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Historischer Rückblick: Im März 1865 brachte Mutter Franziska Dufaing d’Aigremont, Gründerin der Kongregation der Franziskanerinnen, Belair, die ersten Waisenkinder nach Itzig. Gross ist die Schar derer, die im Zeitraum eines Jahrhunderts im Institut St. Joseph Aufnahme fanden.

Zur Zeit befinden sich etwa 60-65 Kinder im Heim im Alter von 1 1/2 – 18 Jahren, verschiedener Nationalität und Konfession, Jungen und Mädchen.

Blick in die Zukunft: Die Anfrage ist gross, doch sind die Verantwortlichen gewillt, die Zahl der Kinder zu vermindern, denn die Kleingruppenarbeit hat im sozialpädagogischen Bereich Anklang gefunden und Erfolge zu verzeichnen. Es wurde erkannt, dass die Erzieher ihre menschlichen Grenzen haben, und dass man die Anzahl der Kinder auf ein Mass beschränken muss, dass jedes Mitglied der Gruppe die Beachtung behält, die es verdient und die es braucht, um sich so gesund wie möglich entwickeln zu können. Je näher Erzieher und Kind sich stehen umso mehr entfalten sich positive Kräfte von selbst. In der Kleingruppe muss sich jeder ganz einbringen, er kann sich nicht verstecken. Sofort und ganz aktuell spürt es jedes Mitglied, wenn übernommene Pflichten nicht ausgeführt wurden. Die gesamte Pädagogik kann sich deshalb auf diese günstige Situation einstellen.

Zweck: Im Institut St. Joseph werden hauptsächlich Kinder aus asozialen Verhältnissen aufgenommen. Die Aufnahme geschieht vermittels des ‚Centre d’Information et de Placement‘. Die Zahl derer, die aufgrund eines Beschlusses des hiesigen Jugendamtes dem Heim

anvertraut wurden, hat in den letzten Jahren zugenommen.

Erziehungsziele: Es gilt eine Atmosphäre der Geborgenheit zu schaffen, wo die Kinder sich angenommen wissen, wo auch der Persönlichkeit und Eigenart des Einzelnen Rechnung getragen wird; als ein wichtiges Sozialisationsziel erscheint zunächst die Entwicklung eines gesunden Masses an Selbstsicherheit; das Selbstwertgefühl so vieler unserer Kinder muss gestärkt werden. Wichtige Fähigkeiten, die erworben werden müssen, um als eigenständige Persönlichkeit in der Gesellschaft später wirksam zu werden, sind: Selbstverwirklichung, Leistungsfähigkeit, humane Liebesfähigkeit, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, Phantasie und Spontaneität. Die Erziehungshilfe soll eine offensive sein, so dass das Aufwachsen nicht in einem pädagogischen Schonraum, sondern in einem konfliktreichen Geflecht unterschiedlicher und widersprüchlicher Einwirkungen stattfindet.

Aufbau: Um den Kindern mehr Nestwärme und ein familiennahes Heim zu bieten wurde das Ganze eingeteilt in sogenannte Familiengruppen. In einer solchen Gruppe leben 8-12 Kinder, Jungen und Mädchen, verschiedener Altersstufen, zusammen mit ihrem Chef de Groupe und 2 Monitrices. Jede Gruppe hat abgetrennte Wohnräume: Küche, Esszimmer, Spielzimmer, Stube, Schlafzimmer, Badezimmer. Die Kinder können sich an der Ausschmückung der Räumlichkeiten beteiligen, besonders die Schlafzimmer, die mehr und mehr auch zu einem Wohnraum werden wo die einzelnen sich je nach Bedarf zurückziehen können, sind geprägt vom Ge-

schmack und der Eigenart des Bewohners. In der Gruppe selbst kann gekocht und gebacken werden, dies geschieht vornehmlich morgens und abends und während der schulfreien Tagen …

Unsere Kinder besuchen zusammen mit ihren gleichaltrigen Kameraden des Dorfes die Primärschule in der Gemeinde Hesperingen. Die Grösseren fahren jeden Tag in die Stadt und besuchen dort die Berufsschule und Mittelschule, eines steht in einem festen Arbeitsverhältnis und kommt übers Wochenende zurück.

Die Kinder werden so oft wie möglich bei den Einkäufen in die Stadt mitgenommen, die Grösseren machen ihre Besorgungen selbst. Auch steht den Kindern die Möglichkeit offen, Tiere zu halten und für deren Verpflegung zu sorgen. So findet man z.B. in den verschiedenen Gruppen: Fische, Vögel, Meerschweinchen, Zwergkaninchen, Katzen, usw. Ab 6 Jahren erhalten die Kinder ein ihrem Alter entsprechendes Taschengeld, über das sie verfügen können.

Erziehung – Teamarbeit: Seit längerer Zeit finden sich regelmässig mit kurzen Unterbrechungen, im Heim Vertreter der verschiedenen Fachrichtungen zusammen zwecks Erziehungs-Beratung z.B. Psychologe, Sozialfürsorgerin, Arzt, Leiterin des Hauses, Erzieherinnen.

Diese Zusammenarbeit ist von grosser Wichtigkeit. Durch gegenseitigen Austausch der Ansichten und Erfahrungen können Fehlentwicklungen vermieden oder ausgeglättet werden und so einer gesunden Entwicklung eine grösstmögliche Chance gegeben werden. Selbst gelegentliche Fehler werden durch eine pädagogische Grundhaltung die bestimmt ist von Zuwendung, Anerkennung und Ermutigung ausgeglichen. Durch monatliche Beratung mit dem Lehrpersonal kann dem Kind ebenfalls geholfen werden die Integration in die Schule so gut wie möglich zu vollziehen. Ausserdem finden in den verschiedenen Gruppen sogenannte Gruppenbesprechungen statt, an denen alle Kinder sich beteiligen können. Die Verantwortlichen sind sich durchaus bewusst, dass alle Hingabe den Kindern niemals ein geordnetes Familienleben ersetzen kann. Ererbtes, Erlebtes und Gehörtes während der frühesten Kindheit an, hinterlassen unauslöschliche Spuren. Andererseits sind Anlagen nicht eindeutige Prädestinationen, sondern Zukunftsanweisungen mit Spielraum. Innerhalb dieses Spielraumes bewirken die Einflüsse der Umwelt die tatsächliche Entwicklung der Persönlichkeit. Diesen uns gegebenen Spielraum versuchen die Erzieher nun in Teamarbeit so weit wie möglich zur vorteilhaften Entwicklung des Kindes auszunutzen.

Freizeitgestaltung: Da die Kinder in der Schule einem bestimmten Lernprogramm unterworfen sind, wird darauf geachtet, dass sie in ihrer freien Zeit schöpferisch tätig sein und dieselbe nach Belieben gestalten können. An einem schulfreien Nachmittag pro Woche nehmen alle Kinder an verschiedenen Freizeitaktivitäten teil, die sie sich selbst ausgesucht haben und die von ihnen zusammen mit den Monitrices gestaltet werden z.B. Basteln, Kochen und Backen, Musik u. Rythmik, Theater und Handarbeit. Desweiteren ist ein beachtlicher Teil der Kinder in den Vereinen der Gemeinde tätig z.B. im Fussball-Club, bei den Wichtelcher und Wöllefcher usw. Andere entfalten ihr Hobby, spielen Piano, laufen Schlittschuh usw. Manche gehen an einem freien Nachmittag zu den Schulfreunden zum Spielen oder bringen dieselben in die Gruppe. Die Zwölf- bis Sechzehnjährigen haben einen Disco-Club gegründet, sie finden sich zusammen, um zu tanzen, zu diskutieren, zu spielen, um heisse Musik zu hören, sie gestalten Geburtstagspartys oder nehmen an denjenigen ihrer Freunde teil.

Da wir ein Ferienhaus an der Grenze zum Oesling haben, ist den Kindern die Möglichkeit gegeben, eine Wochenende oder einen Teil der Ferien dort zu verbringen.

Elternarbeit: Die meisten unserer Kinder haben mehr oder weniger regelmässig Kontakt mit einem Elternteil. Wo es erwünscht ist, wird versucht im Gespräch die Eltern zu beraten, sie anzuhören, zu vermitteln, zu helfen. Jedoch müsste die Elternarbeit weiter ausgebaut werden, besonders wäre eine Weiterbetreuung angebracht im Falle, wo die Kinder in ihre Familien zurückkehren.

Famille d’accueil: Um den Kindern, die keinen oder sehr wenig Kontakt mit ihrer Familie haben, die Möglichkeit zu geben, anderweitig Beziehungen aufzubauen, bemühten wir uns schon vor Jahren, Familien zu finden die sich bereit erklären, ein solches Kind regelmässig, sei es übers Wochenende oder während der Ferien zu sich zu nehmen. Den Kindern wird somit die Gelegenheit gegeben sich ein Bild von einer normalen Familie zu machen, sie sehen wie da gelebt und gehandelt wird. Im Laufe der Zeit entstehen so zwischen dem Kind und seiner Familie d’Accueil herzliche Beziehungen aus denen beide Seiten grossen Nutzen ziehen.

Desweiteren bestehen auch Kontakte zu ehemaligen Heimzöglingen, die jetzt als Erwachsene selber schon eine Familie gegründet haben oder die in einem Beruf tätig sind. Diese Kontakte ermöglichen es, sie auf ihrem Weg weiterzubegleiten, ihnen wenn angebracht mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Träger: Das Institut St. Joseph, Itzig, wird, wie schon anfangs erwähnt, getragen von der Kongregation der Franziskanerinnen.

Finanzierung: Für die Finanzierung des Heimaufenthaltes der meisten Kinder kommt das Office Social der jeweiligen Gemeinden auf. Wo es möglich ist, übernehmen die Eltern einen Teil der Kosten. Zwischen dem Staat und dem Institut besteht noch keine ‚Konvention‘. Mittels eines Subsidies finanziert der Staat lediglich einen Teil der Gehälter des Personals. Gelegentlich kommen uns private Spenden an Geld und Kleidern zu, die dankbar angenommen werden. Sr.M.-J.B.

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

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