Marxismus: Der Dialog geht weiter

Den jungen Marx nicht vergessen

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Den jungen Marx nicht vergessen

Gegendarstellung zum Artikel "Le marxisme" in "forum" No 68

Daß man im Rahmen eines Artikels den Marxismus nur schematisch darstellen kann, ist mir klar. Man sollte dabei aber acht darauf geben, sich nicht in den normalen, einseitigen Schematismus einzufangen und sich darin festzufrieren. Dieser einseitige Schematismus wird brillant von den beiden zitierten Artikeln wiedergegeben, der eine aus der Zeitung vom Letzebuerger Vollek, der andere aus dem LW. Die Divergenz, die sich in beiden Artikeln offenbart, ist bloß eine der Bewertung, über den Inhalt des Marxismus scheint man sich einig zu sein. In der Zeitung heißt es, Marx habe die "Bewegungsgesetze der menschlichen Gesellschaft" (man beachte das Wort "menschlich" im Zusammenhang mit Gesetzen, und vor allem mit "Gesetzen" in der unmenschlichen kapitalistischen Gesellschaft,) formuliert, und diese Gesetze seien die "theoretische Grundlage für den Aufbau des Sozialismus".

Beim Abbé heißt es, Marx habe "die fundamentalen Entwicklungsgesetze (er traute sich damals schon nicht, das Wort ‚Bewegung‘ in den Mund zu nehmen) der Gesellschaft entdeckt", oder besser: er nehme diese Entdeckung für sich in Anspruch. Auch habe Marx behauptet, die erste, in sich geschlossene wissenschaftliche Erklärung der Menschheitsgeschichte konzipiert zu haben, so als ob vor ihm nicht ein gewisser Hegel dasselbe beanspruchte.

Gemeinsam haben demnach die beiden Artikel eine positivistisch-deterministische Konzeption des Marxismus, die den transzendentalen Aspekt in einen methodologischen verwandelt, und somit die menschliche Komponente zugunsten der anonym naturgesetzlichen aus dem Blickwinkel verliert. Daß eine solche Interpretation des Marxismus möglich ist, indem man als Referenztexte die "Grundrisse", "Das Kapital" oder die Engelsche "Dialektik der Natur" nimmt, will ich nicht bestreiten – wohl aber ihre Relevanz und das Schaffen einer humanen Gesellschaft.

Daß man aber in einer sich kritisch-wollenden Zeitschrift wie "forum" diese Interpretation als "Marxismus" schlechthin darstellt, scheint mir trotz der didaktischen Intention des an sich klaren und wohl strukturierten Artikels nicht gerechtfertigt, und fordert eine Gegendarstellung, die jetzt nicht eine Polemik sein will, sondern der es einzig und allein darum geht, einige dargestellte Positionen zu relativieren und den verschollenen Marx der "Pariser Manuskripte" wieder an die Öffentlichkeit zu bringen.

Punkt 1 der Gegendarstellung: "toutes les formations sociales étaient divisées en deux classes antagonistes" "dans la société capitaliste il n’y a plus que deux classes". Hier sei auf ein terminologisches Problem in der Formulation hingewiesen. Daß alle Gesellschaftsformationen immer nur aus zwei Klassen bestehen, resp. bestanden haben, stimmt nicht, denn wie hätte sonst die feudale Gesellschaft ausgesehen, wenn es nur Feudal-

Mafalda

par Quino

(Copyright Edsona Glosset)

herren und Bourgeois gegeben hätte. Also neben
den "2 classes antagonistes" gab es noch andere
Klassen, und es war eine Leistung der aufstrebenden Klasse, daß sie es fertigbrachte, diese andere(n) Klasse(n) auf ihre Seite zu bringen, oder
sie wenigstens von dem Gebundenein an die "reaktionäre" Klasse zu befreien. Die Rolle des Konsensus spielte demnach eine wichtige Rolle, und
es scheint mir, daß die Gedanken von Gramsci über
dieses Problem einer Pluralität von "Klassen",
selbst im kapitalistischen System, und der Notwendigkeit eines durch einen rationellen intersubjektiven Diskurs erzielten Konsensus noch
heute eine seriöse Alternative liefern zur
Schwarz-weiß-Malerei der revolutionär-praktisch-polymisch-agitatorischen Schriften von Marx, unter
die ohne Zweifel das Kommunistische Manifest zu
zählen ist.

Punkt 2. "Cette évolution de l’histoire suit des
lois qui sont de même nature que celles des
sciences naturelles, l’avènement du communisme
est inévitable (déterminisme)".

Marx war der Denker der Aufhebung der Entfremdung,
also konnte er nicht den Menschen als freies
Subjekt unter ihm gegenüberstehende fremde anonyme Gesetze stellen, wie dies das vorangehende
Zitat unterstellt. Außerdem ist die Notwendigkeit,
von der Marx spricht, keine antologische (telleologische) oder logische, sondern eine praktische,
eine Notwendigkeit, die also nicht sagt, daß das
und das kommen wird, weil es kommen muß, ohne den
Willen der Menschen, sondern eine Notwendigkeit,
die allein aus dem freien Willen der Subjekte
erwachsen wird. "L’avènement du communisme est
inévitable", vorausgesetzt, daß die Mehrzahl der
Menschen sich bewußt wird, daß es in ihrem Interesse liegt, einen Umbruch in den intersubjektiven Beziehungen zu vollziehen. Die strenge Determinismustheorie wurde von Engels ausgearbeitet,
nachdem Marx schon tot war, genauso wie die Absurdität eines goldenen Zeitalters am ganzen Anfang der Geschichte der Menschheit ("où le monde
retourne en quelque sorte au paradis des débuts").

Punkt 3: "Ces rapports de production … indépendants de la volonté individuelle". Die Produktionsverhältnisse verselbständigen sich allein deshalb, weil im Produktionsprozess die Individuen
intentional nur ihren besonderen Interessen nachgehen, und somit die Allgemeinheit, die jedoch
zum Wesen der Arbeit und des Menschen gehört, nur
kontra-intentional produzieren, d.h. nicht unabhängig von ihrem Willen, sondern gegen ihren Willen. Diese Allgemeinheit – zu der auch die Produktionsverhältnisse zählen – kann sich allein
aufgrund dieser logischen Spaltung im Individuum erhalten und zur antologischen Verselbständigung
des sogenannten Überbaus führen. Fundamental hierbei ist allerdings, daß, weil die Entfremdung
das Resultat einer Kontra-Intentionalität ist,
die in der motivationellen Struktur des produzierenden Individuums wurzelt, die Aufhebung der

Entfremdung vom Willen des Individuums abhängt.
(e) hierzu vor allem die "Ökonomisch-philosophischen Manuskripte" und die "Kritik der Hegelschen
Rechtsphilosophie").

Punkt 4: Die Marxsche Auseinandersetzung mit der
Religion läßt sich nicht auf die simplistische
Formel Opium fürs Volk reduzieren, sondern nimmt
in den Frühschriftern die Form einer philosophisch-
anthropologischen Analyse an, und es zeigt sich
dort auch, daß der Marxismus kein Atheismus ist,
im Sinne einer dialektischen Vermittlung des
Menschen mit sich selbst vermittelte einer Verneinung Gottes, sondern das positive, unmittelbare
Mensch-Sein des Menschen. (Auf das Verhältnis von
Marxismus und Religion will ich in einem späteren
Artikel genauer zurückkommen).

Punkt 5: An einigen Stellen des Artikels scheint
es, daß die proletarische Revolution Funktion der
Masse der Arbeiter sei, d.h. daß je mehr Arbeiter
es gibt, desto größer sei die Kraft des Proleta-
riats. Eine solche mathematische oder anilmetische Betrachtung gibt es bei Marx nicht, denn eine
Revolution wird nicht mit Zahlen gemacht, sondern
mit Bewußtsein, und solange das Bewußtsein innerhalb der Dimension der Entfremdung bleibt, spielt
die numerische "Kraft" keine Rolle, oder sie kann
sogar als Bremse fungieren.

Punkt 6: "La revendication essentielle de cette
révolution sera la collectivisation des moyens de
production"

In den Manuskripten geißelt Marx mit aller Heitigkeit den sogenannten Urkommunismus, in der eine
Kollektivisierung – und nur eine Kollektivisierung
der Produktionsmittel stattgefunden hat, und
macht deutlich, daß diese Bedingung allein bei
weitem nicht ausreichend ist, um eine humanere
Gesellschaft zu schaffen. Die Moskauer Epigonen
sollten wieder einmal zu den Frühschriftern zurückgreifen, die sie ganz bewußt in ihren offiziellen Marx-Interpretationen vernachlässigen oder
mit Unterstützung Althusser als Utopie abtun.
In jeder Utopie liegt eine Wahrheit.

Campagna Norbert

Lieber Norbert!

Ich habe mich aufrichtig über Deinen Leserbrief
gefreut. Meine kurze Studie über den Marxismus –
nicht über Marx! – ist als Unterrichtseinheit
entstanden, wurde dann aber auch in überarbeiteter Form in "forum" veröffentlicht, weil wir den
Eindruck hatten, daß manche Leser nicht immer
eine klare Vorstellung haben, was denn Marxismus
nun ist. Auf eine numerierte Darstellung von in
der Interpretation vertrittenen Ideen wurde einerseits aus didaktischen Gründen bewußt verzichtet; andererseits gebe ich unumwunden zu als
Mediävist kein Marospezialist zu sein. Heimlich
hatte ich gehofft, daß der eine oder andere Le-

ser sich zur Vertiefung meiner Darstellung herausgefordert spüren würde, um so allen Lesern eine bessere Kenntnis einer Philosophie zu ermöglichen, ohne die unsere Welt nicht mehr denkbar ist, egal wie man zu ihr steht. Ich danke Dir, meine heimliche Hoffnung erfüllt zu haben. Auch ich habe aus Deinen Ausführungen gelernt.

m.p.

LIEBE BRÜDER IN CHRISTI, LIEBE GENOSSEN.

"Gott kann im Himmel nicht gelobt werden, solange es auf der Erde keinen Frieden gibt – das heißt Gerechtigkeit, Brüderlichkeit, Gleichheit. Das alles ist Frieden … Liebe und Friede auf Erden, das ist die wirkliche Ehre Gottes." (1)

Erste Szene: Nach der Sonntagsmesse. Wir sitzen in einem Café in einer fröhlichen Runde. Es wird diskutiert. Die "große Politik" ist an der Reihe. Ich stehe nicht zurück – sage meine Meinung. "Wie kann denn jemand, der an Gott glaubt, Sozialist sein ???"

Zweite Szene: Nach einem Kongress. Wir sitzen in einem Café in einer fröhlichen Runde. Es wird diskutiert. Die Religion ist an der Reihe. Ich stehe nicht zurück – sage meine Meinung. "Wie kann denn ein Sozialist an Gott glauben???"

Man könnte nun annehmen, ich stünde zwischen den Fahnen, sei hin- und hergerissen. Dem ist nicht so. Zwar lehne ich die "Kirche" ab, doch ich glaube an Jesus Christus, genauso wie ich die atheistische Dimension des Marxismus ablehne und trotzdem Sozialist bin. Doch das verstehen weder die "Brüder", noch die "Genossen". Daß man durch christlichen Glauben zum Sozialisten werden kann, verstehen sie nicht. Und doch hat auf mich nichts politisch radikalisierender gewirkt als das Evangelium.

Ein wenig Verständnis könnten beide Seiten aufbringen, und uns, die "Links-Katholiken" oder die "roten Christen" eben nicht zwischen die Fahnen verbannen. Wir haben sowohl die Rose als auch das Kreuz gewählt. Wir trennen, die "weltliche" Weltanschauung nicht von Religion. Für uns ist das eine bedingt durch das andere.

"Wer dieser Erde Güter hat und sieht die Brüder leiden und macht die Hungrigen nicht satt, will Dürftige nicht kleiden ist untreu seiner ersten Pflicht und hat die Liebe Gottes nicht" (2)

Liebe Brüder in Christi, liebe Genossen, ich finde, das mußte mal gesagt werden. Und genauso wie ich als Christ sozialistisches Gedankengut entdeckte, könnte es vielen Genossen nicht schaden, sich (wieder) einmal das Evangelium anzusehen, oder Schriften von Martin Luther King, Ernesto Cardenal und anderen "Links-Katholiken" zu lesen, anstatt alles, was mit Religion zu tun hat, indifferent abzulehnen. Sie werden vielleicht erstaunt sein und die längst verstaubte Bibel eines zweiten Blickes würdigen.

Roy Reding.

Bibl.:

(1): "Das Evangelium der Bauern v. Solentiname" Bd. I/E. Cardenal S.49
(2): Magnificat Nr. 823

le courrier
de la grogne…

Liebe "Forum"-Redaktion!

In Jacques Wirions Beitrag "Vom Hass verführtes Denken" (forum Nr 69) – eine kritische Auseinandersetzung mit den Ausführungen meines Leserbriefes "Sind wir die Wasserträger Amerikas?" (forum Nr 68) – steht u.a. folgendes:

"… Im 6. Abschnitt wird das folgendermassen belegt: "Infolge amerikanischer Eingriffe in der 3. Welt sind schon "zehntausende von Zivilisten" geopfert worden, was sind für die amerikanischen Geheimdienste dagegen nur 269 Flugzeuginsassen, wenn es darum geht, das eigene Image dadurch zu verbessern, dass man dasjenige der Sowjets vor den Augen aller Welt schwärzt." Diese gewagte Ansicht ist für Herrn Rewenig nun nicht bloss eine Hypothese usw…"

Dazu wäre diese Richtigstellung nachzutragen:

  1. Was Jacques Wirion als BELEG anführt und als ZITAT meiner Ausführungen kennzeichnet, habe ich weder in Wortlaut noch sinngemäss geschrieben. Was wirklich im 6. Abschnitt meines Leserbriefes steht, kann jeder "forum"-Leser in Nr. 68, S.33, nachlesen und mit Wirions Text vergleichen: er wird feststellen, dass Wirion mit einem gefälschten Zitat operiert und SEINE Interpretation als MEINE Argumentation ausgibt.
  2. Vor allem habe ich an keiner Stelle meines Leserbriefes von "NUR 269 Flugzeuginsassen" geschrieben. Diese Qualifizierung geht allein auf das Konto von Jacques Wirion.
  3. "Diese gewagte Ansicht", wie der Autor schreibt, ist also nicht in meinem, sondern in Jacques Wirions Garten gewachsen. Seine Kritik respektiere ich, was den Inhalt anbelangt, nur möchte ich um die elementare Fairness bitten, Beweisführungen nicht auf erfundenen Zitaten aufzubauen. Diese Methode wird in einer ganz anderen Ecke der Publizistik zum Überdruss vorexerziert.

Mit freundschaftlichen Grüßen
Guy Rewenig

ANMERKUNG DER REDAKTION: Wir haben aufgrund von Guy Rewenigs Einwand Jacques Wirions Originalmauskript überprüft. In der Tat stehen hier nach dem Satz "Im 6. Abschnitt wird das folgendermassen belegt: "keine Anführungszeichen. Es handelt sich also – rein formal – nicht um ein Zitat.

Der Irrtum unsererseits lässt sich vermutlich dadurch erklären, dass Jacques Wirion einleitend von einem "Beleg" spricht, und auch durch die Folgerung "Diese gewagte Ansicht …" den Eindruck erweckt, er habe Rewenig zitiert. Auch ohne Anführungszeichen bleibt nämlich deutlich der Bezug zu einem direkten Textzitat bestehen. In diesem Sinn behält Rewenigs Einwand seine Berechtigung. Unseren Schnitzer geben wir gerne zu.

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