Was ich noch hätte sagen sollen

Nachtrag zum Rundtischgespräch von "forum" und "Perspektiv"

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Eine gewisse Unerfahrenheit, dazu die Sorge, nicht in unnütze Polemik oder abstrakte Gedankengänge zu geraten, der Zeitmangel, haben dazu geführt, dass ich anlässlich dieses Rundtischgesprächs verschiedenes, was mir wichtig scheint, nicht sagte oder rundweg vergass. Das sei nun hier nachgetragen.

  1. Am Anfang des Gesprächs war die Kirche eins der Hauptthemen. Sie wurde von sozialistischer Seite sehr heftig angegriffen, meistenteils zurecht, wie ich damals sagte und auch heute noch meine. Aber, und das kam leider nicht zur Sprache, für uns Christen ist die Kirche, selbst als gesellschaftliche Institution nicht nur ein negatives Faktum, sondern sie hat für uns daneben noch eine andere Dimension, nämlich die einer Gemeinschaft der Glaubenden und auf Gott hin offenen Menschen. Diesen wesentlichen Aspekt der Kir-

Kirche, und meine Haltung dazu, möchte ich an Hand eines Zitats verdeutlichen, das aus dem Entwurf zu ihrer Grundsatzklärung stammt, welchen die französische, linkskatholische Bewegung ‚La Vie Nouvelle‘ im Juni dieses Jahres auf einem Kongress diskutieren wird: ‚Pour l’Eglise, il faut opérer d’emblée une distinction entre: l’institution-Eglise comme corps social à l’intérieur de la société civile, qui joue un rôle s’articulant sur différentes fonctions de cette société ( enseignement, morale, idéologie, etc.) Ce qu’on appelle, à la suite de Gramsci, l’Eglise comme ‚Appareil idéologique d’Etat‘. L’Eglise-Institution a davantage valorisé son rôle institutionnel et politique que celui d’animatrice de communautés de foi dont, en particulier, elle interdit l’expression pluraliste. Nous sommes en désaccord avec ses activités politiques et idéologiques quand elle contribue

à maintenir le ‚désordre établi‘. Nous refusons le type de fonctionnement interne (autoritarisme, oppression) qu’elle cherche présentement en réaction à Vatican II à restaurer. Nous sommes cependant solidaires de l’Église parce que la Parole au nom de Jésus passe par elle, qu’elle fait partie de notre histoire et que c’est par elle que le message évangélique nous a été transmis.

La communauté de foi organisée. C’est l’église comme rassemblement des croyants, comme corps mystique, qui assure la formation des croyants et l’expression communautaire de leur foi. Encore faut-il qu’elle fasse place à la recherche de nouvelles expression de la foi et à des communautés non-hierarchisées, cherchant à retrouver l’esprit des premiers chrétiens. Mais cette distinction ne doit pas aller jusqu’à une coupure tranchée. Il existe de nombreuses interactions entre les deux aspects, entre les deux fonctions.

Cependant, toute approche qui ne considère comme importante que la seule dimension institution de l’Église (société civile) est insuffisante, en ce sens qu’en évacuant la dimension communauté de foi, elle évacue la densité, la spécificité, l’efficace de cette idéologie qu’est le christianisme en tant que réalité sociale propre.‘

Auch wenn diese gemeinschaftliche, geistige Dimension der Kirche vielen Aussenstehenden nicht bekannt oder wahrnehmbar ist, für uns Christen ist sie wichtig, und sie erklärt nachgerade, weshalb wir, trotz aller Konflikte und Meinungsverschiedenheiten mit dem Kirchenapparat, uns dennoch der Kirche zugehörig fühlen und in einer, wenn auch kritischen Solidarität mit ihr verbleiben.

  1. Im Zusammenhang mit der Kritik an der Kirche tauchte bei den sozialistischen Gesprächspartnern immer wieder ein Argument auf, das unbedingt hätte zur Sprache gebracht werden müssen, denn meiner Meinung nach impliziert es ein Gutteil der totalitären Deformationen des Sozialismus. So wurde z.B. verlangt die Spitäler und Schulen, die von der Kirche gebaut und unterhalten wurden, bzw. noch werden, sollten vom

Staat übernommen werden, denn sie lägen ja in seinem Aufgabenbereich. Wenn es überhaupt zu einer privaten Schul- und Spitälergründung kam, so war von sozialistischer Seite zu hören, so lag das nur daran dass der Staat seinen Pflichten nicht nachkam: Privatinitiative ist demnach kein Verdienst der Bürger, sondern die Folge eines Versagens des Staates. Dieser sozialistische Ruf nach dem Staat hat gewiss eine starke, wenn auch überwiegend marxistische Tradition, darf aber meiner Meinung nach nicht als ein ewiges Wesensmerkmal des Sozialismus angesehen werden. Mir scheint diese statistische Einstellung eher im Gegensatz zum Sozialismus zu stehen.

Sozialismus heisst für mich ‚Selbstverwaltung‘, ‚Autogestion‘, und nicht ‚Verstaatlichung‘, ‚Vorherrschaft, Uebermacht des Staates‘. Gewiss, in der Gesellschaft gibt es jede Menge ‚öffentlicher‘ Aufgaben, wie z.B. Erziehung, Gesundheitswesen, Justiz usw. Die Gleichung ‚öffentlich = staatlich‘ aber beruht auf einer verhängnisvollen Verwechslung. Nach gut sozialistischem Prinzip (welches sich erstaunlich verwandt erweist mit dem Subsidiaritätsprinzip der christlichen Soziallehre) müssen die öffentlichen Angelegenheiten von den Bürgern selbst, soviel und soweit wie möglich in eigener Regie, geregelt werden. Der Staat ist nur da, um diejenigen Aufgaben zu übernehmen, durch welche die sich selbst verwaltenden Bürger und Bürgergruppen überfordert sind. Das Prinzip des autogestionären Sozialismus ist: Sowenig Staat wie möglich, soviel Staat wie nur unbedingt nötig.

Die etatische Richtung dagegen mißtraut eigentlich und grundsätzlich der Initiative der Bürger, und will dem Staat alle Macht und gesellschaftlichen Bereiche zu schreiben. Unerfindlich bleibt aber dabei, wie unter solchen Umständen noch im Ernst vom sogenannten Absterben des Staates gesprochen werden kann. Die Erfahrung der Christen mit der totalitären Struktur der Kirche sowie das in seinem Wesen autogestionäre Subsidiaritätsprinzip der christlichen Soziallehre können in dieser Beziehung ein wichtiger Beitrag sein der Christen zur Entwicklung des Sozialismus.

Auch hier kann ich es mir nicht versagen, aus dem Grundsatzprogramm von Vie Nouvelle kurz zu zitieren: ‚En conséquence, il importe de résister à la logique purement formelle de la solution marxiste traditionnelle en réhabilitant les responsabilités et la liberté des ‚entrepreneurs‘, c’est-à-dire en sauvegardant d’importantes zones économiques libres, même si, par le jeu de nationalisations sélectives, la collectivité sociale se donne les moyens de diriger l’économie nationale dans ses grandes options. Il faut une économie planifiée, mais qui sache se moduler avec la liberté et l’initiative privée. Le bon fonctionnement concret de l’économie est à ce prix. Cela correspond à la redécouverte de la liberté comme facteur économique essentiel.‘

  1. Diese erste Begegnung zwischen Christen und Sozialisten war, trotz aller Mängel, ein notwendiger Anfang. Damit es auch ein erfolgreicher war, muß es zu weiteren Zusammenkünften kommen. Diese sollten dann aber präziser und enger gefaßte Themen behandeln, damit die Diskussion nicht zu sehr in alle Himmelsrichtungen zerläuft, sondern zu greifbaren Ergebnissen kommt: Einverständnisse, Unvereinbarkeiten, oder gar gemeinsame neue Erkenntnisse und Unternehmungen. Wichtig wäre jedenfalls die klare Abgrenzung von theoretischen und mehr praktisch -politischen Problemen. Mögliche Diskussionsthemen wären z.B. folgende: Politik der Menschenrechte, sozialistische und christliche Staatsauffassung, die Uebergangsphase von der

jetzigen Industriegesellschaft zu einer autogestionären Gesellschaftsorganisation. Vor allem drängt sich aber meiner Meinung nach folgende Frage auf: was kann jetzt, hier und heute, schon getan werden im Hinblick auf eine sich selbst verwaltende Gesellschaft?

Um es mit Vie Nouvelle zu sagen: ‚(Nous refusons) de renvoyer à plus tard, après la révolution, la transformation des rapports de travail et de l’organisation du travail qu’on retrouve dans le capitalisme d’Etat identiques à ce qu’ils sont en économie libérale.

C’est dire que pour (nous) l’avenir socialiste se bâtit en engageant dès aujourd’hui des actions de réforme et d’innovation dans l’entreprise, dans l’organisation du travail en particulier, tout autant qu’en mettant en place des mécanismes plus lourds de régulation étatique des grandes fonctions économiques. Rappelons-le: l’ennemi est certes le capitalisme, mais aussi le système économique moderne en tant que tel, qui fonctionne également dans le socialisme autoritaire.‘

Hubert Hausemer

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