Friedensarbeit in der Pfarrgemeinde

aus: Publik-Forum 25-26, 1982

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FERDINAND KERSTIENS

Friedensarbeit in der Pfarrgemeinde

Wo liegen die Ängste und Hemmungen, die Friedensdiskussion in unserer Kirche, in unseren Gemeinden aufzunehmen? Der Gründe sind viele: Der undifferenzierte Antikommunismus läßt alle Verteidigung als gerechtfertigt erscheinen, unabhängig davon, was für Ungerechtigkeit und Gewalt bei unseren "Verbündeten" wir dabei zudecken müssen. Unser relativer Wohlstand läßt nicht erkennen, wie die Rüstung heute schon tötet, indem sie den Armen auf der Welt Mittel, Intelligenz und Ressourcen vorenthält. Das Vertrauen auf Waffen und Militärstäbe ist ungebrochen, da sie uns ja schon 40 Jahre "Frieden" beschert haben, obwohl dieses Vertrauen immer irrationaler wird, da keiner die Waffen zählen und wägen kann, uns also jede Rüstung als "Nach"-Rüstung verkauft werden kann. Untersuchungen haben zudem gezeigt, daß offenbar katholische Christen eher zum Krieg bereit sind als andere (vielleicht, weil sie ja "die" Wahrheit haben und verteidigen müssen?) .

All das spielt in unseren Gemeinden eine wichtige Rolle. Doch dazu kommt noch ein wichtiges Argument: Wir dürfen die Gemeinde nicht spalten. Die Friedensdiskussion würde unsere Gemeinde zerreissen. Sollen wir uns denn den Streit in die Gemeinde holen, wo wir uns doch so gut verstehen? Müssen wir uns denn in jede Mode hineinhängen? (…)

Hinter solcher Abwehr steht eine grosse Konfliktangst. Konflikte sollen lieber verdrängt als ausgetragen werden. (…)

"Werdet nicht politisch!" so heißt es dann, "das ist nicht die Aufgabe der Gemeinde!" Diese Aufforderung, dieser Vorwurf verdeckt, was eigentlich gemeint ist: "Treibt nicht eine falsche Politik! Stört nicht unsere Selbstverständlichkeiten, in denen wir uns politisch eingerichtet und die wir mit unserem Glauben identifiziert haben!" Es gilt also, den höchsten politischen Stellenwert der Aufforderung, nicht politisch zu werden, zu durchschauen!

Und wie steht es mit dem Vorwurf der Spaltung? Auch scheinbar unpolitische Gemeinden müssen sich die Frage stellen: Schalten wir nicht stillschweigend jene aus, exkommunizieren wir nicht jene durch unsere Praxis, die anderer Meinung in dieser Frage sind als wir? Ich weiß von vielen, die in der Friedensbewegung engagiert sind, daß sie sich praktisch ausgeschlossen fühlen und daß sie das auch zu spüren bekommen. Ist es nicht in einer Gemeinde wie sonst in menschlichen Beziehungen: Gerade wenn Konflikte verdrängt werden, wenn man sie nicht aufarbeitet und an ihnen lernte, dann bewirken sie Spaltung, schleichend oder spektakulär.

Müssen christliche Gemeinden nicht in der Lage sein, die Friedensdiskussion friedlich zu führen, so daß eben gerade nicht Spaltung, sondern neue spannungsreiche Einheit möglich wird, spannungsreiche Einheit, die der Situation entspricht? Kirchliche Einheit darf ja nicht nach dem Schema einer Einheitspartei verstanden werden. Dafür müßten doch gerade jene Verständnis haben, deren Welt- und Verteidigungsbild sonst vom Antikommunismus bestimmt ist. Gerade für solche Christen ist es aber schwer anzuerkennen, daß die Friedensbewegung nicht einfach mit kommunistischer Unterwanderung zu erklären ist, sondern daß sich zunehmend Christen aus der Mitte des Evangeliums heraus, in der Friedensbewegung engagieren. (…)

Ich weiß um die Schwierigkeiten, aus den Orientierungen Jesu konkrete Folgerungen für heute anstehende Fragen zu ziehen. Diese Schwierigkeit, dieser Vorbehalt muß in aller Verkündigung deutlich werden. Ich weiß aber auch, daß ich sicher die Orientierung an der Botschaft Jesu verfehle, wenn ich meine, sie trage nichts aus für die heute anstehenden Fragen. Genau diese Schwebe ermöglicht es mir als Pfarrer einer Ortsgemeinde, konkrete Stellung zu nehmen (für mich heißt das: im Sinne der Friedensbewegung), das Gespräch darüber in der Gemeinde anzuregen und zugleich zu respektieren (und diesen Respekt in der Verkündigung und im Gespräch der Gemeinde deutlich zu machen!), wenn andere zu einer anderen Schlußfolgerung in diesen Fragen kommen.

Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen schildert der Autor dann – selbst Pfarrer in Marl, im nördlichen Ruhrgebiet – einige Erfahrungen aus seiner Gemeinde:

Auch er stand der Friedensbewegung skeptisch gegenüber, aber die Stellungnahmen von "Pax Christi", des Bensberger Kreises, amerikanischer Bischöfe ließen ihn aufhorchen.

Cox 21.4.82

All dies floß natürlich in die Gemeindearbeit mit ein, in Glaubensgespräche, Diskussionen, Gottesdienste. Das Evangelium ist ja voll von Ansatzpunkten für eine Antwort auf diese Fragen, nicht nur die Bergpredigt. Nun weiß ich natürlich um die Schwierigkeit, in der Predigt kontroverse Fragen zur Sprache zu bringen. Die, die anderer Meinung sind, können nicht widersprechen. Ich will die Gemeinde ja auch mit meiner Meinung nicht indoktrinieren (wie es allerdings viele von einer gegenteiligen Position aus bedenkenlos tun). Gemeinde muß ein offener Raum des Gespräches bleiben. So habe ich in der Predigt manches Mal gesagt: "Ich persönlich ziehe daraus die und die Folgerungen für die heute entstehenden Fragen … Doch ich weiß, daß andere in unserer Gemeinde anderer Meinung sind. Wir sollten deswegen die Diskussion darüber in allen Gremien und Gruppen weiterführen. Denn darüber zu schweigen, ist sicher die schlechteste Lösung und überläßt diese Frage nur den anderen, als ob wir Christen nichts dazu zu sagen hätten." Nur manchmal, wie z.B. beim Falklandkrieg ("ein zutiefst unmoralischer Krieg von beiden Seiten") wurde ich eindeutig.

Auch aktive Mitglieder der Pfarrei arbeiteten in Marl in der Friedensbewegung mit und stellten der Pfarrgemeinde Fragen. Mehrere Meßdiener z.B. unterbrachen die Vorbereitungen für die Osternachtliturgie, um am Ostermarsch für den Frieden teilzunehmen. Beim Fronleichnamsgottesdienst wurde der gleichzeitig stattfindenden Bonner Demonstration gedacht. Eine Gruppe aus der Pfarrei fuhr zum Friedensgottesdienst mit den Gebrüdern Berrigan nach Düsseldorf. Persönlich fühlte sich Pfarrer F. Kerstiens sehr betroffen von der Behandlung der Friedensfrage in der KAB (Kath. Arbeiterbewegung), deren Zeitung weitgehend die CDU-Linie vertrat. Da ein Leserbrief von ihm ohne befriedigende Antwort blieb, trat er aus der KAB aus.

Die KAB unserer Gemeinde war darüber sehr betroffen, lud mich aber darauf zu einem Vortrag ein

mit dem Thema "Frieden schaffen ohne Waffen". Ich hielt es aber nicht für gut, als Referent alleine über dies Thema zu sprechen. So kam eine Podiumsdiskussion zustande, an der neben mir und anderen auch der CDU-Stadtverbandsvorsitzende teilnahm, ebenfalls ein Mitglied unserer Gemeinde. Hier konnte ich deutlich Position beziehen, mit theologischer und politischer Argumentation, mit Hinweis auf die Friedensbewegung in der amerikanischen Kirche, – denn hier konnte man mir widersprechen. Hier ging es um Argumente, die heiß diskutiert wurden. Da sich die Anwesenden teils beim einen, teils beim anderen Redner wiederfanden, gab es noch lange Nachgespräche, aber keine Spaltung. Keiner wurde exkommuniziert, aber manche, die sich noch nicht so trauten, die noch nicht sicher waren, bekamen Argumente. Bei etlichen war ich überrascht, als sie die Position der Friedensbewegung einnahmen. Sie hätten das ohne das offene Gespräch in der Gemeinde sonst nicht zu tun gewagt.

Seit einiger Zeit gibt es nun auch ein wöchentliches Friedensgebet in der Gemeinde, das z.T. besser besucht ist als die Werktagsmessen. Jede Arbeitsgruppe der Pfarrei (Frauen, Altenclub, Jugend, KAB, …) bereitet das Gebet abwechselnd vor und muß sich daher erst mal selbst mit aktuellen Friedensstörungen (Polen, Iran/Irak, Israël/Palestina, Libanon) und grundsätzlichen Fragen auseinandersetzen. Durch die unterschiedliche Gestaltung entstehen natürlich intensive Gespräche, aber kein Streit.

Dieses Friedensgebet diente so auch dem Frieden in der eigenen Gemeinde, gerade weil jeder sich mit einbringen konnte.

Wer um des "lieben Friedens willen" die Friedensfrage aus der Gemeinde heraushalten will, tut dem Evangelium und dem Frieden, tut seiner Gemeinde keinen guten Dienst. Der Frieden erfordert vielmehr das Interesse und das Engagement unserer Gemeinden und unserer Kirche.

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