Christ sein und rüsten: wirklich so problemlos?
"Luxemburger Wort" und Friedensfrage
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«Luxemburger Wort» und Friedensfrage
Mitte November verschickte Abbé F. Reckinger folgenden Artikel an alle seine "Mitbrüder in der Diözese Luxemburg", weil das LW, "wie vorauszusehen war", eine Veröffentlichung abgelehnt hat. Im Begleitschreiben an die Pfarrer heißt es u.a.: "Ich meine, eine solche Stellungnahme innerhalb unseres Presbyterkollegiums äußern zu sollen, weil hinsichtlich der genannten Frage die Lehre der Kirche durch eine im Auftrag des Bischofs von einem unserer Mitbrüder geleiteten Zeitung in erheblichem Ausmaß entstellt und verzeichnet wird. In einer solchen Situation sind wir nach meinem Dafürhalten mitunter zu reden verpflichtet; denn zum Presbyter geweiht sein bedeutet, nicht nur zum Mitarbeiter, sondern auch zum mitdenkenden Berater des Bischofs und zum Mitleiter der Ortskirche bestellt zu sein. Diese Aufgabe fällt uns konkret natürlich vor allem dann zu, wenn wir vom Bischof in einer bestimmten Sache nach unserer Meinung gefragt werden – ab und zu im Leben m.E. aber auch, ohne daß wir gefragt werden; dann nämlich, wenn es sich um Entscheidungen von allerhöchster Wichtigkeit und Dringlichkeit handelt. Und mit einer solchen haben wir es im vorliegenden Fall zu tun, bei dem es darum geht, ob wir bereit sein sollen, das Herbeiführen des atomaren Holocaust gegebenenfalls mitzuverantworten oder ob wir unsere Mitwirkung dazu unter allen Umständen verweigern sollen." Professor F. Reckinger ist auch Autor des Buches "Krieg – ohne uns!", das in "forum" Nr. 70/ 1984 kritisch besprochen wurde. Der Abdruck in "forum" erfolgt mit Erlaubnis des Autors.
Regelmässigen und aufmerksamen Lesern des "Luxemburger Wort" braucht man die darin vertretene Position hinsichtlich Krieg und Kriegsrüstung nicht lange zu erklären, denn sie hat den Vorteil, eindeutig zu sein. Weil die sowjetische Diktatur aufgrund ihrer Ideologie, ihres Aggressionswillens und ihrer Rüstung eine totale Bedrohung der Freiheit und der Menschenrechte darstellt, ist es für die noch nicht von ihr beherrschten Völker sittlich erlaubt und geboten, sich gegebenenfalls ge-
gewaltsam zu verteidigen, dabei notfalls selbst nukleare Waffen einzusetzen oder wenigstens damit zu drohen und dementsprechend mit derartigen Waffen ausreichend gerüstet zu sein. Dass dabei im Prinzip wirklich nur an Verteidigung im Extremfall gedacht ist, soll den Redakteuren einmal zugute gehalten sein. Dennoch sind von der Morallehre der katholischen Kirche her gewichtige Bedenken gegenüber der genannten Position anzumelden. Dies soll im folgenden kurz zusammenfassend verdeutlicht
werden. Vor allem gilt es dabei zu zeigen, dass die kirchliche Morallehre schon traditionsgemäss, insbesondere aber seit Pius XII. und mehr noch seit dem 2. Vatikanischen Konzil zu dem Problembereich Krieg und Frieden eine weitaus differenziertere Position bezieht, als dies seitens der "Wort"-Redaktion der Fall ist. Zur näheren Begründung der folgenden Darlegungen möchte ich auf mein Buch "Krieg – ohne uns!", Paderborn 1983, verweisen, auf dessen Seiten sich die in Klammern angeführten Zahlen beziehen.
in: PP 8/83
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Wird, wie gesagt, im Prinzip im "Wort" nur der Verteidigungskrieg gutgeheissen, so ergreift doch etwa der Leitartikel vom 12.11.1983 vorbehaltlos Stellung zugunsten der Invasion Grenadas durch die U.S.A. Nun mag es für diese Aktion gewichtige und respektable Gründe gegeben haben; dennoch kann es keineswegs als einfach und problemlos erscheinen, sie als blosse Verteidigungsaktion zu verstehen. Jeglicher Angriffskrieg aber, wie gut auch immer der dabei verfolgte Zweck sein mag, ist seit Pius XII. durch die kirchliche Lehre absolut verworfen (48-49).
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Am 29.4.1985 brachte das "Wort" einen Bericht über eine Gedenkfeier zur Schlacht von Camerone (1863), bei der der "Heldemut der Fremdenlegionäre" geehrt wurde. Handelte es sich bei den Aktionen dieser Legion jeweils nur um Verteidigung? Oder wurden sie wenigstens im grossen und ganzen den Bedingungen gerecht, die die kirchliche Lehre an den damals von ihr noch nicht grundsätzlich verurteilten Angriffskrieg stellte? Waren die Kolonialkriege Frankreichs im 19. Jh. in diesem Sinn "gerechte" Kriege? Wie denken die Vertreter der damals kolonisierten Völker darüber? – Gewiss darf niemand dem "Wort" verwehren, über Feiern zu berichten, so wie sie stattgefunden haben. Feiern jedoch, die eine moralisch derart problematische Kriegsideologie aufrechterhalten, erfordern in einer christlichen Zeitung kritische Kommentare, in denen u.a. die eben gestellten Fragen zur Sprache kämen. Nach Kommentaren dieser Art (wie sie vergleichsweise den Veranstaltungen der Friedensbewegung gegenüber immer wieder – und zum Teil sicher begründeterweise – vorgelegt werden), sucht man im "Wort" vergebens.
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Seit Jahrhunderten spricht die christliche Morallehre von den strengen Bedingungen hinsichtlich der Art der Kriegführung, die erfüllt sein müssen, damit ein Krieg sittlich gerechtfertigt sein kann, und gerade etwa das "Wort der Deutschen Bischofskonferenz zum Frieden" von 1983 (die relativ überzeugendste der neueren Stellungnahmen zugunsten der Erlaubtheit des Verteidigungskrieges auch noch in unserer Zeit), hebt diese Bedingungen mit besonderem Nachdruck hervor (118). Im "Wort" dagegen ist davon kaum jemals die Rede.
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Kurz zusammengefaßt besagen diese Bedingungen vor allem, dass es niemals, aus keinem Grund und zu keinem Zweck erlaubt ist, Nichtkämpfende absichtlich zu töten (79-89). Von daher ist der Gebrauch und damit die Herstellung von Waffen, die sich in wirksamer und rentabler Weise nur gegen die Zivilbevölkerung (Wohngebiete) einsetzen lassen oder die nicht einmal eine grundsätzliche und annähernde Eingrenzung auf militärische Ziele erlauben, in sich unstilllich und niemals erlaubt. Auch die Tatsache, dass der Gegner über dieselben oder gar noch schlimmere Waffen verfügt, vermag an einer solchen Beurteilung nichts zu ändern; denn was in sich (und nicht bloss unter bestimmten Umständen) verwerflich ist, kann eben durch keinerlei auch noch so schwerwiegenden Umständen gerechtfertigt werden. Demnach bedeutet es einen diametralen Widerspruch zur kirchlichen Lehre, wenn es im "Wort" heisst, "es dürfte … schwerfallen, die Waffen in sinnvolle und nicht sinnvolle einzuteilen. Es wäre die gleiche Schwierigkeit, wenn man versuchte, zwischen moralisch verwerflichen und moralisch einwandfreien Waffen zu unterscheiden". (A propos…, Joops sinnvolle Waffen; Frühjahr 1983).
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Aus den genannten Überlegungen heraus ergeben sich massive Bedenken nicht nur den Nuklearwaffen, sondern auch einer ganzen Reihe von konventionellen Waffen gegenüber. Dennoch werfen die Erstgenannten ganz besondere Probleme auf. Vor allem stellt sich die Frage, ob ihr Gebrauch nicht in jedem Fall gegen das Prinzip der "Angemessenheit der Mittel" verstösst, das besagt, dass niemals ein Krieg, auch kein Verteidigungskrieg, gerechtfertigt sein kann, wenn seine Durchführung ein grösseres Übel anzurichten droht als jenes, das er, wie man hofft, verhindern soll. Auch diese Bedingung hat Pius XII. sehr deutlich ausgesprochen (128-129.135). Das Urteil darüber, ob der Gebrauch von Atomwaffen jemals diesen Bedingungen entsprechen kann, überliess er den Sachverständigen. Einer der wenigen unter letzteren, die sich dazu in positiver Weise geäussert haben, Bundeswehrgeneralinspekteur a.D. H.Trettner, nennt als Beispiele eines moralisch zu rechtfertigenden Einsatzes solcher Waffen eine Reihe von Randfällen: "Einsatz… im hohen Luftraum … zur Zerstörung von Fernmeldeverbindungen … zur Abwehr eindringender feindlicher Raketen oder Flugzeuge oder auch die Bekämpfung von Kriegsschiffen auf und unter Wasser" (136). Es fragt sich, ob eine auch nur annähernde Eingrenzung auf derartige Fälle realistisch ist; ob sich angesichts einer solchen Beschränkung die vorhandene Produktion und ihre progressive Steigerung überhaupt lohnt. Auf jeden Fall aber wäre eine christliche Zeitung dazu berufen, die dramatische Problematik dieser Frage bewusstzumachen – und nicht so zu tun, als seinen Herstellung und Gebrauch von Nuklearwaffen oder die Drohung damit selbstverständlich vor Gott erlaubt.
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Das Prinzip der Angemessenheit der Mittel kann man im Hinblick auf die Nuklearwaffen auch so formulieren, dass Verteidigung an sich zwar erlaubt ist, sie jedoch dann keinen Sinn hat und darum unerlaubt ist, wenn das, was verteidigt werden soll, nach der Durchführung der Verteidigung mit grosser Wahrscheinlichkeit gar nicht mehr existieren würde. Viele sind mit beachtlichen Gründen der Überzeugung, dass dies sich hinsichtlich des Nuklearkrieges so verhält. Unter dem Titel "Die Überlebenden werden die Toten beneiden" (Köln 1982) hat eine medizinisch-wissenschaftliche Studie aufgezeigt, was uns in einer solchen Situation bevorsteht. Ihre Angaben wurden durch mehrere Erklärungen seitens der Päpstlichen Akademie der Wissen
schaften bestätigt (139-140). Für die grosse Mehrzahl der von einem Nuklearangriff betroffenen Menschen, die nicht das fragwürdige Glück haben, sich im Zentrum der Explosion zu befinden und auf der Stelle tot zu sein, wird sich ein derartiges Ausmass an Schmerz und Grauen ergeben, dass davor alle Horrorfilme verblassen. Wenn es sich um Menschen des Westens handelt, werden sie (oder wird man für sie) das Risiko eines solchen Infernos eingegangen sein, um ihre Freiheit zu verteidigen – aber es wird ihnen, nachdem die Verteidigungsaktion einmal gelaufen ist, gar keine andere Freiheit mehr verbleiben als die der Wahl zwischen langsamem, qualvollem Dahinsiechen oder Selbstmord; und letztere Lösung ist von der christlichen Morallehre her in keinem Fall zu rechtfertigen. Es ist in höchstem Masse unverantwortlich, wenn Presseorgane die erwähnten wissenschaftlichen Erkenntnisse hinsichtlich der Auswirkungen eines Nuklearkrieges nicht wirksam an die Bevölkerung weitervermitteln.
Wenn nun jemand die beiden im Fall eines Krieges einander gegenüberstehenden Übel, Fremdbesetzung oder Nuklearkrieg, in der dargestellten Weise beurteilt, dementsprechend letzteren als das grössere Übel einschätzt und gleichzeitig davon überzeugt ist, dass jeglicher Krieg zwischen Industrienationen in unserer Zeit zu einem Nuklearkrieg auszuarten droht, kann er allein schon von dieser Überlegung her (daneben aber auch noch von anderen Gesichtspunkten ausgehend) begründeterweise zur Gewissensüberzeugung gelangen, dass er den Kriegsdienst, zu dem er gegebenenfalls staatlich verpflichtet werden verweigern muss. Eine solche Position wurde bereits 1970 von einer derart autorisierten kirchlichen Instanz wie der Päpstlichen Kommission „Justitia et Pax“ als „gerechtfertigt“ bezeichnet (109). Dem entspricht es, dass parallel zur Militärseelsorge in einer Reihe von Ländern eine kirchliche Begleitung der Wehrdienstverweigerer eingerichtet wurde und massgebliche Vertreter der Kirche diesbezüglich von der legitimen Möglichkeit unterschiedlicher Optionen seitens der einzelnen Christen sprechen. Demgegenüber muss es traurig stimmen, wenn das „Wort“ von Wehrdienstverweigerung auch heute noch nicht anders als von „Drückebergerei“ zu reden weiss (A propos …, 27.2.1984).
- Das „Wort“ hat recht, vor der Expansion des Sowjetsystems zu warnen, denn dieses tendiert seiner Natur nach auf die Schaffung eines weltweiten „Gulag“ hin, und es ist unbedingte moralische Pflicht, sich demgegenüber zur Wehr zu setzen. Dem Gesagten entsprechend gibt es jedoch begründete Meinungsverschiedenheiten darüber, ob eine solche Notwehr auch mit gewaltsamen oder ausschliesslich mit gewaltfreien Mitteln geschehen soll. Die Diskussion darüber müsste in einer christlichen Zeitung in aufgeschlossener und fairer Weise geführt werden, und zwar näherhin in einer im Auftrag des Bischofs von einem Geistlichen geleiteten Zeitung in der Weise, dass beide diesbezüglich innerhalb der Kirche vertretbare Positionen (und die verschiedenen denkbaren Zwischenpositionen) gebührend zu Wort kämen.
Auf keinen Fall geht es an, diese Diskussion durch Anführung und Zurückweisen des Mottos „Lieber rot als tot“ zu einem vorschnellen Ergebnis zu bringen. Dieser Spruch ist in beiden Gliedern seiner Alternative derart unzutreffend, dass er in einer ernsthaften Auseinandersetzung erst gar nicht zitiert werden sollte. Denn zum einen ist „tot sein“, wie gezeigt, gar nicht das Schlimmste, was uns im Fall eines Nuklearkrieges erwartet. Weitaus unzutreffender und irreführender noch
in: Le Monde
ist demgegenüber der Begriff „rot sein“. An sich besagt er: seiner Gesinnung und Haltung nach kommunistisch sein. Jene aber, die das Motto anführen, um es als verkehrt hinzustellen, verstehen unter „rot sein“ zu Unrecht das Beherrschte werden durch ein kommunistisches Gewaltregime. Dies ist zwar ein sehr grosses Übel, aber immerhin doch nur ein relatives, das man zur Vermeidung noch grösserer Übel in Kauf nehmen darf und u.U. in Kauf zu nehmen verpflichtet ist. Ein absolutes Übel, dem notfalls sogar der Tod oder noch schlimmeres Leiden vorzuziehen ist, stellt demgegenüber nur das „Rotsein“ im wahren Sinn des Wortes dar, d.h. die bewusste Bejahung des kommunistischen Gewaltregimes oder der Kollaboration mit ihm. „Rotsein“ in diesem Sinn jedoch kann immer nur aufgrund freier Zustimmung zustandekommen, nicht aber ipso facto als Folge des Beherrschtwerdens durch ein kommunistisches Gewaltregime. Ansonsten hätten wir ja z.B. seit 1978 einen roten Papst, denn der es damals wurde, hatte zuvor Jahrzehnte hindurch unter einem derartigen Regime gelebt. Nun aber sind weder er noch die Mehrheit seiner Landsleute in Wirklichkeit „rot“, und es ist eine bekannte Tatsache, dass für viele Menschen das Leben unter einer roten Diktatur im Gegenteil die beste Immunisierung gegen das „Rotsein“ darstellt.
- Damit wird ein weiteres deutlich: die Möglichkeiten des Widerstandes gegen Aggression und Unrechtsregime beschränken sich keineswegs auf die gewaltsame Verteidigung des eigenen Territoriums gegenüber einer gegnerischen Invasion. Gerade dann, wenn eine solche gelungen ist, zeigt sich, ob ein Volk Wehrfähigkeit und Wehrwillen hat oder nicht. Am Beispiel Polens wird uns seit Jahren vordemonstriert, wieviel dabei mittels gewaltfreier Methoden des Widerstandes erreicht werden kann. Dass dabei nicht alles erreicht wird, ist kein Grund, den gewaltfreien Kampf für unwirksam zu erklären, denn wer wollte behaupten, dass jedes Land und Volk bei der gewaltsamen Verteidigung jeweils alle seine Kriegsziele erreicht, selbst dann, wenn es „Sieger“ sein sollte? Mehr oder weniger erfolgreiche Aktionen gewaltfreien Widerstandes hat es im Lauf der Geschichte eine stattliche Anzahl gegeben, und ihre wissenschaftliche Untersuchung erlaubt es, ähnlich wie bei der gewaltsamen Strategie, die Methoden progressiv zu verbessern und damit ihre Wirksamkeit zu steigern. Im „Wort“ vermisst man das Bekanntmachen der entsprechenden Studien und ihrer Ergebnisse. Die römische Bischofssynode von 1971 jedoch hat zur Förderung der „Strategie der Gewaltlosigkeit“ aufgerufen (109). Wer dieser Auf-
forderung nachkommt, braucht dafür nicht notwendigerweise Pazifist zu sein, d.h. ein Mensch, der die gewaltsame Verteidigung eines Staates gegenüber einem anderen Staat grundsätzlich ablehnt. Die überwiegende Mehrzahl der gewaltfreien Aktionen, die aus der Geschichte bekannt sind, wurden von Nichtpazifisten getragen, die auf diese Weise vorgingen, weil sie überzeugt waren, dass unter den gegebenen Umständen der gewaltfreie Widerstand entweder die einzig mögliche oder doch die wirksamere und rentablere Lösung darstellte (208). Dies sind Angaben, die in einer seriösen Information und Diskussion um Krieg und Frieden in unserer Zeit nicht fehlen dürften.
- Was endlich die Pazifisten betrifft, mag es einem jeden unbenommen sein, ihren Standpunkt zu teilen oder ihm zu widersprechen. Aufgrund des oben, besonders unter Nr. 6 Ausgeführten muss dieser jedoch als innerhalb der christlichen Morallehre mit guten Gründen vertretbar anerkannt und geachtet werden. Auf keinen Fall geht es an, die Pazifisten generell als Tagträumer, nützliche Idioten im Dienste Moskaus oder als bewusste Kollaborateure des Sowjetsystems abzuqualifizieren. Gewiss gibt es das alles, und die pro-sowjetische Unterwanderung weiter Teile der westlichen Friedensbewegung ist eine nicht zu bestreitende Tatsache. Die richtige Art, demgegenüber zu reagieren, kann aber nicht darin bestehen, die ganze Bewegung zu verdächtigen, zu ignorieren und sie damit vollends in die "linke" Ecke abzudrängen. Wenn ihre Linkslastigkeit ohnehin schon so stark ist, rührt das dann nicht auch daher, dass überzeugte Christen und andere politisch gemässigte
Personen und Gruppen auf dem fraglichen Gebiet zu wenig kritisches Bewusstsein und Engagement bewiesen haben? Gäbe es für sie nicht die Möglichkeit, in positiver Weise in der Friedensbewegung mitzuwirken und in ihr den kommunistischen Einfluss zurückzudrängen, u.a. durch bewusste und systematische Zusammenarbeit mit der oppositionellen Friedensbewegung des Ostens; und ist eine solche Zusammenarbeit nicht das absolute Gebot der Stunde, weil sich aus ihr die Möglichkeit ergeben kann, die Kriegsmaschinerie in Ost und West fortschreitend paritätisch zu lähmen und für den Tag X funktionsunfähig zu machen? Auf jeden Fall müsste eine im Auftrag des Bischofs von einem Geistlichen geleitete Zeitung einer dahingehenden Auffassung und Gewissensüberzeugung ebensoviel Raum und Ausdrucksmöglichkeit zuerkennen als der gegenteiligen Position, die die Verteidigung der Menschenrechte nur mittels der Bereitschaft und Entschlossenheit zum eventuellen millionenfachen Töten und zum Auslösen des weltweiten atomaren Infernos meint sichern zu können.
Diese Überlegungen wollen als Ausdruck konstruktiv-freundschaftlicher Kritik verstanden sein, und zwar um so mehr, als das "Wort" im übrigen m.E. Niveau beweist und zu einer ganzen Reihe von Fragen erfreuliche Positionen bezieht; aber gerade deswegen auch muss man das Vertreten einer gegenüber der kirchlichen Morallehre derart defizienten Position hinsichtlich Krieg und Frieden als um so nachteiliger ansehen und es um so schmerzlicher empfinden.
abbé François Reckinger
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