Ist T.M. eine Sekte?
Zur "Transzendentalen Meditation"
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Zur «Transzendentalen Meditation»
Am vergangenen 26. November stellte sich der französische Senator André Vivien den Fragen luxemburgischer Journalisten sowie denjenigen des Publikums zum Thema ‚Sekten‘. Unter der Regierung Mauroy war Vivien mit der Erstellung eines Berichtes über das Sekten(un)wesen in Frankreich beauftragt worden. Vivien, der sich im Laufe des Abends selbst als Sozialist, Freimaurer und zum Katholizismus Bekehrter bezeichnete, äusserte sich sehr differenziert zur Gefährlichkeit der Sekten. Sein Maßstab blieb der eventuelle Verstoss gegen bestehende Gesetze (Arbeitsverträge, Zollbestimmungen, Steuergesetze usw.).
In Frankreich gibt es zwischen 200-220 Sekten, welche einen ungefähr 500 000 Menschen zählenden Personenkreis beeinflussen. Der Sektenanhänger ist im Durchschnitt um die 25 Jahre alt, und kommt aus unsicheren Verhältnissen: unstabile Familie, berufliche Probleme, Drogen, usw. Dies erklärt zum Teil die Suche nach einem Guru, dessen Profil umgekehrt von Machtwillen, übertriebenem Selbstbewusstsein, Dogmatismus, luxuriösem Lebenswandel und anderem mehr geprägt ist.
Um gegen die Sekten vorzugehen, braucht es nach Vivien keiner besonderen Gesetzgebung; das bestehende Strafgesetz genügt vollauf. Wichtiger als repressive Massnahmen sind Aufklärung einerseits und die aktive Unterstützung ausgetretener Sektenmitglieder andererseits. Am Beispiel einer auch in unserem Land tätigen sektenähnlichen Bewegung, der Transzendentalen Meditation (T.M.), die Vivien zufolge als gefährlich anzusehen ist, sei illustriert, welche Art von Vereinigungen an diesem Forumsabend zur Sprache gekommen ist.
Begründet wurde TM durch Mahesh Prasad Warma, einen gebürtigen Inder, der sich heute Maharishi Mahesh Yogi nennt. Nachdem er einige Jahre der Schüler eines Guru namens Brahmananda Sarasvati, in TM Kreisen Guru Dev (‚Göttlicher Lehrer‘) genannt, gewesen sein will, gründete er seine Bewegung in den fünfziger Jahren in Indien. Ihren eigentlichen Aufschwung aber erlebte sie erst, als Maharishi nach den USA übersiedelte.
Banale Meditationsübungen und nichteinlösbare Versprechungen
Auf den ersten Blick sieht das, was TM anbietet, harmlos aus, wie aus einer vor kurzem in einem Annoncenblatt erschienenen Anzeige hervorgeht: ‚Méditation Transcendentale: – technique de relaxation profonde – élimination de l’anxiété et des tensions – développement du plein potentiel mental – validée par des centaines de recherches scientifiques‘. Man sieht, das Programm ist geradezu verlockend für den gestressten Europäer, gibt sich wissenschaftlich seriös und darüber hinaus noch, was in dieser Anzeige zwar fehlt, philosophisch und religiös völlig neutral. Aber was ist an diesem so vielversprechenden Angebot wirklich dran?
Man kann TM ohne weiteres zugeben, dass ihre Relaxationsmethode wirksam ist. Aber, irgendwelche Meditationstechnik ist bei gestressten Europäern erfolgreich: Yoga, Zenmeditation, Autogenes Training, warum nicht auch das Rosenkranzgebet. TM hat in dieser Hinsicht kein Privileg. Dass dabei nicht nur Spannungen abgebaut werden, sondern gerade durch diesen Abbau auch die geistigen Fähigkeiten ungestörter und deshalb wirksamer ausgeübt werden können, sei ebenfalls zugestanden. Damit aber hat es sich dann auch schon.
Denn was die wissenschaftlichen Gutachten anbelangt, so muss man wissen, dass sie in der Regel von TM-Mitgliedern ausgestellt wurden. Und wenn die ‚Elternvereinigung für TM‘ in ihrer Zuschrift im ‚Journal‘ vom 16.12.1906 behauptet: "Aux Etats-Unis l’Université Internationale Maharishi (MIU) inclut la MT dans son curriculum", so gibt sie damit den Schwindel selbst zu: wie der Name es sagt, ist die MIU eine hauseigene, von TM aufgekaufte Privatuniversität; es würde ja geradezu an ein Wunder grenzen, wenn TM dort nicht betrieben würde.
Noch verdächtiger macht sich TM, wenn man erfährt, was den Fortgeschrittenen, zu horrenden Preisen (30000 – 100000 Franken pro Kursus) angeboten wird. Da ist es vorbei mit der Harmlosigkeit: das sogenannte Siddhi-Programm begreift Levitation (d.h. Fliegen aus eigener Kraft), Unsichtbarkeit, Telepathie (Gedankenübertragung), Verzögerung des Alterungsprozesses und ähnliches mehr. Nicht von ungefähr werden diese Kurse im ‚Unbesiegbarkeits-Center‘ (!!) feilgeboten.
Dass dabei nicht alles mit rechten Dingen zugeht, ergibt sich aus einzelnen Bestimmungen, die der Teilnehmer in einer ‚Einverständigungserklärung‘ unterzeichnen muss. Hier einige Kostproben: "4. Meine Teilnahme am Kurs dient ausschliesslich meiner persönlichen Entwicklung. Ich erkläre, die vertraulichen Bestandteile und Aspekte privat zu behandeln und für mich zu behalten, wie sie in der Struktur des Kurses, in sämtlichen Anweisungen, Übungen, Techniken der Persönlichkeitsentwicklung und Informationen, in den schriftlichen, mündlichen oder sonstigen Materialien (nachstehend ‚Unterweisungen‘ genannt) sowie in den Unterweisun-
gen enthalten sind, die ich auf früheren TM-Kursen oder Fortgeschrittenenkursen erhalten habe. Dies betrifft ferner meine schriftlichen Notizen sowie jegliche sonstigen Aufzeichnungen und Aufnahmen, die ich angefertigt habe …
- Es ist mir bekannt und ich bin damit einverstanden, dass die Unterweisungen von besonderer, ungewöhnlicher und intellektuell wertvoller Art sind, die ihnen einen Wert verleiht, dessen Verlust in keiner Weise angemessen durch Schadenersatz oder durch juristische Schritte beglichen werden kann. Sollte ich zu irgendeiner Zeit die Unterweisungen auf welcher Art auch immer weitervermitteln oder die Absicht einer Weitervermittlung erkennen lassen, dann sind die den Kurs abhaltenden Organisationen, ihre Schwesterorganisationen, ihre Mitarbeiter und Angestellten oder andere Repräsentanten berechtigt, neben anderen Rechtsmitteln und Massnahmen einstweilige Verfügungen oder entsprechende Schritte zu erwirken."
Schliesslich ist noch von einem Programmpunkt zu berichten, der in der oben genannten Zeitschrift auf schamhaft verharmlosende Weise folgendermassen ausgedrückt wird: "Par des programmes avancés de médiation en commun il est visé à créer une influence harmonisante dans la conscience collective." In Wahrheit ist damit der sogenannte Maharishi-Effekt gemeint: wenn 1 Prozent der Bevölkerung z. B. einer Stadt die TM-Technik ausübt, wird das eine Wirkung haben auf die Qualität des Stadtlebens und z. B. den Rückgang der Kriminalität und der Unfälle zur Folge haben.
In Wahrheit handelt es sich dabei um statistische Augenwischerei: man stellt sogenannte Korrelationen her, d. h. man verbindet die Variation der Zahl der Überfälle und Unfälle eines bestimmten Zeitabschnittes mit der zur gleichen Zeit ausgeübten Meditation durch 1% der Bevölkerung, und behauptet dann, die Abweichung sei verursacht durch die TM-Praxis. Bewiesen ist damit aber nichts. Auf dieselbe Weise hat nach dem Krieg ein Spassvogel in Frankreich den objektiv festgestellten Rückgang der Geburten im Elsass mit dem ebenfalls objektiv erhobenen Rückgang der Zahl der Störche in derselben Gegend korreliert, man ahnt mit welcher Schlußfolgerung! Korrelationen sind bestenfalls Ausgangspunkte der Forschung, aber niemals Beweise.
Auch die behauptete philosophische und religiöse Neutralität erweist sich, bei näherem Hinsehen, als blauer Dunst, oder genauer gesagt, als Köder, was Maharishi auch unumwunden zugibt: "Wenn die Religion das Massenbewusstsein beherrscht, sollte die transzendentale Meditation in religiösen Be-
griffen gelehrt werden … Heute, solange die Politik das Schicksal der Menschen bestimmt, sollte die Lehre vornehmlich auf den Bereich der Politik und in zweiter Linie auf den der Wirtschaft bezogen werden. Dann wird es leichter sein, sie über alle Länder zu verbreiten … Die Lehre der transzendentalen Meditation sollte sich auf jene Strömung beziehen, die das Massenbewusstsein zu einer bestimmten Zeit lenkt." (Maharishi Mahesh Yogi, Die Wissenschaft vom Sein und die Kunst des Lebens, Stuttgart 1969, S. 347)
Dass es sich bei TM aber in Wahrheit um einen Ableger des Neu-Hinduismus handelt, zeigt die sog. Puja-Zeremonie bei der Einweihung der TM-Mitglieder. Zeugen verbringen die Richtigkeit folgender Darstellung: "Der Raum liegt im Halbdunkel, vom Kerzenlicht erleuchtet und von Weihrauchduft erfüllt. Lehrer und Schüler haben die Schuhe ausgezogen. Es ist eine Art Altar aufgebaut, vor dem die Zeremonie stattfindet. Auf ihm steht ein Bild Brahmananda Sarasvatis, des ‚Guru Dev‘, des Lehrers Maharishi Mahesh Yogis. Er verkörpert und garantiert die reine göttliche Lehre. Darum gilt ihm das Ritual. Vor seinem Bild, etwas erhöht, steht ein Tablett, auf dem im Verlauf der Feier die Gaben des Schülers -Blumen, Früchte, Taschentuchdargebracht werden. Drum herum eine brennende Kerze, Räucherstäbchen, eine Schale mit Kampfer, Wasser, Reis, Sandelpaste.
Die Zeremonie beginnt. Der Lehrer, im linken Arm Blumen, in der rechten Hand eine einzelne Blume, spricht bzw. singt in Sanskrit, der heiligen Sprache Indiens, eine feierliche Hymne, in der er unter dem Namen Narayana den Schöpfergott Brahma, so dann die Kette der Meister, unter ihnen vor allem Shankara und zuletzt Guru Dev, anruft." (Mildenberger/Schöll, Zauberformel TM, Wuppertal 1977, S. 45)
Niemandem sei es verwehrt, Göttern und Gurus zu opfern, aber verdächtig wird das Ganze, wenn man dann trotzdem leugnet, eine Religion zu betreiben. Und dass das bei TM der Fall ist, belegen folgende Auszüge aus der Puja-Hamne, welche zum Teil ein alter, authentisch hinduistischer Gesang ist: Zitiert wird aus einem von TM selbst editierten Text "Vor Lord Naryana, vor dem lotos-geborenen Brahma, dem Schöpfer, vor Vashishta, vor Shakti und seinem Sohn Parashar, vor Vyasa, vor Shukadeva, vor dem grossen Gaupada, vor Govinda, dem Herrscher unter den Yogis … vor der Tradition unserer Meister beuge ich mich nieder …
Geübt die Wolke der Unwissenheit des Volkes zu zerstreuen, der Völker-Befreier, Brahmananda Sarasva-
Mafalda
par Quino
ti, der höchste Lehrer – Ihn bringe ich in mein Bewusstsein hinein. Indem ich die Anrufung den Lotos-Füssen von Shri Guru Dev darbringe, beuge ich mich nieder. Indem ich einen Sitz den Lotos-Füssen von Shri Guru Dev darbringe, beuge ich mich nieder. Indem ich eine Waschung den Lotos-Füssen von Shri Guru Dev darbringe, beuge ich mich nieder. Indem ich Tuch den Lotos-Füssen von Shri Guru Dev darbringe, beuge ich mich nieder …"
Noch einmal sei gesagt: wer solche Gesänge oder Gebete mag und sich mit ihnen identifiziert, dem sei das ruhig gestattet; nur soll er dann nicht behaupten, er betreibe eine weltanschaulich neutrale Meditationsmethode. Ansonsten setzt sich TM dem Verdacht aus, eine getarnte religiöse Vereinigung zu sein, die ahnungslosen Menschen viel Geld aus der Tasche ziehen will, unter dem Vorwand, ihnen
Erleichterung zu bringen. Erleichtert wird dabei aber wohl nur die Börse.
Nichts gegen Hinduismus und hinduistische religiöse Bewegungen. Weshalb aber bei TM diese Tarnung? Wozu die horrenden Summen, die verlangt werden einerseits für banale Meditationsübungen, andererseits aber für uneinlösbare Versprechungen? Weshalb die ganze pseudo-wissenschaftliche Kulisse? Ist TM eine Sekte? Ich glaube, die Frage ist ohne Bedeutung, ihre Beantwortung hängt ab von der Definition, die man dem Wort ‚Sekte‘ gibt. Auf jeden Fall ist TM eine gefährliche Vereinigung, vor der unbedingt gewarnt werden muss, nicht zuletzt deshalb, weil sie zu den unseriösen Bewegungen gehört, durch die Religion und Religionsfreiheit in Misskredit geraten.
Hubert Hausemer
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