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Der folgende Beitrag stammt von einer Ausländerin, die seit 30 Jahren in Luxemburg lebt. Wir haben ihn übernommen aus der Zeitschrift ’neue geaphäche‘ hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft für kath. Familienbildung e.V., Bonn, Heft 1/Jan.-Febr. 1982.

Ich wurde in Frankreich geboren, mein Vater war Pole, jedoch ukrainischer Herkunft. Ich erinnere mich daran, daß man in meiner Familie mütterlicherseits, wenn man von ihm sprach, ihn den ‚Pollacken‘ nannte. Ich war also vorerst Pole, Religion: katholisch. Über den Weg der Naturalisation wurden wir 1939 französische Staatsbürger. Einige Monate später mußten wir Lothringen verlassen. Noch zwei Jahre später wurden wir mit Hunderten von Polen, Russen, Kroaten und Zigeunern von den Deutschen interniert. Dort hatten wir nun ein Anrecht auf den Titel ‚Judenpack‘. Als Kind konnte ich nicht verstehen, was uns mit all diesen Ausländern verband, die für meinen Vater Leidensgenossen waren. Damals gab man uns viele Titel: Pollacke, Judenpack, ’sales boches‘.

Nach dem Krieg wurde ich nicht mehr in meiner lothringischen Heimat angenommen. Man verspottete mich, weil ich kein Deutsch verstand. Ich gehörte nicht wirklich dazu. Durch meine Ehe wurde ich Italienerin, und wir wohnen seit 1953 in Luxemburg. Der Anfang besonders war sehr schwer. Niemand kümmerte sich um uns. Man schalt uns ‚houere Bier‘ und ‚Heckefranzous‘. Selbst in der Kirche fanden wir nicht jene menschliche Wärme, die wir so nötig hatten. Ich kam soweit, meinen Glauben in Frage zu stellen.

Wir hatten Angst, als unsere Tochter 1960 in die Schule mußte. Ich wußte, ich konnte ihr bei den Schulaufgaben nicht helfen, da ich der deutschen Sprache nicht mächtig war. Nachbarn boten spontan an, ihr während 6 Jahren dabei zu helfen.

Mein Mann und ich wurden Mitglieder des Pfarrers. Zuerst war unsere Begeisterung groß. Unsere Enttäuschung war um so größer, als wir feststellten, daß viele Mitglieder nicht daran dachten, sich aktiv in der Gemeinde zu engagieren. Für viele war es eine Frage des sozialen Status. Man betrachtete sich als die Elite der Pfarrei. Mein Mann und ich konnten diese Einstellung nicht verstehen. Wir wollten – an der Seite des Pfarrers – konkret eine Aufgabe in der Gemeinde übernehmen. Am meisten störte uns die Überheblichkeit der Luxemburger: ‚Gnädige Frau, wenn Sie schon alles leisten möchten, so tun Sie dies in Ihrem Land!‘ – ‚Was sollen diese Neuerungen, wir bleiben beim Altbewährten!‘ – ‚Mein Gott, diese Ausländer, Kinder kriegen sie dutzendweise!‘ Keine Spur von Solidarität, Verständnis und Nächstenliebe.

1971 übernahm ich in der Katechese eine ‚classe d’accueil‘ (Auffangklasse für Ausländer). Dann erst begriff ich die ganze Weite der Schwierigkeiten der portugiesischen Einwanderer in Luxemburg. Ich ergriff die Initiative, allen portugiesischen Familien in unserer Pfarrei einen Hausbesuch abzustatten. Mir wurde klar, daß man unbedingt

etwas unternehmen mußte. Mein Mann war bereit, mir dabei zu helfen. Er übernahm es, den Mittelsmann bei den verschiedenen Verwaltungen zu spielen. Ich meinerseits bekümmerte mich vor allem um die Frauen. Die Schwierigkeiten der portugiesischen Frau berühren mich zutiefst: sie bleibt noch die Sklavin ihres Mannes, muß ihn bedienen, ihm im Bett zur Verfügung stehen, fast jedes Jahr ein Kind gebären, dazu oft außerhalb ihrer Familie eine Arbeit übernehmen…

Ich begleitete diese Frauen zum Arzt, machte den Dolmetscher, übernahm es, ihnen die Prinzipien moderner Geburtenregelung zu erklären. Viele Portugiesen waren Analphabeten und hielten stur an ihren altradierten Gebräuchen und Überzeugungen fest. Ich sehe noch heute diese Mutter von 17 Kindern vor mir, die sich zum erstenmal in ihrem Leben einer anderen Frau anvertraut hatte und nun darüber vor Scham weinte. Wie hätte man all dies dem Pfarrrat erklären sollen? Materiell waren alle gerne bereit zu helfen, menschliches Mitgefühl jedoch durfte man nicht erwarten. Was gehen uns die Probleme dieser Ausländer an? Viele unserer Bitten wurden abgelehnt mit dem Argument: in zwei, drei Jahren werden die Ausländer selbst uns Luxemburger überflügeln!

Ich erinnere mich noch genau an eine junge portugiesische Mutter: sie hatte bereits drei Kinder und war wieder schwanger, als ihr Mann einen tödlichen Arbeitsunfall hatte. In der ganzen Pfarrei ‚zeigte man Mitgefühl‘, ‚bedauerte‘ man die unglückliche Familie. Und doch, es fand sich niemand bereit, die junge Mutter auch nur zu besuchen. Man war der Meinung, Krankenhaus, Unfallversicherung und öffentliche Hand würden das Problem in zufriedenstellender Art lösen. Alles, es fehlte nur noch, daß man sie beneidet hätte!

Aus unsere eigenen Lebensgeschichte heraus können wir leichter verstehen und begreifen. Wir verstanden, daß diese portugiesische Frau ihren toten Gatten in die Heimat überführen wollte. Die Dorfleute waren darüber schockiert. Oft gelang es uns nicht, sie genügend zu sensibilisieren, dann wieder fehlte uns selbst auch der Mut dazu. Wir fürchteten, schon wieder abgewiesen zu werden. Viele unserer Argumente prallten ab an Spott und

Ironie. Oder lag es vielleicht gar auch an der Angst der Einheimischen, ihrer eigenen Unsicherheit, an der Furcht, von den Ausländern überrollt zu werden?

Ich bin längst nicht mehr Mitglied des Pfarrates, stehe aber weiterhin mit meinem Mann zusammen im Dienste meiner Mitmenschen. Ohne dieses Engagement, so glaube ich, könnte ich nicht leben. Ich mache dabei keinen Unterschied zwischen jung und alt, Luxemburger oder Italiener. Vor Jahren kam ich mir im Kontakt mit Einheimischen meist minderwertig vor. Heute kann ich darüber nur noch lä-

lächeln. In jedem Menschen gibt es gute und böse Seiten. Ich bin nicht aus diesem Land und lebe doch gerne hier. Meinen Ursprung und meine Geschichte kann und will ich nicht verleugnen. Große Worte bauen oft genug nur Mauern auf. Menschen unserer Zeit brauchen Worte und Gesten, die Brücken schlagen. Dies kann nur geschehen in einer Atmosphäre der Offenheit, der Toleranz, des Verständnisses und des Respekts. Wenn die Menschen einander in Liebe begegnen wollten, so wären viele unserer Probleme schnell gelöst.

Françoise Pollarini-Demczuk

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