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Der neuntägige Aufenthalt des Papstes in seiner Heimat war ein politisches Ereignis. Darüber konnte der religiöse und folkloristische Rahmen der Rundreise nicht hinwegtäuschen. Was zwischen dem 2. und 10. Juni in Polen ablief, war vor allem einmal die augenfällige Demonstration der Geschlossenheit und Stärke der Katholischen Kirche, veranstaltet von rund neunzig Prozent der Bevölkerung, und einer Kaderpartei vorgeführt, die gute Miene zum Spiel machen und obendrein die öffentliche Organisation der Volksfrömmigkeit übernehmen mußte. Der Staatsbesuch aus dem Vatikan ins ‚allerchristlichste Land der Erde‘ war ein voller Erfolg, und der Diplomat Wojtyla durfte mit dem Schauspieler Wojtyla uneingeschränkt zufrieden sein.

Schon die erste Ansprache am Tag der Ankunft ließ an den kirchenpolitischen Absichten der Wallfahrt keinen Zweifel, verriet allerdings auch schon die Methoden und Vorurteile des gern und weniger gern gesehenen Gastes. Diese Predigt am Vorabend von Pfingsten, in der selten vom heiligen Geist und meistens von Polen, seiner Geschichte und Sendung die Rede war, wurde immer wieder mit minutenlangem Beifall bedacht, und hatte die neuralgische Schwachstelle im Bewußtsein der Zuhörer angesprochen, den nationalen Stolz und die kommunistische Fremdherrschaft. Der Pole Wojtyla nutzte auf allen Kundgebungen die gefühlsmäßige Kohärenz von Religion und Nationalität seiner Landsleute naiv-gekonnt und verstand es, die Emotionen so unbekümmert zwischen Vaterland und Kirche laufen zu lassen, daß die show auf viele westliche Fernsehzuschauer eher anachronistisch und peinlich wirken mußte.(…)

Polen stellt in den Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und einem kommunistisch regierten Land einen Sonderfall dar, die Verhandlungsbasis der Kirche ist wegen ihrer Mitgliederzahl (35 Millionen Polen, 90% der Bevölkerung) und ihrer ungebrochenen gesellschaftlichen Geltung einmalig günstig. Vor allem ermöglicht der traditionsreiche polnische Katholizismus eine nationale Identität und Kontinuität unter den Bedingungen einer aufgezwungenen kommunistischen Herrschaft russischer Provenienz. Das bedeutet im politischen Klartext: die Gesellschaft wird nicht von der atheistischen Ideologie, sondern von der Religion zusammengehalten; keine Regierung kann ohne oder gegen die Kirche regieren. Nachdem die staatlichen Repressionen (1945 Kündigung des Konkordates von 1925, 1950 Enteignung des kirchlichen Grundbesitzes, 1952 Unterstellung der kirchlichen Jurisdiktion unter die Oberaufsicht der Partei) keinen durchschlagenden Erfolg erbracht hatten, und die politische Führung sich immer wieder wirtschaftlichen Krisen und sozialen Spannungen ausgesetzt sah, bleibt der kleinen Gruppe von Parteikadern heute nichts anderes übrig, als auf eine Koexistenz und Zusammenarbeit mit den Bischöfen einzulenken. Die Wahl eines Polen zum Papst gibt dieser Entwicklung noch den gehörigen internationalen Aufwind. Unter der angedeuteten innen- und außenpolitischen Konstellation war dann der offizielle Besuch Wojtylas ein geschickter Schachzug: er mobilisierte die breite Masse des Kirchenvolkes und demonstrierte die Geschlossenheit eines nationalen Katholizismus, um die Chancen der Kirche bei zukünftigen Verhandlungen optimal anzuheben.

Hier liegen aber auch die Probleme und Fußfallen. Daß ein Papst, der gottseidank keine Polizei und Panzer zur Verfügung hat, auf Taktik und diplomatische Klugheit setzt, ist sein gutes Recht. Daß er dabei das Recht der Menschen auf Bekenntnisfreiheit einklagt, ist seine christliche Pflicht. Das Ziel und die Ehrlichkeit des Engagements seien nicht in Frage gestellt. Doch beginnen die Schwie-

rigkeiten genau da, wo es zum Interessenausgleich zwischen Kirche und Partei in einer Pattsituation kommt. Läuft die polnische Kirche nicht gerade in der Position der Stärke Gefahr, festgeschrieben zu werden und pastoral wie theologisch zu stagnieren? Pastoral, wenn sie die zweifelhafte Rolle einer Gouvernante übernimmt, die Bürger ruhig und brav zu halten im Falle, daß die moskautreue Partei mit ihrer Weisheit und Wirtschaft am Ende ist. Theologisch, wenn die freie theologische Diskussion und innerkirchliche Reformen zugunsten institutioneller Geschlossenheit blockiert werden. Es entbehrte nicht

einer gewissen Komik, daß der Papst programmatische Forderungen der Aufklärung wie menschliche Würde und Religionsfreiheit in einem liturgischen Rahmen zur Sprache brachte, der tridentinisch, gegenreformatorisch und vorkonziliar geprägt war. Waren die vielen Massenkundgebungen, gut inszeniert und emotional richtig dosiert, Ausdruck eines rational verantworteten Glaubens oder nationaler Folklore? Das Unbehagen angesichts derartiger Szenen auf dem Fernsehschirm signalisiert zumindest einen unterschiedlichen Entwicklungsstand der westlichen und östlichen Kirchen. Es drängt sich die Frage auf, ob die hierarchisch geordnete Kirche Polens der Wahrheit des Evangeliums die nötige Freiheit des Geistes und des Gewissens einräumt oder sie auf dem Stand von gestern und vorgestern einfriert, um mit einer Organisation ähnlichen Absolutheitsanspruchs die Macht zu teilen.

Noch ein zweiter Grund zur Skepsis ist gegeben. Er betrifft die Zukunft des neuen Ponitifikats und die Aufgaben einer Weltkirche hinsichtlich der drängenden Weltprobleme wie Menschenrechte, politische Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Natürlich übernimmt der neue Papst die Tradition seiner Vorgänger und macht sich zum Fürsprecher humaner Werte, darin so eifrig wie Jimmy Carter. Aber vermag er die polnische Brille abzunehmen, die ihn betriebsblind machen könnte für die noch ausstehenden kirchlichen Reformen? In Polen läßt sich gut über Meinungsfreiheit reden, aber hat er nicht – als erster nach längerer Zeit – wieder ein theologisches Werk auf den Index gesetzt? In Polen lassen sich auch gut die politischen Rechte der Katholiken einfordern, aber hat er nicht in Lateinamerika die "Befreiungstheologie" abgewiegelt und in seiner Enzyklika "Redemptor hominis" die überpolitischen Inhalte des Glaubens unvermittelt mit den sozialen Realitäten vorgestellt? Gelten denn die deklamierten Menschenrechte nur für die Kirche, nicht in der Kirche? Oder steckt hinter allem ein undifferenziert übernommener Antikommunismus, der im Osten auf die Pauke haut, in der übrigen Welt aber für eine vor-demokratische Ordnung eintritt? Glaubt der Papst, ein Dialog zwischen Christen und Marxisten, in dem jeder von jedem zu lernen bereit ist, sei nicht möglich oder nötig, weil er unter polnischen Verhältnissen nicht stattfinden konnte? Es bleiben Widersprüche, Ungereimtheiten und Fragen. Sie sollen hier nicht weiter ausgebreitet werden. Es ist zu früh, eindeutige Antworten darauf zu geben. Es bleibt uns abzuwarten und zu wünschen, daß der neue Papst sich von den Idealen, die er verkündigt, auch mutig und gelassen auf kirchliches Neuland führen läßt.

in: imprimatur Nr. 5/20.8.1979

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