Public-Aktion
Chiles Kinder
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CHILES KINDER
Am 11. September 1973 putschten die chilenischen Streitkräfte mit Unterstützung der inländischen Reaktion, mehrerer transnationaler Konzerne sowie der US-Regierung gegen die demokratisch legitimierte Regierung des Präsidenten Salvator Allende. Nach neun Jahren Militärdiktatur gibt es keine Normalität in Chile, es sei denn die Normalität der Unterdrückung und Verfolgung.
Neun Jahre unter General Pinochet haben das Land in seiner wirtschaftlichen und sozialen Struktur grundlegend verändert:
die chilenische Demokratie wurde zerschlagen; die Ökonomie ordnete sich vollständig den Interessen des ausländischen Kapitals unter. Die Öffnung des chilenischen Marktes für den freien Import aller nur möglichen Produkte führte zum Zusammenbruch zahlreicher Fabriken, die früher Arbeitsplatz für viele Chilenen waren.
Nur wer verdient, kann Nahrung kaufen. Entlassene Arbeiter oder kleine Angestellte erhalten kaum Arbeitslosenunterstützung. Massenverelendung, Unterernährung,… Kindersterblichkeit sind die Folgen.
Wir erfahren aus Santiago: "Die Not ist unbeschreiblich geworden… Tag und Nacht klopft es an unsere Tür: arbeitssuchende Männer, verwahrloste Jugendliche, hungrige Kinder, bittende Mütter. Alkoholismus, Aggressivität und Kriminalität nehmen zu. Seit Monaten versammeln wir uns, groß und klein, zu einem wöchentlichen Abendgottesdienst für die Arbeitslosen, um gemeinsam Wege aus diesem Elend zu finden." (Advent 1982)
Wer dies geschrieben hat, ist KAROLINE MAYER. Seit 1970 arbeitet die vor allem in Medizin und Pädagogik ausgebildete deutsche Schwester in den Elendsvierteln im Norden von Santiago. Sie und ihre Freunde einer christlich ökumenischen BASISGEMEINDE machen die Hoffnungen und Ängste der Armen zu ihren eigenen, kämpfen gegen Ungerechtigkeit, Unwissenheit, Hunger und Krankheit. So entstanden nach und nach verschiedene Kindertagesstätten und Volksküchen, Werkstätten für Arbeitslose sowie Gesundheitszentren, am Anfang ohne Hilfe von außen, nur mit der Kraft der Armenviertelbewohner selbst und der Unterstützung durch Freunde.
Doch die seit 1975 verschärfte Wirtschaftskrise bewegte die christlich -ökumenische Gemeinschaft dazu, Hilfe von außen zu erbitten. Seit März 1977 gehört sie der FUNDACION MISSIO an als öffentliche
Institution der chilenischen Kirche.
Im Wirkungsbereich der Fundación Missio in den Siedlungen am Rande Santiagos leben etwa 350 000 Menschen in Baracken, Blechhütten und Notunterkünften, meist ohne sanitäre Anlagen, ohne elektrischen Strom…
Die Formen und Wege, auf denen die Kirche ihre Bestrebungen für die benachteiligten Bevölkerungsschichten verfolgt, sind in Chile vielfältig. Sie reichen von der aktiven Information und dem engagierten Einsatz für die Einhaltung der MENSCHENRECHTE bis zu mehr oder weniger stiller Wirksamkeit und Hilfe für bedrohte Gruppen, zu denen insbesondere auch Kinder in häufig ausweglos scheinender marginaler Elendssituation zu zählen sind. Die Arbeit der Fundación Missio greift die Initiative und Erfahrungen der Bevölkerung auf und vermeidet Projekte oder Aktionen durchzuführen, die nicht die gebührende Aufnahme von Seiten der Basis gefunden haben. Wichtig ist die menschliche und soziale Förderung aller Beteiligten. Es soll von ihren eigenen Vertretungen und Organisationen ausgegangen und eine authentische BEFREIUNG des Menschen in seiner personellen wie auch gemeinschaftlichen Dimension angestrebt werden.
Die Kirche präsent im Volk! Weil das Evangelium so gelebt, in die Praxis umgesetzt wird, daß es Befreiungswege für eine vernachlässigte, preisgegebene und unterdrückte Bevölkerung eröffnet…
Die Kirche präsent in den Basisgemeinden d.h. in überschaubaren Gruppen, wo der Glauben verbindlicher gelebt werden kann. Hier kanalisieren sich die Probleme, reflektieren Betroffene ihre Situation und erfahren, daß auch sie eine Persönlichkeit sind, ein Mensch, der von andern ernstgenommen wird.
Die Basisgemeinden sind besonders für die FRAUEN eine nicht mehr wegzudenkende Stütze in ihrem täglichen Kampf für die Familie.
Mit der Herstellung von Wandbehängen und anderen kunsthandwerklichen Produkten erarbeiten viele Frauen den Lebensunterhalt für ihre Familie. Teilweise sind ihre Männer in den politischen Wirren des Landes von der Geheimpolizei verhaftet worden oder gelten als "verschwunden" bzw. ermordet. Bisher wurde in diesen Selbsthilfegruppen größtenteils für den Export gearbeitet, doch ist vorgesehen, in Zukunft, den Schwerpunkt auf die Herstellung von Alltagskleidern für den einheimischen Markt zu legen.
Sr. Karoline Mayer
Organisation der Frauen aber auch der arbeitslosen oder unterbeschäftigten Männer. Sie werden als Handwerker in den Elendsvierteln selbst oder gelegentlich auch außerhalb beschäftigt. Der Bau von Gesundheitszentren sind Aufträge der Fundación Missio, die diesen Männern Selbstbestätigung und Brot bringen.
Im März 1981 wurde mit einer "GEMEINDEORGANISATION" begonnen. Der erste Schritt dazu war eine systematische Untersuchung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in 5 ausgewählten Sektoren der Randzonen Santiagos.
Nun sind die Lebensbedingungen, das soziale Umfeld, die Wohn- und Einkommensverhältnisse der Bewohner bekannt, und es werden nach Bedarf Gemeindemitarbeiter ausgebildet. Sie wohnen im Elendsviertel, kennen die Menschen und ihre Probleme und können direkt helfen oder Wege zur SELBSTHILFE zeigen.
Der Dienst an den KRANKEN mußte in den letzten Jahren verstärkt werden. Immer weniger Arme werden vom Staat versorgt, immer mehr Kranke kommen zu den 8 Gesundheitszentren der Fundación Missio. Fast 300 freiwillige Gesundheitshelfer wurden ausgebildet, die konkrete Dienste in den Randsiedlungen übernommen haben als Hilfskrankenpfleger und Gesundheitserzieher. Immer wieder werden Kurse in präventiver Medizin gehalten, die auch langsam Erfolge zeigen. So wurde etwa die Zahl der Fälle ansteckender Krankheiten vermindert, hygienische Maßnahmen getroffen und der Bau einer provisorischen Wasserleitung angeregt und durchgeführt …
"Wir haben uns oft überlegt – heißt es in einem Schreiben -, ob wir mit unsern Projekten nicht der Regierung ihre Aufgaben abnehmen und ob nicht diese Solidaritätsorganisation nur ‚Löcher stopft‘. Aber es wäre nicht christlich, die Menschen in den Slums einfach ihrem Schicksal zu überlassen, nachdem wir oftmals vergebens für sie beim Staat und den Vertretern des öffentlichen Gesundheitswesens eingetreten sind."
In diesem Sinne sind auch die SPEISESTAETTEN zu verstehen. Sie können das Problem der Verelendung nicht lösen, aber es geht darum, für möglichst viele Kinder die physisch und psychisch verkrüppenden Folgen des Hungers zu verhindern. In den KINDERKRIPPEN oder TAGESSTAETTEN werden z.Z. etwa 600 Jungen und Mädchen zwischen 3 Monaten und 6 Jahren betreut, in den TAGESHEIMEN finden fast 500 Kinder zwischen 7 und 14 Jahren Aufnahme.
Die halbtägige Betreuung von Schulkindern erscheint Karoline Mayer und ihren Mitarbeitern bitternotwendig angesichts dessen, was sich in den staatlichen Schulen an vor-militärischer Erziehung abspielt. Sie fühlen sich verantwortlich,
diesen Kindern zu helfen, ihre verkümmerten spielerischen Fähigkeiten zu entwickeln, ihre einzelnen jeweiligen Talente zu stimulieren und sie zu einem solidarischen Leben zu erziehen.
Kinder und Jugendliche sollen ihre Minderwertigkeitskomplexe überwinden und später in den Wohnbezirken der Siedlungen Kindergruppen leiten.
Sr. Karoline schreibt: "Fast jedes dieser 1 000 Kinder hat ein schweres, trauriges Schicksal hinter sich. Deshalb freue ich mich jedesmal, wenn ich sehe, weil ich spüre, wie die Liebe vieler ihr Leben und das Leben ihre Mütter und Väter verändert."
Die Erziehungsarbeit, die von Sr. Karoline und ihren Freunden in den Slums geleistet wird, ist Arbeit an der HOFFNUNG des Menschen. Ihre Stärke ist die Kraft, Gemeinschaft, SOLIDARITAET aufzubauen. Die Armen werden befähigt, sich zu vereinen sich der Situation, die sie durchleben, zu stellen und sie anzuklagen.
Im vergangenen August besuchte eine Luxemburger Medizinstudentin – in unserm Auftrag – Karoline Mayer. Sie, die der Kirche eher fernsteht, war voll des Lobes über den Einsatz unserer Freundin inmitten der Armenviertelbewohner.
Wir kennen Sr. Karoline, seit wir ihr 1977 auf der Jahresversammlung der Kindernothilfe in Duisburg begegnet sind. Fortan fühlten wir uns mit ihr verbunden. Unsere Unterstützung besteht in der Veröffentlichung von Informationen über die Lage in Chile und im Sammeln von Spenden.
Anfang 1980 starteten die christlichen Studentengemeinden von Münster die AKTION "CHILES KINDER HUNGERN". Wir entschlossen uns, diese Aktion auch in unsern Land zu verbreiten. Die Tageszeitungen Journal, Répu, vor allem aber das Luxemburger Wort halfen uns dabei. Über unsere kleine Zeitschrift "PUBLIC" ließen sich 120 Leute zu einer Solidaritätsunterschrift bewegen. Ende Juli brachten unsere Leser und Freunde 100 000 Fr. zusammen, zwei Jahre später waren es über 600 000 Fr. und heute, Mitte Februar 1983, sind wir stolz darauf, mitteilen zu können, daß wir 847 453 Fr. nach Chile überweisen konnten.
Diese Hilfe wird geleistet ohne jede Vorbedingung und unter völliger Respektierung der Verantwortung und Entscheidung von Sr. Karoline und der Fundación Missio. Die Spenden und jede andere Hilfe, die sie empfangen, gehören den Menschen in Not und werden mit deren Beteiligung verwaltet und angewendet.
So manche unserer Freunde, die immer wieder zum Teilen bereit waren, machten es Public möglich, Karoline Mayer in ihrem Kampf gegen Hunger und Elend moralisch und finanziell zu begleiten. Wir bitten auch Sie, liebe Leser, um Unterstützung dieser Aktion.
CCP 36440-65 von Michel Schaack
Crauthem
Vermerk: AKTION CHILES KINDER
M. Schaack, M. Kayser,
J. Kremer
(Public/Jugendchouer Betebuerg)
N.B. Die Studentengemeinde Münster gibt seit gut drei Jahren die Zeitschrift SOLIDARIDAD heraus, ein Monatsblatt, das anhand von Artikeln aus vier kirchlichen Zeitungen Chiles über die Situation dieses Landes berichtet.
Kontaktadresse: Heiner Rosendahl
Frauenstr. 3-7
D-4400 Münster
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