Schöne, neue Fernseh-Welt?

RTL-Plus (aus: Publik-Forum 8, 13.4.1984)

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RTL – Plus

Schöne, neue Fernseh-Welt?

Da sagen und schreiben die Kritiker, „RTL Plus“ sei soft-sedztes Privatfernsehen, ohne Ecken und Kanten, anbiedernd. Stimmt nicht! Da wird der Zuschauer sogar am Sonntagabend um halb Zehn nicht geschont. Gewissenserforschung. „Waren Sie diese Woche auch schon bei C & A?“ Mein Gott, nein. Aber nächste Woche soll das bestimmt nicht wieder vorkommen. „Erfrischend anders“ — die Philosophie des deutschsprachigen luxemburgischen Kommerzfernsehens wird also konsequent in Programm umgesetzt.

Das beginnt täglich um 17.27 Uhr — am Wochenende etwas früher — mit einem Kurz-Quiz per Telefon: „Gewinn vor Beginn“. Das Motto ist zwar unlogisch: um die Geldpreise verteilen zu können, muß man zu senden anfangen, sonst kriegen die Zuschauer das nicht mit — aber es reimt sich doch so schön. Da drückt man gern mal für drei Minuten ein Auge zu. Dann geht’s richtig los: „RTL-Augencilp“ heißt die Sendung zum Beispiel montags. Eine knappe Stunde Video-Kurzfilme, gratis von der Plattenindustrie. Jeden Tag. Mal alt, mal neu. Mal dürfen die Zuschauer darüber abstimmen, ob sie Nino di Angelo nach „Ich sterbe nicht nochmal“ auch noch mit „Jenseits von Eden“ hören und sehen wollen: „Applaus oder raus“. Jedenfalls immer wieder dieselben Clips. Das ist zwar nicht „erfrischend anders“, aber erfrischend billig. Muß es auch sein. Bei einem Jahresestat von rund 20 Millionen Mark darf der durchschnittliche Minutenpreis nicht über 200 Mark liegen. Zum Vergleich: die ARD-Minute im ersten Programm kostet 25 Mal soviel. Spätestens hier bekommen die Kommerzfunk-Freaks feuchte Augen. Bitterschön, Fernsehen kann man auch ohne Korrespondentennetz machen. Kultur? Nein Danke. Aufwendige Produktionen? Langweilig. Die höchste Tugend der Marktwirtschaft, das Schlaumeiertum, ist Trumpf: „RTL“ ist — wie ARD und ZDF und weitere 35 Fernsehsender in Europa — Mitglied der UER, der „Union Europäischer Rundfunkanstalten“. Diese Organisation ist vergleichbar mit einem Nachrichtentopf, in den jedes Mitglied täglich Filmbeiträge liefert, von denen es glaubt, daß sie international interessant sind.

In Brüssel wählt die Redaktion der UER aus diesem Programmingebot Beiträge aus und bietet sie ihren Mitgliedern an. Unproblematisch ist das Ganze, solange jeder Sender Programm für das eigene Land macht. „RTL-Plus“-Zuschauer können jetzt aber um „7 vor 7“, vor „heute“ und „Tagesschau“ also, in der RTL-Newsshow Beiträge sehen, die die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktionen nach Brüssel überspielt hatten, bevor sie in den eigenen Sendungen ausgestrahlt werden. Dem ZDF sei Dank kam RTL so zum Beispiel an das erste Interview mit General Kiefling. Durchaus fair, sagen die Luxemburger, wir bieten ja auch alle international interessan-

ten Ereignisse aus unserem Großherzogtum europaweit an Clever, gell?

Das Wichtigste an der Newsshow ist aber zweifelsohne die positive Meldung. Zum Beispiel, daß die Keßler-Zwillinge schon seit 30 Jahren zusammen auftreten. Zunächst geht es aber um Unappetitliches: Dioxin in der Muttermilch und die bayerischen Kommunalwahlen, wo „die CSU ganz schön eins auf die Mütze gekriegt hat“. Europäischer Gipfel — „Maggie Thatcher ist die einzige Schwester unter den Staatschefs.“

Die Zeitangabe im RTL-Programm kommt von Persil oder Theramed, das Wetter von der Bank oder dem Casino 2000. „Die Sonne steigt täglich höher, ich wünsche Ihnen, daß Ihre Stimmung mitsteigt.“ — Natürlich gibt’s auch die altmodischen Werbespots, wo der Zuschauer direkt und ohne Schmus gesagt bekommt, daß Mundgeruch einsam macht. Die gibt’s ja zur Genüge in den öffentlich-rechtlichen Vorabendprogrammen noch. Vor allem die kleinen ARD-Anstalten fürchten, daß ihnen lebenswichtige Teile aus dem Werbekuchen herausgeschnitten werden. Allen voran der Saarländische Rundfunk (SR). Wenn „RTL Plus“ via Satellit über die gesamte Republik verteilt wird, werden auch die anderen Anstalten gefährdet sein. Zunächst durch geringere Werbeeinnahmen. Schließlich auch durch politischen Druck: welcher Politiker wird sich künftig trauen, Gebührenerhöhungen zu fordern, wo es Gratis-Fernsehen von Kommerz-Stationen gibt?

Vor diesem Hintergrund sind die Bestands-

garantien für das öffentlich-rechtliche System, wie sie vor allem von CDU-Politikern kommen, entweder naiv oder euphemistisch: bestehen könnte der SR natürlich auch als Mini-Sender.

Für Informationen aus der Region, wie sie in „Regional 7“, der Regionalschau von RTL Plus, angeboten werden, reichte es allemal. Das saarländische Monopolblatt, die Saarbrücker Zeitung, und die Koblenzer Rhein-Zeitung präsentieren abwechselnd „Regional 7“. Schwerpunkt: Buntes. Auch kirchliche Themen. Zum Beispiel: Schlägt die Kirchturmuhr in Lautzkirchen zu laut oder gehört das nächtliche Glockengeläut zum guten Ton einer christlichen Gemeinde?

Das wichtigste Pfund aber, mit dem „RTL Plus“ wuchert, ist der abendliche Spielfilm. In einer Umfrage einer luxemburgischen Fernsehzeitschrift gaben die Leser zu 81 Prozent an, die Filme interessierten sie am meisten.

Wer will da Spielverderber sein und kleinkariiert, das Grundgesetz unter dem Arm, die Mitsprache verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, den sogenannten Binnenpluralismus fordern und irgendwelche hehren publizistischen oder demokratische Prinzipien reiten, wo „RTL Plus“ eine Reise im Wohnzimmerssessel durch die Zuckerwelt seines Programms anbietet? Daß dadurch Karies entstehen kann, der die bundesdeutsche Kommunikationslandschaft zerfriss, will nicht einmal mehr Peter Glotz wahrhaben. Norbert Klein

Publik-Forum Nr. 8, 13. April 1984

in: Guy W. Stoos Hochdruck

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