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1985 war zum "Internationalen Jahr der Jugend" erklärt worden. Auch in Luxemburg fanden in diesem Rahmen mehrere Veranstaltungen statt. Die Autorin dieses Artikels, Schülerin und aktive Mitarbeiterin des Jugendzentrums der Stadt Luxemburg, zieht kritische Bilanz über das Jahr der Jugend.
In der EG stellt die Altersklasse zwischen 0 und 25 Jahren, also Kinder und Jugendliche, 27,3% der Bevölkerung dar. Gegenüber anderen Erdteilen z.B. Asien ist unsere Bevölkerung stark veraltet. Jugendliche bilden somit nur eine kleine, relativ unbedeutende Bevölkerungsgruppe, deren Einfluß noch geringer ist als derjenige der alten Leute, unter anderem, weil die Jugendlichen nicht wahlberechtigt sind. Gleichzeitig ist die Jugend eine Altersgruppe, die besonders schwer in einer Interessenvereinigung zusammenzuschließen ist. Die mangelnde Kontinuität in der Jugendbewegung wird von den Machthabern ausgenutzt, um entweder keine Entscheidung im Interesse der Jugendlichen zu treffen oder sogar repressiv gegen sie vorzugehen. Die wenigsten Jugendlichen engagieren sich in der Jugendarbeit, da sie erst spät, mit 16 oder 17, überhaupt Einblick in die Jugendproblematik bekommen. In Luxemburg gestaltet sich die Lage besonders schwierig, weil viele aktive Jugendliche mit 19 oder 20 das Land verlassen, und die, die sofort ins Arbeitsleben eintreten, ihre politischen Aktivitäten sowieso bald einstellen.
Die Jugend ist jedoch mehr als irgendeine andere Altersklasse die Zielgruppe der Politiker und der Werbung, weil sie leicht zu manipulieren ist und zudem zu längerer Treue verpflichtet werden kann (cf. besondere Bedingungen für Jugendliche bei Geldinstitutionen). Die Werbung prägt auch das Bild des ewig Jugendlichen. "Jugendlich sein" gilt als besonders erstrebenswert und wird dementsprechend vermarktet.
Es ist auch eine Tatsache, daß gerade Jugendliche 40% der gemeldeten Arbeitslosen in der EG darstellen. Ohne die Arbeitslosigkeit im allgemeinen verharmlosen zu wollen, muß man bedenken, daß Jugendliche besonders stark betroffen sind, da sie nach der Ausbildung nicht die Möglichkeit erhalten, ihr Wissen unter Beweis zu stellen und somit die so oft verlangte "Erfahrung" nicht erlangen können.
Ich befasse mich ausschließlich mit der heutigen Jugend. Sie teilt sich in wesentlich mehr Gruppen auf, als die Jugend der vorigen Jahrzehnte. Sie besteht größtenteils aus Überbleibeln der früheren Bewegungen: Punks, Rockern, Hippies, Poppern, usw. Sie hat noch keine eigene Ausdrucksweise gefunden, was sich vielleicht dadurch erklären läßt, daß die Konsumindustrie heute mehr denn je entscheidet was "in" ist und was "out" ist, und dadurch Bewegungen kaputt macht. Das erklärt
z.B. den Untergang der Punkerbewegung. Die heutige Jugend trägt auch die Erfolge und Niederlagen der früheren Bewegungen. Sie bestimmt immer weniger ihr eigenes Image, was eine Erklärung des allgemeinen Desinteresses – génération "bof" – sein mag.
Weshalb nun ein Jahr der Jugend? Und welcher Jugend? Nicht nur in unseren Ländern bildet sie eine heterogene Gruppe. Zwischen den Ländern gibt es Unterschiede, zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd. In vielen Ländern der 3. Welt gab das Internationale Jahr der Jugend vor allem den Anstoß zu einer "Jugendpolitik". In unseren Ländern wurde den Jugendlichen vor allem die Möglichkeit gegeben, die Aufmerksamkeit auf jugendspezifische Probleme zu lenken.
Ich will mich lediglich mit den Jugendlichen hierzulande beschäftigen, da das Thema sonst zu weittreibend wäre. In der Regierungserklärung ist der Jugend knapp eine halbe Seite gewidmet. Dort wird vor allem die Schaffung eines "Conseil supérieur de la Jeunesse" erwähnt, weiter soll die Regierung die Teilnahme der Jugendlichen am öffentlichen Leben fördern. Der "Service National de la Jeunesse" soll durch die Arbeit von Gruppenleitern ausgebaut werden. Jugendzentren sollen geschaffen werden, die ausserschulischen Aktivitäten sollen ausgebaut werden. Außerdem plant man eine bessere Unterstützung der Jugendbewegungen. Man will den SNJ an der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit teilnehmen lassen und die Gesetzgebung betreffend den Erziehungsurlaub überprüfen. Im Augenblick wird ein "Arrêté Grand-Ducal" hinsichtlich der Unterstützung der Jugendzentren ausgearbeitet.
Im Erziehungswesen wird sich noch einiges abspielen, was von den Betroffenen mit nicht allzugroßer Freude erwartet wird, z.B. soll die 3. Möglichkeit abgeschafft und ein Passageexamen eingeführt werden. Bei diesen wichtigen Entscheidungen werden die Hauptbetroffenen nicht einmal befragt.
Man kann feststellen, daß jede neue Regierung wichtige Änderungen auf dem Gebiet der Jugendpolitik gebracht hat, hauptsächlich in Bezug auf das Schulsystem. Die Frage, ob diese Änderungen immer im Interesse der Jugend waren, bleibt offen. Besonders strittig sind die Entscheidungen zur Einführung der sogenannten "filières" im technischen Sekundarunterricht, die oft zu einer Deklassierung führen, anstatt mehr Schülern die Möglichkeit zu geben, einen Schulabschluß zu absolvieren, der ihnen reale Chancen auf dem Arbeitsmarkt garantiert. Die gleiche Problematik stellt sich hinsichtlich der Einführung des Passageexamen im klassischen Sekundarunterricht.
«Wat huet d’Jugendjoer bruecht?»
Obwohl ich in der Jugendbewegung aktiv bin, muß ich gestehen, daß ich lediglich am Ende des Jahres etwas vom Jugendjahr zu spüren bekam. Bereits die Vorbereitungen zum Jugendjahr schienen so artifiziell, daß die meisten Jugendbewegungen ihre Teilnahme daran verweigerten.
Für die Jugend sind nicht große Veranstaltungen wichtig, wie z.B. die Jugendfestivals, die "Journees écologiques" oder die Nanderausstellung. Erstlebenswert ist vor allem das Schaffen einer Struktur, die den Jugendlichen mehr Mitsprache garantiert, überall dort, wo sie betroffen sind, in den Schulen, in den Betrieben, in den Dörfern … Mitspracherecht besitzen die Jugendlichen jedoch nicht einmal bei den SNJ, ihrem "stellvertretenden" Organ. Die Arbeit des SNJ ist deshalb auch innerhalb der Jugendbewegungen stark umstritten, oft wird der Eindruck erweckt, der SNJ versuche lediglich, die Jugend zu strukturieren, um sie unter Kontrolle zu bekommen. Aussagen, wie "man wolle eine gewisse Kontinuität in die Jugendbewegungen bringen" und z.B. auch Moniteure bekräftigen diesen Eindruck. Der SNJ erscheint daher eher eine Alibifunktion für Jugendarbeit überhaupt zu haben.
Das politische Mitspracherecht der Heranwachsenden kam überhaupt erst am Ende des Jahres zum Tragen mit den 5 lokalen und 2 nationalen Jugendparlamenten, die im November und Dezember abgehalten wurden. Bei diesen Parlamenten kamen hauptsächlich schulische und arbeitsspezifische Fragen auf den Tisch, und sie fanden entweder stellvertretend für einen Bezirk statt, oder für einen Schulkomplex, z.B. den Geesekneppchen. Hier konnten die "Jugendvertreter" mit Parlamentariern und dem zuständigen Minister reden. Das nationale Parlament sollte ein Abschluß dieser regionalen Parlamente sein. Die Sitzungen sollten ursprünglich im Parlamentsgebäude abgehalten werden, doch 3 Tage vor dem Termin, wurde das erste Parlament (denn aus einem Parlament wurden zwei) auf den Kirchberg in die Ausstellungshallen vertagt. Die 4 Themenbereiche der Jugendjahres, Schule und Arbeit, Jugendbewegungen und Freizeit, Familie und Lebensraum, 3. Welt und Frieden sollten diskutiert werden.
Für jeden dieser 4 Themenbereiche waren 30 Minuten vorgesehen, in denen die Jugendlichen Fragen stellen konnten oder ihre Empfehlungen an die Politiker weitergeben konnten und diese darauf antworten sollten. Natürlich wurden nur 2 der 4 Themenbereiche in etwa behandelt, der 2. Teil mußte vertagt
werden. Die Fragen der Jugendlichen betrafen hauptsächlich mangelnde Schulorientierung, Sicherheitsmaßnahmen am Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit, ungenügende Unterstützung der Jugendbewegungen, Transportprobleme usw. Oft verleitet die Antworten der Politiker zum Träumen. Hier kann man durchaus auch den Faust zitieren: "Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube."
Ungefähr 60 Jugendliche nahmen an der Debatte teil. Beim 2. Teil des Parlamentes waren es nur noch etwa 25 Jugendliche, was durch mangelndes Interesse aber auch durch schlechte Information zu erklären ist. Wieder fand das Parlament nicht auf dem Krautmarkt statt, sondern im LTM. Die Fragen wurden fast alle von den 2 Leitern der Arbeitsgruppen, also nicht mehr von Jugendlichen gestellt. Sie betrafen hauptsächlich die Stellung der Familie in der Gesellschaft und die 3. Welt. Über andere Lebensformen, die Stellung der Frau, Umwelt und Frieden wurde fast nicht geredet. Die Antworten der Politiker waren meist entsprechend moralisierend und zeugten, was die 3. Welt betrifft, bei einigen sogar von mangelnder Informiertheit.
Weshalb haben so wenige Jugendliche ihr Interesse an diesen Parlamenten bekundet? Wegen mangelnder Information, aber wohl auch weil niemand sich etwas von diesen Debatten erwartete. Schließlich wird nicht einmal Rücksprache über die Debatten gehalten. Es zeigte sich aber auch, daß die Jugend sich am meisten über ihre Ausbildung sorgten. Zu bemängeln war eine mangelhafte Vorbereitung, die anwesenden Jugendliche waren keineswegs repräsentativ, ganz im Gegensatz zu den, was in den Zeitungen zu lesen stand. Die Jugendlichen konnten sich nicht und konnten sich daher auch nicht auf die Debatten vorbereiten, die meisten Politiker redeten wie immer über die Köpfe der Jugendlichen hinweg und, und, und…
Schlußendlich hat das Jugendjahr den Jugendbewegungen wenig gebracht. Den Jugendproblemen wurde allerdings mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Vielleicht konnten einige Jugendliche auch Erfahrungen im Umgang mit Politikern sammeln, die sie hoffentlich dazu nutzen können, ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen. Schließlich gab das Jahr der Jugend bei den Jugendlichen selbst Anlaß zu Diskussionen und Initiativen z.B. für das "Schülerparlament"… Es wäre jedoch dringend notwendig, daß von staatlicher Seite Strukturen geschaffen würden, die eine Jugendarbeit ermöglichen würden, z.B. Strukturen für Schülerkomitees, das Ermöglichen der kostenlosen Vervielfältigung von Informationen… Den Jugendlichen müßte außerdem das Mitspracherecht überall dort garantiert werden, wo sie betroffen sind, d.h. in den Schulen, auf der Arbeit und in der Politik…
Falls diese Forderungen nicht erfüllt werden, können wir das Jahr der Jugend zu all den anderen Jahren ad acta legen…
Karin Waringo
In: La Croix 8/7/1983
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