Ohne Atomkraft und Öl
Das Öko-Institut legte eine wegweisende Studie zur Energiepolitik vor (aus: Publik-Forum 7/1980)
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Das Öko-Institut legte eine wegweisende Studie zur Energiepolitik vor
Das Öko-Institut wird als Vereinigung von etwa 1700 kritischen Wissenschaftlern und Bürgern getragen. Die jetzt vorliegende Studie zeigt in ihrem Ergebnis, daß die Bundesrepublik auf die Atomenergie verzichten und sich auch von der Erdölabhängigkeit befreien kann, allerdings nur dann, wenn sie der alternativen Energienutzung konsequent die oberste forschungs- und wirtschaftspolitische Priorität einräumt.
Es ist schon von einiger Brisanz, wenn das Freiburger Öko-Institut, wie jetzt geschehen, den bundesdeutschen Energiepolitikern schlüssig vorrechnet, daß es durchaus möglich ist, aus der Produktion von Atomenergie auszusteigen. Noch brisanter ist es allerdings, wenn die Freiburger Experten zudem auch noch den Ausstieg aus der Abhängigkeit vom Erdöl für möglich halten (siehe Schaubild des Öko-Instituts).
Die Feststellungen des Öko-Instituts zerstreuen jene Befürchtung der wahrscheinlichen Mehrheit der Bundesbürger, wonach es beim Verzicht auf die Kernenergie zu bedrohlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten kommen könnte. Diese wirtschaftliche Befürchtung hat das Unbehagen an den Sicherheitsfragen der Atomkraft derzeit politisch verdrängt. Entsprechend dem Szenario des Öko-Instituts könnten jetzt aber auch der Gewerkschaftsfunktionär für einen nichtnuklearen Kurs eintreten. Das Gegebenen der Massenarbeitslosigkeit wird ihm verscheucht. Zudem: auch wenn er sich gegen die Kernenergie entscheidet, so braucht er sich nicht gleichzeitig für eine „grüne Alternativgesellschaft“ zu entscheiden, für die er derzeit wahrscheinlich noch keinerlei Verständnis aufbringt. Neben dem relativ kurzfristigen Verzicht des Einsatzes von Atomenergie kann nach der Öko-Studie zugleich der Einsatz von Erdöl und Erdgas für energetische Zwecke bis zum Jahre 2000 fast auf die Hälfte gesenkt und bis 2030 vollkommen überflüssig gemacht werden. Der bei dieser Entwicklung notwendige Einsatz von Kohle wäre in den nächsten Jahrzehnten ungefähr gleichbleibend und würde sich vom heutigen Verbrauch nicht nennenswert unterscheiden. Bis zum Jahre 2030 könnte sich die Bundesrepublik in der Energieversorgung so gut wie völlig von Importen unabhängig machen und ihren Primärenergiebedarf etwa je zur Hälfte aus heimischer Kohle und sich erneuernden Energiequellen decken. Festgestellt wird, daß die für die geplante nichtnukleare Zukunft notwendigen neuen Energie(nutzungs)technologien selbst nach den heute üblichen Wirtschaftskriterien weitaus kostengünstiger sind als die Errichtung der neuen Systeme auf der Basis der Atomkrafttechnologie.
Das Schwergewicht der Studie liegt bei der Strategie, die Energie besser zu nutzen und sich vorrangig für sich erneuernde Energiequellen einzusetzen. Würde diese Strategie, so betont das Öko-Institut, weltweit verfolgt, so könnten sich aus der Sicht der Energieversorgung alle anderen Länder im Jahre 2030 ungefähr so viel materiellen Wohlstand pro Kopf leisten wie die Bundesrepublik heute und das ohne Ansteigen des Weltverbrauchs an fossilen Energieträgern. Auch die Kernenergie bräuchte bei einem weltweiten Szenario des Öko-Instituts nicht zum Einsatz kommen. So lautet denn auch die Losung des Instituts: „Mehr Wohlstand mit weniger Energie.“
Diese Losung trägt dem Sachverhalt Rechnung, daß die bessere Energienutzung eindeutig die größte Energiequelle ist, die überhaupt zur Verfügung steht. Damit wird jenes Argument der Vertreter der Großtechnologie entkräftet, wonach der Beitrag der sogenannten alternativen Energiequellen zur Energieversorgung der Bundesrepublik nur einige wenige Prozent betragen könne und daher nur einen Tropfen auf den heißen Stein sei.
Das Öko-Institut hat im übrigen bei der Aufzählung der Einsparungsmöglichkeiten wohlweislich vermieden, sich dem Verdacht auszusetzen, ein Zwangsprogramm einführen zu müssen. Durchaus wünschbare und vernünftige Verhaltensänderungen im Alltag, wie Pullover anziehen, nur einen Teil der Wohnung beheizen, zu Fuß gehen oder Radfahren statt Autofahren und Tempolimit 100 werden nicht berücksichtigt.
tigt. Ausschließlich technische Verbesserungen werden in die Rechnung einbezogen, und auch hier verbleiben Reserven, wie beispielsweise die Wiederverwendung von Materialien oder die Produktion langlebiger Güter.
Zwei Tendenzen des gegenwärtigen technischen und wirtschaftlichen Strukturwandels kommen der Energiestrategie des Öko-Instituts entgegen. Die weniger energieintensiven Sektoren der Volkswirtschaft, wie Handel, private und öffentliche Dienstleistungen gewinnen immer mehr an Gewicht, d. h. ihr Beitrag zum Bruttosozialprodukt wird auf Kosten des Anteils der produzierenden, energieverbrauchenden Industrie immer größer. Innerhalb der Industrie selbst wachsen die weniger energieintensiven, dafür aber forschungs- und entwicklungsintensiven Branchen aufgrund der Weltmarktbedingungen wesentlich schneller als die alten Industrien wie z. B. die Stahlindustrie, die Zementindustrie und die chemische Grundstoffproduktion. Letztere verzehren bislang drei Viertel des industriellen Energieverbrauchs.
Die in der Studie im einzelnen skizzierte Energiezukunft zeigt auch für den Arbeitsmarkt große Vorteile. Hier wird auf den Bau und die Installation von energiesparenden Geräten und Anlagen hingewiesen. Für das innenpolitische Klima, so wird betont, entfällt der Konfliktstoff Kernenergie, für die Außenpolitik ergibt sich der Vorteil, daß auch die ärmeren Länder das für sie lebensnotwendige Erdöl erhalten können. Von seiten des Öko-Instituts wird darauf
Einem Teil der heutigen Auflage liegen Petitionslisten des „Comité National d’Action contre Cattenom“ bei. Wir bitten unsere Leser, möglichst viele Unterschriften zu sammeln und die Listen an die „forum“-Adresse zurückzusenden. Angesichts des Boykotts, mit dem das L.W. ohne Angaben von Gründen die Anti-Cattenom-Kampagne mal wieder belegt hat, wird die werbende Arbeit von Lesern der Alternativpresse einmal mehr von unschätzbarer Wichtigkeit sein. „Man muß … die öffentliche Meinung sensibilisieren, damit die Bevölkerung nicht sagt: ‚Es hat ohnehin keinen Zweck‘. Denn wenn man dies sagt, gibt man von vornehmen alles auf. Meiner Ansicht nach können wir etwas erreichen, allerdings nur, wenn wir alle in derselben Richtung informieren und auch versuchen, die Leute zu motivieren.“ (Franz Celling, CSV, in: LW, 7.5.1980)
hingewiesen, daß in der zu erhoffenden breiten Diskussion Wert darauf gelegt werden muß, die Details des alternativen Grundkonzepts weiterzuentwickeln und vor allem darzustellen, wie die langfristige Alternativlösung des Energieproblems in ihren Schritten möglichst kurzfristig in Gang gesetzt werden kann. Schon heute sei abzusehen, daß die Hauptverteidigungslinie der Vertreter der Kernenergie darin liegen wird, die „rechtzeitige“ Umsetzbarkeit
keit der Vorschläge des Öko-Instituts zu bestreiten. Dabei wird es ihnen schwerfallen, die technische Machbarkeit des Öko-
CATTENOM Doudgeféierlech
Eis Zukunft gött verbaut
Konzepts ernsthaft in Frage zu stellen, obwohl man dies auch versuchen wird. Das Öko-Institut kann bei dieser Auseinandersetzung auf den mangelnden politischen Durchsetzungswillen der Regierenden verweisen und im übrigen ein beachtenswertes wissenschaftliches Sprachrohr der alternativen Bürgerinitiativbewegung sein.
Harald Pawlowski
in: Publik-Forum Nr. 7, 4. April 1980
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