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Soldaten mit Kalaschnikoffs stürmen auf das Gelände der Missionsstation Ombachi im Nordwesten Ugandas, brechen mit Gewalt in die Kirche ein, in der Kranke und Verwundete liegen und behandelt werden. Als Rotkreuzhelfer ihre Rotkreuzplakette den Soldaten entgegenhalten, will ein Soldat aus Wut erst recht abdrücken – in diesem Moment tritt ein Offizier unter Gefahr für sein eigenes Leben dazwischen, verhindert das Massaker nun auch unter den Europäern, Wut und Mordlust breiten sich aus während der anderthalb Stunden, die Soldaten sind vom Mordrausch überwältigt, zugleich aber nüchtern genug, nach erledigter Tötungsarbeit ans Plündern zu gehen, einen Wagen der UN-Organisation zu konfiszieren, um das Diebesgut aus der Missionsstation wegzutransportieren. Als 55 Menschen schon ermordet sind, rennt hysterisch kreischend eine Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht und ihrem Baby auf dem Arm herum: man sieht, wie dem Kind durch einen Schuß die obere Kopfkuppe abgeschossen ist und die Gehirnmasse herausquillt, das Kind schon längst tot in den Armen der Mutter – ein Soldat sieht sie, sagt: «She is crying, she is a guerilla», will auf sie anlegen. Da springt im letzten Moment der deutsche Arzt Reinhard Bunjes dazwischen, gibt dem Soldaten 500 Uganda-Schillinge, er läßt von der Frau ab und sucht sich ein neues Mordopfer. Während am Nachmittag dieses entsetzlichen Massakers die Schwerverwundeten auf zwei Lastwagen getragen werden, kommen immer wieder Soldaten vorbei, die auf den Wagen klettern, höhnisch erklären, die Verletzten hätten lieber krepieren sollen, ziehen im Beisein einer Ärztin und einer Krankenschwester die Infusionsbestecke bei zwei Schwerblutenden heraus. Stumm, ohne noch zum Widerstand fähig zu sein, stecken die beiden Mediziner die Nadeln wieder zurück, dies wiederholt sich mehrmals.
Wo hat dieser Haß, diese ungebändigte Rache begonnen? Es rächt sich weiter, daß unter dem Regime des Diktators Idi Amin das Leben von Menschen nichts galt, getötet und vernichtet werden durfte. Damals begann die Uganda-Zeit, die auch heute noch nicht aufgehört hat: Wer ein Gewehr besitzt, ist Herr über Leben und Tod seiner Mitmenschen. Überall in Afrika macht sich Ähnliches bemerkbar. Armeen und Diktatoren verfügen über das Leben der Menschen und haben sich an nichts zu halten, schon gar nicht an die Menschenrechte. Jean Ziegler fragt in seinem Buch «Afrika: die neue Kolonisation» (Luchterhand 1980): «Wo sind 15 Jahre nach der Entkolonialisierung der bedeutendsten afrikanischen Staaten die Hoffnung und das Licht geblieben?» Wer wagt heute noch den «Optimismus der antikolonialen Befreiungskämpfer» durchzuhalten? In den meisten entkolonisierten Staaten herrschen entweder Militärdiktaturen oder gekaufte Zivilregierungen.
Das Gefühl, von einem Soldaten dieser Armee mit vorgehaltener Kalaschnikoff in die Ecke und an die Wand gestellt zu werden – wie es mir bei der Rückfahrt von West-Nile in einem Vorort von Kampala geschieht, 14 km vom Stadtzentrum entfernt – ist schwer zu beschreiben: unmittelbare Lebensbedrohung. Es ist 18 Uhr, der Beginn der Dämmerung, der Soldat hat schon etwas getrunken, das sind die gefährlichsten Situationen, die man immer vermeiden soll, jetzt
aber bin ich drin. Der Fahrer des Wagens, der zu dem Stamm der Baganda gehört, die in und um Kampala wohnen und beim gegenwärtigen Regime und bei den Militärs schlecht angesehen sind, wird mit dem Gewehrkolben neben mich gestoßen. Schnell werden einige Wertsachen bei uns konfisziert, zum Glück kommen andere Soldaten aus dem Haus und sorgen dafür, daß der betrunkene Soldat mit uns nicht alles machen kann, was er will. Das Gefühl der Bedrohung wird in der Diskussion, die jetzt einsetzt und die
ich nicht verstehe, noch stärker, ich sehe immer noch den Gewehrlauf auf mich gerichtet: Was hindert den Soldaten daran abzudrücken – wahrscheinlich nichts. Da kommt ein Soldat auf den Fahrer zu, der mit entsetzten Augen, aber gefaßt neben mir steht, und flüstert ihm etwas zu. Die Gefahr geht vorüber, nachdem wir einiges Geld verloren haben. Wir sitzen im Wagen, der besonnene Fahrer sagt, dieser eine Soldat sei ausnahmsweise kein Acholi oder Lango (das sind die Stämme, aus denen Präsident Obote stammt und aus denen sich jetzt die gesamte Armee rekrutiert, wie vorher sich die Armee aus dem Stamm der Kakua, dem Stamm Idi Amins, rekrutierte): Wir sollten um Gottes Willen bei der Dämmerung jetzt nicht nach Kampala hineinfahren, wir würden nicht überleben. Schnell fahren wir in eine Seitenstraße, es ist schon fast dunkel, die Menschen helfen uns flüsternd, sie sagen ebenfalls, wir dürften jetzt nicht weiterfahren. Sie machen ein Tor auf, wir fahren auf einen Hof, dort schlafen wir im Wagen, während draußen von Zeit zu Zeit ein Maschinengewehr rattert, verlorene Schüsse zu hören sind, morgen früh wieder Tote auf den Straßen einzusammeln sind.
In diesen Stunden hat man viel Zeit, über die Zukunft dieser Länder, über ihre von Elend und Gewalt bedrängten Menschen nachzudenken. Mir fällt das Hirtenschreiben «Bekehrt euch und lebt!» der Bischofskonferenz von Uganda ein. Die Bischöfe beschreiben das «Krebsgeschwür der Indifferenz», das so viele befallen hat. «God has forgotten us and punished us» (Gott hat uns vergessen und uns bestraft), hören die Bischöfe ihr Volk sagen: «Wir müssen uns alle bestimmter Fallgruben bewußt werden, die ausgehoben werden und uns daran hindern, das Werk und die Aufgabe der Wiederversöhnung zu beginnen. Eine dieser Versuchungen besteht darin, Gott für den widrigen Zustand der Verhältnisse in unserem Land verantwortlich zu machen. Die zweite Versuchung besteht darin, die Anklage und den
Schuldspruch gegen andere zu richten.» Die Bischöfe treffen damit den Nerv der Problematik: Allzu viele fliehen aus den katastrophalen Verhältnissen, indem sie frühere Verhältnisse, vorzüglich die unter dem Kolonialismus, für alles verantwortlich machen. Uganda und sein bis ins Innerste zerrütteter Zustand ist aber das beredte Gegenbeispiel. Das unabhängige Uganda hatte bereits eine Stufe des Wohlstandes und der Zivilisation erreicht, die einzigartig war. Aber die einzelnen Stämme des Landes haben bis heute nicht vermocht, sich gegenseitig zu schätzen. Ein Lugbara verachtet den Acholi, die Zentralstämme der Baganda wiederum blicken voller Geringschätzung auf die primitiven, auf der Stufe der Steinzeit lebenden, unbekleideten wilden Karamojongs herunter und würden sich nie um diese kümmern, auch nicht in der Zeit bitterster Not wie im Dürrejahr 1980. Man schüttelt nur verwundert den Kopf, wenn ausländische Hilfsorganisationen und Patres katholischer Orden sich um diese merkwürdigen Menschen kümmern.
Unter den Flugzeugen, die auf dem Flughafen von Entebbe landen, gibt es neben den Linien- immer wieder auch Cargo-Maschinen, die prall gefüllt sind mit Munition und Waffen. Man bekommt nicht gut heraus, woher diese Waffen kommen. Man weiß aber, daß es Waffen aus Jugoslawien
und der Tschechoslowakei gibt, daß über Äthiopien Munition und Waffen aus vielen europäischen Ländern nach Uganda hereinkommen. «Cargolux» hat jüngst auch mal Uniformen, Stiefel und Käppis für die ugandische Armee aus Taiwan angekarrt. In dieses bettelarme Land können immer noch Waffen gebracht werden, für Munition und Armeeausrüstung sind immer noch Devisen zusammenzukratzen, auf daß dieses Land noch schneller dem Abgrund entgegenrast.
Rupert Neudeck
Der obige Beitrag erschien als Illustration zu einem längeren Beitrag über das ‚Totenhaus Uganda‘ in ‚Orientierung‘ (Zürich) Nr. 13/14 vom 15./31.7.1981. Der Autor, Dr. R. Neudeck, wurde bekannt als Initiator der Aktion ‚Ein Schiff für Vietnam‘, die das Rettungsschiff ‚Cap Anamour‘ zugunsten der vietnamesischen Flüchtlinge finanzierte. Das von R. Neudeck konstituierte ‚Deutsche Komitee Not-Ärzte‘ ist nun auch in Somalia und Uganda aktiv. Hier das Konto: Not-Ärzte e.V., Stadt-sparkasse Köln, Konto-Nr. 800 2222. Die ‚forum‘-Redaktion ruft zusätzlich die Luxemburger Leser auf, bei der ‚Cargolux‘-Direktion (Aéroport-Findel, 1110 Luxemburg) zu intervenieren, um sie vor ihre Verantwortung zu stellen.
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