Teilsieg der Adler-Belegschaft
Kirchen im Arbeitskampf
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von Claudio Willi (Bonn)
Das angekündigte endgültige „aus“ für die traditionsreichen Adler-Triumpf-Büromaschinenwerke in Frankfurt ist abgewendet worden. Der Vorstand der Gruppe hatte in einer totalen Schließung der Werke in Frankfurt die einzige Möglichkeit für eine „nachhaltige Sanierung“ gesehen. Dieses „Todesurteil“ hätte dreitausend Beschäftigte auf die Straße gestellt. Ein neues Sanierungskonzept, unter dem Druck zahlreicher Proteste entstanden, sieht einen Arbeitsplatz-Abbau bei der Adler-Triumpf-Gruppe insgesamt noch von 2300 Stellen vor, davon 1600 in Frankfurt. Hier sollen in Zukunft elektronische Schreibgeräte hergestellt werden, was tausend Arbeitnehmern der jetzigen Belegschaft Arbeit verschafft.
Ein Teilerfolg zumindest für die kämpfende Belegschaft, einer von dreien kann wenigstens bleiben. Das Besondere an diesem Arbeitskampf ist jedoch, daß sich die beiden Kirchen in ungewöhnlicher Weise mit den Arbeitern solidarisierten, und sie auf der Straße und von der Kanzel herab unterstützten. In den rund 130 Frankfurter Kirchen wurde am letzten Wochenende eine Solida-
ritätskundgebung der evangelischen und katholischen Glaubensgemeinschaften verlesen. Es gelte zu verhindern, daß Arbeitende „bloße Opfer“ des Wirtschaftsprozesses seien, hieß es in der von Gewerkschaften, Betriebsräten und Kirchen gemeinsam verfaßten Stellungnahme.
Bei einer öffentlichen Kundgebung am letzten Mittwoch läuteten die Kirchenglocken im Gallusviertel, als sich Tausende von Menschen zu einem Demonstrationszug sammelten. Transparente, aber auch Kirchenfahnen flatterten. Der katholische Weihbischof von Limburg, ein Probst der evangelischen Kirche und ein Sprecher des Gewerkschaftsbundes trugen ihre Bedenken vor: das Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft werde erschüttert, wenn so viele Familien aus „bloßem Profitdenken“ Opfer eines falschen Managements würden. Eine ungewöhnliche Manifestation. Gastarbeiterinnen trugen ihre Sonntagskleidung. Nell-Bruening, Nestor der katholischen Soziallehre, marschierte in vorderster Front. Die Kirche dürfe vor den sich verschärfenden Wirtschaftsproblemen den Kopf nicht in den Sand stecken, hatte Pfarrer Rudolf
Dohrmann in der Dreifaltigkeitsgemeinde gepredigt. Es dürfe sich nicht wiederholen, was die Kirchen, Parteien und Gewerkschaften in der Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929/30 versäumt hätten.
Schwere Mitschuld am Fiasko bei Adler liegt ohne Zweifel am Management. Ein Vorstandssprecher hatte selber angetönt, sie hätten bei der Zukunftsplanung den Siegeszug der Elektronik unterschätzt. Während Adler noch mechanische Schreibmaschinen baute, zog die Konkurrenz mit vollelektronischen Modellen davon. Die Bilanz wurde rot. Zwar stiegen 1979 die VW-Werke in das Unternehmen ein, hatten aber auch kein Wundermittel mehr für die Sanierung. Adler war 1880 als Fabrik für Motorräder in Frankfurt gegründet worden, später wurden dort Autos gebaut. Als Schreibmaschinenfabrik genoß Adler Weltruf, verpaßte aber den Anschluß. In Frankfurt nimmt die Zahl der industriellen Arbeitsplätze stetig ab. Besonders betroffen ist der Maschinenbau. 70 Prozent der Beschäftigten sind in dieser Bankenmetropole im Dienstleistungsgewerbe tätig.
Der Teilsieg bei Adler ist das Verdienst der ungewöhnlichen Allianz, die hier eingegangen wurde. Sie hat ordentlich Druck ausgeübt, daß nicht kaltblütig „saniert“ werden konnte. VW hat sich bereit erklärt, einen zusätzlichen Verlust von rund 80 Millionen DM in den kommenden zwei Jahren hinzunehmen.
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