Apartheid in Luxemburg — oder die Sanierung von Stadtgrund
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‚J’ai mis tous ces portugais à la porte! Avec mon piano j’ai recommencé les soirées d’antan avec Dancy. Maintenant, il n’y a que des luxembourgeois qui fréquentent mon café.‘ RTL-Kanal 18 – ‚Ausländer zu Lëtzebuerg‘ 21.12.81.
Segregation in Wirtshäusern. Segregation gegen Ausländer in einer Vorstadt, in welcher 65% der Einwohner Ausländer sind. Diese Segregation
scheint ein Vorzeichen zu sein für die ‚Wiederbelebung‘ von Stadtgrund.
Wegen des hohen Anteils an Ausländern wurde Stadtgrund oft als Ghetto bezeichnet. Interessant scheint es mir, die Definition, welche Albano Cordeiro in ‚Immigration-Luxembourg 1975‘ von dem Begriff Ghetto gibt, zu zitieren:
in: Forum Nr. 29, 3.2.1979
‚Le problème de ghetto n’est pas un problème de type de population concentrée. C’est la qualité du logement et des équipements qui fait essentiellement le ghetto. On n’a jamais vu des ghettos pleins de jardins, de piscines, bien desservis par les transports publics, avec sa zone commerciale, des crèches au nombre suffisant, et des logements corrects‘.
Diese Definition lässt also nicht zu, dass man den ‚Domaine du Kiem‘ als Ghetto bezeichnet.
Warum haben sich die Ausländer im Stadtgrund konzentriert? Wie in allen alten Vierteln in den europäischen Städten war auch im Grund die Wohnqualität viel schlechter als in den neuen Vierteln. Die einheimische Bevölkerung versucht, sich in neuen Wohnungen anzusiedeln, und verlässt die schlechten Wohnungen. Schlechte Wohnungen sind billig (wenn auch nicht preiswert) und sind insofern interessant für die immer grössere Zahl von Immigranten. Dieser – nur kurz angedeutete – Prozess bringt es mit sich, dass heute im Grund eine Mehrheit von Ausländern wohnt.
RETTET DIE STEINE:
In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre erwacht auch in Luxemburg das Interesse für unser architektonisches Erbe. Stadtgrund wird als erhaltenswertes ‚Ensemble‘ von Interessenten entdeckt. Zu seiner Rettung gründen sie die Aktiengesellschaft ‚Vieux Luxembourg s.a.‘ Die fünfjährige Praxis dieser Gesellschaft zeigt eindeutig, dass die Rettung der Steine als oberstes Ziel deklariert wird. Verschwiegen wird natürlich, dass die Sanierung der Steine nur durch die Sanierung der Bevölkerung möglich wird. ‚J’ai mis tous ces portugais à la porte! …‘ Alle wirtschaftlich Schwachen sind für diese Sanierung uninteressant – ob Ausländer oder Luxemburger.
Dieses Konzept von Sanierung kommt einer Deportation
Das Spiel mit der Altbauwohnung
Das Beispiel Stadtgrund illustriert die Funktion der Altbauwohnungen. Uninteressant für die Zahlungsfähigen, bleiben diese Wohnungen übrig für die Sozialschwachen. Weil die Miete nicht sehr hoch ist, werden die Wohnungen überbelegt (während der Hochkonjunktur erbrachte ein Haus im Stadtgrund eine Miete von 200 000,- (Monat)). Dies ergibt eine hohe Rendite ohne grosse Investitionen.
Wenn nun Finanzkräfte Interesse an ihrer Vergangenheit finden, wechselt die Funktion der Altbauwohnungen. Eine vorgespielte, vorgetäuschte Vergangenheit wird sehr teuer vermarktet. Diesen Luxus können sich die Finanzschwachen natürlich nicht leisten; sie werden in andere Stadtteile verdrängt, ohne dass ihre Wohnsituation sich verbessert hätte.
tion der Bevölkerung eines ganzen Stadtteiles gleich – geopfert für die heilige Spekulation.
DIE REAKTION:
Im Juni 1980 gründen 20 Einwohner aus Stadtgrund das ‚Comité International pour le Sauvetage du Grand – Comité d’action des habitants‘.
Mit dieser Vereinigung versuchen die jetzigen Einwohner, Stadtgrund, seine Bevölkerung und seine Kultur zu retten. Gemeinde und Staat sollen jetzt endlich ihre Verantwortung übernehmen – nachdem sie während 20 Jahren Stadtgrund aus ihrem Gedächtnis gestrichen hatten. Das Leitmotiv der Einwohner ist: Restauration und sozialer Wohnungsbau. Die zwei Ziele können nur erreicht werden, wenn 1. Staat und Gemeinde im Einvernehmen mit den Einwohnern die Initiative ergreifen, 2. eine ‚Restauration douce‘ verfolgt wird.
Der zur Zeit breite Rahmen für die Verwirklichung dieser Ziele ist das Gesetz vom 25.2.1979. Kapitel 4 dieses Gesetzes sieht die ‚zone d’assainissement‘ (Wohnungsverbesserungszone) vor.
Im Juli 1980 haben 60 Haushalte angefragt, um den Stadtgrund zur ‚zone d’assainissement‘ durch die Gemeinde erklären zu lassen. Die legale Frist von einem Jahr war der Stadt Luxemburg ungenügend, um die nötigen Vorstudien für die eventuelle Deklaration aufzustellen. (Wenn ein Dossier 6 Monate in der Schublade liegt, wird die Zeit natürlich knapp!). Das Prinzip einer Deklaration wurde im Juli 1981 im Gemeinderat gestimmt.
Während der Wahlkampagne haben der Spitzenkandidat der CSV Leon Bollendorff und der DP-Schöffe Paul Beghin sich im Grund öffentlich engagiert, dass bis Frühjahr 1982 Stadtgrund zur Sanierungszone erklärt sei. Die zwei Politiker sind im neuen Schöffenrat – es steht also nichts mehr im Wege.
Kontakte zwischen dem ‚Comité International pour le Sauvetage du Grand‘ und dem ‚Fonds pour le Logement à Coût Modéré‘ ergaben, dass im Juni 81 die Restauration der ‚Winnschool‘ (2, rue St. Ulric) in Angriff genommen wurde. Hier entstehen soziale Wohnungen für die jetzigen Einwohner des Viertels.
Auch die Gemeinde Luxemburg konnte sich für die Sanierung der gemeindeeigenen Häuser entschliessen. Zur Zeit wird auf 7 Baustellen gearbeitet.
SIE WOHNEN IN EINEM ALTSTADTTEIL, IN DEM
EIN GROSSTEIL DER WOHNUNGEN NICHT MIT MO-
DERNEM KOMFORT AUSGESTATTET SIND
Die neuen Gesetzesbestimmungen erlauben
der Gemeinde Ihr Wohnviertel als Wohnungs-
verbesserungszone zu erklären.
In diesem Rahmen, falls sie Eigentümer Ih-
rer Wohnung sind, werden Ihnen die Ein-
richtungskosten für modernen Komfort zur
Hälfte vom Staat zurückerstattet (in Son-
derfällen sogar integral übernommen).
Falls Sie gegen Miete wohnen und der Ver-
mieter Ihre Wohnung nicht verbessern will,
so wird die Gemeinde dies mit Hilfe des
Staates an seiner Stelle tun. Die Gemeinde
wird sich dann zwischen Sie und den Inhaber
Ihrer Wohnung schieben; sie zahlt fortan
die Miete an den Inhaber und verrechnet Ih-
nen eine neue Miete auf Grund Ihrer Ein-
kommenslage (für Niedrigeinkommen beträgt
die Miete 10% des Einkommens).
Sie können die Gemeinde dazu anregen, Ihr
Wohnviertel als Wohnungsverbesserungszone
zu erklären. Dazu genügt es, dass 50 Haus-
halte Ihres Viertels per Einschreibebrief
der Gemeinde vorschlagen, zu dem Problem
Stellung zu nehmen.
Reden Sie also darüber mit Ihren Nachbarn!
Das Gesetz über die Wohnungsbeihilfen
Ministère de la Famille, 1979
Die Einwohner hoffen, dass es nicht bei einzelnen
Initiativen bleibt, sondern dass eine globale Sa-
nierung im Rahmen des Gesetzes von 1979 verwirk-
licht wird.
Inter-Actions Faubourgs a.s.b.l. hat Ansatzpunkte
für eine globale Sanierungsplanung geliefert.
Diese Planung sieht auch den Neubau von Sozialwoh-
nungen auf dem Gelände der früheren Hasteschmil-
len vor.
Die Öffentlichkeitsarbeit des Comité Internatio-
nal bewog wahrscheinlich die Verantwortlichen von
"Vieux Luxembourg s.a." drei der fünf restaurier-
ten Wohnungen an jetzige Einwohner aus Stadtgrund
zu vermieten. Die Gesellschaft hat zwei Häuser
an einen Arzt und ein Haus an einen Künstler ver-
kauft. Ein zweiter Künstler hat auch ein Haus ge-
kauft, der dritte ist jetzt noch Mieter.
VERSUCH EINER BILANZ
Die schlechten aber billigen Wohnungen in Stadt-
grund haben sozialschwache Bevölkerungsschichten
angelockt. Das architektonische Erbe wird als
in: P.-F. Nr. 10/1980
vermarktbar erkannt und Stadtgrund wird zum Spe-
kulationsobjekt. Diese Tendenz erkennt die Bedürf-
nisse der Bevölkerung natürlich nicht an. Die
Einwohner riskieren aus den schlechten aber billi-
gen Wohnungen in Stadtgrund vertrieben zu werden,
um neuen Einwohnern Platz zu machen, welche luxu-
riöse und kostspielige Wohnungen bezahlen können.
Die Einwohner setzen sich gegen diese Tendenz zur
Wehr und erreichen, dass die Wohnungen, welche
sich in öffentlicher Hand befinden zu ihrem Nut-
zen saniert werden. Nur die Deklaration des Grund
zur Sanierungszone gibt den Einwohnern die einzi-
ge langfristige Garantie.
Künstler, Akademiker siedeln sich im Grund an.
Die Bourgeoisie lässt sich bei Dancy’s Musik im
Café des Artistes vollaufen. Kein Portugiese und
kein "Staadgrönnescher" ist hier erwünscht.
Das Überlebensspiel zwischen heutigen Einwohnern
und den finanzstarken Träumern der Petite Bohème
steht jetzt 1 zu 1. Wer es gewinnen wird, liegt
in den Händen der gewählten Gemeindeväter.
A. Pix Reuter
¹) Albano Cordeiro: Immigration – Luxembourg 1975
Secrétariat d’Etat à l’Immigration – Université
des Sciences Sociales de Grenoble 1976)
- Apartheid: mot afrikaans qui signifie que
chaque groupe racial doit se dévelop-
per séparément et parallèlement, selon son génie
et ses caractéristiques propres, dans des zones
géographiques affectées à chacun d’eux.
(Encyclopaedia Universalis).
on ne rasera plus les murs, on les fleurira
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