„Die Frage wurde uns noch nicht gestellt …“

Interview mit "PAX CHRISTI" - Luxemburg

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Interview mit ‚PAX CHRISTI‘ – Luxemburg

forum: Was ist ‚Pax Christi‘? Welche Aufgabe, welches Ziel ist dieser kirchlichen Organisation gestellt?

P.X.: Pax Christi ist weniger ein straff aufgezogener Verein oder eine geschlossene Organisation von Mitgliedern, als vielmehr eine BEWEGUNG von Menschen, die sich aus ihrer gemeinsamen christlichen Ueberzeugung heraus im Rahmen der katholischen Kirche um den Frieden bemühen. Im Ziel einig, dürfen die verschiedenen nationalen Sektionen, ebenso wie die einzelnen Mitglieder, in der Praxis der anzuwendenden und in konkreten Situationen einzuschlagenden Wege verschiedener Meinung sein. Was denn auch der Fall ist, besonders wenn es sich um Fragen politischer, resp. diplomatischer Opportunität handelt.

Unter ‚Friede‘ versteht P.X. den Frieden im vollsten Sinn des Wortes: Friede mit Gott, als Geschenk des Glaubens in beglückender Sicherheit, ein Geschenk das erbetet werden muss; Friede mit den Mitmenschen im Alltag des Lebens und nicht zuletzt im Kreis der Familien; innerkirchlicher Friede; ökumenischer Friede, nicht auf Verwässerung aufgebaut, sondern auf gegenseitige Achtung; sozialer Friede; innenpolitischer Friede in Toleranz der Meinungen; Friede zwischen den Rassen, Völkern, Nationen …

Geht es um den Völkerfrieden, oder gar um den Frieden der Waffen, so sieht sich P.X. vor allem und direkt angesprochen von den wichtigen Voraussetzungen dazu, wie etwa: Entwicklung, Ökologie, Dritte Welt-Fragen, Nord-Süd-Gefälle des Wohlstands, Flüchtlingshilfe, Verhandlungsbereitschaft der mutmasslichen Gegner. Weniger evident, und de facto intern nicht unumstritten ist die Frage, ob sich P.X. auch eigene Ansichten über internationale politische Probleme und militärische Fragen resp. Waffengattungen erarbeiten und sich bemühen soll, dieselben durch Verlautbarungen, Aufrufe und Manifestationen in der Öffentlichkeit durchzusetzen.

Wichtige Arbeitswege von P.X. sind vor allem jene, die auf dem weitgefächerten Gebiet der Erziehung und der Motivierung zu aktiver Friedensarbeit liegen. So etwa Schriften, internationale Sternfahrten und Jugendmärsche, wobei bestimmte Probleme konkreter Friedensarbeit besprochen werden; Jugendherbergen und Begegnungszentren; kirchliche Veranstaltungen, besonders im Rahmen des jährlichen Weltfriedenstages am 1. Januar. Mit einem Wort: Alles was der Schaffung eines friedenssträchtigen Klimas von Mensch zu Mensch und von Land zu Land dienen kann.

‚Die Kirche sollte ihre Bereitschaft betonen, ohne Schutz von Waffen zu leben.‘

Ökumene-Vollversammlung (Nairobi 1975)

Schweizer Fastenkalender 1981

An der Spitze von Pax Christi/ International steht der ‚Generalrat‘ (Conseil International), der sich aus Vertretern aller Mitgliedsländer zusammensetzt. Der Rat wählt einen Bischof zum internationalen Präsidenten, zwei Vizepräsidenten und die übrigen Mitglieder des ‚Comité Directeur‘. Als ausführendes Organ steht das internationale Sekretariat zur Verfügung, z.Z. in Antwerpen.

Jetziger Präsident ist seit 1978 Bischof Luigi Bettazzi von Ivrea in Ober-Italien. Seine Vorgänger waren Kardinal Feltin (Paris) und Kardinal Alfrink (Utrecht).

Getreu den Grundgedanken seines ersten Präsidenten wirkt P.X. in den einzelnen Ländern nach drei allgemeinen Stossrichtungen: Gebet für den Frieden, Studium der Friedensprobleme, Aktion und Bewusstseinsbildung für den Frieden.

forum: Was hat die luxemburgische Sektion von ‚Pax

Christi" bislang konkret geleistet, um dieses Ziel zu erreichen?

P.X.: Wie in vielen anderen Dingen, so musste und muss auch auf dem von Pax Christi angesprochenen Gebiet unser Land mit recht bescheidenen Mitteln arbeiten. Immerhin fand sich schon recht früh eine Jugendgruppe unter diesem Zeichen zusammen, animiert von abbé Fr. Reckinger und abbé M. Siebenaller. Auch heute noch sind es vor allem Jugendliche, welche die praktische Friedensarbeit leisten und die Verbindung zu den Nachbarsektionen und zur internationalen Zentrale von P.X. pflegen. Präsident der luxemburgischen Sektion ist Bischof Mgr. J.Hengen, Nationaldelegierter Mgr. J.Bernard, Sekretär abbé R. Sibenaler, beigeordneter Pfarrer von Belair.

P.X./Luxemburg hat weder ein professionell eingerichtetes und von sich aus aktionsfähiges Sekretariat, noch auch Mitglieder im eigentlichen Sinn des Wortes. Letzteres nicht nur aus Mangel an Mitteln und um nicht wegen der Enge unseres Landes immer auf dieselben Leute zurückgreifen zu müssen, sondern auch aus der Erwägung heraus, dass die Friedensarbeit nicht als das Reservat einiger Spezialisten erscheinen darf, sondern jeden, und besonders die in andern bestehenden Organisationen tätigen Christen ansprechen muss.

Als Hauptaktivität wird jedes Jahr zum Pfingstdienstag die "Route Pax Christi" veranstaltet, und zwar gemeinsam mit der Trierer Sektion des "Bundes der Kath. Jugend" und der "Katholischen Hochschulgemeinde Trier". Diese Veranstaltung hat sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens zu einer der erfreulichsten Beteiligungen an der Springprozession entwickelt. Unter Mitwirkung unserer Nationalkommission von "Justitia et Pax" sichert Pax Christi / Luxemburg alljährlich ebenfalls die kirchliche Feier des Weltfriedentages am 1.Januar.

forum: Die Diskussion um Friedenspolitik und Abrüstung hat seit einigen Monaten, insbesondere seit dem "Nachrüstungs"-beschluss der NATO, erstaunlich breite Kreise der Bevölkerung erfasst, insbesondere in Holland, Belgien und der BRD. Inzwischen gibt es auch Anzeichen, dass die Diskussion in Luxemburg über den engen Kreis einiger "Berufspazifisten" hinaus geführt wird. Hat die luxemburgische Sektion von "Pax Christi" vor, selbst in diese Diskussion einzugreifen? Wenn ja, wie konkret? Wenn nein, warum nicht?

P.X.: Diese Frage ist bisher an P.X./Luxbg. nur in der Form herangetreten, dass wir auf internationaler Ebene, bei Gelegenheit von Kongressen und Tagungen als Mitberater und Mitträger von Entscheidungen, resp. Erarbeitung von allgemeinen Richtlinien beteiligt waren und sind.

Sollte sich jedoch Gelegenheit bieten, auf nationaler Ebene mit gleichgesinnten Friedensgruppen über diese Fragen Kontakt aufzunehmen, so wären wir grundsätzlich zur Erörterung einer solchen Möglichkeit bereit.

forum: Die deutsche Sektion von "Pax Christi" hat eine Plattform zum Thema "Abrüstung und Sicherheit" veröffentlicht. Aufgefallen ist darin vor allem der Versuch, den Sicherheitsbegriff nicht auf das Ost-West-Verhältnis zu beschränken, sondern auch andere Bedrohungen für unsere zukünftige Sicherheit mitzuberücksichtigen, etwa die Ressourcenverknappung, die Atomenergie, den Nord-Süd-Konflikt, Bedrohungen, die z.T. auf die Geld- und Rohstoffverschwendung im Rüstungsbereich zurückzuführen sind, und andererseits nicht mit militärischen Schutzmassnahmen abzuwenden sind. Während die Sowjetunion jede US-Grossstadt mit über 100 000 Einwohnern 28 mal, die USA jede sowjetische Grossstadt 34 mal zerstören können, sterben täglich

100 000 Menschen an Hunger. Wie steht die luxemburgische Sektion zu diesen Tatsachen?

P.X.: Die sog. "Plattform über Abrüstung und Sicherheit" der deutschen Pax Christi-Sektion ist in unseren Augen, unter den uns bekannten Dokumenten dieser Art, wohl die gründlichste Zusammenfassung des genannten Problems aus christlicher Sicht. Die vierte, endgültige Fassung derselben spiegelt weitgehend auch die Auffassungen der luxemburgischen Sektion wider.

Eigene Verlautbarungen seitens unserer Sektion zu diesem Fragenkomplex liegen z.Z. nicht vor. Hier stellt sich ja auch die Frage, ob die hierlands verfügbaren Informationen und personalen Kompetenzen politischer, diplomatischer und militärischer Art eine solche Stellungnahme aus typisch luxemburgischer Sicht ermöglichen würden, resp. sinnvoll erscheinen liessen.

forum: Wäre es nicht Aufgabe von "Pax Christi" Daten zu sammeln über die luxemburgische Verantwortung in der Aufrüstungspolitik, z.B. über (illegalen) Waffenhandel, auch in Luxemburg?

P.X.: Selbstverständlich müsste in Luxemburg eine solche Analyse gezielt und objektiv gemacht werden. Der Pax Christi-Sektion fehlt es jedoch an geschulten Mitarbeitern, sowie an den finanziellen Mitteln, um eine solche in grösserem Ausmass in Angriff zu nehmen.

forum: Wie steht "Pax Christi" zur Bonner Friedensdemonstration am 10.10.81? Hat "Pax Christi" den Aufruf (vgl. "forum" Nr. 50, S.43) mitunterschrieben?

P.X.: Zu der Bonner Kundgebung eingeladen, sahen wir als Luxemburger keinen Grund, uns in eine deutsche Veranstaltung einzuschalten, deren vordergründige Zielsetzung heisse Eisen der dortigen Politik beinhaltete; andererseits hegten wir Bedenken über den friedlichen Verlauf und den Endeffekt einer Manifestation, deren Forderungen längst nicht in allen Punkten unserer Auffassung zu entsprechen drohten. Grundsätzlich halten wir jedoch wohlorganisierte und in ihren Zielen klar formulierte Veranstaltungen für wünschenswert, sofern sie nicht die demokratisch für unsere Sicherheit eingesetzten Instanzen gewaltsam zu überspielen suchen und es diesen unmöglich machen, ihre Pflicht zu tun.

forum: Wäre "Pax Christi"-Luxemburg bereit einen Friedensappell zu unterzeichnen, der den Verzicht auf die Neutronenbombe fordert als erste vertrauens-

Der Frieden ist unser höchstes, allerheiligstes Gut.

(Jeunesse Communiste Luxembourgeoise)

Auch hier jedoch sind "die Staatsmänner … sehr abhängig von der öffentlichen Meinung und Einstellung der Massen … Darum sind vor allem eine neue Erziehung und ein neuer Geist in der öffentlichen Meinung dringend notwendig" (GS, Nr. 82). Der technische Charakter der Probleme nationaler Sicherheit und der Ausübung von Autorität schafft infolge der "Sozialisierung" der Existenz die Gefahr einer Isolierung der Macht vom Volk. Die Regierungen könnten sich leicht in ihren eigenen Determinanten gefangen und fast gegen ihren Willen veranlasst sehen, die Abrüstung nicht mehr durchführen zu wollen und zu können, wenn der Druck ihrer jeweiligen Völker sie nicht drängen würde, die überkommenen Forderungen einer behafteten oder überbehafteten Verteidigung in Frage zu stellen.

Nur der gesunde Menschenverstand und der Druck der öffentlichen Meinung können das Aufkommen zweier paralleler und oft gegensätzlicher Geschichtsabläufe verhindern: den der Zivilisation und den der militärischen oder zivilen Technologie im Dienst der Unmenschlichkeit.

Die Rolle der politischen Gruppen (Regierungs- oder Oppositionsparteien, meinungsbildende Presse, usw.) müsste es sein, die Richtung der Aussenpolitik ihrer jeweiligen Regierungen im Sinne des Friedens zu beeinflussen.

Der Heilige Stuhl und die Abrüstung.
Dokument der Päpstlichen Kommission
Justitiž et Pax (1977)

bildende Vorleistung für eine allgemeine Rüstungskontrollpolitik?

P.X.: Höchstens in Form eines allgemein gehaltenen Appells an den beiderseitigen guten Willen, bei den kommenden Abrüstungsverhandlungen eine Situation zu schaffen, die es den für die westliche Sicherheit Verantwortlichen erlauben würde, auf Bau und Einsatz der neuen Waffe zu verzichten. Hierzu drei Bemerkungen, die jedoch nicht notwendigerweise die Meinung aller Luxemburger Pax Christi-Freunde und Mitarbeiter wiedergeben:

  1. Man höre endlich auf, von einer "Neutronen-BOMBE" zu reden. Diese, der sowjetischen Propaganda entnommene und im Westen des öfteren gedankenlos übernommenen Bezeichnung soll den psychologischen Schock eines mehr oder weniger ziellos abgeworfenen Sprengkörpers hervorrufen, der die Zivilbevölkerung ganzer Städte auslöschen würde. In Wirklichkeit handelt es sich um ein ARTILLERIE-GESCHOSS, das mit weit grösserer Präzision und Beschränkung als dies einer Flugzeug-bombe möglich ist, zum Einsatz gegen anrückende Truppen bestimmt ist; letzteres schon aus dem Grunde, weil ja die Neutronen-waffe im Einsatz gegen zivil-militärische Ziele wie Fabriken, Verkehrsanlagen usw. ihrer Natur nach weniger wirksam wäre als herkömmliche Spreng- oder Atomwaffen.

  2. Friede ist ein unschätzbares Gut und ein unabdingbares Ziel jeden menschenwürdigen Verhaltens. Er ist jedoch nicht das höchste aller Güter: höher in der Hierarchie liegen die geistigen und religiösen Werte, darunter nicht zuletzt die Freiheit als Grundlage und Vorbedingung für alle anderen. Hätten 1940 die Alliierten von damals den Rüstungsvorsprung Nazi-

Deutschlands ernst genommen und "nachgerüstet" (materiell und moralisch), so hätte es nach menschlichem Ermessen keinen zweiten Weltkrieg gegeben …

  1. In der heiklen Frage um Abrüstung und Sicherheit sollten sich verantwortungsbewusste Friedensbewegungen darauf beschränken, die Öffentlichkeit, und vor allem die verantwortlichen Instanzen, eindringlich auf die möglichen menschlichen Folgen einer bestimmten Form von Nachrüstung hinzuweisen. Sie sollten gewissermassen als das warnende Gewissen der Regierenden diese zwingen, in ihre Entscheidungen stets und an erster Stelle die menschlichen Folgen derselben miteinzubauen. Im Bewusstsein ihres fast sicheren Mangels an letzter Kompetenz und ihrer notwendigerweise lückenhaften Information über die jeweiligen Phasen des diplomatischen "Spiels", sollten unsere Bewegungen jedoch vermeiden, konkrete Entscheidungen zu erzwingen, etwa durch überspannte Manifestationen, einseitige Slogans, Massenhysterie usw. und es damit den verantwortlichen Instanzen verunmöglichen, ihren demokratisch erhaltenen Auftrag unserer Sicherheit zu erfüllen. Es wäre schwere Verantwortung auf uns geladen, würden wir durch Aufputschen der öffentlichen Meinung den um unsere Sicherheit feilschenden Instanzen das wohl einzige Argument resp. Tauschobjekt bei den kommenden Verhandlungen aus der Hand schlagen. Nicht wenige sind der Meinung, dass gerade die technische Machbarkeit der Neutronenwaffe und ihre Einsatzmöglichkeit die Vorbedingung für einen verhandlungsmässig lohnenden und sicherheitspolitisch vertretbaren Verzicht auf ihre tatsächliche Konstruktion resp. ihren tatsächlichen Einsatz sein kann.

forum: Gibt es eine Stellungnahme des Hl. Stuhls zum aktuellen Weltrüsten im allgemeinen, zur Neutronenbombe im besonderen?

P.X.: Ja, die gibt es. So z.B. die Botschaft von Papst Paul VI. an die Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen vom 24. Mai 1978 (AAS 70, 1978) und die Rede von Jean-Paul II. vor dem Exekutivrat der UNESCO in Paris, am 2. Juni 1980. Nicht wenige Bischöfe, sowie auch verschiedene Bischofskonferenzen (so kürzlich in USA) haben sich grundsätzlich negativ zu einer den Rüstungswettlauf anheizenden Nachrüstung, einige auch gegen die Neutronenwaffe im Besonderen ausgesprochen.

Man darf jedoch nicht, wie das laufend geschieht, aus solchen Stellungnahmen einzelne Aussagen herausgreifen und hochspielen, dagegen die im Kontext ausgedrückten Vorbedingungen resp. Voraussetzungen im Schatten lassen.

So etwa die Forderung, dass der Verzicht auf Nachrüstung unter Wahrung der Sicherheit geschehen muss; dass Abrüstung progressiv zu handhaben ist, im Rhythmus der beidseitigen Erfüllung der abgemachten Etappen; dass die Durchführung der Abmachungen einer internationalen Kontrollinstanz unterstellt werde; dass Abrüstung und Verzicht auf neue Waffen mit vergleichbarer Kadenz auf beiden Seiten erfolgen muss.

in: hebdo-TC

Über die US-Entscheidung für Nachrüstung und Neutronenwaffe drücken sich die einzelnen Pax Christi-Sektionen nicht einheitlich aus. Von einer am vergangenen Wochenende in Nassogne (Belgien) stattgefundenen Tagung, auf der u.a. auch diese Frage zur Sprache kommen sollte, liegen uns z.Z. noch keine Einzelheiten vor.

Als ausgewogenstes Pax Christi-Dokument über die hier angesprochenen Probleme erscheint der Luxemburger Sektion die eingangs erwähnte ‚Plattform‘ der deutschen Sektion, wenn man auch nicht unbedingt mit jeder darin enthaltenen Meinung restlos einverstanden sein muss. Eine von KNA verbreitete Stellungnahme des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kard. Josef Höffner, im Rahmen der Herbstversammlung der deutschen Bischöfe vor 14 Tagen, lässt erwarten, dass demnächst eine gründliche Stellungnahme des deutschen Episkopats zu diesen Fragen erfolgen wird. In welchem Sinn dieselbe ausfallen dürfte, könnten einige Hinweise des Präsidenten aufzeigen:

Die klassische Lehre vom ‚gerechten Krieg‘ dürfe nicht der Furie des Krieges Tür und Tor öffnen, sondern müsste im Gegenteil Schranken gegen den Krieg aufbauen. Kritisch setzte sich Höffner mit verschiedenen Friedensbewegungen auseinander, die er jedoch nicht mit Namen nannte: Es diene nicht dem Frieden, ‚wenn nicht mehr sachlich um die Lösung der anstehenden Fragen gerungen wird, sondern statt dessen Gefühle aufgewühlt werden‘. Der Kardinal warnt auch vor Missdeutung der Bergpredigt. Zwar könne der Fall eintreten, dass ein Staat um des Friedens willen auf Rechtsansprüche verzichten muss; die Regierungen aber seien verpflichtet, das Leben und die Freiheit ihrer Bürger zu gewährleisten.

PAX CHRISTI LUXEMBURG – FRIEDE IM HINTERSTUEBCHEN?

Im Ausland stehen Christen in vorderster Front der Bewegung für den Frieden. In der BRD z.B. ging die erste große Demonstration im Juni 1981 in Hamburg vom Evangelischen Kirchentag aus. In den Niederlanden wird die Kampagne für die Abrüstung vom ‚Interkirchlichen Friedensrat‘ getragen, dem auch die katholische Kirche angehört. Von diesem niederländischen IKV ging auch die Initiative aus zur Massen-

in: P-F 15/75

kundgebung am 10.10.1981 in Bonn. Seinem Aufruf schloß sich auf deutscher Seite unmittelbar die christliche ‚Aktion Sühnezeichen‘ an, während -zig weitere Organisationen aus dem kirchlichen Raum nachzogen. Auch in Belgien gehören der ‚Mouvement Chrétien pour la Paix‘, der ‚Conseil de la Jeunesse Catholique‘ u.a. zu den Organisatoren der Kundgebung mit Dom Helder Camara am 8.10.1981 in Brüssel zum Thema ‚Oser la Paix‘ sowie der Massendemonstration am 25.10.1981 in Belgiens Hauptstadt.

In Luxemburg scheint es hingegen, daß die Christen einmal mehr die Initiative den Sozialisten und Kommunisten überlassen haben, von welcher Seite nun schon 2-3 Aufrufe zur Unterschriftensammlung für den Frieden vorliegen. Angesichts des sehr aktiven Engagements von ‚Pax Christi‘ in Belgien, den Niederlanden und Deutschland, wollte ‚forum‘ wissen, was die luxemburgische Sektion von ‚Pax Christi‘ zur aktuellen Friedensbewegung beizutragen hat. Mgr. J. Bernard, in Zusammenarbeit mit Pfarrer R. Siebenaler, antwortete uns schriftlich (!) auf unsere Fragen.

Der Leser wird nach Lektüre dieses Interviews wohl so enttäuscht sein wie die ‚forum‘-Redaktion. Je öfter wir die Antworten lesen, umso mehr verstärkt sich bei uns der Eindruck, daß die Autoren eigentlich nur die von den westlichen Regierungen vertretene NATO-Doktrin in katholischem Jargon wiedergeben. Ja, sie zögern nicht einmal real existierende Bedrohungen wie die Neutronenbombe auf unerhörte Art und Weise zu verniedlichen.

Der wesentliche Unterschied zwischen der luxbg. ‚Pax Christi‘-Haltung und derjenigen anderer (auch christlicher) Friedensbewegungen wird wohl in der unterschiedlichen Auffassung des ‚Friedens‘- bzw. ‚Sicherheits‘-Begriffs liegen, wie wir in einem sehr kurzen Gespräch mit den Verantwortlichen bei der Uebergabe der Antworten schon festhalten konnten. Wieso man nach ‚Pacem in Terris‘ noch Frieden gegen Freiheit ausspielen kann, ist uns fast unerklärlich. Hier wird von einem rein militärischen Friedens- bzw. Sicherheitsverständnis ausgegangen, obschon die erste Antwort auf ein viel differenziertes Konzept hatte hoffen lassen. Vor allem entlarvt die zweitletzte Antwort, daß die Unterstützung der Plattform der deutschen ‚Pax Christi‘-Sektion nur eine ‚captatio benevolentiae‘ war, oder daß sie nie gelesen wurde. Wie noch andernorts in dieser Nummer gezeigt werden wird, versucht gerade diese Plattform aus dem sterilen, rein militärischen Sicherheitsdenken herauszukommen. Selbst Texte von Konzil, Papst und vielen Bischöfen beziehen viel eindeutiger Stellung gegen die aktuelle Aufrüstung. Dies in der letzten Antwort zuzugeben, genügt nicht; es müssen auch Konsequenzen für die eigene Haltung daraus gezogen werden.

Die eigene Praxis der luxbg. Sektion ist aber, wie die betreffenden Fragen ergaben, mehr als dürftig. Die ausweichende Antwort auf die Frage nach einer eigenen Stellungnahme zur Abrüstungsdebatte läßt auch für die Zukunft keinen Raum für Hoffnung. Wenn eine Bewegung, deren erklärtes Ziel es ist, für den Frieden einzutreten und für die Friedensarbeit zu motivieren, selbst nur aktiv wird, wenn einer mit entsprechenden Vorschlägen an sie herantritt, hat sie u.E. ihre Existenzberechtigung verloren.

Mit der im Interview zum Ausdruck kommenden Haltung, die eigentlich nur die NATO-Doktrin pseudo-christlich rechtfertigt, verläßt u.E. die luxbg. Sektion den Auftrag, der ‚Pax Christi‘ international gestellt ist, nämlich aktiv als Vorkämpfer für den Friedens-

gedanken zu wirken und die typisch christlichen Ueberlegungen zu diesem Thema in die politische Diskussion einzubringen.. Daß man dabei Rücksicht nehmen muß auf die herrschende Mentalität, die es gerade umzuerziehen gilt, steht nicht in Frage. Sich selbst aber aus realpolitischen Gründen Beschränkungen auferlegen im Einsatz für den Frieden, scheint uns der schönste Dienst zu sein, den ‚Pax Christi‘ den Aufrüstungspolitikern leisten kann. Denn keiner von ihnen wird je behaupten, nicht den Frieden zu wollen. Dieses allgemeine Bekenntnis sind alle bereit abzulegen, Herr Reagan und Herr Breschnew, selbst Herr Hitler hat es getan. Pax Christi scheint den einseitigen Friedensvorstellungen der tonangebenden Politiker und Ideologen völlig erlegen zu sein.

Natürlich werden die Verantwortlichen auf den Personalmangel hinweisen, den es in Luxemburg anscheinend mehr als anderswo gibt. Aber die diesbezügliche Erklärung im Interview ist ja mehr als fadenscheinig: man will nicht, daß ‚Pax Christi‘ zur Mitgliederorganisation wird! (Ueber die Gründe für eine so schizophrene Haltung überlassen wir es dem Leser selbst nachzudenken.) Die ‚forum‘-Redaktion jedenfalls ist zum Schluß gekommen, daß es für das Image von Christentum und Kirche besser wäre, es gäbe keine ‚Pax Christi‘-Sektion in Luxemburg als daß diese ein so einseitiges Bild vom christlichen Friedensgedanken vermittelt, das den offiziellen Verlautbarungen der Kirche (vgl. mehrere Kästen in dieser Nummer) nicht mehr entspricht.

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