicht länger auf die Konfessionsverschiedenheit abschieben kann. Ökumenisch denken heißt: Bedenke das Ganze … Ökumenisch denken, das heißt aber auch: Bedenke, daß Du ein Teil bist.“

Daß dieses neue ökumenische Denken theologisch gerechtfertigt, ja nahegelegt werden

muß, begründet in einer guten Zusammenfassung Fries. Für ihn sind die ausschlaggebenden Gesichtspunkte:

  • Ausgangspunkt muß das Gemeinsam-Christliche sein, wie es auch im ökumenischen Synodentext ausgedrückt ist: „Wo Kirchen und kirchliche Gemeinschaften gemäß der Schrift Jesus Christus, wahren Gott und wahren Menschen als einziger Mittler des Heils zur Ehre Gottes des Vaters und des Sohne und des Heiligen Geistes bekennen, ist eine grundlegende Einheit im Glauben gegeben.“ Diese Sicht eröffnet dann eine neue Perspektive: die Differenzen treten in den Hintergrund.

  • Es können nicht alle Glaubensinhalte von allen gleich geglaubt werden. Fries: „Die katholische Auffassung vom „eingeschlossenen Glauben“ besagt in der Anwendung: Einheit im Glauben ist möglich, wenn das nicht ausdrücklich Geglaubte nicht ausdrücklich getauscht wird.“

  • Im Zusammenhang mit dieser Erkenntnis, daß nicht alle Glaubenswahrheiten von allen in der gleichen Weise geglaubt werden können, muß der vom Zweiten Vatikanum formulierte Grundsatz von der „Hierarchie der Glaubenswahrheiten“ gesehen werden. Er besagt: Die einzelnen Glaubenswahrheiten erhalten einen unterschiedlichen Stellenwert im Gesamtgefüge des Glaubens und in ihrer Bedeutung für das Heil des Menschen. Fries: „Daraus ergibt sich eine Unterscheidung von Glaubenssätzen, die mehr das Fundament des christlichen Glaubens zum Inhalt haben, und solchen, die davon abgeleitet sind. Damit ist nicht ein Prinzip der Auswahl, sondern der sachgemäßen Interpretation ausgesprochen, allerdings auch ein Prinzip der existentiellen Bedeutsamkeit.“ Also wären die Fragen nach dem Amt und dem Papsttum untergeordnete Fragen, ebenso die marianischen Dogmen.

  • Bedacht werden muß die Geschichtlichkeit der theologischen Überlegungen. Fries: „Alle Glaubenssäussagen, auch und gerade die in Bekenntnis und Dogma formulierten, sind in den Kontext einer bestimmten geschichtlichen Situation eingebunden. Deshalb können sie nicht als zeitlose Aussagen zeitloser Sachverhalte angesehen werden. Sie sind vielfältig bedingt, nicht nur theologisch, sondern oft auch philosophisch, psychologisch, politisch, gesellschaftlich; sie sind von Voraussetzungen ihrer Zeit, von bestimmten Fragestellungen, Auseinandersetzungen und Erfahrungen aus formuliert und können deshalb, also als bestimmte Antworten auf bestimmte Frage-

stellungen, nicht als erschöpfende, alles umfassende Antworten angesehen werden. Ebenso wenig kann man sagen, daß sie in jeder Hinsicht den Fragen und Erfahrungen unserer Zeit entsprechen.“

  • Diese Feststellung führt zu einem weiteren Gesichtspunkt: Glaubensinhalte können von der Sprache niemals ganz erfaßt werden. Fries: „Jede Aussage, jeder Satz bleibt hinter dem zurück, dem die Aussage gilt. Er trägt das Zeichen der Endlichkeit, der Vorläufigkeit, der Einholbarkeit… Die gleiche Sache kann vielfältig und in vielen Kategorien zur Sprache kommen: ontologisch, funktional, existentiell, sapiential, ohne daß die Einheit des Glaubens verlorengeht.“

  • Daraus folgt die Anerkenntnis einer Vielfalt der Theologien. Fries: „Nur eine Einheit mit Uniformität verwechselnde Konzeption konnte in einer Einheitstheologie etwa im Stil der Neuscholastik … einen idealen Zustand sehen. In Wahrheit ist es eine Verarmung, weil eine Verengung.“

  • Die anderen Konfessionen müssen als Kirchen, als legitime, wahre Orte der Heilsvermittlung anerkannt werden. Diese Forderung ergibt sich aus dem Grundansatz, das Gemeinsam-Christliche in den Vordergrund zu stellen.

Dies sind die prinzipiellen Gesichtspunkte, die zur theologischen Grundsteinlegung eines konziliaren Zusammengehens der Konfessionen angeführt werden können. Was hindert die Kirchenleitungen daran, im Geist dieser theologischen Erkenntnisse den Schritt zur Einigung (mit) zu gehen? Die Theologen haben eine Grundlegung geliefert, dem Hirtenamt und der ganzen Kirche einen Dienst erwiesen. Etwas besseres können sich die Hirten der Kirchen eigentlich gar nicht wünschen.

Hartmut Meesmann

Gefangene des Monats

Swaziland: Ambrose Simelane, einflußreiches Mitglied der verbotenen größten Oppositionspartei, wird seit Februar 1978 ohne Gerichtsurteil festgehalten.

Indonesien: Sawito Kartowibowo, ein ehemaliger Verwaltungsbeamter, wurde 1976 verhaftet, 1978 zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Er wurde beschuldigt, mehrere angesehene Männer der Kirche dazu verleitet zu haben. Dokumente zu unterzeichnen, die einen Machtwechsel zum Ziele hatten. Unter den Unterzeichnern des Dokuments befand sich u. a. Kardinal Justinus Darmojuwono, Oberhaupt der indonesischen katholischen Kirche.

CSSK: Ales Machacek, Ingenieur, wurde zusammen mit dem Nuklearphysiker Vladimir Lastovka angeklagt, im Besitz von Büchern und Zeitschriften tschechischer Emigranten zu sein und die Dokumente der Charta-77-Bewegung verbreitet zu haben. Er erhielt dreieinhalb Jahre Gefängnis. Forum-Lesen, die sich mit Petitionen zugunsten der Gefangenen einsetzen wollen, wenden sich an: amnesty international, boîte postale 1914, Lux.

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