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Die Fondation Colnet-d’Huart, dereinst ein Sanatorium für Poliokranke, wurde vor einer Reihe von Jahren vom Roten Kreuz in ein Kinderheim umgebaut. Mussten anfangs die Kinder barfuss, nur mit Sportanzügen bekleidet, umherlaufen, so leben heute wohlgenährte, wohlgekleidete, höfliche Kinder – mindestens 60! – in dem Bartringer Heim. Das Haus hat sich auch nach aussen geöffnet und die Kinder besuchen die Schulen in Bartringen und Umgebung.
Der geordnete, oft fröhliche Anschein, den die Kinderschar dem Besucher heute bietet, versteckt aber Probleme, die nicht so erfreulich sind. Die höflichen Tischmanieren z.B. gehen einher mit einem absoluten Schweigen bei Tisch, das kaum als spontane Kinderhaltung anzusehen ist. Die Fondation Colnet-d’Huart ist auch eines der wenigen Kinderheime, das keine Konvention mit dem Staat unterschrieben hat, somit auch keiner Kontrolle unterliegt. Einen eigenen Psychologen hat das Haus noch nie anzustellen versucht. Die Kinder leben immer nur in der Gussgruppe, sind nicht in ‚Kleinfamilien‘ aufgeteilt, wie das heute in der Heimerriehung normal ist. Eine eigene Intimität, Individualität zu entwickeln ist den Kindern nicht möglich. Die Architektur des schlossähnlichen Gebäudes soll sich dazu nicht eignen …
Ausser der Direktorin, an der die Kinder fast alle wie an einer Mutter hängen und deren Verdienste unbestreitbar sind, ist kein qualifiziertes Personal anzutreffen. Dieses müsste teurer bezahlt werden …! Zur Erziehung der unruhigen, oft aggressiven Kinder greifen die Betreuerinnen deshalb meistens auf autoritäre Methoden (Drohungen, Schelte, Hiebe) zurück. Der gute Wille hält nämlich nie lange an: der Mangel einer entsprechenden Ausbildung, die Überstunden, ein Lohn der den geleisteten Diensten keinenfalls entspricht, die subalterne Stellung gegenüber der Direktorin fördern nämlich nicht gerade eine ausgeglichene Haltung gegenüber den Kindern. Und bei diesen Kindern, die fast alle aus zerrütteten Familien kommen, wo sie schon der lebensnotwendigen menschlichen Zuneigung entbehren mussten, -die meisten gelten als ‚enfants abandonnés‘-, wiegt das doppelschwer.
Am meisten fürchten sich die Kinder vor der Frau, die manchmal die Direktorin ersetzt. Eine Zeugin berichtete uns, dass sie einige Kinder in Tränen ausbrechen sah, als sie deren Auto erblickte. Während einer solchen Ersatzzeit verwandelt sich das Kinderheim geradezu in ein Militärlager.
Die Kinder drücken ihre Probleme meist mit physischen Reaktionen aus: Bettnässen, Masturbieren, mit dem Kopf gegen die Mauer rennen, sich während des Schlafes unaufhörlich im Bett wälzen… sind typische Erscheinungen bei diesen Heimkindern.
Es wird zwar ernsthaft versucht den Kindern eine gesicherte Ausbildung zu vermitteln, doch der Besuch höherer Schulen wie Lyzeum oder Mittelschule gelingt nur in Ausnahmefällen. Dieses Problem dürfte aber kaum nur in Bartringen bestehen.
Mit den Kindern, die das Heim verlassen, etwa nach Abschluss der Ausbildung, wird kaum mehr Kontakt gehalten. Sehr schnell fallen diese Kinder in dieselbe Marginalität zurück, in der schon ihre Eltern lebten: frühe Hochzeit – Scheidung – Prostitution – Kriminalität – Gefängnis – Drogenkonsum … sind einige Stichworte zur Kennzeichnung ihres kommenden Lebensweges, jedenfalls für viele, zu viele!
Die Jugendsektion des Roten Kreuzes gibt sich redlich Mühe, die Freizeit der Kinder abwechslungsreich zu gestalten. Aber uns scheint, dass eine viel globalere Umgestaltung des Heimlebens nötig wäre. Aber alles soll an den Finanzen scheitern …!? Die Direktorin z.B. konnte 5 Jahre lang keinen Urlaub machen, weil sie um die ordentliche Führung des Betriebes während ihrer Abwesenheit besorgt war. Ihre Haltung verdient Respekt, die Ursachen sind aber nicht normal.
Zum Schluss sei noch auf einen andern Fragenkomplex hingewiesen: Obschon Bartringen zu den aktivsten Pfarreien des Landes gehört, tut die Bevölkerung als gebe es das Kinderheim in der Mitte ihrer Ortschaft nicht.
(Obige Angaben wurden von einem Redaktionsmitglied auf Grund von Augenzeugenberichten zusammengestellt.)
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