Dossier Kulturinstitute II
Das Staatsmuseum: Kuriositätenkabinett oder Bildungsstätte?
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KULTURINSTITUTE II
Die in "forum" Nr.81 begonnene Serie über die staatlichen Kulturinstitute wird heute mit Beiträgen über das Staatsmuseum, die "Bibliographie luxembourgeoise" und den Bücherbus fortgesetzt. Für die nächste Nummer ist ein Artikel über den nationalen Kulturfonds schon gesichert, ein solcher über das "Institut Grand-Ducal" geplant, bevor abschliessend den Verantwortlichen im Kulturministerium, die schon erfreulich positiv auf den 1. Teil reagiert haben, Gelegenheit geboten wird, auf Kritiken und Vorschläge einzugehen bzw. eigene Pläne zu entwickeln.
Erinnert sei hier auch noch an einige Vorbemerkungen vom 1. Teil: Namen unserer Informanten in den einzelnen Instituten nennen wir nicht, um ihnen keine unnötigen Probleme zu schaffen, die vom Wesentlichen ablenken würden. Die Beiträge sind auch nicht unterzeichnet, weil sie in Kollektivarbeit von Simone Baldauff-Beck und Michel Pauly entstanden sind.
Gefreut haben wir uns über den Leserbrief von Carlo Welfring, den wir anschliessend drucken. Seine Überlegungen fordern sicher zur Diskussion heraus. Wir hatten sie ausgeklammert, weil wir mal die staatlich-institutionellen Grundlagen der Kulturpolitik unter die Lupe nehmen wollten. Es wird sicher darauf zurückzukommen sein.
Das Staatsmuseum:
Kuriositätenkabinett
oder Bildungsstätte?
Wohl kaum einem anderen staatlichen Bildungsinstitut liegen so kontroverse und kontroversierte Auffassungen zugrunde wie dem Museum. Von aussen werden z.T. neue, z.T. im Ausland schon länger durchgeführte Konzepte herangetragen, im Innern vertreten die einzelnen Mitarbeiter oft ganz verschiedene Richtungen, besonders was Konzeption und Zielsetzung eines Museums angeht. Soll die historische Abteilung z.B. eine Ausstellung verschiedenster Gegenstände der verschiedenen Epochen und Lebensbereiche unserer Vergangenheit sein, die wir wie Kuriositäten bestaunen können, ohne uns Gedanken über Herkunft, Gebrauch und Inzidenz auf unsere Vorfahren und auf unsere Welt zu machen? Genügt es, in der naturwissenschaftlichen Abteilung eines Museums, Gläser mit absonderlichen Kreaturen und Regale mit buntschillernden Steinen aufzureihen, nebeneinanderzustellen wie die Gemälde in der Kunstabteilung? Solange keine grundlegenden Regierungserklärungen oder Gesetzestexte dazu vorliegen, werden die Ideen der jeweiligen Direktoren, Konservatoren und Mitarbeiter verwirklicht. Das kann von Vorteil sein, weil Individuen flexibler und dynamischer sind als Paragraphen. Oft sind sie aber auch von persönlichen Vorlieben und Abneigungen beeinflusst und beeinträchtigen so manche Entwicklung.
Wie unwichtig die Institution "Museum" für den Gesetzgeber und die politisch Verantwortlichen ist, beweist die Tatsache, dass schon seit 12 Jahren im Prinzip festgehalten ist, das Naturwissenschaftliche Museum in das ehemalige Frauengefängnis zu verlegen. Vor kurzem erst – am 21. 6. 1985 – wurde der Umzug im Ministerrat definitiv abgesegnet, weil – so Museumsdirektor Thill – die naturwissenschaftliche Abteilung sich so entwickelt hat, dass eine Kohabitation nicht mehr möglich ist.
1. Das «Musée d’Histoire et d’Art»
(MHA)
Dass das Museum beim Publikum grösseren Anklang findet als auf Regierungsebene beweisen Zahlen (die auch für die naturwissenschaftliche Abteilung gelten): kamen vor 20 Jahren ca. 12 000 bis 13 000 Besucher ins Museum um sich die normalen Säle und die Sonderausstellungen anzusehen, waren es 1984 80 000 Besucher. Herr Thill unterstrich, dass die Verantwortlichen ständig bemüht sind, Sonderausstellungen zu organisieren, um das Publikum, das die normalen Bestände schon kennt,
immer wieder anzuziehen. So veranstaltet das MHA ca. 10 solcher Sonderausstellungen pro Jahr, für die zahlreiche Angebote aus dem Ausland eingereicht werden. Niedrig ist allerdings die Zahl der Luxemburger Kunstgegenstände, die an das Ausland verliehen werden, denn – so Direktor Thill – der geringe kulturelle Impakt (!?) rechtfertigt das hohe Risiko nicht. Für Herrn Thill soll ein Museum weder ein Kuriositätenkabinett sein noch der alleinigen Konservierung der Gegenstände dienen. Es hat als wichtige Aufgabe, wertvolle und typische Gegenstände unseres nationalen Erbes zu erhalten und zu zeigen, allerdings auf eine aesthetisch einwandfreie und abwechslungsreiche Art. So sollen die Reserven des Museums dazu dienen, die Ausstellungen zu erneuern oder zu ergänzen. Allerdings stellt sich dann immer wieder die schwierige Frage, welche Objekte denn nun wertvoller und typischer sind als andere. Um diese Frage klären zu können, müssten unbedingt Inventarlisten und Kataloge der Ausstellungsgegenstände und der Reservebestände angelegt werden. Diese Dokumentation kann aber nur erstellt werden, wenn die zuständigen Konservatoren und ihre Mitarbeiter über genügend Zeit verfügen. Wenn auch in einzelnen Abteilungen ausgezeichnete Kataloge vorliegen (wie z.B. in der Numismatik), so fehlen sie umso schmerzlicher in anderen Abteilungen (wie z.B. dem "Musée folklorique").
Gerade im "Musée des Arts Industriels et Populaires", der ja in den letzten Jahren eine spektakuläre Vergrösserung und Vielfalt erfahren hat, wäre eine wissenschaftliche Auswertung der Gegenstände dringend notwendig. Diese Auswertung müsste zu einem leicht verständlichen und übersichtlichen Katalog führen, der dem Besucher der verschachtelten und oft schwer überblickbaren Gänge und Räume des Museums die Betrachtung einfacher machen würde. Allerdings tragen die alten Gebäude, die diesen Teil des Museums beherbergen, zu dem
Eindruck einer gewissen Unübersichtlichkeit bei. Es soll vorgesehen sein, mehrere Mauern zwischen den einzelnen Häusern zu durchbrechen und so eine klarere Gesamtkonzeption zu erreichen. Jean-Luc Mousset, der für diesen Teil des Museums verantwortlich ist, bedauert die räumlichen Schwierigkeiten und die personelle Unterbesetzung dieser Sektion als erster. Sein Vorgänger, Herr Georges Schmitt, zeigte als erstes die Wohnbedingungen des Bürgertums. Später wurde diese Abteilung auf das "habitat rural" ausgedehnt. Andere Themen, wie z.B. die Volksfrömmigkeit, wurden nur unter dem kunsthistorischen Aspekt beleuchtet. Jetzt aber ist der ausgestellte Gegenstand Aufhänger für die Erklärung einer sozialen, kulturellen oder religiösen Strömung.
Im "Musée Folklorique" (dieser unpräzise und unkorrekte Name hat sich so eingebürgert, dass auch wir ihn beibehalten wollen) ist man heute von der reinen Wohnkultur der einzelnen Bevölkerungsschichten abgekommen und hat die Themenauswahl auf die Arbeitswelt ausgedehnt (Landwirtschaft, Handwerk, Weinbau, Waldwirtschaft, Industrialisierung). J.L. Mousset ist dabei, einen Führer durch den Industrialisierungssaal auszuarbeiten und er bedauert, dass er nicht über die notwendige Zeit verfügt, die unabänderlichen Forschungen zu machen, die an sich für die Erläuterung eines solchen Saales notwendig wären. Ihm allein obliegt die Sammlung der Gegenstände, ihre Konservierung, Ausstellung und wissenschaftliche Auswertung. Man könnte, so Mousset, z.B. Stagiarlehrer dazu anhalten, ihre wissenschaftlichen "Thesen" im Rahmen der Museumsforschung zu schreiben, und so wissenschaftlich wertvolle Arbeit im Dienste der Allgemeinheit zu verrichten. Für J.L. Mousset ist ein wichtiger Aspekt der Arbeit eines Konservators der physische Kontakt mit dem auszustellenden Gegenstand. Erst wenn er ihn gesehen, angefasst, analysiert hat, kann er sich intellektuell damit auseinandersetzen. Allerdings kommt der wissenschaftliche Teil seiner Arbeit aus Zeitgründen oft zu kurz. Vorrangig ist auch, dass auf keinen Fall das Gesamtkonzept des Museums verloren gehen darf. Dieses kann sich nach sozialen Schichten orientieren, nach Themen (z.B. Wohnen, Arbeit) oder nach der Chronologie. Moussets Ziel im "Musée Folklorique" ist es, "das Leben und die Zivilisation der Luxemburger durch die Jahrhunderte zu zeigen. Er plant, dieses Thema noch zu vertiefen und es durch Ausstellungen über die Zeit des Jugendstils und über die einzelnen Etappen des menschlichen Lebens ("Les âges de la vie") zu ergänzen.
Man kann sich natürlich fragen, ob gerade im "Musée folklorique" weniger nicht mehr gewesen wäre. Hätte man gute und fundierte Dokumentation über einzelne Säle zu Verfügung, ehe neue Ausstellungen eröffnet werden, würde man grösseren Nutzen aus dem Besuch dieser Abteilung ziehen. So erwecken manche Säle wirklich den Eindruck von Kuriositätenkabinetten, in denen Gegenstände ausgestellt werden, "weil sie eben da sind". Im Moment ist es noch ein "musée-exposition" und kein musée-participation". Vielleicht wird dies einfacher zu verwirklichen sein, wenn die räumlichen und personellen Schwierigkeiten behoben sind.
Aber nicht nur auf dem Fischmarkt besteht der Bedarf an zur-Schau-gestellter Vergangenheit. 1984 wurden 23 Anträge auf Eröffnung von Lokal- und Regionalmuseen gestellt. Auch hier sind die Personalprobleme erheblich: die kleinen Lokalmuseen leben vom Einsatz interessierter Privatleute. Erlischt deren Begeisterung, ist es meistens auch mit dem Museum vorbei. Die Verantwortlichen des Staatsmuseums haben unterstrichen, wie wichtig
es sei, dass sie das Aufsichts- und Koordinationsrecht über diese Lokalinitiativen behalten, die örtlichen Verantwortlichen aber die Träger bleiben. Die Frage ist berechtigt, ob Dreschflegel, Karbollampe oder Schusterahle in einem Bürgerhaus auf dem Fischmarkt viel mehr sind als ein Kuriosum, zwar interessant, aber fehl am Platz. Sollte man nicht besser diese Gegenstände in den Teilen des Landes ausstellen wo sie herkommen? Bestimmt würde ein Industriemuseum in einer ausrangierten Fabrik einen besseren Eindruck über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter vermitteln, als ein Industriesaal im Dachgeschoss eines gutbürgerlichen Hauses im Stadtzentrum.
Die Verantwortlichen des Staatsmuseums haben – mit grossem Anklang übrigens – einen "service éducatif" auf die Beine gesetzt, der Schülern und Studenten die einzelnen Abteilungen des Museums näherbringen und ihren Unterricht ergänzen soll. Diese lobenswerte Initiative wird aber allein schon dadurch geschwächt, dass der einzige hauptamtliche Verantwortliche nur zwei teilweise vom Unterricht befreite Lehrer zur Seite hat, um die zahlreichen Klassen durch das Museum zu führen. Auch ist bei den Verantwortlichen dieses "service éducatif" ein gewisses Unwohlsein zu verspüren, weil sie ganz auf sich allein gestellt sind und über sehr wenig didaktische Hilfsmittel verfügen. So könnte man sich z.B. vorstellen, mehr noch als bis jetzt Arbeitsblätter zu verteilen, die die Schüler zu einer aktiveren Teilnahme am Museumsbesuch anhalten würden. Leider wird der "service éducatif" fast nur von Primärschülern beansprucht, denn im Sekundarunterricht verhindern Stundenplanzwänge häufigen Museumsbesuch. Eine wichtige Forderung wäre deshalb, für die Fächer, für die Museumsbesuche sinnvoll sind, Blockstunden vorzusehen. Trotz der grossen Inanspruchnahme des "service éducatif" lässt sich jedoch die Tatsache nicht leugnen, dass das Museum nicht kindgerecht ist. Der junge Besucher muss immer und überall aufpassen, darf nichts anfassen (ausser ein paar Knöpfchen im Industriesaal, die dann Lämpchen zum Glühen bringen). Könnte man sich nicht dazu durchdringen, wie in den grossen US-amerikanischen Museen, spezielle Säle für Kinder einzurichten, wo sie selber ausprobieren könnten, wie ein Dreschflegel funktioniert, wo sie ausgestopfte Tiere anfassen und in Ton nachmodellieren könnten, oder wo sie ganz einfach bei einem Eis oder einer Limonade neue Kräfte schöpfen könnten? Ueberhaupt ist unser Museum rein von der Bequemlichkeitsinfrastruktur her mehr als mangelhaft. Für ältere oder gehbehinderte Menschen ist der Besuch durch die zahllosen Treppen und Korridore so gut wie ganz unmöglich, Sitzgelegenheiten sind in weiten Teilen des Museums gar nicht vorhanden und Erfrischungen bekommt man erst in der Gaststätte gegenüber. Trotz guter Ansätze sind wir noch weit von einem Erlebnis-Museum entfernt, das einen Besuch zu einem wirklichen Museumserlebnis machen würde.
Eine Frage bliebe noch zu erörtern. Müsste nicht ein Museum – besonders in einer Stadt ohne Universität – ein Forschungszentrum sein, in dem über die rein museale Problematik hinaus in den einzelnen Sparten Forschung betrieben und gefördert wird, wie übrigens ein grossherzogliches Reglement von 1982 es vorsieht? Es gibt keine offizielle wissenschaftliche Publikationsreihe des MHA und wollen seine Mitarbeiter ihre Ergebnisse veröffentlichen, sind sie auf Zeitschriften wie die "Hémecht" oder auf Privatinitiative angewiesen. Die Firma "Linster" hat das Monopol für Druck und Vertrieb staatlicher Veröffentlichungen so dass die z.T. überhöhten Preise durch die Zwänge des Privatsektors entstehen. Archivdirektor Spang umgeht diese Notlage elegant, indem er
seine Werke (Zukrativ) bei RTL-Editions herausgibt. Hier verspielen die zuständigen Instanzen eine wichtige Chance, in unserem Land eine Forschung zu fördern, die – vorliegende Veröffentlichungen beweisen es – z.T. durchaus Universitätsniveau haben. Natürlich sind solche wissenschaftlichen Arbeiten nicht so publicitywirksam wie z.B. renovierte Fassaden von Bauernhäusern. Waren im Budget 74 Millionen für das Restaurationsprogramm des "Service des Sites et Monuments" vorgesehen, standen für archäologische Ausgrabungen nur 500 000.- zur Verfügung. Vielleicht bekommen die Archäologen jetzt grössere finanzielle Mittel, weil einige Minister sich an ihren Ausgrabungsstätten haben ablichten lassen, als sie ihr Interesse am sozio-archäologischen Modell bekundeten, das Arbeitslose zu den Ausgrabungen heranzieht, ein Modell, das übrigens schon bei der Echternacher Villa erfolgreich funktionierte.
2. Das «Musée d’Histoire Naturelle» (MHN)
Sind Personal- und Platzprobleme beim MHA ernst, so sind sie beim MHN dramatisch. Verfügt erstes Museum über ca. 35 Mitarbeiter, stehen der naturwissenschaftlichen Abteilung nur 10 zur Verfügung. Notgedrungen kommen auch hier wichtige Betätigungsfelder zu kurz. Trotzdem wird das MHN der Anforderung des grossherzoglichen Reglements gerecht, das 1982 in beiden Museen die Schaffung eines Forschungszentrums vorsah. In der Tat helfen ca. 80 freiwillige Mitarbeiter den Verantwortlichen des MHN bei den Erhebungsarbeiten in den Bereichen Fauna, Flora und Paläontologie. Wie Marc Meyer erwähnte, sind seit 1982 bereits 8 Nummern der Schriftreihe "Travaux scientifiques du Musée" erschienen und in In- und Ausland haben die freiwilligen und bediensteten Mitarbeiter des MHN an 50 wissenschaftlichen Veröffentlichungen mitgewirkt. Auch nehmen sie (wie übrigens ihre Kollegen des MHA, die für die Numismatik und die Archäologie verantwortlich sind) an den Arbeiten des CNRS und des "Museum d’Histoire Naturelle" in Paris teil. So ist es also nur dank Privatinitiative und Privatinteresses möglich, dass eine öffentliche Instanz ihrem Forschungsauftrag gerecht wird.
Die auf diesem Gebiet durchaus zufriedenstellende und auch zukunftsorientierte Sachlage (Ausarbeiten von Computerprogrammen) hebt sich drastisch von den mittelalterlichen räumlichen Verhältnissen ab. Marc Meyer bedauerte, dass eine Aktualisierung der Bestände nicht möglich ist, da einfach kein Platz dafür da ist. Ein Teil des Materials
ist in der Cessinger Primärschule untergebracht und nur mit dem Wohlwollen des dortigen Portiers zugänglich. Ein Flügel des ehemaligen Männergefängnisses ist seit mehreren Monaten im Umbau und soll dem MHN zur Verfügung gestellt werden. Im Museum selber fehlt es an Raum für moderne und didaktisch optimal konzipierte Vitrinen. Einen roten Faden in die Ausstellungen zu bringen, – so Marc Meyer, – wäre erst möglich, wenn genügend Raum zur Verfügung stände um das ganze Material umzukonzipieren. Trotzdem soll den bis jetzt benachteiligten Abteilungen Botanik und Oekologie mehr Ausstellungsraum eingeräumt werden, wie auch die systematischen Vitrinen nach und nach durch thematische ersetzt werden sollen. Der Platzmangel bringt mit sich, dass die Kollektionen, wenn überhaupt, nur langsam aufgestockt werden können. Es ist natürlich zu hoffen, dass der Umzug in das ehemalige Frauengefängnis diesen Problemen weitgehend Abhilfe schaffen wird. Allerdings wird man sich bis dahin noch einige Jahre gedulden müssen, denn es wird bis auf die Grundmauern so ziemlich alles abgerissen werden. Wie Marc Meyer betonte, muss allerdings dann der Personalbestand unbedingt erhöht werden, denn ein modernes Museum kann nur mit ausreichenden Hilfskräften funktionieren. Es genügt also nicht, vor hübsch restaurierten Gebäuden (immerhin werden die Gitter an den Fenstern entfernt!) Bändchen durchzuschneiden, wenn es dann mit der alten Misere weitergeht. Man muss langfristige Personalkonzepte aufstellen, damit die Kulturinstitute ihren Funktionen auch wirklich gerecht werden können. Besonders vielfältig ist dann auch die Tätigkeit des MHN im Interesse des grossen Publikums, sowohl in- als auch ausserhalb der Museumsmauern. Stark beansprucht wird sein "service éducatif", der ca. 400 bis 500 Primärschulklassen pro Jahr empfängt. Gut ein Dutzend "dossiers pédagogiques" wurden für das Lehrpersonal ausgearbeitet, an Hand derer es den Museumsbesuch vorbereiten kann. Für die Primärschüler der Stadt organisiert das MHN (zusammen mit J.L. Mousset) den "Besuch um Baurenhaff"; es ist beteiligt an der Escher Waldschule, hilft bei der Organisation von oekologischen Wanderungen oder geführten Spaziergängen.
Es besteht ein "service des prêts" von Filmen, ausgestopften Tieren, thematischen Schaukästen oder anderem didaktischen Material. Auch helfen die Verantwortlichen des Museums Privatpersonen beim Bestimmen von Tieren und Pflanzen. (Einen ähnlichen Ausleihdienst würde man sich auch für das MHA wünschen, aber dort liegen tausende von Dias in festverschlossenen Schränken, damit sie ja niemand sieht!)
Auf unsere Frage, für welche Wissenschaften sich das Museum denn verantwortlich fühle, antwortete Marc Meyer mit "les sciences de la vie et de la terre", ergänzte seine Antwort mit dem deutschen Begriff "Bio- und Geowissenschaften". In der Tat macht die französische Definition die Abgrenzung zu dem "Musée d’Histoire et d’Art" schwierig, wo ja auch "la vie et la civilisation des Luxembourgeois" gezeigt werden sollen. Wann ist ein Fossil relevant für die Naturwissenschaft und wann gehört es in die historische Abteilung? Manchmal ist die Antwort einfach: Tierknochen gehören ins naturwissenschaftliche Museum, menschliche Ueberreste betreffen die Geschichte. Schwierigere Grenzfälle werden oft durch die gute Zusammenarbeit beider Museen gelöst: so wurde beispielsweise ein Saal gemeinschaftlich konzipiert. Auf dem Prinzenberg und auf dem Titelberg sollen im Rahmen eines oekologisch – historischen Projektes eine Kombination von natürlichem Biotop mit kultureller Dimension (archäologische Ausgrabungen) und historischen Aspekten (Fonds de Gras) den Besuchern einen möglichst komplexen Eindruck der menschlichen Umwelt vermitteln. Letzterer Ansatz erscheint uns besonders sinnvoll, denn wie im menschlichen Leben Bios und Geos eine gemeinsame Vergangenheit (und hoffentlich Zukunft!) haben, sollte man auch auf kulturellem Niveau diese Ebenen nicht immer künstlich trennen, denn unsere Welt ist nun einmal "ein vernetztes System" (F. Vester). Trotzdem scheint uns eine Trennung der beiden luxemburgischen Museen aus räumlichen, personalen und personellen, vor allem aber aus sachlichen Gründen wichtig, weil wir hoffen, dass eine solche Trennung zur Belebung und Erweiterung dieser Kulturinstitute beiträgt.
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