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Georges Hausemer: Schill oder Die Entfernungen. Erzählung.

Kiosk-Literatur 1. Verlag Guy Binsfeld 1982.

Preis: 295 Fr.

Wer Literatur als Erbauungsmittel, als Lebenshilfe im weitesten Sinne ansieht, der lasse die Finger von diesem kleinen Buch. Auf knapp hundert Seiten wird hier nämlich die Irrfahrt eines Menschen dargestellt, dem die Fähigkeit zur bewußten Handlungskoordinierung sowie zur Kommunikation mit den Mitmenschen gänzlich abhanden gekommen zu sein scheint. Nun ist die Problematik der Beziehung zwischen Ich und Außenwelt beileibe kein brandneues Thema in der Literatur; und auch, was die skeptische Einstellung zur Sprache als Brücke zum Du anbelangt, so weiß mittlerweile wohl jeder

literarischer Waisenknabe, daß einem "die Worte im Mund wie modrige Pilze zerfallen können" (Hofmannsthal). Um ein rezenteres Beispiel anzuführen, sei hier bloß auf Handkes "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" verwiesen, dessen inhaltliche und stilistische Ähnlichkeit mit Hausemers Erzählung unmöglich zufälliger Art sein kann.

Doch die Neuartigkeit eines Werkes ist nicht das einzige, und schon gar nicht das entscheidende Qualitätskriterium zur Beurteilung von Literatur, ja von Kunst überhaupt. Was am "Schill" vor allem besticht, ist die geradezu naturalistische – bis in sogenannte Tabusphären hineinreichende – Detailfreude, mit der selbst die scheinbar banalsten und alltäglichsten Vorgänge aus der Perspektive des Titelhelden sprachlich geschildert wer-

den. In der Tat strengt Schill sich an, "alle Geräusche und Bewegungen genauestens aufzunehmen, alles um sich herum mit größter Genauigkeit zu erkennen und bewußt zu erleben". Die Handlung ist dagegen auf ein Minimum von Begebenheiten reduziert, um nicht zu sagen banal: der Mord an seiner Geliebten Sarah, die Flucht (vor sich selbst?), der nie zustandekommende Artikel über sein Heimatdorf, all das erscheint als bloße Widerspiegelung der Richtungslosigkeit von Schills Leben.

So besteht die gesamte Erzählung im Grunde bloß in der Aneinanderreihung einzelner Wahrnehmungen Schills (die vier eingeschobenen Prosastücke ausgenommen), welche, in oft surrealistischer Weise aus kausalen Zusammenhängen herausgerissen, durch ihre Isoliertheit geradezu sinn-los und absurd anmuten. Trotz der Fülle von Bildern, die Schill in sich "hineinfrüßt", ergibt sich für ihn keine Geschlossenheit, denn "nur wenige sind in der Lage, diese Bilder zu entschlüsseln". Schill vermag es jedenfalls nicht, seine Wahrnehmungen zu deuten. Er lehnt nicht nur alle vorgegebenen Handlungsrichtlinien ab, sondern ist auch unfähig, sich selbst zu bestimmen, sich Regeln und Ziele zu setzen. Auf diese Weise wird der entwurzelte, umherirrende Schill zum Spiegelbild des modernen Menschen überhaupt.

Dem Inhalt der Erzählung angepaßt ist die sachlich-nüchterne, die Dinge beim Namen nennende

Sprache Hausemers. Überhaupt tut es gut, in der einheimischen Literatur (endlich) neue Töne zu vernehmen, schien es doch bisher, als wären sämtliche Luxemburger Autoren beim Realismus eines Fontane oder Thomas Mann stehengeblieben und würden moderne Erzähltechniken von Joyce bis Arno Schmidt, von Kafka bis Martin Walser als kunstzerstörendes Teufelszeug angesehen. Hier bahnt sich doch allmählich ein produktiver Aufholprozeß an.

Mag in Hausemers Erzählung auch noch manches unsicher, im Detail ungenau oder teilweise gekünstelt erscheinen, so darf man dem Autor doch bescheinigen, ein gelungenes, innerhalb der Luxemburger deutschsprachigen Literatur sogar – bishereinmaliges Werk geschaffen zu haben, das für die Zukunft noch einiges erhoffen läßt. Mißt man den "Schill" etwa an dem Großteil gegenwärtiger Ergüsse aus bundesrepublikanischen Verlagen, so schneidet er ganz gewiß positiv ab.

Dem Binsfeld-Verlag kann man auch weiterhin nur viel Erfolg und Mut zum Risiko wünschen. Die belletristische Reihe ‚Kiosk-Literatur‘ schickt sich jedenfalls an, die empfindlichste Lücke im hiesigen Verlagswesen zu schließen, d.h. fortschrittlichen Luxemburger Autoren eine (auch drucktechnisch und von der Aufmachung her) angemessene Publikationsmöglichkeit zu bieten.

Gilbert Sauber

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