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Zwanzig Jahre lang war der englische Regisseur Richard Attenborough damit beschäftigt, seine Idee zu verwirklichen, das Leben von Mohandas K. Gandhi zu verfilmen. 1981 wurde das Werk schliesslich beendet, nachdem fast 150.000 Meter Film verbraucht und das Filmteam mehr als eine Million Kilometer herumgereist war, um an Originalschauplätzen zu drehen. Der Film läuft bereits in 3 Kontinenten und ist ab 13. Mai 1983 in Luxemburg zu sehen.
Der Film schildert den Lebenslauf Gandhis mit den beiden Stationen Südafrika, wo er den gewaltlosen Widerstand der unter der Apartheid leidenden Inder organisiert, und Indien, wo Gandhi zur zentralen Figur des Unabhängigkeitskampfes wird.
Gandhi hatte in Südafrika gelernt, dass politischer Kampf, Widerstand, möglich ist, ohne dem altindischen Ideal der Nicht-Gewalt (Ahimsa, von Himsa (Gewalt) und -A- als verneindendem Partikel) untreu zu werden.
Ahimsa sollte zur Methode des sozialen Verhaltens gemacht werden, unlösbar verbunden mit der Wahrheit. "Ahimsa ist ein umfassendes Prinzip", die Gewalt der Gewaltsamen soll durch den Widerstand der Gewaltlosen um ihre Wirkung gebracht werden. Die Gewaltlosen haben ihre Furcht verloren: Ihr Widerstand stützt sich auf nichts anderes als die Macht der Wahrheit, was die Bereitschaft zum Leiden voraussetzt. Den Mut hierzu – sich eben dem Willen der Ungerechten nicht unterwerfen, den Preis der Unterwerfung wie Feigheit und Verlust der Selbstachtung nicht zahlen – zieht der Widerstehende aus der Erkenntnis, dass durch Gewalt niemals etwas Gutes entstehen kann.
Diese Prinzipien verliehen Gandhi soviel Glut und Feuer, dass allein sein Handeln davon überzeugte, dass Gewaltlosigkeit nichts mit Passivi-
tät zu tun hat. Nicht nur Gandhis Kampf gegen die Rassendiskriminierung in Südafrika, gegen die Kolonialherrschaft der Engländer in Indien, für die Gleichberechtigung der "Unberührbaren" und die gegenseitige Toleranz von Moslems und Hindus zeigt dies. Seine Kraft kam aus tieferer Quelle: "Liebe als aktive Qualität von Ahimsa verlangt, dem Übeltäter zu widerstehen, mag es ihn auch beleidigen oder seelisch oder körperlich treffen." (…)
NICHT-GEWALT.
"Lasst mich in aller Bescheidenheit sagen, dass Ahimsa dem Tapferen gehört… Ahimsa verlangt die Stärke und den Mut, zu leiden ohne Vergeltung, Schläge zu empfangen, ohne welche auszuteilen." Das ist keine Erniedrigung desjenigen, der gewaltlos Widerstand leistet. "Ich glaube, dass ich da, wo nur die Wahl bliebe zwischen Feigheit und
Gewalt, zur Gewalt raten würde… Ich würde lieber sehen, dass Indien zu den Waffen griffe, um seine Ehre zu verteidigen, als dass es ein feiger und hilfloser Zeuge seiner eigenen Entehrung würde und bliebe." Warum aber ist Gewaltlosigkeit vorzuziehen?
"Es ist dem Menschen nicht gegeben, die ganze Wahrheit zu erkennen. Seine Aufgabe besteht darin, auf die Wahrheit hin zu leben, so wie er sie erkennt, und dabei zu den reinsten Mitteln zu greifen, nämlich zur Gewaltlosigkeit. Wahrheit kann nicht in Büchern gefunden werden. Wahrheit wohnt in jedem menschlichen Herzen, und man muss hier nach ihr suchen und sich von Wahrheit leiten lassen, wie man sie sieht. Doch niemand hat das Recht, andere zu zwingen, nach seiner eigenen Wahrheit zu handeln."
Die Folgerung daraus: Nicht-Gewalt bedeutet in ihrer ganzen Auswirkung bewusstes Leiden. Sie bedeutet nicht Unterwerfung unter den Willen des Ungerechten, sondern bedeutet Einsatz der ganzen Seelenkraft gegen den Willen des Tyrannen. Sofern er sich in seinem Wirken durch dieses Gesetz bestimmen lässt, ist es auch dem einzelnen möglich, die ganze Macht eines tyrannischen Reiches herauszufordern, seine Ehre, seine Religion, seine Seele zu verteidigen, und dadurch Anstoss zu werden für dieses Reiches Zusammenbruch oder Neuerstehen."
Zwar können das tyrannische Reich oder seine Büttel dann den Körper vernichten, den Menschen umbringen – niemals aber haben sie die Macht über den Gehorsam. Ihn können sie nicht erzwingen.
SZENEN DES FILMS
Es kann angenommen werden, dass der Film einige, wenn nicht all jene Zögernden überzeugen wird, die bezweifeln, dass ein Mensch ohne Waffen Selbst-Verteidigung praktizieren und gegen einen mächtigen und unbarmherzigen Gegner kämpfen kann. Es reicht aber nicht, Gandhi als guten und wahrhaftigen Menschen anzusehen. Er demonstrierte mit seinem oft "aggressiven" Widerstand vielmehr, dass die Macht der Wahrheit und Furchtlosigkeit effektive Waffen gegen sehr mächtige Imperien sind. Der Film zeigt diesen Aspekt von Gandhis Arbeit sehr eindrucksvoll.
Die Szenen über Gandhis Tätigkeit in Südafrika dokumentieren, wie er seinen Weg zum zivilen Ungehorsam findet. Als junger Anwalt, der einer einflussreichen indischen Familie angehört und in England studiert hat, kommt er dorthin und wird in die brutale Wirklichkeit der Apartheid buchstäblich gestossen (aus einem Zug heraus). Er flüchtet aber nicht, wie er es im Gegensatz zu anderen Menschen ohne weiteres könnte, sondern versucht mit Erfolg, die als "Kaffer" oder "Kulis" behandelten
Es gelingt ihm bei einer Versammlung, nicht nur den Willen zum Widerstand zu wecken, sondern er vermag auch, die versammelten Inder von dem Weg der Gewaltlosigkeit zu überzeugen. Auf die von ihm vorher organisierte Verbrennung der Pässe, die diskriminierende Behandlung auch der Inder gewährleisteten, reagierte die Polizei mit Prügeln und Gefängnisstrafen. Dennoch rief er die Versammlung der Inder, die erneut die Abschaffung der Pässe forderten, nicht zur Gegengewalt auf, hier vielleicht auch noch gestützt auf sein Rechtsempfinden, das er an der englischen Universität erworben hatte.
Der Widerstand war erfolgreich. Dem brutalen Re-
Le Monde, 24/4/1983
gime des General Smuts konnte schliesslich die Abschaffung der Passgesetze abgerungen werden. Keine Befreiung, aber ein Schritt vorwärts.
PFERDE GEGEN MENSCHEN
Beeindruckend ist die Szenenfolge, die den Marsch Gandhis und vieler Inder zu einer Grube zeigt, auf der Arbeiter gegen die katastrophalen Arbeitsbedingungen protestiert hatten, woraufhin sie eingesperrt worden waren. Die berittene Polizei stürmt auf die Marschierer mit erhobenen Knüppeln und in vollem Galopp zu, was nun? Die Idee hat ein Pferdekenner: Alle werfen sich in den Staub, denn Pferde scheuen vor Liegenden zurück, sie verweigern den Gehorsam, die Polizei ist hilflos und muss sich entgeistert zurückziehen. Die gewaltfreie Aktion lebt auch von solcher Phantasie, die Szene zeigt beispielhaft ihre Kraft auf.
FÜR EIN UNABHÄNGIGES FREIES INDIEN
In Indien reist Gandhi lange umher, um das Land, seine Menschen und ihre Probleme zu ergründen. Er lernt zwei Dinge: Die Menschen leiden Hunger und Armut, weil die politischen Strukturen ungerecht sind. Und der politische Kampf um eine Veränderung der Situation bedarf nicht nur politischer Auseinandersetzung in herkömmlichem Sinne, sondern vor allem des Beschreitens eines eigenständigen, unabhängigen Weges.
Dies trennt Gandhi auch von den Führern des indischen National Congress, seinen Verbündeten und Freunden. Für sie ist die nationale Unabhängigkeit das Ziel, für Gandhi aber bedeutet die Freiheit und "Ehre" Indiens nicht nur dies, sondern die Verwirklichung von Menschenwürde und Menschenrechten aller Inder.
Für seine Kampagne, die als erstes Ziel die Unabhängigkeit des Landes von britischer Kolonialherrschaft anstrebte, entwarf er eine Strategie, die zu einer stetigen Verbreiterung der Wider-
standbasis führte. Zwei Höhepunkte dieser Kampagne werden im Film in Szene gesetzt.
TUCHPRODUKTION UND SALZKAMPAGNE
Der Abhängigkeit von englischer Tuchproduktion (durch die Weisungsmacht der Grossgrundbesitzer) begegnet Gandhi mit einer Massenaktion, zu der alle Inder aufgefordert werden, englisches Tuch zu verbrennen und nur noch selbstgewebtes Leinen zu tragen. Symbolisch ist dies eine Aufforderung, nicht nur sich gegen die unmittelbare Unterdrückung und die Ursache der Armut zu wehren, sondern durch eigenständiges, konstruktives Handeln diesen Zustand zu überwinden. Gandhi muss diesem Vorgehen grosse Bedeutung bei; häufig ist er zu sehen, wie er seine eigene Kleidung webt.
Die Champaran-Salz-Kampagne ist die bekannteste Aktion Gandhis. Sie ist ein "klassischer" Fall von Eskalation der Kampfmittel: Nachdem sein Salzmarsch zur Brechung des englischen Salzmonopols – eine gewaltfreie Aktion von tiefer Bedeutung, da im indischen Klima Salz als Konservierungs- und Lebensmittel eine herausragende Rolle spielt – zum indischen Ozean von der englischen Kolonialregierung bewusst missachtet wurde, obwohl Hunderttausende das Gesetz übertragen, griff Gandhi zur direkten Aktion: Er liess "Gandhi-Freiwillige" gegen die englischen Salzgewinnungsfabriken vorgehen, um sie in indischen Besitz zu nehmen. Die Szenen im Film, wie diese Freiwilligen Reihe um Reihe niedergeknüppelt werden, ohne ihr Prinzip der Nicht-Gewalt zu verletzen, entschlossen, es zu wahren, gehören zu den eindrucksvollsten des Films. Egal, wie man das Prinzip bewertet, es ist einsichtig, dass in dieser Situation bewaffneter Kampf der englischen Kolonialregierung wie die Rettung erschienen wäre und sie gewaltsame Auseinandersetzungen geradezu herbeisehnte. Aber das gewaltlose Jiu-Jitsu wirkte.
Indien wurde schliesslich unabhängig, wobei sicher die internationale Lage eine hilfreiche Rolle spielte. England war durch den zweiten Weltkrieg geschwächt, das Empire zerbröckelte ohnehin. Dieser Aspekt allerdings kommt im Film nicht zum Ausdruck.
DIE FASTENAKTIONEN
Bei seiner Kampagne hat Gandhi nicht etwa, wie es die Massen von "Gandhi-Freiwilligen" suggerieren könnten, seine Leute wie ein Militärbefehlshaber von sicherer Warte aus vorgeschickt. Er war stets an der Spitze zu finden, auch um in der vollen Verantwortung für die von ihm organisierten Aktionen zu stehen.
Dabei scheute sich Gandhi nicht, seinen Körper ohne Rücksicht einzusetzen, z.B. bei Fastenaktionen. Fasten war für Gandhi nicht blosser Hungerstreik, der politischen Druck in der Öffentlichkeit hervorrufen soll und daher sich unter passivem Widerstand subsumieren liesse. Es dient vor allem der spirituellen Reinigung und Kräftigung, ist Selbstleiden zum Zwecke der Gewinnung innerer Stärke und ein überzeugender Ausdruck von Ahima. In ihm steckt, bei aktuellen politischen Ereignissen durchgeführt, ein Teil von Zwangniemand will für den Tod eines geachteten und geliebten weisen Mannes verantwortlich genannt werden – aber der Zweck ist die Dramatisierung eines Misstandes zunächst für sich selbst und seine Anhänger, Anregung zum Nachdenken und Überprüfen der eigenen Handlung.
Im Film werden zwei solcher Aktionen gezeigt:
Nachdem indische Polizisten und einige Engländer
im Verlaufe einer von Millionen Indern getragenen Kampagne der Nicht-Zusammenarbeit getötet worden waren, fastete Gandhi, um sich mit dieser auch von ihm zu verantwortenden Folge auseinanderzusetzen. Er fastete schliesslich so lange, bis die gesamte Kampagne abgebrochen worden war, um ihren durch die Morde deutlich gewordenen Irrweg herauszustellen.
Die zweite im Film dargestellte Fastenaktion begann Gandhi, um die nach dem Abzug der Engländer einsetzenden Kämpfe zwischen Moslems und Hindus und anderen Gruppen zu beenden. Es zeigte sich, dass die Menschen Gandhis Philosophie in ihrer Tiefe nicht begriffen hatten, ihr zum Kampfe gegen die Engländer jedoch begeistert zugestimmt hatten. Es kam zu Massakern. Das bedeutete eine Niederlage für Gandhis Prinzip, zumal die politischen Führer, mit denen er für Indiens Unabhängigkeit zusammengearbeitet hatte, nun ihre speziellen Interessen zu verfolgen begannen. Nur durch den Einsatz seiner ganzen Person mittels eines Fastens gelang es ihm, die Kämpfe zu unterbinden: die politischen Gegensätze allerdings wurden nicht aufgehoben, es entstanden zwei Staaten – ein Indien der Hindu und ein Pakistan der Moslems. Noch heute ist die indische Kongresspartei bestrebt, Gandhis Namen für sich zu benutzen, ohne seine Prinzipien auch nur zu beachten.
LOHNENDER FILM
So fehlen im Film also einige wesentliche politische Aspekte. Aber natürlich geht es vor allem um das Wirken der Person Gandhis, weniger um eine politisch-historische Dokumentation, die der Film allerdings in zweiter Linie durchaus ist.
Richard Attenborough schaffte es, die Story so nahe an den Fakten zu orientieren wie möglich, ohne eine trockene Erzählung zu fabrizieren. Und obwohl das sechzigjährige Leben von Gandhi voll von darstellungswürdigen Ereignissen war, gelang es, seiner Person und seinem Wirken gerecht zu werden und beides zutreffend in den historischen Kontext zu stellen.
Während des ganzen Films fehlt auch nicht eine treffende Charakterisierung von Gandhis Persönlichkeit. Dies ist in erster Linie das Verdienst von Ben Kingsley, einem bisher wenig bekannten Schauspieler von der "Royal Shakespeare Company", der alle Lebensabschnitte glaubwürdig nachstellt. Gandhis schalkhafter Humor beispielsweise, den er durchaus auch in ernsthaften Situationen nicht verlor, wird durch Kingsley lebendig reproduziert, z.B. als die Führer des indischen National Congress mit Gandhi debattieren wollen, und dieser mit einem Kind eine kranke Ziege versorgen geht, er habe sich auch noch um andere Dinge zu kümmern.
Der dreistündige Film ist aber viel mehr als blosse Unterhaltung. Es wird immer wieder Gandhis eminent politisches Handeln deutlich, das aus tiefen moralisch-religiösen Überzeugungen entsprang. Wenn Kino etwas Positives bewirken kann, dann Aufklärung über Unbekanntes; und gerade heute ist die Kenntnis zivilen Ungehorsams und Ermutigung zu seiner Ausübung wichtig.
ck/lq
aus: Graswurzelrevolution, (Februar 1903), herausgegeben von der "Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen." Erscheint zehnmal jährlich, Abopreis DM 25,-. Verlag Graswurzelrevolution e.V. Vertrieb, Steinbruchweg 14, D- 3500 Kassel-Bettenhausen
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