Verschwendung und Verführung beenden
in: Publik-Forum 10, 1979
Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Besonderes Interesse verdient die Stellungnahme des Vatikans, die kürzlich in Manila vor der Welthandelskonferenz abgegeben wurde. Vor dem Forum des Nord-Süd-Dialogs wies der Repräsentant des Papstes, P. Roger Heckel, darauf hin, daß die bestehenden Gräben vertieft werden, wenn man weiterhin versuche, die ganze Welt nach den Modellen der reichen Länder zu entwickeln. Die Wachstumsmodelle, die „auf Verschwendung und Verführung zum Konsum begründet sind“, dürfte man nicht verallgemeinern, ja, noch mehr, an diesen Wachstumsmodellen müßten tiefgreifende Einschnitte vorgenommen werden, hieß es. Nicht die Neigung zum Konsum, sondern eine Entwicklung zur Freude an der Kreativität müsse angesteuert werden.
Diese bedeutsame Stellungnahme der katholischen Weltkirche ist zu begrüßen. Hier werden Ziele und Wege gewiesen, die vor allem von den Wohlstandsnationen zu be-
herzigen sind. Kritisiert wird nicht nur der Export unserer Wachstumsmodelle in die Dritte Welt, sondern das Funktionieren dieser Modelle überhaupt, die im Letzten auf Verschwendung und Verführung angelegt sind.
Erfreulich ist auch der Rückgriff des Vatikanvertreters auf die von Papst Paul VI. im Jahre 1964 in Bombay erhobene Forderung, einen Weltentwicklungsfonds einzurichten, der durch Einsparungen bei der Abrüstung finanziert wird.
Die Wichtigkeit dieser Forderungen wurde jüngst vom Londoner Internationalen Institut für strategische Studien (IISS) unterstrichen. Ohne eine entscheidend vertiefte Beziehung zur Dritten Welt, insbesondere den Rohstoff-Lieferländern, könne der Westen nicht mit den Sicherheitsproblemen fertig werden, die bereits in den 80er Jahren durch eine ansteigende Störung der Stabilität in den Entwicklungsländern zu erwarten sei. Die Ereignisse in Iran hätten ge-
zeigt, was auf den Westen zukomme. Iran sei kein Sonderfall. Überall dort, wo die überlieferte Gesellschaftsstruktur und das alte Machtgewicht durch die Technisierung und Modernisierung in Frage gestellt werde, seien revolutionäre Bewegungen zu erwarten.
Leider lassen die Reaktionen der Industrieländer im Zusammenhang mit der Welthandelskonferenz in Manila jenes Problembewußtsein vermissen, das nötig wäre, um den Graben, von dem der päpstliche Repräsentant sprach, zu überbrücken. Graf Lambsdorff, Bonns Wirtschaftsminister, berücksichtigte in seiner Rede in Manila mit keinem Wort, was er von den beiden Kirchen mit auf den Weg bekommen hatte. Als „Stimme des anderen Deutschlands“ — so könnte man hier sagen — wurde den Delegierten der Welthandelskonferenz ein gemeinsames Kirchenpapier zugeleitet — unter ausdrücklichem Hinweis auf die wenig zukunftsträchtige Rede des Wirtschaftsministers.
Harald Pawlowski
in: P.-F. Nr. 10/79
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!