Ärzte engagieren sich für den Frieden

Interview mit Dr. Emile Tockert

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Der Friedensnobelpreis 1985 wurde an die "International Physicians for the Prevention of Nuclear War" verliehen. "forum"(vertreten durch Liette Mathieu und Michel Pauly) sprach mit dem Präsidenten der Luxemburger Sektion "Résistance médicale aux armes nucléaires", Kinderarzt Dr. Emile TOCKERT, über SDI, aber auch über die Organisation, ihre Ziele, ihre Motivationen, im allgemeinen. In Kästen bringen wir zudem Auszüge aus dem Beitrag "Hiver Nucléaire", den Dr. E. Tockert im Almanach 86′ (Ed. Guy Binsfeld) über die Auswirkungen eines Atomkrieges auf die Biosphäre veröffentlicht hat.

forum: Unser Interview erscheint im Rahmen eines Dossier über SDI. Hat IPPNW schon Stellung bezogen zum sog. Krieg der Sterne?

Tockert: In unsern Augen ist der Atomkrieg "die letzte Krankheit". Die Atomwaffen sind ihr Bazillus. Und dieser Bazillus hat inzwischen unsern gesamten Lebensraum so durchsetzt, dass kein gesundes Reservat mehr bleibt. Man findet ihn nicht nur am und unterm Boden, in der Luft, im und auf dem Meer, demnächst findet man ihn auch im Weltraum, der bislang als Symbol der Freiheit galt. Wir sind daher gegen SDI, weil sie eine qualitative Weiterentwicklung der Atomwaffen darstellt.

Für weitere Information kann man sich wenden an:
Résistance médicale aux armes nucléaires,
B.P. 1165, Luxembourg

DOSSIER

forum: Offiziell soll SDI doch aber ein Kriege verhinderndes Abwehrsystem sein. Das müsste Ihre Organisation doch begrüssen.

Tockert: Es soll… Doch das scheint mir eine Illusion mehr. 10-15% der Atomwaffen werden den Schild trotzdem durchbrechen können, gibt man zu. Und die andere Seite wird sich ihrerseits zu einer weiteren Aufrüstung veranlasst sehen.

Vier der bedeutendsten Physiker aus den USA kamen jedenfalls im Oktober-Heft 1984 von "Scientific American" zum Schluss: "President Reagan’s ‚Star Wars‘ program seems unlikely ever to protect the entire nation against a nuclear attack. It would nonetheless trigger a major expansion of the arms race."

forum: Vielleicht wird die Forschung aber eines Tages einen 100% zuverlässigen Schirm ermöglichen…

Tockert: Allein die Studien werden in den nächsten 5 Jahren 25-26 Mrd. $ verschlingen. Erstmals sind in diesem Jahr die Kredite für die Grundlagenforschung in den USA um 25-30% gekürzt worden: Da diese US-Forschungszentren weltweit führend sind, bedeutet diese Kürzung einen Verlust für die ganze Menschheit! Da kann man doch nicht mehr behaupten, das SDI-Programm diene der Wissenschaft im allgemeinen und helfe somit der Menschheit. Mit 25 Mrd. $ könnte man direkter sehr viele Probleme definitiv lösen. Die UNESCO gibt heute die weltweiten Rüstungsausgaben mit 1,5 Mio$ pro Minute an. Dagegen sterben täglich 45.000 Kinder, und zwar durch Krankheitsfaktoren die durchaus in den Griff zu bekommen wären! "forum" hat ja schon mal zum Thema "Rüstung tötet auch ohne Krieg" geschrieben. (vgl. "forum"-Sondernummer über Frieden). Ein IPPNW-Kollege nennt das "Destruction before detonation". Dadurch, dass mit SDI auch noch bestehende Rüstungskontrollverträge in Frage gestellt werden, wächst das Mißtrauen zwischen den politischen Gegnern. Statt daß gegenseitiges Vertrauen aufgebaut wird, um Abrüstung zu ermöglichen, sind Vertragsbrüche auf beiden Seiten vorauszusehen. Diese Überlegungen stellen aber meine private Meinung dar. Als Organisation hat IPPNW noch nicht konkret Stellung bezogen.

forum: Wie arbeitet die "Résistance médicale aux armes nucléaires"? Wie erreicht sie das Publikum?

Tockert: Wichtig ist, dass wir zu den Menschen gehen. Daher halten wir eher viele Konferenzen dezentral im ganzen Land und nur wenige gross-

aufgezogene Vorträge in der Hauptstadt. Als Mediziner finden wir viel leichter Gehör als vielleicht andere, wir sind nun mal Vertrauenspersonen. Das Interesse für unsere Informationen ist übrigens ganz gross. Die Menschen sind wirklich besorgt und unzufrieden, weil sie von den "Fachleuten" und Politikern im unklaren gelassen werden. Ihr Gefühl der Unsicherheit ist gross, und das ist ein neues Phänomen, mit dem die Politiker rechnen müssen.

forum: Und wer besucht Ihre Vorträge?

Tockert: Leute aus allen Schichten, aber vor allem jüngere und ältere, während Menschen der mittleren Alterstufe, die im aktiven Leben stehen, leider seltener kommen. Dasselbe gilt übrigens für die Mitglieder unserer Vereinigung.

forum: Wieviele Mitglieder hat IPPNW denn in Luxemburg?

Tockert: Von 750 etablierten Ärzten sind rund 150, die unsere Vereinigung "mittragen". Der aktive Kern ist jedoch kleiner. Natürlich gibt es auch Ärzte, die unsere Vereinigung ablehnen, unter dem Vorwand, sie sei politisch. Sie vergessen allerdings, was Virschow mal sagte: Politik ist Medizin im grossen. Auch wer sich nicht engagiert, nimmt in dieser Sache eine politische Haltung ein: er bejaht implizit die Aufrüstungspolitik. Vielen ist wahrscheinlich einfach nicht bewusst, wie gross die Gefahr ist, oder sie haben den Zusammenhang zwischen der Aufrüstung und ihrer Berufsethik noch nicht erkannt.

Ihr möget mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschritt von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so gross werden, dass euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzenschrei beantwortet werden könnte.

Bertolt Brecht, Leben des Galilei

Eine moralische Herausforderung für den Arzt

forum: Was motiviert denn die Aktiven zum Engagement gegen den Atomkrieg? Wie soll man sich erklären, dass gerade Ärzte die Ideale der Friedensbewegung weitertragen?

Tockert: Der Beruf des Mediziners ist ein sehr vielschichtiger Beruf. Da er mit dem Leben als solchem zu tun hat, berührt er auch moralische und philosophische Fragen. Es ist kein Zufall, dass der Medizinmann in primitiven Völkern oft gleichzeitig Priester war.

Der ethische Grundsatz unseres Berufsstandes ist, das Leben zu schützen, zu erhalten, das Leiden unserer Mitmenschen zu verhindern oder zu lindern. Mit der zunehmend denkbaren Möglichkeit einer atomaren Auseinandersetzung erhält dieses moralische Engagement eine neue, bisher unbekannte Dimension. Eine 1984 veröffentlichte Studie der Weltgesundheitsorganisation kam zur Schlussfolgerung: Im Falle eines Kernwaffeneinsatzes wäre "das Leiden der Überlebenden körperlich und geistig erschreckend. Die totale oder teilweise Zerstörung des

Gesundheitswesens würde jede wirksame Hilfe unmöglich machen … Kernwaffen sind die grösste und unmittelbarste Bedrohung für die Gesundheit und das Wohlsein der Menschheit". Daher hat auch die IPPNW auf ihrem 3.Kongress einen Zusatz zum Hippokrateseid des Arztes vorgeschlagen: "Als Arzt des 20.Jahrhundert bin ich mir bewusst, dass Kernwaffen eine noch nie dagewesene Herausforderung an meinen Beruf stellen, und dass ein Kernwaffenkrieg die letzte Krankheit der Menschheit wäre. Ich werde alles tun, was in meiner Kraft steht, um einen Atowkrieg zu verhindern."

forum: Die Mediziner scheinen also heute z.T. die Rolle der Kirche zu übernehmen, indem sie der Gesellschaft gewisse moralische Werte wie den absoluten Schutz des Lebens in Erinnerung rufen.

Tockert: Ohne Zweifel, Horst E. Richter stellt in seinem Buch "Psychologie des Friedens" fest, daß Arzt und Priester einen ähnlichen sozialen Status haben. Neben die moralische Motivation tritt aber auch unser Fachwissen, das uns die Folgen eines Atomkrieges leichter zu verstehen erlaubt. Wir wissen besser als Strategen oder Mili-

Jusqu’en 1975, les effets des retombées radioactives furent considérés comme étant les seuls à avoir des conséquences à long terme sur le plan écologique. Apparat alors une première étude qui prévoyait l’atteinte de la couche d’ozone qui entoure notre globe, entraînant

une augmentation des rayons ultraviolets avec des conséquences catastrophiques pour notre écosystème.

Ce n’est qu’en automne 1983, soit près de 40 ans après la première explosion nucléaire, qu’apparait la première grande étude d’ensemble des conséquences atmosphériques, climatiques et écologiques résultant de la synergie des différents phénomènes. Il s’agit du célèbre rapport "GLOBAL ATMOSPHERIC CONSEQUENCES OF NUCLEAR WAR" ou appelé encore rapport TTAPS (selon les initiales de leurs auteurs: TURCO, TOON, ACKERMAN, POLLACK, SAGAN). D’autres équipes de scientifiques notamment aux U.S.A. et au Centre informatique de l’Académie Soviétique des Sciences sont arrivés à des conclusions qui recoupent et confirment le rapport TTAPS.

Ainsi la déflagration d’une mégatonne injecte de 100 000 à 600 000 tonnes de poussière dans l’atmosphère. 100 000 à 300 000 tonnes peuvent s’élever jusque dans la stratosphère. Elles peuvent persister plusieurs semaines dans la haute troposphère (5 à 12 km) et jusqu’à un an ou plus dans la stratosphère (12 à 15 km), en raison de la raréfaction de l’air et de l’inexistence des pluies. Ce sont moins ces nuages de poussière claire, car constitués essentiellement de silice, qui feraient écran à la lumière solaire que les immenses nuages de fumées et de suie, noirs et opaques provenant des incendies. Le rayonnement thermique mettrait le feu aux villes et aux centres industriels. D’énormes quantités de combustibles solides et liquides, des matières plastiques, de l’asphalte seraient consumées par les flammes. Les puits de pétrole et les nappes de gaz naturel brûlevaient pendant des mois. L’onde de choc initiale propagerait ces incendies et les transformerait en incendies de surface touchant les champs et les forêts.

Quelles seraient donc les conséquences, à part la nuit nucléaire, pour notre planète? Pour la terre, privée de

l’énergie solaire vitale et indispensable, il s’ensuivrait des chutes de température dramatiques bien au-dessous de 0° C. Une semaine après le début du conflit atomique elles descendraient à -23° C dans l’hémisphère Nord dans le scénario de 5 000 Mt. Elles resteraient au-dessous de 0° C pendant plus d’un an. Dans l’hypothèse de l’utilisation de 10 000 Mt elles chuteraient même à -50° C. Les courants atmosphériques seraient perturbés. Selon le modèle tridimensionnel de l’étude soviétique

l’obscurité et le froid dépasseraient l’équateur pour envahir l’hémisphère Sud.

Si cette hypothèse se confirmait, le globe entier serait plongé dans l’obscurité.

Le rapport soviétique prévoit, en outre une inversion des températures de l’atmosphère. Les rayons infrarouges du soleil sont réfléchis vers la stratosphère par les couches de poussière et surtout de fumées. Il en résulterait un réchauffement anormal en altitude. Cette inversion des températures, chaleur dans l’atmosphère qui diminuerait fortement les pluies en-

tär, was massive Verbrennungen, Strahlenkrankheit, genetische Folgeschäden, neue oder wiederauftauchende Epidemien bedeuten. Und wir wissen, dass im Falle eines durch Atomkrieg zerstörten Gesundheitswesens keine medizinische Hilfe möglich ist. Unser Heilauftrag ist dann nicht mehr durchführbar, und das wäre zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit. Also nehmen wir gegenüber dem Atomkrieg dieselbe Haltung ein wie gegenüber einer unheilbaren Krankheit: wir müssen alles unternehmen, um sie zu verhindern. Und die beste Prävention beginnt mit der Information. Das tun wir ja auch systematisch in unserm Beruf. Was wir für den individuellen Kranken tun, müssen wir selbstverständlich auch tun, wenn Millionen gefährdet sind.

forum: Riskiert man denn nicht, durch zu starke Information – Bsp.AIDS! – statt Aufklärung nur Hysterie zu erzeugen? D.h. man verstärkt die Angst der Menschen vor dem Atomkrieg, ohne eine Therapie, ohne eine Hoffnung mitzuliefern.

Tockert: Nur ein Schreckensbild an die Wand malen, genügt natürlich nicht. Aber zuerst müssen wir gegen die Verherrlichung der Atomwaffen ankämpfen. Das sind keine Waffen, sondern Massen-

vernichtungsmittel. Ihr Einsatz hat keinen militärstrategischen Sinn, sondern entspricht höchstens primitiven Rachegelüsten. Wir müssen gegen die Illusion angehen – die den Leuten in Ost und West immer wieder vorgegaukelt wird-, ein Atomkrieg sei machbar, begrenzbar, kontrollierbar. Denn was bedeutet "begrenzt", wenn der Angriff auf eine Grossstadt mit "nur" einer Megatonne hunderttausende Opfer fordert? Strategen sprechen von "Megacorpises" (=Millionen Tote) wie von Megatonnen Sprengstoff. Unsere sachliche Aufklärung muss solche Illusionen verhindern und über die realen Folgen informieren. Unsere Aufklärung ist aber nicht nur wissenschaftlich legitimiert; sie bringt auch die menschliche Dimension in die Diskussion ein. Das auf Atomwaffen aufbauende Sicherheitskonzept kommt einem globalen Selbstmordkonzept gleich. Daher geben wir auch dem Begriff des "nuklearen Winters", an dessen Erforschung IPPNW-Leute mitgearbeitet haben, so viel Bedeutung (vgl. Kästen).

forum: Das ist Ihre Diagnose. Wie steht es mit der Therapie?

traînerait la sécheresse. D’autre part, les sommets des reliefs seraient réchauffés et il en résulterait une fonte brutale des neiges et glaciers entraînant des inondations.

La diminution de la lumière va entraver la photosynthèse, c’est-à-dire le mécanisme énergétique du monde végétal. Les processus nécessaires à la vie des plantes s’arrêtent et elles meurent au-dessous d’un seuil donné (1,6 W/m²), seuil atteint par l’explosion de 10 000 mégatonnes. Il s’ensuivrait une perte dramatique de la masse biologique.

Le froid a de même une influence néfaste sur la flore. Si les chutes brutales de température survenaient pendant la période de croissance, les plantes annuelles périraient.

Lors des explosions nucléaires de grandes quantités de NOx sont injectées dans l’atmosphère et y dégraderaient la couche d’ozone. Dans un conflit atomique majeur, l’ozone pourrait être détruit jusqu’à 70% au niveau de l’hémisphère Nord et jusqu’à 30% au niveau de l’hémisphère Sud. Ainsi, les radiations U.V. et surtout leur fraction dangereuse, les U.V.B., pourraient doubler voir quadrupler sur la surface terrestre.

En cas de réduction effective de

70% une exposition de dix minutes provoquerait chez l’homme des brûlures au premier degré qui le handicaperait dans tous ses mouvements. La fréquence des cancers de la peau augmenterait. La vitamine D s’accumulerait dans la peau à des doses toxiques. Notre système immunitaire serait déprimé.

Pour mémoire, rappelons les effets de la radioactivité sur l’homme, variables en fonction des doses: maladie des rayons avec dépression immunitaire suivie d’infections, hémorragies par atteinte sanguine, leucémies et cancers, anomalies génétiques…

Les oiseaux et les grands mammifères ont une radiosensibilité analogue à celle de l’homme. Les insectes sont beaucoup plus résistants. Ainsi, le cafard est-il jusqu’à 500 000 fois plus résistant que l’homme. Les insectes pulluleraient d’autant plus que leurs ennemis naturels auraient été décimés. Rappelons qu’ils sont les principaux vecteurs de beaucoup de maladies transmissibles.

Des mutations pourraient donner naissance parmi les virus et microbes à des souches virulentes, à l’origine d’épidémies inconnues.

Parmi les abres, les conifères sont particulièrement sensibles aux radia-

ons. Les graminées à part les céréales, sont beaucoup plus résistantes, nucléaire. Le rapport de l’Organisation Mondiale de la Santé sur les conséquences de la guerre nucléaire sur les services de Santé, publié en mai 1983, arrive à la conclusion suivante:

si la moitié des armes nucléaires existantes étaient utilisées, plus d’un milliard d’hommes mourraient de suite et plus d’un milliard seraient blessés.

En d’autres termes, «c’est environ la moitié des habitants du monde qui en seraient les victimes immédiates». Ces chiffres ont été établis AVANT que l’on connaisse l’existence de l’Hiver Nucléaire.

L’homme ne pourrait plus recourir aux ressources de son environnement qui le font vivre.

«Hiver Nucléaire donne une dimension toute nouvelle et inattendue à un conflit nucléaire éventuel. Il illustre ce que Jean XXIII a dit: «La guerre atomique n’est pas une guerre de l’homme contre l’homme, mais une guerre contre la création, une guerre contre Dieu.»

Tockert: Durch unsere Aufklärung müssen wir unsern Mitbürgern die nötige Energie vermitteln, ihre Angst zu bannen und sich gegen eine solche Politik zu wehren, d.h. Druck auf die verantwortlichen Politiker auszuüben, damit wir vom Rüstungswahn kommen. H.E.Richter sprach ja von der "liebenden Angst", die zu Hoffnung und Widerstand führt (vgl. "forum", Nr.80/1985, S.5f.).

forum: Ganz konkret: welche "Therapie" haben Sie, um die Atomwaffen abzuschaffen?

Tockert: Zu diesem Zweck hat die IPPNW noch vor kurzem einen "medizinischen" Vorschlag ausgearbeitet, der ein sofortiges Moratorium aller nuklearen Testexplosionen verlangt. Dieses Moratorium soll nach Art eines Waffenstillstands solange gelten, bis ein Teststopabkommen unterzeichnet ist. Dieser Vorschlag bietet mehrere offensichtliche Vorteile: 1. Ein Teststop ist kurzfristig möglich und leicht, ohne Kontrolle vor Ort zu überprüfen. Dieses Problem hat ja die meisten bisherigen Abrüstungsvorschläge scheitern lassen. Das gegenseitige Vertrauen ist nicht Voraussetzung, sondern Ergebnis. 2. Ein Teststop verhindert die Entwicklung neuer Arten von atomaren Sprengkörpern, z.B. für Weltraumwaffen. Ein Atomtest dient schliesslich der direkten Kriegsvorbereitung. 3. Kein Land leidet unter einem Sicherheitsverlust. Schliesslich besteht jetzt schon eine 5fache Overkill-Kapazität, d.h. die bestehenden Atomwaffen genügen, um 24o Milliarden Menschen zu vernichten. 4. Das Ziel ist eindeutig und jedem einsichtig. Die öffentliche Meinung wird sich leicht dafür mobilisieren lassen. Das "Luxemburger Wort" hat übrigens unser diesbezügliches PressecOMMUNIQUE als erste Luxemburger Zeitung veröffentlicht! Der Vorschlag scheint also auch in diesen Kreisen nicht direkt abgelehnt zu werden.

Der Weltwoche 5.10.83

forum: Der Vorschlag berührt aber sehr grosse ökonomische Interessen; viele Firmen sind doch in der Entwicklung neuer Atomwaffen engagiert. Können Sie sich vorstellen, dass IPPNW sich gegen solche Interessen durchsetzen kann?

Tockert: Das stimmt. Bekannt sind ja auch die engen personellen Verflechtungen beispielsweise zwischen US-Waffenindustrie, US-Regierung und -Administration, sowie der US-Armee. Und in der UdSSR sind Industrie, Armee, Regierung sowieso nicht immer klar zu unterscheiden. Aber man sollte nicht vergessen, dass Investitionen von einer Milliarde Dollar in der Rüstungsindustrie nur 75.000 Arbeitskräfte schaffen, während sie im Gesundheitswesen 138.000 Menschen Arbeit bieten würden. Allerdings stimmt es auch, dass wenn die Menschheit überleben will, wir umdenken und anders leben müssen!

Das amerikanische Beispiel zeigt übrigens auch die ökonomisch schlimmen Folgen der Hochrüstung: Die USA, das reichste Land der Welt, sind der höchstverschuldete Staat der Welt. Von 10 Gebieten, in denen sie Führungsmacht waren, sind heute nur 6 übriggeblieben; in Sachen Mikroprozessoren, z.B. sind sie längst von den Japanern überholt worden. Mechtersheimer hat nachgewiesen, dass die zivile US-Industrie nicht mehr imstande ist, den wirtschaftlichen Rückstand aufzuholen, und deshalb so das die Militärindustrie jetzt mit massiver staatlicher Unterstützung tun. Daher auch das gigantische SDI-Programm.

Aussichten auf Erfolg

forum: Können die Ärzte denn gegen solche Übermacht was erreichen?

Tockert: Sicher. Dazu ein historisches Beispiel: IPPNW ist eigentlich aus einer älteren Bewegung namens "Physicians for social responsibility" heraus entstanden, und diese Bewegung war schon gegen die überirdischen Atomtests Anfang der 60er Jahre in den USA zu Felde gezogen. Damals bestritt das Pentagon formell, der radioaktive Niederschlag nach solchen Testexplosionen habe irgendwelche gefährliche Folgen für die Gesundheit. Die "Physicians for social responsibility" liessen daraufhin in den Randzonen der Testgebiete die Milchzähne der Kinder einsammeln, in denen sie einwandfrei grössere Mengen von radioaktivem Strontium nachweisen konnten. Die darauf folgende Protestbewegung brachte Präsident J.F.Kennedy dazu, die überirdischen Atomtests einzustellen. Obschon diese Entscheidung einseitig genommen wurde, kam es nur kurze Zeit später zur Unterzeichnung des Atomteststopvertrags (in der Atmosphäre). Eine wissenschaftliche Beweisführung vermag also durchaus eine Massenmobilisierung zu provozieren, deren politischer Druck auch verantwortliche Politiker zum Handeln bringen kann. Heute ist es ja auch einem Ge-

meindepolitiker nicht mehr möglich -ohne dass er mit Protesten aus der Bevölkerung rechnen muss- ein Stück Wald zu roden, um eine Strasse zu bauen. Schon im 19. Jh. waren es Ärzte, die mit wissenschaftlichen Memoranden, die Politiker dazu brachten, die Kinderarbeit wegen der schweren Gesundheitsschäden, die sie nach sich zog, einzuschränken und zu verbieten, während die Arbeiterbewegung beispielsweise abseits stand und kaum dagegen aufmuckte. Die IPPNW in den USA haben sich zum Beispiel auch vierzehnmal mit den US-Bischöfen getroffen und deren berühmter Hirtenbrief (vgl. "forum", Nr. 67, Oktober 1983) ist zugegebenermassen von den Ärzten mitbeeinflusst worden, was die ethische Begründung anbelangt. Die Begründung des Nobelpreiskomitees (vgl. Kasten) bestätigt uns ja auch schon einen gewissen Erfolg.

forum: Das Nobelpreiskomitee hebt in seiner Begründung auch die Verdienste der IPPNW um eine Annäherung zwischen den beiden Blöcken hervor.

Tockert: In der Tat beschäftigt uns Ärzte ein weiterer, sehr wichtiger Punkt: das Feindbild-Denken. Uns Medizinern ist dieser Begriff fremd. Unser Heilauftrag richtet sich an alle Menschen ohne Unterschied. Das Feindbild aber, das bis zur Verteufelung getrieben wird, soll die Produktion von Waffen rechtfertigen, deren Schrecklichkeit derjenigen des Feindes gleichkommt. Wir dürfen nicht zulassen, dass der sogenannte Feind entmenschlicht wird und dass ihm dann z.B. das Recht auf Sicherheit versagt wird. Wir werden viel zu oft auf die Unterschiede zwischen unserm Gesellschaftssystem und jenem des Feindes hingewiesen. Als Ärzte sind wir verpflichtet auf das hinzuweisen, was wir Menschen gemeinsam haben. Hier liegt sicher ein fruchtbarer Ausgangspunkt, um sich gegenseitig besser kennenzulernen, sich achten zu lernen, um schliesslich gegenseitig Vertrauen zu gewinnen.

forum: Dr Tockert, vielen Dank für das Gespräch!

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