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"Es ist nicht so wie wir sagen … sondern so wie ihr sagt. – Es ist nicht so wie ihr sagt … sondern so wie wir sagen." (1)
In einem Satz wäre die Problematik dieses "forum"-Dossiers, sowohl inhaltlich wie formal aufgerollt. Wir sind uns der Gefahr bewusst, auch mit diesem Dossier das so oft gekaut, unverdaute, widergekau-te Thema nur frisch zu streichen. Wir wollen je-doch versuchen, mit einigen Fragen die abblätternde Farbe etwas mehr abzukratzen.
Zum Begriff Jugend:
Inwiefern können wir von der Jugend als sozial klar definierbarer Gruppe, allgemein und spezifisch in Bezug auf Sexualität, sprechen? Die erste Schwierigkeit besteht wohl in der Unmöglichkeit, ausser der gesetzlichen Grossjährigkeit (im Moment 18 Jahre, zu unserer Zeit 21), die Altersgrenzen der Jugendzeit festzulegen, in Anbetracht der Abweichungen von biologischen, soziologischen, wirt-schaftlichen und kulturellen Kriterien.
Diese Diskrepanz wird offensichtlich, wenn wir von den in Luxemburg lebenden ausländischen Jugendlichen reden.
Ferner wäre zu untersuchen wie weit Sexualität, bezogen auf Arbeiter – Schüler – Studenten – oder andere nicht genannte Gruppen von Jugendlichen, dem Alter nach variiert. Wie weit ist diese Frage-stellung schon Antwort, wenn wir vom jugendlichen Verheirateten reden, da ihre Sexualität ja legali-siert, also uninteressant scheint und ihre Pro-bleme also offiziell vernachlässigt sind.
Sexualität ist kein neutrales Thema.
Wir sind keine asexuellen Wesen, wir reden und schreiben mit (gegen) unserer eigenen Sexualität, mit unseren geheimen Wünschen, unerfüllten Träumen, mit unsern beglückenden Erlebnissen, mit unsern Ängsten und Schuldgefühlen – kurz mit all unserer Verwundbarkeit über Sexualität. Wir sind also subjektiv.
Die verwaltete Sexualität
Es würde den Rahmen dieser Einführung sprengen, die gesamte "Reich’sche" Theorie über "das Pro-blem der Pubertät" zu analysieren. (2)
Nur einige uns wichtige scheinende Aussagen:
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Der Hauptwiderspruch besteht darin, dass Puber-tät allgemein als Sexualreifung anerkannt wird, die Gesellschaft jedoch (Staat, Schule, Kirche) gleichzeitig die Abstinenz bis nach der Ehe for-dert. So wäre die Sexualnot der Jugend ein gesell-schaftliches Problem, da es ja wirtschaftlich unmöglich ist, einen legalen Rahmen für Jugend-sexualität – die Ehe – zu schaffen. Bekannte Ne-benprobleme: die sexualverneinende Erziehung des Kindes, die nur biologisch ausgerichtete Aufklä-rung, die tatsächlich nur verschleiert. Interessant ist auch die Feststellung Reich’s, dass die Frage der Ehe nicht ohne die jugendliche Sexualität und umgekehrt zu diskutieren ist. Wir berufen uns besonders auf den bemerkenswerten Schluss des Kapitels (2) und versuchen zu verste-hen warum die heutige Jugend es unendlich schwerer hat als die Jugend etwa der Jahrhundertwende. (3)
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Die "Erwachsenen" entsetzen sich über die Zügel-losigkeit, die sexuelle Ungehemmtheit der Jugend besonders seit 1968. Inwiefern besitzen die Ju-gendlichen ihre "Sprache", besitzen sie ihre Se-xualität, alleingelassen im Wirrwarr der wider-sprüchlichsten sexuellen Erfahrungen und Pseudo-informationen, die ihnen von der Erwachsenenwelt angeboten werden?
Aus Begriffen des Freiheitskämpfers Frantz Fanon abgeleitet, könnte man behaupten, die Begegnung des Erwachsenen und Jugendlichen (bzw. Kindes) schaffe eine koloniale Situation, deshalb die Fragwürdigkeit des Dialogs, die gegenseitige An-prangerung der Ausschreitungen.
- Ferner wäre es notwendig das Problem der Jugend-sexualität in Verbindung mit dem Begriff "struktu-relle Gewalt" zu untersuchen. Strukturelle Gewalt sehen wir da, wo mit der einen Hand etwas gegeben wird, mit der andern aber noch mehr weggenommen wird. – Also Sexmissbrauch von Jugendlichen oder gegen Jugendliche? Doppelte Moral?
In unser sexdurchtränkten Atmosphäre blüht unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit, das von Erwachse-nen gesteuerte Geschäft mit dem Sex, mit der Fru-stration, dem Ersatz-Sex, provokativ auf Egoismus getrimmt, sexistisch d.h. gegen die Frau gerichtet, verkauft als Information von Bravo über Stern bis Play-Boy. (siehe aktuelle "Stern"-Serie: Jugend-sexualität 82) Gleichzeitig fordert die Erwachse-nenwelt Verzicht auf Jugendsexualität. Man spielt mit Trieben und pocht auf Moral, höhere Gesetze. Ausnahmegenehmigung in der freien Liebe in der Er-wachsenenwelt ist die Bohème, wo die lockere Moral immer war und ist, sowie der Karneval, denn nach den Ausschweifungen ist "am Aschermittwoch alles vorbei".
Gleichzeitig blüht das verlogene Geschäft mit dem "Traum in Weiss". Viele Jugendliche, obwohl weder gläubig noch "unschuldig", übernehmen die äussere Form der kirchlichen Eheschliessung im symbolträch-tigen weissen Kleid, sei es auf Druck der Familie oder aus banalem Anpassungstrieb.
Paradoxal auch die Feststellung, dass eine gewisse Liberalisierung, die freiere Sexualität ermöglicht, die Altersgrenze scheinbar herabschraubt, gleich-
Im 4.0.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.1.
zeitig jedoch das Alter der Heirat im allgemeinen nach oben verschoben ist (besonders bei Mädchen), bedingt durch Berufsausbildung, Studium, Arbeitslosigkeit. Unüberschaubar die Konflikte, denen besonders der religiöse Jugendliche ausgeliefert ist. Ist die durch die Ehe legalisierte Sexualität für manche, aus ökonomischen, sozialen oder sonstigen Gründen überhaupt erreichbar?
Wir können nur hoffen, dass wir auf dem schmalen Steg über dem Abgrund zwischen einerseits Sexualität als egoistischer Forderung, andererseits Sexualität mit Schuldgefühlen, gipfelnd im Kult der "Unbefleckten", die ja nur die andere narzistische Seite der Sexualität ist, ans Ziel gelangen, dort wo Sexualität als Kommunikation, als Weg
zum andern schlechthin führt, wo der andere aufhört die Hölle zu sein.
Abschliessend einige Gedanken von Peter Bichsel:
"Vielleicht heisst Erwachsene, fraglos in Antworten leben, Antworten zu haben ohne Fragen. Wer fragt ist ein Feind der bestehenden Antworten. Kinder können in Fragen leben. Erwachsene leben in Antworten." (4)
(1) Zitat: Quelle unbekannt
(2) Wilhelm Reich : Die sexuelle Revolution Kapitel 6, Das Problem der Pubertät
(3) herausgegeben 1936
(4) Peter Bichsel: Geschichten zur falschen Zeit Ed. Luchterhand / Erwachsenwerden S.31
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