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Es besteht kein Zweifel, dass die Friedensbewegung als Aktivorganisation im In- und Ausland im Abflauen ist. Politiker sollten sich aber nicht täuschen: die von der Friedensbewegung initiierte Bewusstseinsbildung hat in die Tiefe gewirkt und dürfte im Ernstfall auch neue, sicher noch grössere Protestkapazitäten freisetzen. Oder wie Dr. E. Tockert in einem "Journal"-Interview (12.12.85) formulierte: "Der Friedensgedanke ist nicht mehr in seiner Blütezeit sondern in seiner Reifezeit." Als konkretes Beispiel für diesen Erfolg der Friedensbewegung darf man die Tatsache ansehen, dass eine politisch so wenig engagierte Vereinigung wie die "Lëtzebuerger Guiden" den Frieden zum Jahresthema für 1986 gewählt haben: Nicht unwesentlich hat der Friedensnobelpreisträger 1985, die "International Physicians for the Prevention of Nuclear War", zu dieser Bewusstseinsbildung beigetragen, und aus diesem Anlass führte "forum" ein längeres Gespräch mit dem Präsidenten der Luxemburger Sektion.

Seit dem "forum"-Friedensdossier von 1982/83 hat aber einerseits die Friedensforschung auch neue Erkenntnisse gebracht (vgl. Beitrag von Dr. E. Tockert über die Folgen eines Atomkrieges unter dem Stichwort "Nuclear Winter"), und andererseits sind neue Gefahren für den Frieden aufgetaucht, die mit dem Stichwort SDI zusammengefasst werden können. Trotz Händedruck von Gorbatschow und Reagan in Genf darf man sich nicht einem leichtfertigen Optimismus überlassen.

Am 23.3.1983 hat US-Präsident R. Reagan in der Tat verkündet, das neue Ziel seiner Politik sei die totale Elimination aller Atomwaffen. Die wahnsinnige Logik der Abschreckungstheorie, die auf der gegenseitigen Androhung totaler Zerstörung beruhe, müsse der Vergangenheit angehören. Und er rief die Wissenschaftler auf, eine Waffe zu erfinden, die nicht Menschen vernichte, sondern Raketen, bevor sie ihr Ziel erreicht haben. Geboren war die "Strategic Defence Initiative" (SDI).

Dieses hehre Ziel verdient ohne Zweifel volle Zustimmung, zumal R. Reagan durchblicken liess, er könne der Sowjetunion dieselbe Technologie zur eigenen Verteidigung zur Verfügung stellen. Und so lesen wir denn auch im LW: "Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte soll ein System entwickelt werden, das die atomaren Angriffswaffen noch im Fluge zerstören und die Menschen vor dem so gefürchteten Holocaust bewahren soll. Damit aber würden die Atomraketen, in die die Sowjets soviel hineinstecken, weitestgehend unnütz. Ihr ganzes atomares Rüstungsprogramm, das zum grossen Teil die Wirtschaft des Ostblocks verzehrt, wäre mit der Verwirklichung des amerikanischen SDI-Programms in Frage gestellt" (Iz, 24.4.1985, u.8.).

Der überschwengliche Ton solcher Propaganda, die eher nach Siegesmeldung über den Feind im Osten klingt, mag schon skeptisch stimmen. Stand man anfänglich durchaus wohlwollend Reagans Idee gegenüber, so dürfte man von folgender Nachricht aus dem kaum der Russenfreundlichkeit verdächtigen Vatikan überrascht sein. Obschon päpstliche Mühlen eher langsam mahlen, hat die Päpstliche Akademie der Wissenschaften (an der Wissenschaftler aus Ost und West teilnehmen) sich nämlich schon mit SDI beschäftigt und festgestellt, die Initiative könne keinen vollständigen Schutz gegen anfliegende Raketen bieten und werde den Rüstungswettlauf weiter begünstigen: Wenn auch die Forschungen der Akademie noch nicht abgeschlossen sind, so lässt doch diese ungewohnte Vorveröffentlichung eines Teilresultates sicher aufhorchen. Tatsächlich wurde schon 1981 ein ähnliches Projekt "High Frontier" als undurchführbar fallengelassen, noch bevor es zu einer politischen Entscheidung gekommen war. Präsident R. Reagan hat daher selbst Insider mit seiner Rede vom 23.3.1983 überrascht.

Eine der Hauptgefahren, die von SDI und von Rüstungsexperten im allgemeinen, ausgehen, ist jene der Mystifizierung, der Verschleierung, des Ausstreuens von Illusionen, um das Volk bei der (ideologischen) Stange zu halten. "forum" möchte dieser Gefahr ehrliche Aufklärung entgegensetzen.

Für "forum" haben Liette und Monique Mathieu eigene Informationen gesammelt und stellen die Ergebnisse unsern Lesern vor: Wie funktioniert SDI? Ist SDI ein sicherer Schutzschild oder kann er umgangen werden? Welche Folgen hat SDI für die Rüstungsspirale? Warum wird SDI auch dann gebaut, wenn das erklärte Ziel nicht erreichbar ist? Welche wirtschaftlichen Interessen stecken hinter Reagans Initiative? Welche Folgen hat SDI für die Sicherheit und Verteidigung Europas?

STAR WAR

Reagan im Wortlaut

Seit der Existenz von Kernwaffen richteten sich die Verteidigungsmaßnahmen in immer stärkerem Maße darauf, eine Aggression durch die Ankündigung einer Vergeltung abzuschrecken . . . Diese Methode, Stabilität durch Offensivandrohung zu erreichen, hat funktioniert . . . Uns und unseren Verbündeten ist es gelungen, über drei Jahrzehnte hinweg einen Atomkrieg zu verhindern . . . In den letzten Monaten jedoch haben meine Berater . . . die Notwendigkeit unterstrichen, aus einer Zukunft auszubrechen, die sich im Hinblick auf unsere Sicherheit ausschließlich auf offensive Vergeltung stützt . . . Wäre es nicht besser, Menschenleben zu retten, als sie zu rächen? Sind wir nicht in der Lage, unsere friedlichen Absichten zu demonstrieren, indem wir alle unsere Fähigkeiten und unseren ganzen Einfallsreichtum aufbieten, um eine wirklich dauerhafte Stabilität zu erreichen? Ich glaube: Wir können es, ja wir müssen es! . . .

Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß es einen Weg gibt. Teilen Sie mit mir eine Vision der Zukunft, die Hoffnung bietet. Sie liegt darin, daß wir ein Programm in die Wege leiten, um der schrecklichen sowjetischen Raketendrohung mit Maßnahmen zu begegnen, die defensiv sind . . .

Ich weiß, daß dies eine gewaltige technische Aufgabe ist – eine Aufgabe, die nicht vor Ende dieses Jahrhunderts bewältigt sein dürfte . . .

Ich bin mir völlig im klaren darüber, daß Verteidigungssysteme Grenzen haben und bestimmte Probleme und Unsicherheiten aufwerfen. Wenn sie mit Offensivsystemen gepaart werden, dann könnten sie als Nährboden einer aggressiven Politik betrachtet werden – und das will niemand. Aber unter genauer Berücksichtigung aller dieser Überlegungen rufe ich die Gemeinschaft der Wissenschaftler, die uns die Kernwaffen gegeben haben, auf, ihre großen Talente der Sache der Menschheit und des Weltfriedens zu widmen: uns die Mittel an die Hand zu geben, um diese Kernwaffen unwirksam und überflüssig („impotent and obsolete“) zu machen . . .

Heute abend unternehme ich einen ersten wichtigen Schritt. Ich gebe die Anweisung zu einer umfassenden und intensiven Anstrengung, ein langfristiges Forschungs- und Entwicklungsprogramm auszuarbeiten, um unserem Endziel näher zu kommen, die Bedrohung durch strategische Nuklearraketen zu beseitigen . . .

US-Präsident Ronald Reagan im Fernsehen am 23. März 1983, zitiert nach: Der Spiegel 29/85.

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