Halali zur Jagd auf die Grünen

Kardinal Höffner im Wahlkampf (aus: imprimatur 6, 1986)

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Kardinal Höffner im Wahlkampf

Halali zur Jagd auf die Grünen

Im folgenden dokumentieren wir einen Kommentar aus "Imprimatur" (Nr. 6/86) zum Streit zwischen bundesdeutschen Spitzenkatholiken (Kard. Höffner, ZDK-Präsident Maier) und den Grünen über die grüne Forderung nach Straffreiheit für Abtreibung. Erfahrungsgemäß wissen wir, daß solche Diskussionen auch bald in Luxemburg mit denselben Argumenten geführt werden. Eine nüchterne Darstellung der Diskussion in der BRD kann also nicht schaden.

Dass Kardinal Joseph Höffner den Grünen nicht grün ist, dass er sich vielleicht grün und gelb über sie ärgert, das ist die eine Seite. Dass er alle deutschen Katholiken wie grüne Jungen oder Grünschnäbel behandelt, indem er die Grünen schlichtweg als für Katholiken nicht wählbar erklärt, das ist die andere – und keineswegs private oder harmlose – Seite. Dass das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, besonders aber dessen Präsident Hans Maier, die Grünen nicht über den grünen Klee lobt, ja dass sie derzeit bei ihm auf keinen grünen Zweig kommen können, verwundert eigentlich nicht angesichts der politischen Konstellation sowohl des ZK als auch des begonnenen Wahlkampfes. Dass er aber behauptet, das Tischtuch zwischen Katholiken und Grünen sei zerschnitten, und dass er deshalb das Urteil über sie vom grünen Tisch aus fällt, das hat viele Katholiken nicht nur beim 89. Deutschen Katholikentag in Aachen schwarzsehen lassen für die Zukunft.

Die konzertierte Aktion von Kardinal Höffner und Hans Maier, von Bischofskonferenz und ZK, erscheint geschickt lanciert vor den bayrischen Wahlen und im Hinblick auf die Bundestagswahlen, – auch wenn ein solcher Zusammenhang natürlich vehement abgestritten wird. Wer soll solche Dementis eigentlich glauben? Beide Herausforderer der Grünen beziehen sich in ihrer Verurteilung auf das von der Bundesversammlung dieser Partei Mitte Mai in Hannover verabschiedete Programm zur Bundestagswahl 1987. Aber warum reagierte der Kardinal erst jetzt in einem Interview mit der "Kölnischen Rundschau"? Und wie will Herr Maier glaubhaft machen, dass eben wegen dieses Programms alle Grünen von der offiziellen Teilnahme am Katholikentag ausgeschlossen werden mussten? Schliesslich

war doch in Aachen in einem anderen Zusammenhang ausdrücklich erklärt worden, solche Einladungen müssten immer etwa ein Jahr im voraus ausgesprochen werden.

Zwei Kapitel aus dem Programm der Grünen haben für die Aufregung gesorgt: die Aussagen über den § 218 und über Ehe und eheähnliche Lebensformen. All die, die sich über Kardinal Höffner aufregten, wurden forsch zurückgewiesen, sie hätten wohl nicht das Programm der Grünen gelesen. Abgesehen davon, dass kaum jemand Partei- oder Wahlprogramme liest, lässt doch die genaue Lektüre des umstrittenen Programms eher darauf schliessen, auch die auf die Barrikaden gehenden Kritiker hätten nicht richtig oder nicht alles gelesen. Natürlich ist es ein frag- oder kritikwürdiges Unterfangen, "Weg mit dem § 218′ zu fordern. Aber steckt nicht hinter den Aussagen im Programm mehr? Wird dort doch auch formuliert:

"Mit diesem Modell (Indikationsmodell) ist Frauen ein entwürdigender mühevoller Weg vorgeschrieben, wenn sie eine Schwangerschaft abbrechen lassen wollen. Nicht wir Frauen, sondern andere entscheiden für uns: Ärzte, Berater oder Richter. Frauen werden nach wie vor entmündigt in der Frage, ob sie für oder gegen Mutterschaft sind. Männer wurden noch nie unter einen derartigen Druck gesetzt, obwohl sie für das Entstehen einer Schwangerschaft genauso verantwortlich sind. Ein Schwangerschaftsabbruch ist für eine Frau immer ein schwerwiegender psychischer und physischer Eingriff … Wir können nicht umhin, uns der Tatsache zu stellen, dass mit jeder Abtreibung werdendes Leben beendet wird… Wir erkennen an, dass ungeborenes Leben schützenswert ist. Aber dieser Schutz wird nicht

durch das Strafrecht, sondern nur durch Mitverantwortung der Männer, Aufklärung über Verhütung, eine kinderfreundliche Umwelt und durch die soziale Absicherung von Personen, die Kinder bekommen und betreuen, gewährleistet."

Natürlich steht auch in diesem Passus, dass Frauen sich erst freier für oder gegen ein Kind entscheiden können, wenn der § 218 ersatzlos gestrichen ist. Aber gerade dieser Satz, der zum Angelpunkt der Kampagne wurde, ist in den Reihen der Grünen keineswegs unumstritten. Joschka Fischer, grüner hessischer Umweltminister, sprach auf dem Katholikentag z.B. von verletzten Gefühlen. Der evangelische Pfarrer Jörg Zink erklärte in einem Beitrag für den "Saarländischen Rundfunk", in der Arbeitsgemeinschaft "Christen bei den Grünen" werde das Thema Abtreibung ganz anders gesehen, als dies das Programm wiedergebe. Hier stehe es im Zusammenhang der Grundabsicht der Grünen, eine Politik für das Leben zu machen. Die Grünen seien eine unfertige Partei, die Diskussion in vielen Punkten des Programms kontrovers und die Meinungen geteilt. Wörtlich sagte Zink, der von Anfang an bei den Grünen engagiert war, weiter:

"Ich finde es z.B. nicht gut, die Abtreibung pauschal als Mord zu bezeichnen oder die Pille zu verbieten, nicht aber zu erklären, wie denn die schreckliche Überbevölkerung der Erde zu steuern sei. Es genügt doch nicht zu sagen, es müssen alle gezeugten Kinder zur Welt kommen, wenn sie danach in Massen verhungern müssen."

Nun, wenn auch das Verhungern der Kinder nicht auf die Situation in der Bundesrepublik zutrifft, so ist doch der Hinweis auf die nach wie vor restriktive Haltung der katholischen Kirche zur Empfängnisverhütung wichtig für die augenblickliche, aufgeheizte Diskussion.

Und was ist mit dem zweiten Vorwurf? Auch hier lohnt sich ein Blick auf den Wortlaut des Programms:

"Alleinerziehende Frauen, nicht-eheliche Lebens- und Wohngemeinschaften mit Kindern und ohne Kinder, von Menschen gleichen oder unterschiedlichen Geschlechts müssen immer noch um gesellschaftliche Anerkennung kämpfen. Wir Grünen wollen die gleichberechtigte Anerkennung aller Lebensformen, Frauen wie Männer sollen frei entscheiden können, wie und mit wem sie leben wollen."

In erster Linie dürfte die darin enthaltene Forderung nach einer Anerkennung homosexueller Gemeinschaften die Kirchenvertreter auf den Plan gerufen haben. So allerdings wird es selten ausgesprochen. Ist es nicht bezeichnend, dass sowohl der Kardinal als auch die ZK-Spitze immer auf angebliche Verstösse gegen die Verfassung verweisen? Ist das eigentlich ihre Aufgabe? Noch sind die Grünen eine anerkannte, im Bundestag und vielen Landtagen vertretene Partei. Was soll das Verstecken des Kardinals hinter dem Grundgesetz oder der Hinweis auf seinen bei der Amtsübernahme geleisteten Eid, er werde "jeden Schaden zu verhüten trachten, der das Wohl des deutschen Staates bedrohen könnte"? Gibt ihm das etwa das Recht, die Grünen für umwählbar zu erklären? Das von den Grünen gewünschte Gespräch abzulehnen und es höchstens auf eine ferne Zeit nach den Wahlen zu verschieben, ähnliches auch für das Zentralkomitee vorläufig auszuschliessen, gleichzeitig aber unentwegt zu betonen, man suche das Gespräch mit allen, "auch mit Atheisten, Agnostikern, Juden und Evangelischen" (Kronenberg, Generalsekretär des ZK, in Aachen), macht deutlich, welche Berührungsängste bestehen. Deshalb empfiehlt sich für die Bischofskonferenz und das ZK sicherlich die Lektüre zweier Dokumente: ein

Aufsatz von Joseph Höffner aus dem Jahre 1947 und ein nie veröffentlichtes Gutachten über die Grünen, das die deutschen Bischöfe in Auftrag gegeben haben sollen, wegen des nicht ins Bild passenden Ergebnisses aber in den Schubladen verschlossen hielten.

In dem Aufsatz "Kirche und Partei" (in: Trierer Theologische Zeitschrift) hatte Joseph Höffner 1947 geschrieben:

"Da sich eine politische Partei ihrem Wesen nach mit den konkreten Fragen der Politik zu befassen hat und da der katholische Glaube über viele konkrete Einzelfragen keine Entscheidungen gibt, so dass auch treue Katholiken in ein und derselben Frage verschiedener Meinung sein können, entsprechen konfessionelle oder klerikale Parteien nicht dem christlichen Ideal. Im Gegenteil! Sie legen die Versuchung nahe, politische Partei und Kirche Christi gleichzusetzen und mehr oder weniger richtige Entscheidungen einer Partei auf das Schuldkonto der Kirche zu laden."

Und in den geheimen Gutachten "Die Grünen – Versuch einer Analyse ihrer Wurzeln, Sympathisanten, Chancen" heisst es u.a.:

"Die Grünen Parteien sind nicht durch Isolierung wie ein Krankheitsherd zu bekämpfen, sondern nur durch eine Besinnung der übrigen Parteien. Dies ist das politische Problem der Etablierten, nicht das der Kirchen … Eine Initiative (für konstruktive, diskrete Kontakte) muss mit Gefahren rechnen, die sowohl aus der Affinität christlich-katholischen Gedankenguts mit Ideen und Lebensart führender politischer Kräfte der Grünen, als auch aus der scheinbar chaotischen hierarchie-feindlichen Struktur der Grünen herausrühren. Die Leitfiguren der Grünen-Bewegung haben in der Regel einen Lebensstil, der eher an eine unbewusste Nachfolge Christi erinnert und originär christliche Tugenden widerspiegelt, als man dies von dem normalen christlichen Politiker der Nachkriegszeit erlebt … Innerhalb der Amtskirche sollte jedoch bald Klarheit darüber herbeigeführt werden, ob es im Sinne ihres Auftrages vertretbar wäre, eine junge Bewegung wie die Ökologie-Bewegung weithin als exotische zeitbedingte Modeerscheinung unberücksichtigt zu lassen, und ob es nicht vielmehr ihre Pflicht ist, Gemeinsamkeiten und Kooperationsmöglichkeiten auszuloten und zu nutzen."

Publik-Forum

(Übrigens hat Professor Maier in Aachen genau das getan, was hier als gefährlich hingestellt wird: er hat die Grünen einfach als "Modeerscheinung" abgetan.)

Vorbehalte gegenüber manchen Forderungen und Verhaltensweisen der Grünen bleiben sicherlich bestehen. Es kann auch nicht darum gehen, die Grünen nun als die einzig wählbare Partei für Katholiken zu präsentieren. Nur die einseitige Verteu-

Verteu- felung (hat es ähnliche "Verbote" für die NPD je gegeben?), die Verweigerung des Gesprächs und die unheilvolle Verquickung kirchlicher Amtsträger mit einer Partei stehen hier zur Debatte. Die evangelische Kirche ist gut beraten, dass sie sich in dieser Frage nicht an Kardinal Höffners grüne Seite gestellt hat.

Norbert Sommer

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