Laienmoral — eine ethische Grundorientierung in orientierungsarmer Zeit

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‚Dulden heisst beleidigen‘, sagte Goethe einmal. Nach der Einführung eines religiös und weltanschaulich nicht gebundenen Ethikunterrichts in den luxemburgischen Lyzeen im Jahre 1968 erweckten verschiedene Leute auf der extremen Rechten und der extremen Linken den Eindruck, als wollten sie durch Beleidigungen der Laienmoral ihre Duldsamkeit unterstreichen. Inzwischen sind die Vorurteile gegenüber diesem neuen Schulfach geschwunden, die Polemiken verhallt, und so ziemlich bei allen vernünftigen Bürgern hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass Laienmoral weder zersetzendes Teufelswerk noch bourgeoise Staatsmoral ist, sondern die sittliche Grundlage einer jeden den allgemein anerkannten Menschenrechten verpflichteten Erziehung.

Einem demokratischen Grundkonsens entsprechend, beruht das pädagogische Konzept der Laienmoral auf einem ethischen Koordinatensystem, dessen Achsen humanistische Toleranz (im Sinne von Lessings ‚Nathan der Weise‘) und solidarisches Verantwortungsbewusstsein (im Sinne von Kants ‚kategorischem Imperativ‘) heissen.

Als ‚dritte Dimension‘ kommt wohl für die meisten Menschen ein irgendwie religiös oder weltanschaulich gefärbtes ‚Prinzip Hoffnung‘ hinzu, das über einen

mehr instinktiven Ueberlebenswillen hinausreicht, das jedoch in seinen konkreten Ausprägungen weder beweisbar noch widerlegbar ist und sich auch keineswegs mit institutionalisierten Glaubensbekenntnissen oder traditionellen Weltanschauungen decken muss.

Einer derartigen religiösen oder ideologischen Dimension spricht die Laienmoral auch durchaus nicht jede Daseinsberechtigung ab – sofern Religionen und Weltanschauungen sich selbst ausdrücklich auf das oben skizzierte Koordinatensystem mit den Achsen Toleranz und Verantwortungsbewusstsein projizieren. Aggressive Religionen wie Khomeinis Islam oder inhumane Ideologien wie Hitlers Nazismus dagegen kann keine Demokratie dulden, weder in der Schule noch in der Gesellschaft schlechthin. Jeder soll nach seiner Fassion selig werden – unter der Bedingung, dass er auch allen Mitmenschen dieses Recht zugesteht.

In diesem Sinne steht die Ethik der Laienmoral nicht in einem unversöhnlichen Gegensatz zu spezifischeren Ethiken religiöser oder weltanschaulicher Prägung; sie bildet vielmehr die unverzichtbare Grundlage jeder demokratischen Erziehung – eine notwendige Grundorientierung in orientierungsarmer Zeit.

Roland HOLZ, Laienmorallehrer

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