Türken in der BRD
Der Schulweg ins Getto (aus: Die Welt, 21.10.1980)
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Der Schulweg ins Getto
Am 15. August meldete sich Metin U. bei der Polizei. Er wollte „etwas in Ordnung bringen“. Man brachte ihn sofort in Untersuchungshaft. Die Anklageschrift wirft ihm nun vor, zweimal einen Spielautomaten geknackt zu haben. Die Eltern Metins erfuhren erst fünf Wochen später, wo ihr Sohn geblieben war.
Metin ist 17 Jahre alt. Als er die Automaten leerte, war er 16. Er und seine Eltern haben einen festen Wohnsitz, trotzdem ist er in Haft. Metin ist Türke.
Ein Schicksal eines Gastarbeiterkindes, das nicht typisch sein mag, denn Metin gilt immerhin als „integriert“. Er hat den deutschen Hauptschulabschluß, spricht besser Deutsch als Türkisch. Bundesweit schaffte dies nur ein Drittel der türkischen Kinder. Die anderen stehen, wenn ihre Schulpflicht abgelaufen ist, buchstäblich auf der Straße. Dann muß ein junger Türke Glück haben, wenn er Zutritt zum Berufsgrundschuljahr findet, wenn ihn die Bundesanstalt für Arbeit fördert oder wenn er irgendwo im Beruf Unterschlupf findet. Sonst reiht er sich ein ins Heer der Arbeitslosen – oder der Straffäter.
Die Startmöglichkeiten sind für Deutsche und Türken gleich. In der Theorie. Mit sechs Jahren beginnt der Unterricht an der Grundschule. Aber in der deutschen Regelklasse nur für den, der Deutsch kann. Und das kann ein Türke oft nicht, auch wenn er in Deutschland geboren wurde. Denn zu Hause wird türkisch gesprochen, mag dieses „Zuhause“ nun in Köln, in München oder in Berlin sein. Ein türkisches Kind könnte Deutsch im Kindesalter lernen; außerdem bieten viele Städte ihren Ausländerkindern Sprachunterricht an. Aber die meisten Türken lehnen dieses Angebot ab. Nur 27 Prozent aller Ausländerkinder besuchen einen Kindergarten, von den Türken nicht einmal 10 Prozent.
Ein türkischer Vater nennt den Grund: „Ich kann meinen Sohn doch gut genug erziehen. Meine Familie ist nicht asozial, wir brauchen keine Hilfe.“ Stolz und mangelndes Verständnis stellen schon früh die Weichen falsch.
Daher kommen viele ausländische Schulanfänger nicht zusammen mit den Deutschen in die 1. Klasse, sondern in eine „Vorbereitungsklasse“. Nach zwei Jahren sollen sie „umsteigen“, das heißt so weit sein, daß sie in die Regelklasse integriert werden können. Aber:
Nicht in allen Bundesländern gibt es das Modell der Vorbereitungsklassen. In vielen Bundesländern
dern gibt es (noch) das Modell der Langform. Das heißt, der Türke bleibt während seiner gesamten Schulzeit in der Türkenklasse.
Es gibt bei weiterführenden Schulen Widerstand gegen die Übernahme von Türken.
Die Regelklassen weisen mitunter einen so hohen Ausländeranteil auf – bis zu 80 Prozent in Köln, in Berlin sogar darüber –, daß von einer Integration der Türken nicht mehr gesprochen werden kann. Eher wird die deutsche Minderheit integriert.
Die Lehrer werden häufig überfordert
Viele türkische Kinder werden erst, wenn sie schon einige Klassen in der Türkei absolviert haben, nach Deutschland geholt. Die Vorbereitungsklassen, vor allem die an der Hauptschule, werden so mit Schülern belastet, die noch überhaupt kein Deutsch verstehen und bis zum Ende der Schulpflicht den Sprung in die Regelklasse nicht schaffen können.
Die Vorbereitungsklassen werden zusätzlich befrachtet mit Kindern, die eigentlich auf die Sonderschule gehören. Aber Lernschwächen wie Legasthenie gelten bei Türken als ein Makel, den die Eltern nicht eingestehen wollen.
Die Chancen eines türkischen Kindes sind also gering, wenn es erst über die Vorbereitungsklassen in die Schule kommt. Hier findet es nur Freunde, die sich untereinander
der auf türkisch unterhalten. Auf dem Pausenhof und auch nachmittags spielen sie zusammen. Die Gettobildung beginnt in der Schule.
Aber völlig überforderte Vorbereitungsklassen sind nicht das einzige Problem, mit dem sich der türkische Schüler auseinandersetzen muß. Das Erziehungsideal, das verwirklicht werden soll, ist die plurale Integration, nicht die Assimilation.
Das bedeutet, daß auch die eigene Sprache und die eigene Kultur entwickelt werden müssen. In den Vorbereitungsklassen werden daher Mathematik, Geschichte, Erdkunde unterrichtet – und Türkisch als Muttersprache. Deutsch ist Fremdsprache; sie wird nach Lehrbüchern für den Deutschunterricht im Ausland vermittelt.
Viele engagierte Lehrer versuchen, das Fehlen geeigneten Lehrmaterials durch eigene Improvisation aufzufangen. Eine Beanspruchung, die überfordert. Denn der Lehrer ist Erzieher und Sozialarbeiter zugleich, auch für die Familien seiner Schüler. Er muß mit den Eltern über Dinge reden, die für Deutsche selbstverständlich sind, wie zum Beispiel über den Sportunterricht für Mädchen, die Schulpflicht, über das Erfordernis, nachmittags Hausaufgaben zu machen und nicht arbeiten zu gehen, und dies möglichst ohne die lärmende Gegenwart der Familie. (…)
Einen hohen Ausländeranteil haben fast alle Hauptschulen, weil heute deutsche Schüler in großer
Mehrheit weiterführende Schulen (Gymnasien, Real- und Gesamtschulen) besuchen. Eine Entwicklung, die der Hauptschule die Rolle der Ausländer- und der Lernschwachenschule zuweist, und die auch die Modelle ad absurdum führt, die auf Integration angelegt sind, als Langform oder als Vorbereitungsklassen.
An der Misere sind nicht allein die Schulbehörden schuld: Die Ausländer, unter ihnen besonders die Türken, wollen häufig gar nicht integriert werden. Sie kommen mit der festen Absicht nach Deutschland, rasch viel Geld zu verdienen, um dann zu Hause einen neuen Start zu wagen.
Aber nach ein, zwei Jahren ist sich der türkische Vater nicht mehr sicher, wann er zurückgehen soll. Der Vater von Metin beispielsweise hat, obwohl er schon zwei
Jahrzehnte in Deutschland lebt, nie einen Antrag auf Einbürgerung gestellt. Er weiß nicht, ob er bleibt. Aber er bleibt.
Zum Teil wird diese Unsicherheit von deutscher Seite aus bewußt aufrechterhalten, um zu verhindern, daß zu viele Türken seßhaft werden. Ein kleiner Verstoß gegen das Gesetz kann zur Abschiebung führen.
Soziale Maßnahmen im Wohnungssektor kommen bei den Ausländern oft nicht an. Trotz der Änderung des Wucherparagraphen zahlen sie häufig Wuchermieten, Sozialwohnungen oder Wohngeld sind ihnen in der Regel verwehrt.
Es gibt allerdings Bemühungen, die Lage zu verbessern. Der 53. Deutsche Juristentag formulierte Vorschläge, die Grundrechte der Ausländer entsprechend ihrer Aufenthaltsdauer zu verfestigen. Nach
den Vorstellungen der Juristen wäre eine Abschiebung Metins verboten.
Auch im schulischen Sektor gibt es Überlegungen und, zum Beispiel in Bonn, Reformversuche. Hier bemüht man sich, von der Vorbereitungsklasse wegzukommen. Der junge Türke kommt an der Grundschule Finkenhof ohne Rücksicht auf seine Deutschkenntnisse in die Regelklasse. Dort kann er sich an seine Mitschüler gewöhnen. Den sprachlichen Rückstand holt er in Intensivkursen auf.
Eine entscheidende Reform sollte aber hinzukommen: Die Hauptschule darf nicht zur Abschiebeschule werden.
HANS-HERBERT HOLZAMER
in: Die Welt, 21.10.1980
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