Die Sozialisationspastoral hat ausgespielt
Vorwort
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VORWORT
DIE SOZIALISATIONSPASTORAL HAT AUSGESPIELT
Jahrhundertelang war das Christentum eine der Hauptstützen der westlichen Gesellschaft und Kultur. Der christliche Glaube lieferte den allgemeinen Sinnhorizont, die christliche Moral gab Antrieb und Anleitung, die christliche Praxis strukturierte den Lebenslauf, die christliche Institutionen bildeten mit das Gerüst der Gesellschaft. Kein Wunder, daß die kirchliche Pastoral in erster Linie eine Sozialisationspastoral war, deren Ziel und Resultat in der Eingliederung der Menschen in die bestehende Gesellschaft bestand. Die Glaubens- oder Bekehrungspastoral kam erst an zweiter Stelle, wenn sie nicht sogar durch erstere zumindest faktisch verhindert wurde.
Seitdem nun die Gesellschaft sich progressiv von der Kirche löst, selbständig wird und sich säkularisiert, wird die von der Kirche vollzogene Sozialisation allmählich überflüssig. An ihre Stelle treten die Schule, die Massenmedien, die gewerkschaftlichen, politischen, kulturellen Verbände, und nicht zuletzt das Arbeitsverhältnis. Die Menschen heute sind immer weniger kirchlich sozialisiert, abgesehen von einem hartnäckigen Minimum: Taufe, Erstkommunion, Hochzeit und Begräbnis. Die neu entstandenen gesellschaftlichen Gruppen, wie die Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert, oder in unserm Zeitalter die sogenannten neuen Mittelschichten (Lehrer, Techniker, Bankfachleute, hohe Angestellte, usw.) wurden erst gar nicht oder nur am Rande von der kirchlichen Sozialisation erfaßt.
Trotz dieser Sachlage bleibt die kirchliche Pastoral vorwiegend eine Sozialisationspastoral, von einer kurzen Periode vielleicht abgesehen: das II. Vatikanische Konzil wollte wohl das Steuer herumreissen, aber: war es im Sinne einer Priorität der Bekehrungspastoral, oder nur einer neuen Sozialisationspastoral? Wie dem auch sei, die neueste Politik des Papstes geht eindeutig in Richtung einer Wiederherstellung der Christenheit als Gesellschaftsform, mit allen Konsequenzen die das für die Pastoral hat.
Was aber hat dies alles mit der christlichen Gemeinschaft zu tun? Zumindest zweierlei: es gab und gibt immer noch Christen, deren Grundbedürfnis ein solches nach gelebtem Glauben ist, denen das sozialisierte Christentum nicht genügt, die eine Begegnung bzw. Konfrontierung mit dem gelebten Evangelium suchen, welche sie aber in den traditionellen christlichen Gemeinschaften d.h. den Pfarrgemeinden nicht finden. Daneben gibt es Menschen, die aus verschiedenen Gründen, z.B. ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen, keinen rechten Platz fanden in den traditionellen Gemeinden: die Arbeiter, die gesellschaftlichen Minderheiten, die Armen.
Die Verwirklichung ihres Anliegens glauben sie in einer neuen Form von christlichen Gemeinschaft zu finden, in den sogenannten Basisgemeinden, von denen die meisten der folgenden Beiträge berichten. Und das ist auch worum es bei den Basisgemeinden geht: Priorität der Bekehrungspastoral vor einer reinen Sozialisierungspastoral, und Aufnahme bisher faktisch ausgeschlossener Bevölkerungsgruppen in die Kirche. Es ist natürlich klar, daß die etablierte Kirche diese Form von Gemeinschaften nicht ungeschoren in sich aufnehmen kann, weshalb sie sich ja auch schon längst dagegen wehrt (siehe dazu das Problem der Volkskirche in den Ländern Mittel- und Südamerikas).
Wird sich dieses Modell durchsetzen können? Auf der Ebene der Weltkirche stehen die Zeichen eher auf Sturm. In den einzelnen Diözesen dagegen ist die Situation sehr unterschiedlich: da werden Basisgemeinden und sogenannte kleine Gruppen mitunter geduldet oder manchmal sogar gefördert (siehe dazu den in nächster Zeit zu veröffentlichenden Text des Pastoralrats unserer Diözese zum Thema
‚Gemeinde‘). Eines allein scheint sicher: die bisherige Pastoral, deren Produkt, wie eine rezente Umfrage auf europäischer Ebene ergab, ein Christ ist, der politisch rechts steht, für Freiheit aber gegen Gleichheit ist, zufrieden mit Beruf und Familie ist, gegen sexuelle Freiheit eintritt, Eigentümer seiner Wohnung ist und über einen ziemlich
lich hohen Lebensstandard verfügt, schließlich für Ordnung und Gehorsam ist, eine solche Pastoral hat ausgespielt und, wenn man das Profil dieses ‚guten‘ Christen mit den Anforderungen des Evangeliums vergleicht, muß man sagen es ist nicht schade drum.
Hubert Hausemer
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