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Kirche und Jugend

Givenich-Iechternach

Um die Begegnung der Jugend mit dem Papst am 16.5.1985 in Echternach vorzubereiten, hatten sich rund 80 Jugendliche auf Einladung der "Rover" und "Ranger" der "Lëtzebuerger Scouten" und "Guiden" am Vorabend in der offenen Strafvollzugsanstalt Givenich getroffen. Sie haben dort einen Brief an den Papst geschrieben, in dem sie ihre Schwierigkeiten mit der Kirche zusammenfassen. Da die katholische Presse dieses Treffen bewusst verschwiegen hat, da die dort formulierten Kritiken aber unter der Anleitung einer Vereinigung verfasst wurden, die eher als gemässigt und besonnen zu kennzeichnen ist, will "forum" diesen Brief, der wohl für die Stimmungslage der katholischen Jugend ganz allgemein typisch sein dürfte, hier abdrucken. Die ausgedrückte Kritik gilt keineswegs an erster Stelle dem Papst: Luxemburger Ohren sollen lieber aufhören, sich taub zu stellen.

Lieber Papst Johannes Paul II,

Rund 80 Jugendliche haben gestern abend zusammen mit Gefängnisinsassen über den Glauben und die Kirche meditiert und nachgedacht.

Auf den folgenden Seiten teilen wir Ihnen unsere Überlegungen mit. Diese sind sicherlich subjektiv. Trotzdem möchten wir sie Ihnen als Diener an der Wahrheit mitteilen.

Ihr Besuch war jedenfalls für uns eine Gelegenheit unsere Überlegungen zum Glauben und zur Kirche zu vertiefen. Dies hat sich für uns gelohnt.

Mit allerbesten Grüssen!

Wir haben oft das Empfinden, dass in der luxemburgischen Kirche das Institutionelle und das Rituelle (Besuch der Sakramente, Verpflichtung zum Religionsunterricht) unter Aufsicht der Hierarchie übertrieben betont wird. Diese Haltung bedauern wir, sowohl bei Amtsträgern der Hierarchie wie auch bei vielen Jugendlichen. Als Jugendliche wünschen wir, dass die Kirche es uns ermöglicht, das Freisein und Erlöstein in Christus voll zu leben.

Wir wünschen, dass die Sakramente der Kirche eher Ausdruck dieser gemeinschaftlichen Erfahrung als einer verpflichtenden Vorschrift seien.

Viele Jugendliche, die in katholischen Verbänden ihre Verantwortung wahrgenommen haben, fühlen sich oft nicht ernstgenommen von der Hierarchie. Ihre Erfahrungen und ihre Lebensfrage könnten zu einer gemeinschaftlichen Kommunikation innerhalb der Kirche führen.

Wir bedauern, dass die katholische Presse in Luxemburg praktisch nur eine einseitige Kommunikation zulässt, dass sie wenig Mut hat zu einem christlichen Pluralismus, wo in Bezug auf politische, wirtschaftliche und moralische Fragen verschiedene Stellungnahmen Ausdruck finden können.

Wir möchten Sie ermutigen, Heiliger Vater, Ihre Mitbrüder im Bischofsamt darin zu bestärken, ei-

FUSSNOTEN zu S.19

(1) F. Marcus, Was ist Theologie der Befreiung? in: "forum" Nr. 78/23.2.85, S. 13 f.
(2) Id., Die Umkehr einer Kirche, in: "forum", Nr. 73/23.6.84, S. 9-12.
(3) Norbert Greinacher, Billiger, polemischer Antikommunismus, in: "forum" Nr. 29.6.85, S. 15f.; Luise Rinser, Jesus stünde auf Boffs Seite, in: "forum", Nr. 81/29.6.85, S. 37f.
(4) Eigens genannt sei hier unbedingt die hervorragende Zeitschrift der Schweizer Jesuiten: "Orientierung" (Scheidegegstraße 4, CH-800, Zürich).
(5) Gustavo Gutiérrez, Theologie der Befreiung, Lima 1971 (frz.: Ed. Lumen Vitae, Bruxelles, 1974, dt.à Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1973, 1984); Auszüge in: Bulletin d’information de la "Jugendpör Lëtzebuerger", Nr. 3+5/75)
(6) Dieses Kapitel ist aus L. Boffs Buch "Die Neuentdeckung der Kirche. Basisgemeinden in Lateinamerika", Mainz 1980 (Matthias-Grünewald-Verlag) übernommen, das in "forum" Nr. 42/27.9.1980 rezensiert worden ist.
(7) Der Text der Glaubenskongregation mit einer Lesehilfe des Freckenhorster Kreises ist nachzulesen in: "Publik-Forum", Nr. 10, 17.5.1985 (Sonderdruck von 8 Seiten). Photokopie auf Anfrage in der "forum"-Redaktion erhältlich.

ne wahre Gemeinschaft im Glauben an Christus zu fördern, eine Gemeinschaft in der Beziehungen wichtiger sind als Inhaltsvermittlung, wo Bezugspersonen im Geiste Christi Vorrang haben vor der Verwaltung, wo Konflikte jeder Art in brüderlicher Weise zur Sprache kommen können.

Die Frau in der Kirche

In unserer Gesellschaft nehmen sogenannte weibliche Werte an Bedeutung zu.

Deshalb freuen wir uns darüber, dass die Frau wenigstens im Notfall die Taufe spenden kann, Trauungsvollmacht hat, predigen darf und Richter an kirchlichen Gerichten sein kann.

Weshalb gilt das nicht auch im Normalfall?

Wir können nicht verstehen, wieso die Frau das Amt des Akolythen und des Lektors nicht ausüben darf.

Wir hoffen, dass die Kirche langsam die innere Stärke erlangt, um die Priesterweihe für die Frau anerkennen zu können. Theologisch scheint uns dies kein Problem zu sein. Trotzdem erkennen wir, dass die Priesterweihe für die Frau grosse theologische und kirchliche Aenderungen mit sich ziehen wird.

Deswegen hoffen wir, dass vor allem die katholischen Frauenorganisationen die Kirche, die Frauen und Männer auf diese Schritt vorbereiten werden.

Kirche und Moral

Unsere Diskussionsgruppe (26 Jugendliche) sieht im Allgemeinen die Abtreibung als Mord an. Allerdings sind wir der Meinung, dass in gewissen, speziellen Fällen eine Abtreibung unumgänglich sein könnte. In diesen Fällen müsste das Gewissen der Betroffenen ausschlaggebend sein. Trotzdem müsste es unserer Meinung nach nicht zu diesen Fällen kommen, da genügend Methoden zur Empfängnisverhütung zur Verfügung stehen. Die Kirche aber lehnt rigorös alle medizinischen Verhütungsmittel ab, was Schuldgefühle und Gewissensfragen mit sich bringt. Wir glauben, dass die Wahl der Verhütungsmittel den betroffenen Personen überlassen sein sollte nach dem Leitsatz der 4. Luxemburger Diözesansynode: "Christliche Eltern werden in der Frage der Methodenwahl nach den allgemeinen Regeln der Gewissensbildung und der Gewissensentscheidung vorgehen".

Diese Gewissensentscheidung sollte sich nach der Morallehre der Kirche richten. Im Allgemeinen und speziell was die Geburtenregelung betrifft, finden wir, dass die Kirche sich zu sehr in Verboten verstrickt, anstatt Informationen über die moralischen Hintergründe dieser Verbote mitzuteilen. Dasselbe gilt für Themen wie Scheidung oder unverheiratete Paare, wo wir auf Ablehnung und Intoleranz der Kirche stossen. Es ist verständlich, dass wir uns von dieser Haltung der Kirche nicht angezogen fühlen.

Wir glauben, dass sich viele Jugendliche aus diesem Grunde der Kirche abwenden und sich z.B. Sekten zuwenden. Wir schlagen deshalb vor:

  • dass die Kirche sich mehr der Jugend und ihrer Probleme zuwenden soll;

  • dass die Kirche weniger mit Verboten, sondern

  • mehr mit moralischen Begründungen an die Oeffentlichkeit treten soll;

  • dass wir uns nach neuen Methoden der Meinungsumfrage und der Kontaktaufnahme, die alle Jugendliche umfasst, umsehen;

  • dass, da wir die Jugendwallfahrt (Pélé des Jeunes) als sehr positiv und stimulierend empfunden haben, öfters solche Veranstaltungen von Jugendlichen für Jugendliche stattfinden sollten.

P.-F. Nr. 23/1982

Glaube macht frei – Kirche auch?

Wir Menschen sind bewusst oder unbewusst auf der Suche nach absoluter Anerkennung. Dieses bedingungslose "Ja" uns gegenüber können wir nie von einem Menschen erwarten.

Gott als absolute Freiheit kann dieses "Ja" aussprechen.

Paulus bezeugt uns das im Brief an die Galater: "Zur Freiheit hat Christus uns befreit".

Als Christen haben wir die Liebe Christi zu vermitteln, damit andere Menschen zur Freiheit gelangen.

Wir selbst aber sind als Kirche immer begrenzt, also unfrei und somit sündige Kirche. Wir können als Kirche nicht anders als auch zu unterdrücken.

Wichtig scheint uns in dieser Situation, dass die Kirche sich dieser Tatsache bewusst wird, um die Unfreiheit der Menschen nicht zu vergrössern.

Wir hoffen, dass eine Kirche, in ihrer institutionellen Form weniger Angst vor Aenderungen und mehr Vertrauen in Gott hat. Leider gibt die Kirche wenig Impulse (neue Werte). Vielfach wird nur durch Moralismen, Einschränkungen und Gesetze versucht, den Menschen zur Identifikation mit Christus zu bringen.

Ein freies, positives und gelassenes Zugehen von uns Christen auf den heutigen Menschen würde Kreise von Befreiung ziehen und die Freude am Glauben

fördern. Ohne freiere Struktur in der Kirche scheint uns dies nicht möglich.

In diesem Dienst von Befreiung in Christus könnten auch wir Jugendlichen uns mit der Gnade Gottes einsetzen.

in: COURRIER vun de "Lëtzebuerger Scouten" 9/84-85.

Als einfach Hausfra a Mamm hun ech de Popstbesuch nèt esou negativ wèi Dir empfond. Zu Esch war ech ënnert dem Vollék. – Natiirlech, wann een géint eppes as, dann kuckt een et mat aner Aen. Et kann een och hannert all Wuert an all Gest eppes negatives gesin oder d’Géigendeel. – Jiddefalls hun ech duerch de Popstbesuch zu Lëtzebuerg nei Hoffnung kritt, och well jo awer vill Leit sech nèt

geschummt hun hire Glawen no baussen ze weisen. – Ech denken mer sin all nèt tolerant genuch. Wann een sei Glawen anescht liewt wèi ee selwer, misst een deen aner unhuelen an uechten.-

Nach eng kléng Bemierkung, ech fannen dass och de Forum kee richtege Forum fir kléng Leit as.

Liliane Weiler

Dass man in der Bewertung des Papstbesuches zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen kann, ist selbstverständlich. Unsere Zeitschrift will Forum sein insofern sie allen möglichen Meinungen Raum bietet, um sich auszudrücken. Daher freuen wir uns als Redaktion über jeden Leserbrief, gerade dann wenn es eine Meinung der Redaktion in Frage stellt oder ihr widerspricht.

Dass "forum" nicht "Forum für kleine Leute" ist, insofern die Sprache zu schwierig und die Ausdrucksweise der meisten Mitarbeiter zu kompliziert ist, ist uns leider bewusst. Trotz mehrmaliger interner Diskussionen haben wir bislang keine Lösung für dieses Problem gefunden, das uns umso mehr bedrückt als wir hoffen, auch die Interessen der sog. "kleinen Leute" mitzuverteidigen. Aber die bisherigen Mitarbeiter bringen es kaum fertig ihre Ausdrucksweise zu ändern. Vielleicht greifen aber öfter mal sog. "kleine Leute" zur Feder und schreiben selbst, in einer Sprache die sie besser verstehen.

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