Das Kapuzinertheater: ein neuer Ort für eine alte Kunst

forum-Gespräch mit Marc Olinger

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«forum»-Gespräch mit Marc Olinger

Das Kapuzinertheater

Ein neuer Ort für eine alte Kunst

ES TUT SICH MANCHES…

Nach Jahren der Flaute wird es wieder rege in der Luxemburger Theaterszene: neue Säle entstehen das Angebot wird vielfältiger, Truppen leihen sich Schauspieler aus, Luxemburger machen Karriere im Ausland, Programmangebote werden analysiert (siehe u.a. Perspektiv, Nr.55 und Kunststoff Nr. 23) und die zuständigen Kommissionen müssen sich herbe Kritik, aber auch konstruktive Anregungen gefallen lassen. Viele der neuen Säle gehen auf Privatinitiativen zurück ("Garage", "Schluecht-haus", "Melusina") oder aber auf Betreiben einzelner, z.T. alteingesessener Truppen (TOL-Saal in der route de Thionville, Centaure-Bühne im "Dierfchen"). Schon in den vergangenen Jahren fanden regelmässig Aufführungen an off-Orten wie den Kasematten oder den Drei Eicheln statt. Auch Cafés dienen als Kleinkunstbühnen, wie z.B. die "Theaterstuff" oder das "Artsène".

FÜR EIN ERLEBBARERES THEATER.

Diese ganze Entwicklung scheint darauf hinzudeuten, dass das Publikum ein Bedürfnis nach kleineren Sälen hat, wo es ohne Kleiderzwang und "feierliche" Atmosphäre eine Darbietung unmittelbarer erleben kann. Auch lassen Bühnen, die nicht von öffentlichen Instanzen abhängen, den Regisseuren und Ensembles grösseren Freiraum bei der Wahl ihrer Stücke, was avant-gardistische Darbietungen und Experimente erleichtert. So scheinen diese Kleinbühnen all die Zuschauer anzuziehen, die in den offiziellen Theatern kaum noch auf ihre Kosten kommen: sei es, dass sie sich nicht von Operette, Ohnsorg-Theater oder Galas-Karsenty angesprochen fühlen, sei es, dass sie sich auch einmal etwas weniger Klassisches ansehen wollen als Schiller oder Molière.

EIN NEUE ORT: DAS KAPUZINERTHEATER

Vor diesem ganzen Hintergrund einer (vielleicht schon) Inflation an kleinen Sälen und dem wachsenden Frust, den das etablierte Theater beim Publikum hervorruft, öffnet am 1. Februar 1985 das Kapuzinertheater, ein Saal, der zwar in der Hinsicht offiziell ist, dass er von der Gemeinde Luxemburg getragen wird, in der Praxis aber einem Direktor untersteht, der sich schon immer durch Initiative und Vorliebe für unkonventionelle Produktionen ausgezeichnet hat: Marc Olinger, ehemaliger Verantwortlicher des TOL. (Das TOL wird nun von einem Kollektiv der Schauspieler organisiert). Marc Olinger war so freundlich, "forum" sein Konzept für das Programm und die Zukunft des neuen Saales darzulegen. Ehe wir sie unseren Lesern vorstellen, soll ein kurzer Rückblick auf die Geschichte des Kapuzinertheaters den langen Weg dieses Gebäudes zu seiner heutigen Bestimmung aufzeigen.

MÜNCHE, SOLDATEN, SCHAUSPIELER

1621 erhalten wallonische Kapuzinermönche über den Grafen Berlaymont, Gouverneur der Stadt und

Provinz Luxemburg, die Erlaubnis des spanischen Königs Philipps IV., ein Kloster auf einem Grundstück zu errichten, das ihnen vom Baron von Sales geschenkt worden war. Die Klosterkirche wird rasch ein Verehrungsort der Muttergottes, die dort besonders um ihren Beistand in der Stunde des Todes angeflieht wird. Die Mönche leben vor allem von Almosen und üben missionarische Tätigkeiten aus. 1795 müssen sie auf Druck der französischen Revolutionstruppen Kirche und Kloster räumen, in denen Futter- und Lebensmittellager eingerichtet werden. Von 1815 bis 1867 werden sie von preussischen Truppen abgelöst und nach Schleifung der Festung erwirbt die Stadt das ganze Ensemble. (In den Klostergärten entsteht dank einer Schenkung der Witwe des Bürgermeisters Scheffer das Redemptoristenkloster und seine Kirche, die "Paatrekiirch"). Ursprünglich sollten im ehemaligen Kapuzinerkloster Markthallen entstehen, aber auf den Druck der Öffentlichkeit hin entschliesst man sich dann doch ein Theater darin einzurichten, das erste eigentliche Theater, das Luxemburg je hatte. Mussten die Ensembles bis dahin auf den Vorplätzen vor den Kirchen, im Festsaal der Jesuitenschule oder im Cercle auftreten (wo am 25.2.1869 der ‚Scholtschein‘ von Dicks uraufgeführt wurde), so kann am 15.2.1869 dank des Einsatzes des Turnvereins "GYM", der sich um die Umbauten kümmerte, der neue Theatersaal eingeweiht werden. Im Beisein des Prinzen Henri und der Prinzessin Amélie wird folgendes Eröffnungsprogramm geboten:

  • Ouverture sur des motifs patriotiques par A. Zinnen.
  • Prologue par le professeur Neumann.
  • Représentation donnée par la Société de Gymnastique:
    a) Le Financier et le Savetier, opéra-bouffe en un acte par H. Crémieux sur une musique d’Offenbach.
    b) Le Capitaine des Voleurs, pièce en deux actes par Duvert et Lauzanne, musique de Guillaume et de A. Zinnen.

Die Eintrittspreise schwanken zwischen 62 centimes und 2,50 Franken. 1896 geht die erste "Revue" über die Bühne, zwei Jahre später "De Schiefer van Aasselbur" von Batty Weber. Im Laufe der Jahre werden dann durch die Architekten Luja und Funck zahlreiche Umbauten vorgenommen, wie z.B. das Ersetzen der Gaslampen durch elektrische Beleuchtung oder -auf Anfrage von Grossherzog Adolphe (!) – der Bau einer grossherzoglichen Loge (1905). 1963 hat dann das Theater ausgedient, als anlässlich der Tausend-Jahr-Feier der Stadt das "Neue Theater" eingeweiht wird. Der Zahn der Zeit, Feuchtigkeit und Staub, nagen an dem alten Gebäude und schon wird der Abriss erwogen, als Stadtarchitekt Horger ein Projekt vorliegt, das eine Restaurierung des gesamten Komplexes zwischen rue des Capucins, rue Beaumont und dem Theaterplatz vorsieht. Im Rahmen dieser Arbeiten soll das ehemalige Kloster so renoviert werden, dass es seiner religiösen, historischen und kulturellen Vergangenheit gerecht werden kann.

1977 wird mit den dringend notwendigen Arbeiten am Dach des Klosters begonnen und acht Jahre später wird nun die zweite Version eines Theaters im alten Kapuzinergebäude eröffnet werden können.(1)

EIN MODERNES VIELZWECKTHEATER

Stadtarchitekt Horger hat die Anlage des alten Klosters so weit wie möglich respektiert: Zuschauersaal und Bühne sind in der ehemaligen Kirche untergebracht, die Kapellen links und rechts des Schiffes umfassen eine Loge und die Treppe zum Balkon. Der Binnenhof liegt an der gleichen Stelle wie der Klosterkreuzgang; zu diesem Binnenhof und ins Innere des Theaters gelangt man durch eine Pforte an der linken Seite des Gebäudes, wo auch – durchgehend bis zur rue Beaumont – ein Café, verbunden mit einem Austellungsraum, untergebracht ist. In diesem Café, so Marc Olinger, soll es möglich sein, nach den Aufführungen mit Freunden und Schauspielern über die Darbietung diskutieren zu können, ohne zu sehr aus der Atmosphäre gerissen zu werden.

Der Teil des Gebäudes, der für das Theater reserviert ist, umfasst drei Probesäle, Ateliers und Requisitenräume, sowie einen Versammlungs-saal für die Jeunesses Théâtrales. Der andere Flügel des Komplexes ist ein Vereinszentrum für hauptstädtische Musikvereine und Chöre.

Soviel zum Gebäude, von dem wir mit Marc Olinger hoffen, dass es helfen wird, unsere am Abend ausgestorbene Stadt neu zu beleben. Aus diesem Grunde sind auch einige Vorstellungen um 18 Uhr programmiert, damit interessierte Zuschauer gleich nach Dienstschluss ins Theater können. (Die

traditionelle Zeit von 20.30 Uhr wird natürlich beibehalten werden). Zwei Reihen auf dem Balkon sollen dem freien Verkauf vorbehalten werden, so dass auch spät entschlossene noch eine Chance haben, einen Platz zu ergattern.

WAS WIRD GEBOTEN? LANGFRISTIG –

Marc Olinger sieht das Kapuzinertheater als einmalige Chance, Stücke zur Aufführung zu bringen, die avant-gardistisch sind, die vielleicht manchmal wenn nicht schockieren, so doch überraschen, die aber keinesfalls provokant sein sollen um der alleinigen Provokation willen. Das Programm muss in der Tat inhaltlich und formal anders gelagert sein als im grossen Saal. So ist beispielsweise eine Reihe von "concerts-apéritifs" geplant, während denen Organisationen wie die "Lëtzebuerger Gesellschaft für nei Musek" ihre Konzeption von Musik vorstellen kann. Auch werden die "Concerts de midi" (freitags von 12.30 bis 13.30) im Kapuzinertheater stattfinden. Alle zwei Monate soll am Samstagabend eine Sparte wie Ballett, Pantonime, Expression Corporelle (dies sind nur Beispiele) die Gelegenheit haben, sich in einem Non-Stop-Programm vorzustellen. Verschiedene Ensembles einer spezifischen Kunstrichtung sollen das Publikum in kurzen Darbietungen, Diskussionsrunden oder beim gemütlichen "Patt" mit ihrem Spezialgebiet bekannt machen. Die Zuschauer erhalten ein "Laissez-passer", der ihnen ermöglicht, zwanglos sich Teile des Programms anzusehen, das Theater zu verlassen, evtl. wiederzukommen. Durch solche Darbietungen sollen die Barrieren zwischen den Künstlern und dem Publikum abgebaut werden und vielleicht wird mancher "Passive" zu aktiver Beteiligung angespornt.

Die aber wohl wichtigste Frage betrifft die Art und Weise, wie das Theater bespielt werden soll. Marc Olinger sieht es vor allem als "lieu de création luxembourgeoise" das Luxemburger Regisseuren ermöglicht, über ausreichend finanzielle und materielle Mittel für ihre Produktion zu verfügen, um ihnen so aus einem beengenden Amateurismus herauszuhelfen. Ein Regisseur reicht einen Kostenvoranschlag für eine Produktion ein und erhält z.B. ca 500.000,- zur Verfügung, um sein Stück gemeinsam mit dem Kapuzinertheater zu produzieren. Die Einnahmen der ersten vier Vorstellungen fliessen in die Gemeindekasse, während das Ensemble an den Einnahmen der folgenden Abende beteiligt wird. Eine andere Möglichkeit sieht vor, Ensembles den Theatersaal (für den die Miete übrigens ca. 10.000,- pro Abend betragen wird bei Gratisproben) während zwei Abenden unentgeltlich zur Verfügung zu stellen und dann auch mit Gewinnbeteiligung zu arbeiten.

Litt. des Stads, 8/1961

Durch diese Vorfinanzierung bzw. Kostenreduzierung werden viele Truppen es in Zukunft leichter haben: auf allen Amateurensembles lastet der finanzielle Druck schwer und zwingt sie manchmal, von Produktionen abzusehen, die aber sowohl für die Schauspieler als auch für das Publikum von grossem Gewinn gewesen wären. Im Gemeindebudget der Stadt Luxemburg für 1985 sind 10 Millionen für die Theaterproduktionen des Kapuzinertheaters vorgesehen. Zwei Millionen will Marc Olinger für Luxemburger Truppen reservieren, so dass pro Jahr 4 bis 5 einheimische Produktionen geschaffen werden können. Ebenfalls ist es für ein Ensemble von Vorteil, unter dem Label "Ville de Luxembourg" auftreten zu können: in der Tat verleiht es unseren Produktionen im Ausland Gewicht und erleichtert kulturellen Austausch.

UND ZUR ERÖFFNUNG.

Das Eröffnungsprogramm für den 1.Februar 1985 wird von Stadt-Luxemburger-Ensembles gemeinsam gestaltet; TOL, Théâtre du Centaure, Ensemble Josy Braun, Lëtzebuerger Theater und Kasemattentheater spielen die Adaptation eines Stückes von Labiche von Roger Manderscheid "Eng Nuecht um Kuelebierg" (Regie: Philippe Noesen) und eine Luxemburger Version der "Kleinbürgerhochzeit" von Bert Brecht (Regie: Ed.Maroldt). Im Februar bringen dann die "Musicomédiens" aus Paris "Il Signor Fagotto" die moderne Version einer Operette im Offenbach-Stil. Im gleichen Monat

wird die "Elisabeth-Bühne" aus Salzburg, die unter der Regie des Luxemburgers Georges Ourth steht, an drei Abenden drei verschiedene Stücke in deutscher Sprache vorstellen: "Faust" (I), "Achterloo" von Fr.Dürrenmatt und "Der öffentliche Ankläger" von Hochwälder. Im März kommt dann das französischsprachige Theater zu Ehren mit "Gertrude morte cet après-midi", ein Stück für zwei Schauspielerinnen mit Texten von Gertrude Stein. Auch Charel Müllers Inszenierung am Saarbrücker Theater von dem Botho-Strauss-Stück "Kalldewey-Farce" soll im Frühling im Kapuzinertheater gezeigt werden.

Wie man sieht, soll aus dem ehemaligen Kloster wirklich ein Ort des vielfältigen künstlerischen Schaffens werden, ein Ort der Initiativen, des Theaters und Spektakels in Tuchfühlung, des erlebten und nicht des "ertragenen" Schauspiels. Hoffentlich gelingt es Marc Olinger, die Gemeindeinstanzen, vor allem aber das Publikum so mit seiner Begeisterung anzustecken wie die Schreiberin dieser Zeilen, die ihm von ganzem Herzen "toi-toi-toi" bzw."merde" wünscht.

sbb
12.12.84

(1): Angaben zur Geschichte bzw. Architektur des Kapuzinerklosters und -theater: ons stad, Nr. 5,1980, S. 3-7; ons stad, Nr. 8,1981, S.2-7 (René Clesse).

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